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Ferdinand von Schirach: Verbrechen auch: Glück und andere Verbrechen (Stories) |
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Kritik: Unter dem Titel "Verbrechen" erzählt Ferdinand von Schirach in einfachen, präzisen Sätzen, lakonisch und schnörkellos elf Kurzgeschichten, die auf seinen Erlebnissen als Strafverteidiger basieren. |
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Ferdinand von Schirach: |
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Inhalt: Fähner – Tanatas Teeschale – Das Cello – Der Igel – Glück – Summertime – Notwehr – Grün – Der Dorn – Liebe – Der Äthiopier |
Verbrechen |
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Ferdinand von Schirach:
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InhaltsangabeFähner
Friedhelm Fähner, der Sohn eines praktischen Arztes in Rottweil, studiert Medizin in München. Im Alter von vierundzwanzig Jahren lernt er die drei Jahre ältere Apothekertochter Ingrid aus seiner Heimatstadt kennen. Sie brach die Realschule ab und arbeitet als Kellnerin. Sexuell ist sie erfahrener als Fähner. Die beiden heiraten nach wenigen Monaten.
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Als Friedhelm Fähner zweiundsiebzig Jahre alt ist, erträgt er das ständige Genörgel nicht länger. Er spaltet Ingrid im Keller mit einer Axt den Schädel und ruft dann die Polizei. Tanatas TeeschaleBerlin. Der siebzehnjährige Samir gerät mit einem Amateurboxer in Streit. Bevor dieser seine Jacke ausgezogen hat, tritt Samir ihm in die Hoden, rammt ihm das rechte Knie unters Kinn und bricht ihm mit einem Tritt zwei Rippen. Samir fand, er habe sich fair verhalten. Er hatte nicht in das Gesicht getreten, und vor allem: Er hatte das Messer nicht benutzt. (Seite 22)
Dass der Jugendrichter ihn zu zwei Wochen Arrest und zum Besuch eines Antigewaltseminars verurteilt, hält Samir für ungerecht. Er sei nur schneller gewesen, meint er. Wagners Putzfrau stellte am nächsten Morgen die Einkäufe in die Küche und sah zwei abgeschnittene Finger in der Spüle kleben. Sie rief die Polizei. Wagner lag in seinem Bett, seine Oberschenkel waren mit einer Schraubzwinge zusammengepresst, in der linken Kniescheibe steckten zwei, in der rechten drei Zimmermannsnägel. Eine Garotte lag um seinen Hals, seine Zunge hing aus dem Mund. (Seite 33) Auch Pocol wird ermordet. Samir, Özcan und Manólis, die sich inzwischen von Mike die Teeschale zurückgeben ließen, fürchten um ihr Leben. Sie wenden sich an den Rechtsanwalt, der die Geschichte erzählt, und bitten ihn, das Diebesgut zurückzugeben, ohne ihre Namen zu nennen.
Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht, Der Jurist setzt sich daraufhin mit Herrn Tanatas Sekretär in Verbindung, vereinbart einen Termin und bringt die Teeschale und die Uhren zur Villa des Japaners. Der empfängt ihn persönlich und erklärt ihm, die Teeschale sei 1581 von Chojiro, dem Gründer der Raku-Tradition, angefertigt worden. Der Anwalt verspricht auch die Rückzahlung des gestohlenen Geldes.
"Welches Geld?", fragte er.
Ein Anrufer bestellt Samir, Özcan und Manólis in ein Café auf dem Kurfürstendamm. Ein überaus höflicher Herr zeigt ihnen auf dem Display seines Handys die letzten Minuten in Pocols und Wagners Leben und entschuldigt sich für die suboptimale Qualität der Aufnahmen. Am nächsten Tag übergeben ihm die jungen Männer nicht nur die gestohlenen 120 000 Euro, sondern legen noch 28 000 Euro drauf. "Das wäre doch nicht nötig gewesen", meint der Herr und steckt das Geld ein. Das CelloDer erfolgreiche, in Bad Homburg wohnende Frankfurter Bauunternehmer Tackler überlässt die Erziehung seiner beiden Kinder Theresa und Leonhard nach dem tödlichen Unfall seiner ersten Ehefrau einer Krankenschwester, die schon ihn erzogen hatte. In den darauffolgenden Jahren zog an den Kindern eine ganze Anzahl von 'Müttern' vorbei. Keine blieb länger als drei Jahre. (Seite 45)
In den Ferien muss Leonhard auf dem Bau arbeiten, und Tackler fordert den Polier auf, ihn gehörig ranzunehmen. Daumen, Zeige- und Ringfinger der linken Hand wurden entfernt. Die linken Zehen wurden im Grundgelenk abgenommen, ebenso der rechte Vorderfuß und Teile des rechten Rückfußes. (Seite 53)
Als Leonhard nach neun Monaten aus dem Koma geholt wird, stellt sich heraus, dass er sein Gedächtnis verloren hat und selbst seine Schwester nicht mehr erkennt.
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Als sie nach Monaten zum ersten Mal wieder Cello spielt, beginnt Leonhard zu masturbieren und möchte sie küssen. Theresa entkleidet sich und spielt mit geschlossenen Augen weiter, bis ihr Bruder eingeschlafen ist. Nachdem sie ihm das Sperma vom Bauch gewischt und ihn zugedeckt hat, übergibt sie sich im Bad. Der Igel
Der Libanese Walid Abou Fataris muss sich vor einem Gericht in Berlin verantworten. Er wird beschuldigt, in einem Pfandleihhaus 14 490 Euro geraubt zu haben. Als letzten Zeugen ruft das Gericht seinen Bruder Karim auf. Von seinem Doppelleben ahnte niemand etwas. Weder davon, dass Karim eine komplett andere Garderobe besaß, noch dass er spielend sein Abitur in der Abendschule nachgeholt hatte und zweimal pro Woche Mathematikvorlesungen an der Technischen Universität hörte. Er verfügte über ein kleines Vermögen, bezahlte Steuern und hatte eine nette Freundin, die Literaturwissenschaften studierte und nichts von Neukölln wusste. (Seite 63)
Walid hatte die Beute nach dem Überfall aufs Pfandleihhaus versteckt und die Pistole in die Spree geworfen. In der Wohnung der Familie fand die Polizei zwar kein Belastungsmaterial, aber der Bestohlene identifizierte Walid als Täter und beschrieb auch das apfelgrüne T-Shirt mit dem Aufdruck "Forced to Work", das Walid bei der Festnahme trug.
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Walid wird freigesprochen. Glück
Irina stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Nachdem ihr Bruder von vier Soldaten erschossen und sie von seinen Mördern vergewaltigt worden war, setzte sie sich mit Hilfe eines Schleppers nach Berlin ab. In der Heimat war sie Schneiderin, aber ohne Aufenthaltserlaubnis bekommt sie in Deutschland keine Arbeitsstelle. Notgedrungen prostituiert sie sich.
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Zufällig ist Kalle an diesem Tag ungewöhnlich früh zu Hause und findet den Toten dort vor. Er nimmt an, Irina habe den Kerl in Notwehr getötet. Um zu verhindern, dass sie verhaftet und abgeschoben wird, zerstückelt er die Leiche in der Badewanne und packt die Teile in schwarze Müllbeutel. Summertime
Consuela arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel in Berlin. Um 15.26 Uhr stößt sie im Zimmer 239 auf die nackte Leiche einer jungen Frau, deren Kopf nur noch eine "matschig-blutige Masse aus Knochen, Haaren und Augen" ist. Daneben liegt eine eiserne Lampe.
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Sein Verteidiger merkt jedoch, dass die Überwachungskamera um eine Stunde vorgeht. Percy Boheim verließ das Hotel also tatsächlich um 14.26 Uhr. Das ist wichtig, denn in der Stunde bis zum Auffinden er Leiche konnte jemand anders die Studentin ermordet haben. NotwehrDie beiden Hooligans Beck und Lenzberger pöbeln auf einem Berliner Bahnhof einen Mann an, der allein auf einer Bank sitzt und einen Apfel isst. Beck rülpst ihm ins Ohr, schlägt ihm den Apfel aus der Hand und fuchtelt mit seinem Messer herum, aber der Fremde blickt nicht einmal auf. Erst als Beck das Hemd des Mannes aufschlitzt und seine Brust etwa zwanzig Zentimeter lang ritzt, reagiert er. Beck holte erneut Schwung. Lenzberger johlte. Der Mann umfasste Becks Messerhand und schlug dabei in seine rechte Armbeuge. Der Schlag änderte die Richtung des Messers, ohne den Schwung zu unterbrechen. Die Klinge beschrieb einen Bogen. Der Mann dirigierte die Spitze zwischen Becks dritte und vierte Rippe, Beck stach sich selbst in die Brust. Als der Stahl die Haut durchdrang, schlug der Mann hart auf Becks Faust. Alles war eine einzige Bewegung, fließend, fast ein Tanz. Die Klinge verschwand vollständig n Becks Körper. Sie zerschnitt sein Herz. (Seite 124)
Lenzberger reißt seinen Baseballschläger hoch, aber bevor er zuschlagen kann, trifft ihn der Fremde auf den Sinus caroticus. Er stirbt durch Herzversagen.
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Die Polizei kann den Tathergang aufgrund von Zeugenaussagen und Aufnahmen einer Überwachungskamera genau nachvollziehen. Der Staatsanwalt will zwar auf einen Notwehrexzess hinaus, aber der Haftrichter ordnet die sofortige Freilassung des Mannes an. Grün
Der neunzehnjährige Philipp von Nordeck tötet seit Monaten Schafe. Dabei sticht er jeweils genau achtzehn Mal zu und entfernt die Augen der Tiere. Sein Vater, Graf von Nordeck, bezahlt den Bauern den Schaden. Der Dorn
Feldmayer war bereits Briefträger, Kellner, Fotograf, Pizzabäcker und Schmied. Mit fünfunddreißig fängt er als Aufseher im städtischen Antikenmuseum an. Weil seine Karteikarte in der Personalabteilung verlorengeht, nimmt er nicht wie alle anderen Aufseher an der alle sechs Wochen vorgenommenen Rotation durch die verschiedenen städtischen Museen teil, sondern bleibt ständig in einem Saal, in dem eine antike Statue mit dem Motiv "Der Dornauszieher" steht.
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Dreiundzwanzig Jahre lang bewacht Feldmayer den Saal mit dem "Dornauszieher". Am Tag seiner Pensionierung wuchtet er die Statue vom Sockel und zertrümmert sie. Der Psychiater konnte sich nicht entscheiden: Einerseits, so meinte er, habe Feldmayer unter seiner Psychose gelitten, andererseits könne es sein, dass er sich durch das Zerstören der Statue selbst geheilt habe. (Seite 173) Liebe
Die beiden BWL-Studenten Patrick und Nicole sind seit zwei Jahren ein Paar.
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Dem Anwalt, der ihn vertritt, vertraut Patrick an, er habe plötzlich das Bedürfnis verspürt, aus Liebe ein Stück Fleisch aus Nicoles Körper zu essen [Kannibalismus]. Der Jurist will mit ihm zur Notfallpsychiatrie, aber Patrick bittet um Bedenkzeit und verspricht, am nächsten Morgen wiederzukommen. Der Äthiopier
Als Säugling wurde Frank Xaver Michalka in einer Plastikwanne auf der Treppe des Pfarrhauses einer kleinen Gemeinde bei Gießen ausgesetzt. Nach ein paar Monaten im Kinderheim gaben ihn die Behörden zur Adoption frei, und er kam zu einem kinderlosen Hopfenbauern und dessen Ehefrau in Oberfranken. Sie hießen Michalka und gaben ihm die Vornamem Frank Xaver. Der Mann, der die getrockneten Kaffeebohnen abholte, verdiente mehr und hatte weniger Arbeit. Aber der Mann besaß einen alten Laster, und im Dorf konnte niemand Auto fahren. (Seite 193)
Michalka kauft einen Lastwagen, fährt die Ernte selbst in die Fabrik und erzielt den neunfachen Preis. Den Erlös teilt er unter den Bauern auf. Dann bringt er einem jungen Afrikaner das Autofahren bei, errichtet zwischen dem Dorf und den Plantagen eine Güterseilbahn und verbessert die Trocknungsmethoden. Außerdem engagiert er eine Lehrerin aus der Stadt für die Kinder des prosperierenden Dorfes. Die Bewohner schätzen den Weißen und fragen ihn auch in Streitfällen um Rat.
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Nach sechs Jahren fragen Behörden nach Michalkas Visum. Das ist längst abgelaufen. Er muss zur deutschen Botschaft in Addis Abeba. Dort verhaftet man ihn wegen des Bankraubs in Hamburg. Zwei Sicherheitsbeamte bringen ihn nach Deutschland. Drei Monate später wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Weil das äthiopische Dorf keine Postadresse hat, kann er Ayana keine Nachricht schicken. |
Buchbesprechung:Ferdinand von Schirach (* 1964) ist seit 1994 als Rechtsanwalt in Berlin tätig. 2009 debütierte er als Schriftsteller sehr erfolgreich mit einer Sammlung von Kurzgeschichten bzw. Erzählungen unter dem Titel "Verbrechen". Diese Fälle sind wahr, aber nicht in dem Sinne, dass alle so passiert sind. Sie sind wie diese schönen alten Drucker-Setzkästen, wo 38-mal das "A" drinnen ist. Wenn man lange Strafverteidiger war, hat man einen großen Setzkasten von Personal, Ereignissen und Szenen. (Ferdinand von Schirach in einem Interview mit Rebecca Casati, Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 2010)
Die elf "Stories" – so der Untertitel – handeln von grundverschiedenen Menschen, deren Motive und Charaktere lebendig und anschaulich dargestellt werden. Die meisten von ihnen sind in Tötungsdelikte verstrickt. In zwei
Originaltitel: Glück – Regie: Doris Dörrie – Drehbuch: Ferdinand von Schirach nach seiner Kurzgeschichte "Glück" in "Verbrechen" – Kamera: Hanno Lentz – Schnitt: Frank J. Müller, Inez Regnier – Darsteller: Alba Rohrwacher, Vinzenz Kiefer, Andrea Sawatzki, Matthias Brandt, Maren Kroymann, Petra Kleinert, Christina Große u.a. – 2012 Das ZDF verfilmt zur Zeit (Ende 2011) sechs Geschichten, die Ferdinand von Schirach in "Verbrechen" erzählt, als jeweils 45 Minuten lange Folgen einer Mini-Fernsehserie. Dabei spielt Josef Bierbichler die Hauptrolle des Anwalts Friedrich Leonhardt. |
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010 / 2012
Ferdinand von Schirach: Schuld |