Martin Scorsese: Bringing Out the Dead. Nächte der Erinnerung
mit Nicolas Cage, Patricia Arquette u. a.
      Kritik:
Martin Scorsese zeigt New York in "Bringing Out the Dead" als verwahrlosten, elenden Großstadtmoloch. Im Krankenhaus herrscht Chaos; das Personal ist überfordert und frustriert. Wenn das Herz eines Komapatienten stehen bleibt, wird er durch Elektroschocks reanimiert – wenn es sein muss, vierzehn Mal am Tag. Filmkritik
 

Bringing Out the Dead

 
  Inhalt:
Frank, ein Rettungssanitäter in New York, benötigt das euphorische Gefühl, ein Leben gerettet zu haben, um wieder Kraft für seine nächsten Einsätze zu bekommen. Als er wochenlang nur Tote oder Sterbende ins Krankenhaus bringt, beginnt er in den Straßen die Gespenster der Opfer zu sehen. Nachts ist er im Einsatz, und tagsüber findet er keine Ruhe. Einsam, erschöpft und verzweifelt sucht er nach Erlösung. Inhaltsangabe, Handlung



Originaltitel: Bringing Out the Dead - Regie: - Buch: Paul Schrader, nach dem Roman "Bringing Out The Dead" von Joe Connelly - Kamera: Robert Richardson - Schnitt: Thelma Schoonmaker - Musik: Elmer Bernstein - Darsteller: Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames, Tom Sizemore, Marc Anthony, Cliff Curtis, Mary Beth Hurt u.a. - 1999; 120 Minuten

   


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Martin Scorsese:
Bringing Out the Dead. Nächte der Erinnerung


New York, Anfang der Neunzigerjahre:

Frank Pierce (Nicolas Cage), der Sohn eines Busfahrers und einer Krankenschwester, arbeitet seit fünf Jahren als Rettungssanitäter. Seine Ehe ist gescheitert. Vor einem halben Jahr starb Rose (Canthia Roman), eine achtzehnjährige, obdachlose Asthmatikerin, weil er ihr in der Hektik den Beatmungsschlauch in die Speise- statt in die Luftröhre geschoben hatte. Das Bild dieses Mädchens kriegt er nicht mehr aus dem Kopf, und da er seit Wochen niemandem mehr das Leben retten konnte, ist er verzweifelt und würde am liebsten nur noch schlafen. Aber nachts ist er im Einsatz, und tagsüber findet er keine Ruhe: Immer und überall verfolgen ihn die Geister der Opfer.

Donnerstag:

Frank ist mit Larry Verber (John Goodman) unterwegs, der ständig ans Essen denkt, um kein Mitleid aufkommen zu lassen. Sie werden in eine Wohnung gerufen, wo Patrick Burke (Cullen Oliver Johnson) einen Herzstillstand erlitten hat. Während Larry bereits die Formalitäten für einen Todesfall erledigt, macht Frank mit der Herzmassage weiter, und wider Erwarten fängt Burkes Herz wieder zu schlagen an. Sie bringen ihn ins Krankenhaus.

Die Zustände in der überfüllten Notaufnahme sind chaotisch: Hier schwappt Nacht für Nacht das Elend herein. Die Korridore sind mit Betten zugestellt. Burkes Frau (Phyllis Somerville), sein Sohn John (Tom Riis Farrell) und seine Tochter Mary (Patricia Arquette) kommen ins Krankenhaus. Mary holt einem irren Obdachlosen, der auf einem Krankenhausbett im Korridor festgeschnallt ist und vor Durst schreit, einen Becher Wasser. Sie kennt ihn, denn ihr Vater hatte ihn einige Zeit bei sich aufgenommen. Er heißt Noel (Marc Anthony). Während der zuständige Arzt gegenüber einer Krankenschwester zynisch meint, bei Burke sei der Einsatz der Apparate reine Verschwendung, weil er so oder so nicht mehr aus dem Koma erwachen wird, versucht Frank Mary zu trösten, bis er und Larry zum nächsten Einsatz gerufen werden.

Sie müssen sich um einen bewusstlos auf der Straße liegenden Säufer kümmern – wie auch bereits in den drei Nächten davor. Mary, die vor der Notaufnahme im Freien steht, erzählt Frank, dass sie seit drei Jahren kein Wort mehr mit ihrem Vater gewechselt habe. Jetzt wurde sie von ihrem Bruder telefonisch gerufen, aber als sie eintraf, war der Vater schon nicht mehr ansprechbar.

Noel, der inzwischen aus dem Krankenhaus geflohen ist, droht, sich mit einer Glasscherbe die Halsschlagader aufzuschneiden. Als Frank und Larry hinkommen, legt er sich mitten auf die Straße, um überfahren zu werden. Mit dem zynischen Versprechen, man werde ihn im Krankenhaus schmerzfrei töten, locken ihn die beiden Sanitäter in ihren Ambulanzwagen. Tom Wall (Tom Sizemore), ein anderer Rettungssanitäter, kommt zufällig vorbei, erkennt den Verrückten, steigt zu ihm ins Fahrzeug und prügelt auf ihn ein, bis beide Sanitätsautos zu einer Straßenecke gerufen werden, wo nach einer Schießerei drei Schwerverletzte blutüberströmt liegen geblieben sind. Der Junge, den Frank und Larry ins Krankenhaus fahren, stirbt unterwegs.

Freitag:

Weil Frank mehrmals zu spät zum Dienst gekommen ist, sollte Captain Barney (Arthur J. Nascarella) ihn entlassen, und Frank wäre es recht, denn er kann sich kaum noch auf den Beinen halten, aber Barney teilt ihn erneut ein, und Frank tritt müde die nächste Schicht an, diesmal mit Marcus (Ving Rhames).

Ihr erster Fall ist der Herzstillstand eines jungen Drogensüchtigen aufgrund einer Überdosis. Mit einer Adrenalininjektion bringt Frank ihn wieder zu Bewusstsein, genau in dem Augenblick, als Marcus Gott anruft, um die Junkies zu bekehren.

Im Krankenhaus erfährt Frank, dass Patrick Burke auf Reize reagiert. Er fährt zu Mary, um sie durch die Nachricht zu ermutigen und nimmt sie mit in die Klinik. Dort erleben sie, wie der Bewusstlose versucht, sich den Atmungsschlauch abzureißen, aber sofort durch eine Valium-Injektion ruhiggestellt wird.

Beim nächsten Einsatz handelt es sich um eine siebzehnjährige Südamerikanerin (Rosemary Gomez). Obwohl ihr junger Freund Carlos (Luis Rodriguez) behauptet, sie sei noch Jungfrau, fangen bei ihr gerade die Wehen an. Frank und Marcus helfen ihr bei der Geburt von Zwillingen. Marcus hält freudig einen gesunden Jungen hoch; das von Frank entbundene Baby stirbt. Wird er nie mehr ein Leben retten?

In seinem Übermut fährt Marcus zu schnell, verliert die Kontrolle über das Sanitätsauto, und es überschlägt sich. Glücklicherweise klettern Frank und Marcus mit nur ein paar Schrammen aus dem Wrack.

Als Frank zu Fuß zum Krankenhaus kommt, läuft Noel gerade wieder einmal davon. Mary hat ihn losgebunden. Sie lässt sich von Frank zu einem Apartment begleiten. Nach einer Weile läutet Frank und fragt nach Mary. In der "Oase" genannten Wohnung trifft er den Drogendealer Cy Coates (Cliff Curtis) und dessen Partnerin Kanita (Sonja Sohn) an; Mary liegt bewusstlos auf einem Bett im Nebenzimmer. Offensichtlich hat sie Drogen genommen. Cy überredet Frank, auch eine Tablette zu schlucken, um endlich einmal ausspannen zu können. Aber Frank erleidet einen Horrortrip, springt schreiend auf, wirft sich Mary über die Schulter und rennt mit ihr davon. Bei ihr zu Hause setzt er sich auf eine Couch und schläft sofort ein.

Samstag:

Für die nächste Schicht wird Frank mit Tom Wall zusammen eingeteilt.

Als er im Krankenhaus bei Patrick Burke vorbeischaut, setzt dessen Herz gerade wieder aus. Frank bildet sich zwar ein, der Patient spreche zu ihm und wolle in Ruhe sterben, aber eine Krankenschwester erwartet von ihm, dass er Burkes Herz mit Elektroschocks wieder zum Schlagen bringt.

Frank und Tom werden zu der Wohnung im 16. Stockwerk eines Mietshauses gerufen, aus der Frank einige Stunden vorher Mary geholt hat. Zwölfjährige Drogendealer griffen Cy und Kanita an. Für Kanita kommt jede Hilfe zu spät, die Aquarien sind zerstört, und die Fische zappeln auf dem Fußboden. Cy sprang aus dem Fenster, blieb aber in einem Balkongeländer in der 14. Etage hängen. Eine der Metallspitzen hat sich durch seinen Leib gebohrt, aber wohl keine inneren Organe verletzt. Feuerwehrmänner schweißen das Geländer ab. Beinahe stürzt Cy damit in die Tiefe, aber Frank hält ihn fest und rettet damit ausgerechnet einem Drogendealer, der andere in den Tod schickt, das Leben.

Im Krankenhaus trifft Frank Mary wieder. "Die Stadt killt dich, wenn du nicht stark genug bist", meint sie. Frank entgegnet: "Nein, die Stadt sieht das nicht so differenziert. Sie killt alle Menschen."

Unterwegs beobachten Frank und Tom, wie Noel mit einem Baseballschläger Windschutzscheiben einschlägt. Sie laufen ihm nach, und Tom prügelt blind vor Zorn auf den Verrückten ein. Mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung rettet Frank dem Schwerverletzten das Leben.

Als sie ihn ins Krankenhaus bringen, schaut Frank nach Patrick Burke und stellt fest, dass der Komapatient in die Intensivstation verlegt wurde. An diesem Tag musste er bereits vierzehn Mal durch Elektroschocks reanimiert werden. Frank geht zu ihm, nimmt ihm die Atemmaske ab und setzt sie selbst auf, damit auf den Monitoren erst einmal nichts auffällt. Als der Monitor Alarm auslöst, ist es bereits zu spät: Patrick Burke ist friedlich gestorben. Frank überbringt Mary die Nachricht vom Tod ihres Vaters. Während sie in der Tür stehen, glaubt Frank einen Augenblick lang nicht Mary sondern Rose zu sehen, die ihm versichert, dass niemand an ihrem Tod schuld sei. Mary nimmt ihn mit in ihre Wohnung, wo er sich erschöpft an ihre Schulter lehnt und einschläft.

Am Ende des Abspanns ist wieder das Sprechfunkgerät im Ambulanzwagen zu hören: der nächste Einsatz!

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Filmkritik:

Frank benötigt das euphorische Gefühl, ein Leben gerettet zu haben, um wieder Kraft für seine nächsten Einsätze als Rettungssanitäter zu bekommen. Als er wochenlang nur Tote oder Sterbende ins Krankenhaus bringt, beginnt er in den Straßen die Gespenster der Opfer zu sehen. Nachts ist er im Einsatz, und tagsüber findet er keine Ruhe. Bald kommt er nicht mehr ohne Alkohol und Aufputschmittel aus. Einsam, erschöpft und verzweifelt sucht er nach Erlösung. Nur wenn er mit Mary zusammen ist, bleiben die Albträume aus und er kann endlich schlafen.

Sowohl in "Taxi Driver" als auch in "Bringing Out the Dead" geht es um das Thema, das mich unablässig fasziniert: die Krise des Glaubens. Jemand verliert seinen Weg, weiß nicht mehr, wohin er gehört, geht durch die Hölle. Nic Cage spielt diesen Mann. Er versucht, ganz aktiv etwas gegen das Elend in den Straßen zu tun. Er muss jede Nacht in zig Fällen Gott spielen und wird vom Zweifel befallen: von Selbstzweifeln, vom Zweifel an der Welt, Zweifel am Sinn seiner Arbeit. Wen soll er retten? Wen "rettet" er schon? Den Drogenhändler – während der unschuldige Typ stirbt?! geht er dabei nicht selbst zugrunde? (Martin Scorsese in einem Interview mit Patrick Roth, "Süddeutsche Zeitung", 4. Mai 2000)

"Bringing Out the Dead. Nächte der Erinnerung" ist ein harter, düsterer Film, der an "Taxi Driver" erinnert, weil Martin Scorsese New York als verwahrlosten, elenden Großstadtmoloch darstellt, Bücher von Dieter Wunderlich bevölkert von Kriminellen und Junkies, Huren, Drogendealern, Obdachlosen und jugendlichen Killern. Im Krankenhaus herrscht Chaos; das Personal ist überfordert und frustriert, weil zum Beispiel einige der Drogensüchtigen immer wieder eingeliefert werden. Die Ärzte reagieren zynisch. Wenn das Herz eines Komapatienten stehen bleibt, wird er den Vorschriften entsprechend durch Elektroschocks reanimiert – wenn es sein muss, vierzehn Mal am Tag. Apparate halten die Körperfunktionen aufrecht.

Joe Connelly, der Autor des dem Film zugrunde liegenden Romans "Bringing Out the Dead", war selbst zehn jahre lang Rettungssanitäter beim "Emergency Medical Service" (EMS) in New York.

Nichts übertraf die Erfahrung, ein Leben zu retten. Das war das ultimative Hochgefühl. Doch [...] was blieb, das waren für mich die Erlebnisse, Menschen sterben zu sehen, unter meinen eigenen Händen. (Joe Connelly)

Auch der Drehbuchautor Paul Schrader und Nicolas Cage fuhren nachts in Ambulanzfahrzeugen in New York bzw. Los Angeles mit, um mehr darüber herauszufinden, wie Rettungssanitäter das miterlebte Leid verarbeiten.

Die Dreharbeiten zu "Bringing Out the Dead. Nächte der Erinnerung" fanden in 75 Nächten zwischen dem 18. September 1998 und dem 8. Januar 1999 in New York statt.

Elmer Bernstein komponierte die Filmmusik zu "Bringing Out the Dead. Nächte der Erinnerung". Außerdem sind ein paar Takte aus "Le sacre du printemps" von Igor Strawinsky zu hören, und folgende Songs:

  • Sam Andrew: "Combination of the Two"
  • Neil Diamond: "Red Red Wine"
  • Perry Farrell, Flea, David M. Navarro, Stephen Perkins: "So What"
  • Mick Jones, Joe Strummer: "I'm So Bored With the USA"; "Janie Jones"
  • Van Morrison: "T. B. Sheets"
  • Pete Townshend: "Bell Boy" aus dem Album "Quadrophenia"
  • Jimmy Van Heusen: "September of My Years"

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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