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Otto Dix porträtierte die Tänzerin als Sinnbild des Lasters. Die exaltierte Avantgarde-Künstlerin galt als verrucht, weil sie nackt auftrat, Cognac trank, Kokain schnupfte, Skandale provozierte und hemmungslos lebte – bis sie im Alter von neunundzwanzig Jahren starb.
Anita Berber: »Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase«
Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: AußerOrdentliche Frauen. 18 Porträts
Piper Verlag, München 2009
Leni Riefenstahl meinte bewundernd: »Ihr Körper war so vollkommen, dass ihre Nacktheit nie obszön wirkte.« Anita Berber entblößte sich nicht, um das Publikum zu erregen, sondern Nacktheit war ein Bestandteil ihrer Bühnenkunst.
Weil ihr der Ausdruckstanz ein echtes künstlerisches Anliegen war, reagierte Anita ungehalten auf störende Zurufe, und mitunter begnügte sie sich nicht mit Beschimpfungen, sondern sprang von der Bühne und schlug auf den Zuschauer ein, der ihr unangenehm aufgefallen war. Als Fred Hildenbrandt, Feuilletonchef des »Berliner Tageblatts« einmal zu ihr in die Garderobe ging, beschwerte sie sich: »Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, die Syphilis, den Wahnsinn, das Sterben, das Siechtum, den Selbstmord, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie nicht darunter etwas sehen können, die Schweine.« Fred Hildenbrandt war verblüfft: »Also diese Nackttänzerin tanzte ein ernstes Programm über die fürchterlichsten Themen [...] und verlangte, dass ein Publikum, das sich erotisch amüsieren wollte, das kapierte.« Er behauptete, die Tänzerin habe sich in der Garderobe unbefangen vor ihm aus- und umgezogen. »Ohne Wandschirm«, betonte er.
Siegfried Geyer schrieb in »Die Bühne«: »Anita Berber gehörte zu jenen pflanzenhaften Geschöpfen, die nicht wissen, was sie tun, die den Steuerexekutor nackt in der Badewanne sitzend empfangen und daran gar nichts finden, die einen Besuch beim Advokaten machen und in der Kanzlei plötzlich entdecken, dass sie unter dem Mantel nichts anhaben, weil sie ganz vergessen haben, dass man sich für einen Besuch eigentlich anziehen muss. In solchen Fällen sagte Anita Berber nicht: ›Ich habe vergessen, mich anzuziehen, entschuldigen Sie!‹, sondern nur: ›Geben Sie mir eine Zigarette, ich habe meine Tabatiere liegen lassen!‹«
»Sie lebte wirklich von einem Tag zum anderen oder, noch kürzer, von einer halben Stunde zur anderen«, heißt es in dem Artikel von Siegfried Geyer weiter. »Geld bedeutete für sie nichts, Besitz war ihr egal, etwas wie Bankkonto eine unbekannte Sprache, sie gab im nächsten Moment aus, was sie kaum erst in der Tasche hatte. Ihre Verschwendungssucht war so organisch wie ihr ganzes Exzentrikdasein.«
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