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Dieter Wunderlich:
Buchtipps & Filmtipps

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Elsa von Freytag-Loringhoven

1874 – 1927


 


Mit achtzehn verließ Elsa ihr Elternhaus. Nach mehreren Affären und zwei Ehen vermählte sie sich mit dem Gelegenheitsarbeiter Leopold Baron von Freytag-Loringhoven. Mit Gedichten, Ready-mades und exzentrisch-provokativen Selbstinszenierungen entwickelte sich Elsa von Freytag-Loringhoven zu einer zentralen Figur des New York Dada.

Tabellarische Biografie: Elsa Freytag-Loringhoven



Elsa Freytag-Loringhoven:
»Autos und Fahrräder haben Rücklichter. Warum nicht ich?«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
Piper Verlag, München 2009 (3. Auflage: 2011)

Seit der Abreise ihres Mannes engagierte sich Elsa von Freytag-Loringhoven [...] in der New Yorker Kunstszene. Einen am Hochzeitstag auf dem Weg zum Rathaus gefundenen Eisenring – also ein »objet trouvé« – deklarierte sie zum Kunstobjekt, dem sie den Namen »Enduring Ornament« gab. »Dies war das erste Fundobjekt, das Eingang in die Kunst fand. Zwei Jahre vor der Ankunft Duchamps und Picabias hatte sie ein Alltagsobjekt zur Kunst erklärt und damit Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. © Piper Verlag 2009 die traditonelle westliche Auffassung, dass Kunst einerseits einzigartig und andererseits ästhetisch ansprechend zu sein hatte, in Frage gestellt.«

Elsa entwarf ausgefallene Kostüme, malte, schrieb Gedichte, begann mit Performances und etablierte sich durch ausgefallene Selbstinszenierungen als Dada-Queen. Für die International News Photography, eine Fotoagentur, posierte sie im Dezember 1915 in einer gestreiften, engen, knielangen Hose, einem Fantasieoberteil und einer Fliegerkappe, in die sie eine lange Vogelfeder gesteckt hatte. Wenn sie sich in ihrer selbst entworfenen bizarren Kleidung mit einer blinkenden Rückleuchte am Gesäß und mit fünf Hunden an einer vergoldeten Leine auf der Straße zeigte, holte sie die Kunst in den Alltag – und erschreckte die braven Bürger. »Autos und Fahrräder haben Rücklichter. Warum nicht ich?« , fragte Elsa von Freytag-Loringhoven, und in einem Interview mit »The New York Times« erklärte sie: »Meine Ausdrucksform ist der Protest gegen alles Konventionelle.«

Nachdem der französische Objektkünstler Marcel Duchamp zufällig in dasselbe Haus in New York gezogen war, in dem Elsa von Freytag-Loringhoven mit mehreren Hunden und Katzen wohnte, tauschten die beiden in nächtlichen Gesprächen Ideen und Anregungen aus. Die Biografin Irene Gammel vermutet aus gutem Grund, dass Elsa den Künstler auf die Idee brachte, für die Jahresausstellung der Society of Independent Artists im Frühjahr 1917 unter dem Titel »Fountain« ein Urinal einzureichen.

Leben konnte Elsa nicht von ihrer Kunst. Um Geld zu verdienen, stand sie Modell, unter anderem für die Malerin Theresa Bernstein. Und was sie sich nicht leisten konnte, nahm sie sich. Mehrmals wurde sie wegen Ladendiebstahls verhaftet. Außerdem erpresste sie Liebhaber mit der Drohung, einen Skandal auszulösen.

1917 bewarb Elsa sich bei dem elf Jahre jüngeren Maler George Biddle in Philadelphia als Modell. Er wollte die Dreiundvierzigjährige erst einmal nackt sehen. Ungeniert öffnete sie ihren scharlachroten Regenmantel. Darunter trug sie nur wenig: Ihre Brustwarzen waren mit zwei leeren, an einer grünen Schnur befestigten Tomatenmarkdosen bedeckt, und an diesem »Büstenhalter« baumelte ein kleiner Käfig mit einem Kanarienvogel. Ein Arm war mit Gardinenringen geschmückt, die sie in einem Kaufhaus gestohlen hatte. Und als sie ihren mit vergoldeten Karotten dekorierten Hut abnahm, wunderte sich George Biddle über ihr feuerrot gefärbtes kurzes Haar.

Als sie wieder in New York war, zeigte das lesbische Herausgeberinnen-Paar der Avantgarde-Zeitschrift »The Little Review« – Margaret Anderson und Jane Heap – Interesse an ihr. Jane Heap stellte ihre neue Freundin im Juni-Heft 1918 vor und feierte sie später als »erste amerikanische Dada« . Bis 1922 wurden einundzwanzig Gedichte von Elsa von Freytag-Loringhoven in »The Little Review« abgedruckt, nicht zuletzt, um mit dieser »Wahnsinnskunst« gegen den herkömmlichen Kunstbetrieb zu rebellieren. In dem Gedicht »König Adam« fordert eine »klitorisgesteuerte« Frau ihren Liebhaber zum in mehreren Bundesstaaten verbotenen Cunnilingus auf, und in einer Fußnote heißt es provokativ, die Verse seien »dem Zensor gestiftet«.

Quelle: Dieter Wunderlich, AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
© Piper Verlag, München 2009
Überall im Buchhandel

Fußnoten wurden in der Leseprobe weggelassen. Zitate:
Irene Gammel: Ich bin Kunst, in: "Du", Nr. 789, September 2008, S. 88
Irene Gammel: Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven, 2003, S. 11 / 12 / 136
Judith Luig: Völlig Dada, TAZ 22. November 2003

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