Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore
Eine Idee erscheint / Eine Metapher wandelt sich (Roman)
      Kritik:
Der elegante Roman "Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami ist voller Anspielungen, Symbole und Metaphern. Er dreht sich um die Kunst und die Frage nach der Wechselwirkung von Original und Abbild, Realität und Darstellung. Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik, Kritik
 

Haruki Murakami:
Die Ermordung des Commendatore

 
  Inhalt:
Ein japanischer Künstler, dessen Namen wir nicht erfahren, zieht sich nach der Trennung seiner Frau von ihm in das leer stehende Haus des berühmten, inzwischen in einem Pflegeheim lebenden Malers Tomohiko Amada zurück. Auf dem Dachboden findet er ein Gemälde mit dem Titel "Die Ermordung des Commendatore", dessen Szene er mit der Tötung des Komturs in Mozarts Oper "Don Giovanni" assoziiert. Bevor er heraus­findet, was es damit auf sich hat, gibt ein in der Nähe lebender geheimnisvoller Herr ein Porträt in Auftrag ... Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung, Handlung



Originalausgabe: Tokio 2017

Die Ermordung des Commendatore
Übersetzung: Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag, Köln 2018
Band 1: Eine Idee erscheint
ISBN: 978-3-8321-9891-6, 480 Seiten, 26 € (D)
Band 2: Eine Metapher wandelt sich
ISBN: 978-3-8321-9892-3, ca 500 Seiten, 26 € (D)

   


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Haruki Murakami:
Die Ermordung des Commendatore

Eine Idee erscheint / Eine Metapher wandelt sich

Inhaltsangabe:

Trennung

Nach sechs Jahren Ehe erklärt die 33-jährige Holzbau-Architektin Yuzu ihrem drei Jahre älteren Ehemann ruhig, dass sie nicht länger mit ihm zusammenleben könne. Obwohl ihn das überrascht, fügt er sich und verlässt noch am selben Tag die gemeinsame Wohnung in Tokio. Er fährt ziellos herum und hängt Erinnerungen nach.

Beispielsweise denkt er an seine drei Jahre jüngere Schwester Komichi ("Komi"), die an einem Herzfehler litt und starb, als er 15 Jahre alt war. Weil er später gegen den Willen seines Vaters Kunst studierte, überwarf er sich mit ihm und hat inzwischen keinen Kontakt mehr zur Familie.

Das Haus des Malers

Nach einer sechswöchigen Odyssee quartiert er sich in einem hoch in den Bergen von Odawara stehenden Haus ein. Weil es an einer Wetterscheide steht, kommt es vor, dass es auf der einen Seite des Grundstücks regnet, während auf der anderen die Sonne scheint.

Es gehört dem berühmten, inzwischen 92 Jahre alten Maler Tomohiko Amada, der wegen seiner Demenz seit einiger Zeit in einem Pflegeheim auf dem Plateau von Izu lebt. Sein Sohn Masahiko Amada überlässt das leer stehende Haus gern seinem Freund, mit dem er an der Kunsthochschule studierte. Er verlangt dafür auch nur eine symbolische Miete. Masahiko Amada arbeitet als Grafikdesigner bei einer Werbefirma – anders als sein zwei Jahre jüngerer Freund, der sein Geld bisher mit konventionellen Auftragsporträts verdiente, obwohl er die abstrakte Malerei bevorzugt hätte. Seit seiner Trennung von Yuzu nimmt er allerdings keine Aufträge mehr an.

In dem einsamen Haus auf dem Berg versucht er, seinen eigenen Stil zu finden, aber nach vier Monaten ist die Leinwand auf der Staffelei noch immer leer. Um nicht ganz den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren, gibt er Malkurse im Kulturzentrum am Bahnhof.

Das Gemälde "Die Ermordung des Commendatore"

Als er Geräusche auf dem Dachboden hört, entdeckt er eine verborgene Luke und steigt hinauf. Er findet nicht nur eine Eule vor, sondern auch ein eingewickeltes Gemälde. Obwohl er nur Gast oder Mieter in dem Haus ist, nimmt er es mit nach unten und packt es aus. Bücher von Dieter Wunderlich Zweifellos stammt das Kunstwerk im Nihonga-Stil mit dem Titel "Die Ermordung des Commendatore" von Tomohiko Amada. (Bei Nihonga handelt es sich um eine japanische Malweise mit Mineralfarben ohne Schatten und Zentralperspektive.) Der Commendatore wird von einem jüngeren Mann vor den Augen von drei anderen Personen erstochen. Die junge Frau und der andere Mann sind erschrocken und entsetzt. Aus einer Bodenluke blickt noch jemand auf das aus der Brust des Commendatore spritzende Blut. Der Betrachter des Bildes, der im Haus des Meisters eine umfangreiche Sammlung von Opernplatten vorgefunden hat, assoziiert "Die Ermordung des Commendatore" mit Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Don Giovanni". Gleich zu Beginn versucht Don Giovanni, Donna Anna zu verführen, obwohl sie mit Ottavio verlobt ist, aber er trifft auf ihren Vater, den Komtur, der ihn zum Duell herausfordert. Nachdem Don Giovanni den Komtur erstochen hat, entkommt er mit seinem Diener Leporello unerkannt.

Tomohiko Amada hatte sein in Tokio begonnenes Studium 1936 in Wien fortgesetzt und spätestens in dieser Zeit die Mozart-Oper kennengelernt. Seine österreichische Freundin gehörte der studentischen Widerstandsgruppe "Candela" an, die im Herbst 1938 ein Attentat auf einen hohen NS-Funktionär plante. Bevor der Anschlag durchgeführt werden konnte, verhaftete die Gestapo die Verschwörer. Sie wurden alle getötet – bis auf Tomohiko Amada, dessen Rückreise nach Tokio die japanische Botschaft in Berlin Anfang 1939 unauffällig organisierte. In der Öffentlichkeit wurde nichts über das missglückte Attentat bekannt, möglicherweise weil es sich bei Tomohiko Amadas Freundin um die Tochter des NS-Funktionärs gehandelt hatte.

Vor diesem Hintergrund hält der Betrachter des Bildes den von Tomohiko Amadas gemalten Commendatore für den NS-Funktionär. Anders als der Nationalsozialist wird der Commendatore auf dem Gemälde erstochen.

Ein geheimnisvoller Nachbar

Obwohl der Maler keine Aufträge mehr annehmen will, ruft ihn sein Agent an und teilt ihm mit, dass ein geheimnisvoller Auftraggeber eine enorme Geldsumme für ein Porträt geboten habe.

Bei dem Interessenten handelt es sich um den Bewohner einer von der Terrasse des Berghauses sichtbaren weißen Villa auf der gegenüberliegenden Seite des Tals. Der 54-Jährige heißt Menshiki Wataru. Sein IT-Unternehmen verkaufte er vor einigen Jahren an einen Konzern. Vor drei Jahren verließ er Tokio und zog in die kurz zuvor erworbene Villa. Er wohnt dort ganz allein. Gerüchten zufolge saß er vor sechs oder sieben Jahren längere Zeit in Untersuchungshaft, wurde aber am Ende nicht verurteilt.

Ich setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa und ließ meine Unterhaltung mit Menshiki Revue passieren. Anfangs hatten wir über das Modellsitzen gesprochen und über den Rosenkavalier von Strauss. Dann hatte er mir von seiner IT-Firma erzählt und davon, dass er durch ihren Verkauf genug verdient habe, um sich in verhältnismäßig jungen Jahren zur Ruhe setzen zu können. Dass er allein in dem großen Haus lebe und sein Vorname Wataru sei. Wataru wie in "einen Fluss überqueren". Dass er frühzeitig weißes Haar bekommen habe, noch nie verheiratet gewesen, Linkshänder und vierundfünfzig Jahre alt sei. Er hatte bemerkt, dass die gewaltige Veränderung in Tomohiko Amadas Leben eine Chance gewesen war, die dieser nicht versäumt hatte zu ergreifen. Anschließend hatten wir über die Definition der Nihonga-Malerei gesprochen. Zum Schluss war noch die Frage nach der Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Anderen aufgekommen. […]
Nach dem Gespräch mit Menshiki war ich seltsam aufgewühlt. Und meine Neugier war noch gewachsen.

Kurz nachdem die Arbeit an dem Porträt begonnen wurde, hört der Maler mitten in der Nacht leise Glockentöne. Er berichtet Menshiki Wataru davon, und der kommt in der folgenden Nacht neugierig herüber, um der Sache nachzugehen. Die Töne kommen aus einem Steinhaufen bei einem Schrein auf dem Grundstück. Eifrig sorgt Menshiki Wataru dafür, dass ihm ein befreundeter Bauunternehmer Arbeiter und einen Bagger zur Verfügung stellt. Nachdem die schweren Steine weggeschafft wurden, kommt darunter eine sorgfältig ausgemauerte Kammer zum Vorschein. Darin liegt ein Glockenstab. Den bringen sie ins Maleratelier. Menshiki Wataru gibt dem Künstler ein Buch von Ueda Akinari zu lesen. Eine der Erzählungen – "Die Bande über zwei Leben" – handelt von einer buddhistischen Selbstmumifizierung (Sokushinbutsu). Aber in der Grube fanden sie keine Mumie. Wer brachte den Glockenstab zum Klingen?

Impulsiv und ohne nachzudenken pinselt, spachtelt und schleudert der Künstler Farbe auf die Leinwand und stellt dann erstaunt fest, dass er mit dem abstrakten Gemälde den Kern von Menshiki Watarus Persönlichkeit erfasst hat. Der Auftraggeber ist mehr als zufrieden mit dem Porträt, das eigentlich keines ist. Obwohl die Farbe noch nicht trocken ist, nimmt er es mit und überweist den vereinbarten Geldbetrag mit einem Zuschlag.

Der Commendatore

Der Maler glaubt, seinen Stil gefunden zu haben und beginnt mit einem zweiten Porträt. Es stellt einen Mann dar, der vermutlich eine Frau verfolgte, die sich Hilfe suchend an den Künstler gewandt hatte. Das geschah während seiner sechswöchigen Odyssee. Sie fuhr mit ihm in ein Love-Hotel, und bei dem One-Night-Stand forderte sie ihn zu Gewalttätigkeiten auf. Am anderen Morgen war sie verschwunden. Der Maler nennt das neue Gemälde "Mann mit weißem Subaru".

Nachts hört er wieder die Glockentöne. Er steht auf, um nachzusehen und entdeckt ein Wesen, das wie der Commendatore auf dem Bild gekleidet und ebenso groß ist. Er sei kein Geist, versichert der Commendatore, sondern eine Idee. Und er bedankt sich für seine Befreiung aus der Grube.

Der Commendatore begleitet den Maler auch zu der weißen Villa auf der anderen Seite des Tals, als Menshiki Wataru zur Feier der Fertigstellung seines Porträts zu einem erlesenen Abendessen einlädt. Allerdings bleibt der Commendatore für den Gastgeber unsichtbar.

Marie

Menshiki Wataru vertraut seinem neuen Freund an, dass er wahrscheinlich eine Tochter habe. Vor 15 Jahren pflegte er zweieinhalb Jahre lang eine Liebes­beziehung mit einer zehn Jahre jüngeren Frau. Eines Abends überraschte sie ihn im Büro und drängte ihn dort zum Geschlechtsverkehr. Danach brach sie ohne ein Wort der Erklärung den Kontakt zu ihm ab. Zwei Monate später heiratete sie einen 15 Jahre älteren Immobilienhändler, und sieben Monate nach der Eheschließung brachte sie eine Tochter zur Welt. Marie Akikawa ist jetzt 13 Jahre alt. Die Mutter starb vor sieben Jahren an einer Wespenallergie. Der Witwer wohnt mit Marie und seiner unverheirateten jüngeren Schwester Shoko Akikawa auf einem Anwesen, das von der Villa, die Menshiki Wataru vor drei Jahren eben aus diesem Grund erwarb, zu sehen ist.

Menshiki Wataru weiß, dass Marie Akikawa einen der Malkurse des Künstlers im Kulturzentrum besucht. Und er wünscht sich ein Porträt des Mädchens, das wahrscheinlich seine Tochter ist.

Shoko Akikawa bringt ihre Nichte zum Modell-Sitzen ins Berghaus. Obwohl die Entfernung zwischen den beiden Anwesen gering ist, gibt es keine Sichtverbindung, und aufgrund der Topografie ist ein weiter Umweg erforderlich.

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Buchbesprechung:

Weil es sich bei "Die Ermordung des Commendatore. Eine Idee erscheint" um den ersten Band eines Romans von Haruki Murakami handelt und die Fortsetzung in der deutschen Übersetzung durch Ursula Gräfe erst im April erscheint, lässt sich noch nicht viel darüber sagen.

Im Mittelpunkt steht ein aus der Bahn geworfener japanischer Künstler, den Haruki Murakami in der Ich-Form erzählen lässt und dessen Namen wir nicht erfahren. Das Porträt, das er von Menshiki Wataru malt, besteht aus abstrakten Linien und Farben – wie Frenhofers Porträt der "schönen Querulantin" in der Erzählung "Das unbekannte Meisterwerk" von Honoré de Balzac. Auffallend ist auch die Emotionslosigkeit des Protagonisten nicht zuletzt beim Sex mit einer verheirateten Frau, die ihn regelmäßig besucht.

"Die Ermordung des Commendatore" dreht sich um die Kunst und die Frage nach der Wechselwirkung von Original und Abbild, Realität und Darstellung.

Die Handlungsstränge bleiben im ersten Band des Romans noch offen. Deshalb lassen sich die surrealen Elemente erst später beurteilen. Wir können auch noch nicht wissen, was der Prolog bedeutet, in dem es um einen Maler geht, der verzweifelt versucht, einen gesichtslosen Mann zu porträtieren.

Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den "Mann ohne Gesicht" vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.
Der Mann war groß und sah überhaupt genauso aus wie bei unserer letzten Begegnung. Sein gesichtsloses Gesicht war zur Hälfte von einem schwarzen Hut mit breiter Krempe verdeckt, und er trug einen langen Mantel in einem dunklen Farbton.
"Ich will, dass du mich porträtierst", sagte der Mann ohne Gesicht, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich wach war. […]
Ich saß in der Klemme. "Das sagen Sie so einfach, aber ich habe noch nie jemanden ohne Gesicht porträtiert."

"Die Ermordung des Commendatore" ist voller Anspielungen, Symbole und Metaphern. Der Name des geheimnisvollen Auftraggebers bedeutet beispielsweise "Farbe vermeiden" (Menshiki) und "einen Fluss überqueren" (Wataru). Bei der mit einem zusammengestürzten Tumulus aus Steinen bedeckten, sorgfältig ausgemauerten Kammer im Boden neben einem Schrein könnte Haruki Murakami ans Unterbewusstsein gedacht haben. Vielleicht hängt damit auch die auf dem Gemälde "Die Ermordung des Commendatore" zu sehende Bodenluke zusammen, die wiederum von einer versteckten Luke zum Dachboden gespiegelt wird.

Immer wieder deutet Haruki Murakami in "Die Ermordung des Commendatore" eine verhängnisvolle Entwicklung an.

Als ich das Bild mit dem Titel Die Ermordung des Commendatore von Tomohiko Amada entdeckte, waren bereits mehrere Monate vergangen. Und damals konnte ich es noch nicht wissen, aber dieses eine Bild sollte mein Leben völlig verändern.

Der erste Band mit dem Untertitel "Eine Idee erscheint" besteht aus dem Prolog und 32 Kapiteln. Der zweite, vom DuMont Buchverlag für April geplante Band soll den Untertitel "Eine Metapher wandelt sich" tragen. Nach dessen Lektüre – auf die ich gespannt bin – werde ich sowohl die Inhaltsangabe als auch den Kommentar überarbeiten und ergänzen.

Den Roman "Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami gibt es auch als Hörbuch, gelesen von David Nathan (ISBN 978-3-8449-1779-6).

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

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