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Als Monica Lewinsky am 23. Juli 1973 in San Francisco als Tochter eines Immigranten aus El Salvador und einer russischstämmigen Mutter geboren wurde, schloss William Jefferson (»Bill«) Clinton gerade sein Jurastudium an der Yale University ab und ging nach einer dreimonatigen Dozententätigkeit an der Universität von Fayetteville, Arkansas, für die Demokratische Partei in die Politik. 1995 beendete Monica Lewinsky ihr Psychologiestudium am Lewis and Clark College in Portland, Oregon, und fing im Juli ein Praktikum im Weißen Haus an, wo Bill Clinton seit 1993 als US-Präsident mit seiner Ehefrau Hillary und seiner 1980 geborenen Tochter Chelsea wohnte und arbeitete.
Gegen Bill Clinton ermittelte seit August 1994 der Staatsanwalt Kenneth Starr im Auftrag des Kongresses wegen dubioser Immobiliengeschäfte in den Siebziger- und Achtzigerjahren (Whitewater-Skandal). Außerdem ging Starr den von Paula Jones gegen Clinton erhobenen Beschuldigungen nach: Im Mai 1991 soll der damalige Gouverneur von Arkansas die vierundzwanzigjährige Regierungsangestellte in einem Hotelzimmer mit heruntergelassener Hose aufgefordert haben, seinen Penis zu küssen. Um die Aussage der Klägerin zu untermauern, versuchten ihre Anwälte, Clinton ähnliche Fälle nachzuweisen. Deshalb wurde Anfang Januar 1998 auch Monica Lewinsky über ihre Begegnungen mit dem Präsidenten befragt. Zwischen Clinton und ihr sei nichts Anstößiges vorgefallen, gab sie zu Protokoll. Das versicherte eineinhalb Wochen später, am 17. Januar, auch der Präsident, der seine Aussage unter Eid machte.
Einige Stunden nach Clintons Befragung, noch am 17. Januar 1998, berichtete der einunddreißigjährige Matthew Nathan (»Matt«) Drudge auf seiner Website www.drudgereport.com, das Nachrichtenmagazin »Newsweek« habe eine Enthüllungsstory des Journalisten Michael Isikoff über eine sexuelle Beziehung des einundfünfzigjährigen US-Präsidenten mit einer Praktikantin gekippt. Drei Tage später, als sich immer stärker herauskristallisierte, dass die Gerüchte Substanz hatten, zog die »Washington Post« als erstes Print-Medium nach, und CNN verbreitete die Neuigkeit übers Fernsehen. Der Skandal beherrschte die Schlagzeilen monatelang. Bemerkenswert ist, dass er nicht durch eine Zeitung oder das Fernsehen ausgelöst worden war, sondern durch Klatsch im Internet.
Auf einer Pressekonferenz am 26. Januar im Weißen Haus erklärte Bill Clinton: »I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky.« Zu diesem Zeitpunkt lagen dem Sonderermittler Kenneth Starr bereits Mitschnitte von Telefongesprächen vor – insgesamt siebzehn Stunden –,
in denen Monica Lewinsky von ihren sexuellen Eskapaden mit dem US-Präsidenten erzählt hatte. Die im April 1996 vom Weißen Haus ins Pentagon versetzte Praktikantin weihte elf Personen in ihr Geheimnis ein, darunter ihre vierundzwanzig Jahre ältere Kollegin Linda Tripp, die bei den Telefonaten mit Monica Lewinsky ab September 1997 heimlich ein Band mitlaufen ließ und sie gezielt nach Einzelheiten ausfragte. Als Linda Tripp erfuhr, dass Monica Lewinsky in dem von Paula Jones angestrengten Verfahren eine sexuelle Beziehung mit Clinton geleugnet hatte, stellte sie Starr ihre Aufnahmen zur Verfügung.
Mit der Zusicherung, sie werde straffrei ausgehen, brachte der Sonderermittler Monica Lewinsky Ende Juli dazu, detailliert auszusagen. Sie schilderte zehn intime Kontakte mit dem Präsidenten und gab an, darüber hinaus etwa zehn bis fünfzehn Mal Telefonsex mit ihm gehabt zu haben. Außerdem stellte sie für die Untersuchung ein marineblaues Cocktail-Kleid der Marke »GAP« zur Verfügung, zu dem sie angab, es am 28. Februar 1997 getragen zu haben. Der gentechnische Vergleich der Flecken auf dem Kleid, das Monica Lewinsky auf Anraten Linda Tripps nicht hatte reinigen lassen, mit Blut, das Clinton am 3. August im Beisein eines FBI-Agenten eigens für diesen Zweck abgenommen worden war, ergab eine an Sicherheit grenzende Übereinstimmung: Bei den Flecken handelte sich um Sperma des Präsidenten.
Am 17. August musste sich Bill Clinton als erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika während seiner Amtszeit in einem Strafverfahren von einer Grand Jury befragen lassen. Man gestand ihm nur zu, seine Aussage per Videoübertragung im Weißen Haus statt im Gericht zu machen. Anschließend an das zunächst geheime Verhör wandte sich Clinton übers Fernsehen an die Nation. Er gab einen »inappropriate intimate contact« mit der früheren Praktikantin zu, beteuerte jedoch, er sei dabei passiv geblieben. Dass er sieben Monate zuvor unter Eid etwas anderes ausgesagt hatte, erklärte er mit seiner Definition des Begriffs »sexual relations«. Darunter verstand Clinton den Koitus, aber weder Petting noch Oralsex.
Am 21. September 1998 strahlten CNN und andere Fernsehsender eine vierstündige, drei Tage zuvor vom Justiz-Ausschuss des Repräsentantenhauses freigegebene Videoaufzeichnung der Vernehmung Clintons durch die Grand Jury aus. Bereits am 11. September waren – ebenfalls mit Zustimmung des Repräsentantenhauses – 445 der 3000 Seiten des offiziellen Untersuchungsberichtes vom 9. September (»Starr-Report«) ins World Wide Web gestellt worden.
Seither kann man die Einzelheiten überall auf der Welt nachlesen. Am 15. November 1995 – so Monica Lewinsky – habe der US-Präsident erstmals ihre entblößten Brüste betastet und geküsst. Danach soll er die Praktikantin mit der Hand im Genitalbereich stimuliert haben, während er mit einem Abgeordneten telefonierte. Zehn solche Begegnungen im Weißen Haus sind im Starr-Report eingehend beschrieben. Wir lesen von Küssen, aufgehakten bzw. hochgeschobenen BHs, liebkosten Brüsten und einem in den Mund genommenen Penis. Über ein Treffen des Präsidenten mit der Praktikantin am 31. März 1996 heißt es im Starr-Report: »At one point, the President inserted a cigar into Ms Lewinsky's vagina, then put the cigar in his mouth and said: `It tastes good.´«
Obwohl Monica Lewinsky Anfang April 1996 gegen ihren Willen ins Pentagon versetzt worden war, fanden sie und Clinton im Jahr darauf zweimal einen Vorwand, sich im Weißen Haus zu treffen. Bei ihrem Zusammensein am 28. Februar 1997 – so Monica Lewinsky – habe Clinton erstmals zugelassen, dass sie ihn mit dem Mund zur Ejakulation brachte. Dabei sei der Spermafleck auf ihrem blauen Kleid entstanden. Einen Monat später, am 29. März, berührten sie sich angeblich mit den Genitalien, ohne dass es zu einer Penetration kam. Erst am 24. Mai 1997 scheint Clinton die Affäre durch ein Gespräch mit Monica Lewinsky beendet zu haben: »According to Ms Lewinsky, the President explained that they had to end their intimate relationship«, heißt es im Starr-Report. »Earlier in his marriage, he told her, he had had hundreds of affairs; but since turning 40, he had made a concerted effort to be faithful.«
Die Medien stürzten sich vor allem auf schlüpfrige Details. Fellatio einer Praktikantin mit dem Präsidenten! Und das in den USA, wo Oralsex selbst unter Ehepartnern in manchen Bundesstaaten bei Strafe verboten war! Für Eltern, die nicht wussten, wie sie entsprechende Fragen ihrer Kinder beantworten sollten, wurden Beratungsstellen eingerichtet. Einige amerikanische Medien warnten ihre Leser vor »sexually explicit language«, wenn sie über die Affäre des Präsidenten mit Monica Lewinsky berichteten, und es gab eine Version des »Starr-Reports« speziell für Kinder und Jugendliche. Bei der Staatsanwaltschaft München ging ein Strafantrag gegen die Verbreitung des Starr-Reports mit der Begründung ein, es handele sich um Pornografie. (Ein Ermittlungsverfahren wurde allerdings nicht eingeleitet.) Der Skandal sorgte monatelang für einen Medienhype. Warum sollten Sensationsreporter nach der Veröffentlichung des Starr-Reports noch die Privatsphäre von Personen respektieren, zumal sie sich auf das Recht der Öffentlichkeit, alles zu erfahren, beriefen? An dieser Aufweichung der Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre waren allerdings Politiker und andere Prominente, die Paparazzi Tipps gaben oder Kameraleute in ihre Häuser einluden (»Homestory«), nicht ganz unschuldig.
Die Meinungen in der Bevölkerung waren unterschiedlich: Viele hielten das Sexualleben des US-Präsidenten für dessen Privatangelegenheit, das nur ihn, seine Familie und in diesem Fall Monica Lewinsky etwas anging. Einige vertraten die Auffassung, ein mächtiger Politiker wie Bill Clinton habe keine Privatsphäre, weil er durch jedes heimliche Fehlverhalten politisch erpressbar werden könne. Wieder andere behaupteten, der Präsident sei als Repräsentant der amerikanischen Nation verpflichtet, in allen Bereichen ein vorbildliches Leben zu führen und müsse im Fall eines Ehebruchs angeprangert werden.
Mit Paula Jones – durch deren Klage die Sexaffäre im Weißen Haus überhaupt erst aufgedeckt worden war – einigte sich Bill Clinton Mitte November 1998 außergerichtlich: Er zahlte 850 000 Dollar dafür, dass sie ihre Klage zurückzog. (2002 jammerte Paula Jones in einem Interview mit dem »Stern«, von dem Geld sei ihr wegen der Anwaltskosten so gut wie nichts geblieben.)
Dass Paula Jones ihre Klage zurückzog, ärgerte Kenneth Starr ebenso wie die Tatsache, dass er den Clintons im Whitewater-Skandal nichts hatte nachweisen können, doch mit seinen verbissenen Bemühungen, Präsident Clinton zu Fall zu bringen, erreichte er, dass im Dezember 1998 eine Mehrheit der Abgeordneten im Repräsentantenhaus für ein Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) durch den Senat votierte. Vor Bill Clinton hatte sich erst ein einziger US-Präsident während seiner Amtszeit diesem Prozess unterziehen müssen: Andrew Johnson war 1868 freigesprochen worden. (Gegen Richard Nixon hatte der Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses im Juli 1974 ebenfalls ein Impeachment empfohlen, doch zur Durchführung war es wegen seines Rücktritts im August nicht mehr gekommen.) – Am 7. Januar 1999 begann das Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton. Dabei ging es allerdings nicht um die von Monica Lewinsky bezeugten sexuellen Abenteuer, sondern um den Vorwurf, er habe die Affäre durch einen Meineid und die Behinderung der Justiz zu vertuschen versucht. Zwar endete das Verfahren vor dem Senat am 12. Februar mit einem Freispruch, aber der Präsident entschuldigte sich danach in einer Fernsehansprache für sein Fehlverhalten bei der amerikanischen Nation.
Erschreckend ist es, dass eine Clique von Juristen und fanatischen Gegnern des demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton dessen sexuelle Spielereien skrupellos instrumentalisierte, um ihn zu stürzen – und sie damit beinahe Erfolg gehabt hätten. Die Affäre offenbarte zugleich, dass die Balance der Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative neu austariert worden war – zugunsten der Justiz und des Parlaments.
Nach dem gescheiterten Impeachment gegen Bill Clinton wandten die Medien sich anderen Themen zu. Verhältnismäßig wenige Leserinnen und Leser interessierten sich für das im November 1998 erschienene Buch »Monica Speaks. Genuine Pearls of Wisdom from America's Most Famous White House Intern«. Erfolgreicher war das von Andrew Morton Anfang 1999 veröffentlichte Buch »Monica Lewinsky. Ihre wahre Geschichte«. Der Sender HBO strahlte Anfang 2002 einen mit Monica Lewinsky gedrehten Dokumentarfilm aus: »Monica in Black and White«.
Monica Lewinsky (»I'm well-known for something that isn't great to be well-known for«) gründete 1999 die Firma »The Real Monica«, um von ihr entworfene und in ihrem Auftrag hergestellte Handtaschen übers Internet zu verkaufen. Die Fernseh-Flirt-Show »Mr Personality«, die Monica Lewinsky ab April 2003 moderierte, wurde nach fünf Folgen eingestellt. 2004 beendete Monica Lewinsky ihre Geschäftstätigkeit, und im Herbst 2005 immatrikulierte sie sich an der weltweit renommierten London School of Economics für ein Studium der Sozialpsychologie, das sie im Dezember 2006 mit dem Master-Degree abschloss.
Ihre Beziehung mit Bill Clinten habe auf Gegenseitigkeit beruht, beteuerte Monica Lewinsky im Frühjahr 2002 in einem einstündigen Interview mit dem Nachrichtensender CNN, und seine Behauptung, dass es nicht so gewesen sei, empfinde sie als »ungeheuer erniedrigend«. Ähnlich äußerte sie sich gegenüber der britischen Tageszeitung »Daily Mail«, nachdem Clintons Biografie »Mein Leben« 2004 erschienen war: »I was the buffet and he just couldn't resist the dessert [...] That's not how it was. This was a mutual relationship, mutual on all levels, right from the way it started and all the way through.«
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