Salman Rushdie: Die satanischen Verse
(Roman)
      Kritik:
Das zentrale Thema der komplexen, von Salman Rushdie mit orientalischer Lust am Fabulieren geschriebenen Romansatire "Die satanischen Verse" ist die Dichotomie Glaube und Zweifel. Rezension
 

Salman Rushdie:
Die satanischen Verse

 
  Inhalt:
Ein Jumbo-Jet wird 8840 Meter über dem Ärmelkanal von Terroristen gesprengt. Wie durch ein Wunder überleben zwei Inder den Absturz: der Schauspieler Gibril Farishta und der Stimmenimitator Saladin Chamcha. Während Chamcha sich für einige Zeit in ein Monster mit teuflischen Zügen verwandelt, mutiert Gibril zum Erzengel Gabriel und leidet sowohl unter Albträumen als auch schizophrenen Wahnvorstellungen ... Inhaltsangabe, Handlung
Originalausgabe: The Satanic Verses, 1988

Die satanischen Verse
Übersetzer: anonym
Artikel 19 Verlag, 1989
ISBN 3-9802315-0-X, 541 Seiten

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006
ISBN 978-3-499-24257-1, 717 Seiten, 9.95 € (D)
   


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Salman Rushdie: Die satanischen Verse

ausführliche Inhaltsangabe



Buchbesprechung:

Salman Rushdie erzählt in dem komplexen Roman "Die satanischen Verse" die surreale Geschichte von zwei Indern, die auf dem Flug nach London als Einzige einen Terroranschlag überleben. Während sich der Stimmenimitator Chamcha danach für einige Zeit in ein Monster mit teuflischen Zügen verwandelt, mutiert der durch Theologicals berühmt gewordene Schauspieler Gibril zum Erzengel Gabriel und leidet sowohl unter Albträumen als auch schizophrenen Wahnvorstellungen. Wahn, Traum und Wirklichkeit sind dabei kaum noch zu unterscheiden. Die eigentliche Handlung erzählt Salman Rushdie in den Kapiteln I, III, V, VII und IX. In den Kapiteln dazwischen schildert er Gibrils Träume.

Mit stupender Sprachkraft und orientalischer Lust am Fabulieren türmt Salman Rushdie in der Romansatire "Die satanischen Verse" ein fulminantes Gewirr fantasievoller, grotesker und wahnwitziger Geschichten auf. Weit ausschweifend denkt er sich fortwährend neue Nebenfiguren und –handlungen aus. Mühelos springt er zwischen Indien, Arabien und England, surrealer Wirklichkeit, Wahnvorstellungen und Trauminhalten hin und her.

Das zentrale Thema des Romans "Die satanischen Verse" ist die Dichotomie Glaube und Zweifel. Es geht aber auch um die Gegensätze Gut und Böse, Liebe und Hass, Rache und Vergebung, Wahn und Rationalität, Kompromisslosigkeit und Pragmatismus, Orient und Okzident. Salman Rushdie warnt davor, dass die junge, urbane Elite Indiens ihre Identität verliert, wenn sie die traditionellen religiösen, kulturellen und sozialen Bindungen zugunsten zweifelhafter Werte der globalen, westlich geprägten Massenkultur aufgibt. Zugleich wendet er sich gegen jede Art politischer oder religiöser Bevormundung.

[...] wie steht es mit den Engeln? Haben sie je Zweifel gehegt auf halbem Weg zwischen Allahgott und Homosap? Durchaus: Eines Tages forderten sie den Willen Gottes heraus, versteckten sich murrend unter seinem Thron, wagten es, verbotene Fragen zu stellen: Antifragen. Ist es richtig, dass. Könnte man nicht einwenden, dass. Freiheit, das alte Antistreben. Selbstverständlich beschwichtigte er sie, unter Einsatz von Managementtalent à la Gott. Schmeichelte ihnen: ihr werdet das Werkzeug meines Willens auf Erden sein, der Erlösungsverdammung der Menschen, et cetera pp. Und Simsalabim, Einspruch Ende, die Heiligenscheine wieder aufgesetzt, zurück an die Arbeit. Engel sind leicht zu besänftigen; man macht sie zu Werkzeugen, und sie tanzen einem nach der Pfeife. Der Mensch ist da eine härtere Nuss, imstande, alles zu bezweifeln, sogar das, was er mit eigenen Augen sieht. Das, was hinter den eigenen Augen vor sich geht. Das, was hinter geschlossenen Glotzern ausgebrütet wird, wenn sie schwerlidrig zufallen ... Engel haben nicht gerade einen eisernen Willen. Einen Willen haben, heißt widersprechen; sich nicht unterwerfen; anderer Meinung sein. (Seite 127)

Der Titel "Die satanischen Verse" bezieht sich auf Mahounds Botschaft über die Verehrung von drei weiblichen Götzen, die ihm vom Teufel eingegeben wurde und die er nach wenigen Tagen widerruft.

Dass Salman Rushdie in "Die satanischen Verse" auf Mohammed und den Islam anspielt, ist unverkennbar, auch wenn er den Propheten Mahound und dessen Geburtsort nicht Mekka, sondern Jahilia nennt. Salman Rushdie stellt Mahound kritisch dar. Das betrifft nicht nur sein Verhältnis zu Frauen, sondern vor allem seine Offenbarung, die ein Schreiber verfälscht, ohne dass der Prophet es merkt, die auch nicht von Gott eingegeben wird, sondern von einem Engel, bei dem es sich um nichts als eine Projektion von Mahounds Innerem handelt.

Fanatische Moslems empörten sich über die Darstellung des Propheten in "Die satanischen Verse". Dazu kam, dass die groteske Figur eines Imam im Exil als Karikatur des Ayatollah Ruhollah Chomeini (1902 – 1989) aufgefasst werden konnte, der 1978/79 die Islamische Revolution im Iran ausgelöst hatte. Bücher von Dieter Wunderlich Ayatollah Chomeini verhängte am 14. Februar 1989 die Fatwa gegen Salman Rushdie und setzte ein Kopfgeld für die Vollstreckung aus (mehr dazu in der Kurzbiografie). Aufgrund der Bedrohung gründeten achtzig Verlage eigens den "Artikel 19 Verlag", um 1989 eine deutschsprachige Ausgabe der "Satanischen Verse" herauszugeben. Der Name des Verlags, der nur diesen einen Titel veröffentlichte, bezog sich auf den Artikel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, in der das Grundrecht auf Meinungsfreiheit verankert ist. Der Übersetzer zog es vor, anonym zu bleiben.

Auf andere Übersetzer wurden Mordanschläge verübt: der Italiener Ettore Capriolo überlebte am 3. Juli 1991 schwer verletzt einen Überfall; der Japaner Hitoshi Igarashi wurde am 11. Juli 1991 erstochen; von drei Schüssen getroffen, brach der Norweger William Nygaard am 11. Oktober 1993 zusammen und wurde zunächst für tot gehalten, aber er erholte sich während eines monatelangen Krankenhausaufenthalts von den Verletzungen.

Mit der Fatwa gegen Salman Rushdie und den Mordanschlägen gegen Übersetzer seines Romans "Die satanischen Verse" begann, was der amerikanische Politologie Samuel Huntington (* 1927) in seinem Buch "Clash of Civilizations and the Remaking of World Order" (1993; deutsch: "Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert", 1996) beschrieb.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2008

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