HOMEPAGE
Dieter Wunderlich:
Buch- und Filmtipps

Hintergrundinformationen zu Buch- und Filmtipps von Dieter Wunderlich

 
   
 

Lou Andreas-Salomé

1861 – 1937 / Biografie


 


Lou von Andreas-Salomé wurde am 12. Februar 1861 in St. Petersburg als sechstes Kind von Gustav von Salomé (1804 – 1879) und dessen Ehefrau Louise (1823 – 1913) geboren und hieß eigentlich Louise. Das von Hugenotten aus Avignon abstammende Geschlecht von Salomé lebte seit Generationen im Baltikum. Gustav von Salomé, der im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach St. Petersburg gekommen war, brachte es in der russischen Armee zum General und wurde 1831 von Zar Nikolaus I. geadelt. 1844 heiratete er die neunzehn Jahre jüngere Waise Louise Wilm, die Tochter eines wohlhabenden Zuckerfabrikanten. Das russisch, französisch und deutsch sprechende Ehepaar hatte fünf Söhne, von denen zwei früh verstarben, und die Tochter Louise. Der Familie stand in St. Petersburg eine mondäne Dienstwohung im Generalitätsgebäude (Morskája) gegenüber dem Winterpalais zur Verfügung; außerdem besaß Gustav von Salomé ein Landhaus in Peterhof, ganz in der Nähe der Sommerresidenz des Zaren.

Louise von Salomé wurde von einer Amme gestillt und später von einer französischen Gouvernante erzogen. Der Vater nahm sie immer wieder vor der strengeren Mutter in Schutz. Um ihn nicht zu verletzen – Gustav von Salomé hatte eine reformierte Kirchengemeinde in St. Petersburg gegründet –, nahm Louise zunächst am Konfirmationsunterricht teil, aber mit sechzehn trat sie aus der Kirche aus.

Ihre kritisch-rebellische Haltung gegenüber dem Glauben hinderte sie jedoch nicht daran, sich mit Hendrik Gillot (1836 – 1916), dem liberalen Pastor der Niederländischen Gesandtschaft und Erzieher der Kinder des Zaren, anzufreunden. Der vierundzwanzig Jahre ältere Familienvater, der sie in die Philosophie und vergleichende Religionsgeschichte einführte, wäre bereit gewesen, ein neues Leben mit ihr anzufangen, aber Lou von Salomé – wie sie sich nun nannte – war an einem intimen Verhältnis ebenso wenig interessiert wie an den Bällen der vornehmen Gesellschaft in St. Petersburg. Sie war überzeugt davon, dass der Verzicht auf sexuelle Befriedigung geistig-schöpferische Kräfte freisetzt, und die waren ihr wichtiger als alles andere, denn sie strebte über das Normale hinaus.

Im September 1880 reiste Lou von Salomé mit ihrer Mutter – der Vater war am 23. Februar 1879 gestorben – nach Zürich und immatrikulierte sich in der Universität, einer der wenigen Hochschulen, die damals bereits für Frauen zugänglich waren. Nach einem halben Jahr musste sie ihr Studium der Theologie, Philosophie und Geschichte jedoch aufgrund eines Bluthustens aufgeben. In der Hoffnung auf ein zuträglicheres Klima hielten sich Lou von Salomé und ihre Mutter einige Zeit im Seebad Scheveningen auf und brachen im Februar 1882 nach Rom auf.

In Rom verkehrten sie mit der fünfundsechzigjährigen deutschen Schriftstellerin Malwida von Meysenbug (1816 – 1903), die in ihrem Salon regelmäßig Intellektuelle versammelte. Bei ihr lernte Lou von Salomé die miteinander befreundeten Philosophen Paul Rée (1849 – 1901) und Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) kennen. Die Logik wurde für sie zu einer Methode, ihr ungestümes Denken zu disziplinieren und ihre schwärmerischen Gefühlsaufwallungen unter Kontrolle zu bekommen. Außerdem teilte sie Nietzsches Überzeugung, der Mensch sei nicht in eine göttliche Schöpfung eingeordnet (»Gott ist tot«), sondern zur Selbstbestimmung gezwungen und müsse selbst über Gut und Böse entscheiden. Nietzsche bewunderte Lou von Salomé als schöne Frau, wegen ihres herausragenden Intellekts und weil sie ihre eigenen Ziele verfolgte, statt sich nach den Erwartungen anderer Menschen zu richten.

Ende April 1882 verließen Lou von Salomé und ihre Mutter Rom. In Mailand trafen sie erneut mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche zusammen, die mit ihnen gemeinsam zu den oberitalienischen Seen weiterreisten. Obwohl Lou von Salomé bereits in Rom einen Heiratsantrag Nietzsches abgelehnt hatte – übrigens auch einen von Paul Rée – verabredete sich der siebenunddreißigjährige Philosoph mit ihr im Löwengarten in Luzern wie ein verliebter Penäler zum Stelldichein und drängte sie, seine Frau zu werden. Lou von Salomé suchte aber weder einen Liebhaber noch einen Ehemann. Stattdessen schätzte sie die Gespräche mit den beiden Philosophen.

Während die Mutter von ihrem Sohn Eugène in Berlin abgeholt wurde und ohne ihre Tochter nach St. Petersburg zurückkehrte, traf sich Lou von Salomé am 24. Juli in Leipzig mit Nietzsches Schwester Elisabeth (1846 – 1935), die fünfzehn Jahre älter war als sie, und reiste mit ihr zu den Bayreuther Festspielen, wo sie so von Männern umworben wurde, dass sogar Malwida von Meysenbug ein halbes Jahr später an Friedrich Nietzsche schrieb: »Aber seit Bayreuth weiß ich nicht mehr recht, was ich von ihr denken soll.«

Elisabeth war auch in der Rolle einer Anstandsdame dabei, als Lou von Salomé und Nietzsche den in Italien begonnenen Gedankenaustausch in Tautenburg südlich von Naumburg vertieften. »Seltsam, dass wir unwillkürlich mit unsern Gesprächen in die Abgründe geraten«, schrieb Lou von Salomé, »an jene schwindligen Stellen, wohin man wohl einmal einsam geklettert ist, um in die Tiefe zu schauen. Wir haben stets die Gemsenstiegen gewählt, und wenn uns jemand zugehört hätte, er würde geglaubt haben, zwei Teufel unterhielten sich.« (18. August 1882)

Wohl aus Eifersucht und um zu verhindern, dass ihr Bruder mit Paul Rée und Lou von Salomé nach Paris zog, verbreitete Elisabeth Nietzsche das Gerücht, Lou von Salomé habe ihren Bruder verleumdet, etwa indem sie ihm die Absicht unterstellte, eine wilde Ehe mit ihr führen zu wollen. Entrüstet zeigte sie ein in Luzern aufgenommenes Foto herum, auf dem Rée und Nietzsche vor einen Karren gespannt sind und Lou von Salomé mit einer Kinderpeitsche hinter ihnen steht. Mit einer regelrechten Kampagne gelang es ihr, Nietzsche so gegen Lou von Salomé einzunehmen, dass er sich im Oktober 1882 in Leipzig mit ihr überwarf und dann auch von Paul Rée nichts mehr wissen wollte.

Obwohl Paul Rée und Lou von Salomé in Berlin gemeinsam eine möblierte Wohnung in einer Pension mieteten und einen Kreis junger Geisteswissenschaftler um sich scharten, blieb ihre Beziehung platonisch: Paul Rée wurde für Lou von Salomé kein Sexualpartner, sondern seine Rolle entsprach der eines großen Bruders – bis die beiden sich 1885 trennten.

Im gleichen Jahr veröffentlichte Lou von Salomé unter dem Pseudonym »Henri Lou« ihren ersten Roman: »Im Kampf um Gott«.

In die Pension, in der Lou von Salomé weiterhin wohnte, kam regelmäßig der Orientalist Friedrich Carl Andreas (1846 – 1930), um Sprachunterricht zu erteilen. Dabei muss ihm die fünfzehn Jahre jüngere Schriftstellerin aufgefallen sein, denn im August 1886 klopfte er an ihre Tür und bat sie kurzerhand, seine Frau zu werden.

Friedrich Carl Andreas war der Sohn eines armenischen Prinzen aus Isfahan und einer deutsch-malayischen Mutter. Bis zum sechsten Lebensjahr wuchs er in Batavia auf, dann zog die Familie nach Hamburg, wo er eingeschult wurde. Nach dem Abitur in der Schweiz studierte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland klassische und orientalische Sprachen, bis er 1868 in Erlangen promovierte. Mit einer Expedition reiste er 1875 nach Persien, von wo er erst 1882 nach Deutschland zurückkehrte.

Lou von Salomé wollte überhaupt nicht heiraten und lehnte einen Antrag ab. Erst als sich der Verzweifelte am 31. Oktober 1886 vor ihren Augen ein Messer in die Brust rammte, den Selbstmordversuch jedoch überlebte, verlobte sie sich trotz ihrer Bedenken mit ihm, und am 20. Juni 1887 ließ sie sich von Hendrik Gillot, ihrem ersten Verehrer, mit ihm trauen.

In den ersten Jahren begnügte sich das Paar mit Andreas' Junggesellenbude in Berlin-Tempelhof, denn Friedrich Carl Andreas verdiente als Privatlehrer nicht viel, und seine Frau, die das Schreiben inzwischen zum Beruf gemacht hatte, bekam auch noch keine großen Honorare.

Lou Andreas-Salomé hatte Friedrich Carl Andreas von vornherein klargemacht, dass sie nicht bereit sein würde, sich von ihm beschlafen zu lassen. Seine Hoffnung, sie werde ihre Haltung ändern, erfüllte sich nicht. Während sie Paul Rée wie einen älteren Bruder geliebt hatte, handelte es sich bei ihrer Ehe um eine Art Vater-Tochter-Verhältnis. Als sich Friedrich Carl einmal neben die Schlafende legte und sie beim Erwachen befürchtete, er wolle sie vergewaltigen, packte sie ihn am Hals und hätte ihn beinahe erwürgt.

Dass Lou Andreas-Salomé auf ein Sexualleben verzichten wollte, hielt Männer offenbar nicht davon ab, sich in sie zu verlieben. Der sozialistische Journalist und Politiker Georg Ledebour (1850 – 1947) drängte Friedrich Carl Andreas, sie freizugeben, hatte damit jedoch keinen Erfolg. Lou Andreas-Salomé war darüber so unglücklich, dass sie über einen Doppelselbstmord nachdachte, doch am Ende hörte sie auf ihren Ehemann und trennte sich im Oktober 1892 von Georg Ledebour.

Sie beschäftigte sich in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre intensiv mit Frauen in Werken von Henrik Ibsen (»Henrik Ibsens Frauengestalten«, 1892) und noch einmal mit Friedrich Nietzsche, der 1889 zusammengebrochen war und im Wahn verdämmerte (»Friedrich Nietzsche in seinen Werken«, 1894).

Mit einem russischen Arzt, den sie während ihres monatelangen Aufenthalts in Paris kennen gelernt hatte, fuhr Lou Andreas-Salomé im August 1894 in die Schweizer Berge und kehrte dann unbekümmert nach Paris zurück. Dass sie als verheiratete Frau drei Wochen mit einem anderen Mann in einer Berghütte verbracht hatte, galt als Skandal, ganz gleich ob sie miteinander geschlafen hatten oder nicht. Für weiteren Gesprächsstoff sorgte ihr braungebranntes Gesicht, das sich deutlich vom hellen Teint der anderen Damen abhob, denn eigentlich setzten nur Bauern, Viehhirten und Fischer ihr Gesicht der Sonne aus.

In Paris war Lou Andreas-Salomé häufig mit der Schriftstellerin Frieda Freiin von Bülow (1857 – 1909) zusammen, mit der sie sich 1892 in Berlin befreundet hatte. 1895 reisten die beiden Damen zunächst nach St. Petersburg und danach für mehrere Monate nach Wien. Dort lernte Lou Andreas-Salomé als Gast der Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858 – 1938) die zwei Jahre jüngere Malerin Broncia Pinell (eigentlich: Bronizlawa Pineles; 1863 – 1934) und deren Bruder Friedrich Pineles (1868 – 1936) kennen, der als Arzt am Allgemeinen Krankenhaus in Wien arbeitete. Lou und Broncia wurden Freundinnen.

Im Frühjahr 1897 fuhr Lou Andreas-Salomé mit Frieda von Bülow von Berlin nach München, wo sie Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) begegnete. Der vierzehn Jahre jüngere Student erinnerte sie an ihre eigene Phase des schwärmerischen, wirklichkeitsfremden Fühlens und Denkens. Die beiden wurden ein Liebespaar, und Rainer Maria Rilke ließ sich nachhaltig von Lou Andreas-Salomé beeinflussen. (Auf ihren Rat hin änderte er auch seinen eigentlichen Vornamen René in Rainer.)

Friedrich Carl Andreas reiste seiner Frau nach und traf sie in Wolfratshausen, wo sie sich inzwischen mit Rainer Maria Rilke und Frieda von Bülow in einem Bauernhaus aufhielt, in dem sie sich so wohlfühlte, dass sie es »Loufried« nannte.

Rilke, der nicht mehr von der Seite seiner neuen Freundin wich, zog im Herbst nach Berlin, mietete in der Nähe ihrer engen Wohnung ein Zimmer und verbrachte die meiste Zeit mit ihr in der Küche, während Friedrich Carl Andreas im Wohnzimmer arbeitete. Aus Sorge über die zunehmende Abhängigkeit des labilen Dichters, drängte ihn Lou Andreas-Salomé, im Frühjahr 1898 allein nach Italien zu fahren.

Wie viele andere Intellektuelle auch, begeisterte Rainer Maria Rilke sich für die russische Kultur. Im Frühjahr 1899 reiste er mit dem Ehepaar nach Moskau und St. Petersburg. Obwohl Friedrich Carl Andreas sich nicht an Rilkes zweiter Russland-Reise von Mai bis August 1900 beteiligte, begleitete Lou Andreas-Salomé ihren Geliebten und ließ ihren Ehemann allein in Berlin zurück.

Einige Monate später (am 20. Januar 1901) schrieb sie in ihr Tagebuch: »Damit R. fortginge, ganz fort, wäre ich einer Brutalität fähig. (Er muss fort!)« Und im Februar 1901 beendete sie das intime Verhältnis mit dem exaltierten Schriftsteller. Allerdings blieb sie ihm eine mütterliche Freundin, auch als Rilke im April 1901 die Worpsweder Künstlerin Carla Westhoff heiratete und im Dezember 1901 Vater wurde.

Als Lou Andreas-Salomé 1901 an einem nervösen Herzleiden erkrankte, wurde sie von Broncias Bruder Friedrich Pineles behandelt, und sie begann mit dem sieben Jahre jüngeren Arzt eine Liebesaffäre. Sie reisten zusammen in die Schweiz und nach Wien. Pineles hätte sie gern geheiratet, aber Lou Andreas-Salomé hielt ihn davon ab, ihren Ehemann um die Scheidung zu bitten. Was Friedrich Carl Andreas getan hätte, wenn sie Mutter geworden wäre, wissen wir nicht, denn während ihrer Schwangerschft fiel sie beim Apfelpflücken von einer Leiter und erlitt eine Fehlgeburt.

Friedrich Carl Andreas erhielt 1903 endlich eine Professur und zog deshalb mit seiner Frau und der Haushälterin Marie Stephan von Berlin nach Göttingen. Während Lou Andreas-Salomé häufig nach Berlin fuhr und mit Friedrich Pineles bzw. Rainer Maria Rilke verreiste, bekam Marie Stephan eine Tochter, deren Vater vermutlich Friedrich Carl Andreas war. Dennoch blieb die Haushälterin mit ihrem Kind bei dem Ehepaar.

Als Friedrich Pineles 1908 die Hoffnung auf eine Eheschließung mit Lou Andreas-Salomé aufgab, trennte er sich von ihr, denn er ertrug es nicht länger, nur ein von ihren Launen abhängiger Liebhaber zu sein.

Durch die mit ihr befreundete schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin Ellen Key (1849 – 1926), mit der sie 1909 und 1910 nach Paris gereist war und Rilke besucht hatte, lernte Lou Andreas-Salomé im Sommer 1911 in Schweden den Nervenarzt Poul Bjerre (1876 – 1964) kennen. Er brachte ihr sein Fachgebiet näher und nahm sie im September mit zum Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Weimar. Die Psychoanalyse, die sich mit den unter der dünnen Fassade der Zivilisationsgesellschaft rumorenden unbewussten Kräften befasst, faszinierte sie. Nachdem sie sich in Göttingen autodidaktisch damit beschäftigt hatte, reiste sie im Oktober 1912 zu Sigmund Freud (1856 – 1939) nach Wien und hielt sich dort fast ein halbes Jahr lang zu Studienzwecken auf.

Im Winter 1912/13 besuchte sie das Einführungsseminar des achtzehn oder neunzehn Jahre jüngeren Psychoanalytikers Victor Tausk. Sie verliebte sich in ihn und half ihm bei der Vorbereitung eines Vortrags über den Narzissmus für den psychoanalytischen Kongress im September 1913 in München. Narzissmus war ein Thema, das Lou Andreas-Salomé besonders interessierte; darüber schrieb sie später das Buch »Narzissmus als Doppelrichtung« (1921). In München stellte sie dem Erfinder der Psychoanalyse Rainer Maria Rilke vor und führte mit Sigmund Freud bei einem Spaziergang im Hofgarten ein längeres Gespräch unter vier Augen. Möglicherweise ermutigte er sie dabei, sich als Psychotherapeutin zu versuchen. Jedenfalls eröffnete Lou Andreas-Salomé 1915 in ihrem Wohnhaus in Göttingen die erste psychotherapeutische Praxis.

Während eines Besuchs bei Sigmund Freud in Wien befreundete sich Lou Andreas-Salomé 1921 mit seiner damals fünfundzwanzigjährigen Tochter Anna (1895 – 1982).

Als Lou Andreas-Salomé im Frühjahr 1930 sechs Wochen im Krankenhaus liegen musste, besuchte Friedrich Carl Andreas sie häufig, und die beiden kamen sich nach dreiundvierzig Jahren Ehe wieder nah. Leider starb der Vierundachtzigjährige wenig später (3. Oktober 1930). Danach fühlte sich Lou Andreas-Salomé einsam, zumal auch Rainer Maria Rilke inzwischen tot war (29. Dezember 1926). Bei ihr im Haus wohnte allerdings Marie, die uneheliche Tochter ihrer früheren, 1928 verstorbenen Haushälterin.

1933 befreundete sich die zuckerkranke und nahezu erblindete Lou Andreas-Salomé mit einem Mann namens Ernst Pfeiffer (1893 – 1986), dem sie im Jahr darauf ihren Nachlass anvertraute. Als Haupterbin setzte sie Marie ein, auf deren Pflege sie inzwischen angewiesen war. 1935 musste sie sich einer Krebsoperation unterziehen, und am 5. Februar 1937 – eine Woche vor ihrem 76. Geburtstag – starb Lou Andreas-Salomé in ihrem Haus in Göttingen.

Der literarische Wert der Texte von Lou Andrea-Salomé ist umstritten, und heutzutage fällt es schwer, die »dekorativ überladene, geschwollene und pathetische Sprache« (Linde Salber) zu lesen. Bücher von Dieter Wunderlich Berühmt ist Lou Andreas-Salomé denn auch weniger als Literatin, sondern wegen ihrer engen Beziehung zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud, die ihren Intellekt bewunderten. Frauen – aber auch Männer –, die nach eigenen Wegen suchen, schätzen Lou Andreas-Salomé als Vorbild: Für ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit war ihr kein Preis zu hoch. Die kluge und attraktive Frau ließ sich von niemandem vereinnahmen, verlor nie die Kontrolle und rebellierte gegen traditionelle Rollenerwartungen. Weder von ihrem Ehemann noch von der gängigen Moral oder dem Getuschel der Leute, die ihren Lebenswandel für skandalös hielten, ließ sie sich von Liebesbeziehungen mit anderen Männern abhalten.

Lou Andreas-Salomé: Bibliografie (Auswahl)

  • Im Kampf um Gott (Roman, 1885)
  • Henrik Ibsens Frauengestalten, nach seinen sechs Familiendramen (Abhandlung, 1892)
  • Friedrich Nietzsche in seinen Werken (Monografie, 1894)
  • Ruth (Erzählung, 1895)
  • Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte (1896)
  • Jesus der Jude (1895)
  • Fenitschka. Eine Ausschweifung (Erzählungen, 1898)
  • Menschenkinder (Novellensammlung, 1899)
  • Ma. Ein Portrait (Roman, 1901)
  • Im Zwischenland. Fünf Geschichten aus dem Seelenleben halbwüchsiger Mädchen (1902)
  • Die Erotik (Monografie, 1910)
  • Drei Briefe an einen Knaben (1917)
  • Das Haus. Familiengeschichte vom Ende des vorigen Jahrhunderts (1919)
  • Narzissmus als Doppelrichtung (1921)
  • Die Stunde ohne Gott und andere Kindergeschichten (1922)
  • Der Teufel und seine Großmutter (Traumspiel, 1922)
  • Rodinka. Eine russische Erinnerung (1923)
  • Rainer Maria Rilke. Buch des Gedenkens (1928)

Literatur über Lou Andreas-Salomé

  • Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich
    (Propyläen Verlag, Berlin 2010)
  • Linde Salber: Lou Andreas-Salomé (Rowohlt Monographie, Reinbek 1990)
  • Michaela Wiesner-Bangard und Ursula Welsch: Lou Andreas-Salomé. "... wie ich dich liebe, Rätselleben". Eine Bildbiografie (Reclam, Leipzig 2002)

© Dieter Wunderlich 2008 / 2011

Seitenanfang



Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps; empfohlene Bücher (Belletristik, Biografien, Sachbücher), Filme, Literaturverfilmungen Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps - STARTSEITE