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Dieter Wunderlich:
Buch- und Filmtipps

Hintergrundinformationen zu Buch- und Filmtipps von Dieter Wunderlich

 
   
 

Vera Brühne (Biografie)

1910 – 2001


 


Vera-Maria Kohlen wurde am 6. Februar 1910 in Essen geboren. Ihr Vater Ludwig Kohlen (1870 – 1951) war damals Bürgermeister von Kray-Leithe (seit 1929 ein Stadtteil von Essen). Während ihre beiden Brüder Jura studierten, besuchte Vera nur eine Haushaltsschule.

Im Juli 1957 flirtete die seit 1953 von dem Schauspieler Hans Cossy (1911 – 1972) und inzwischen auch von dem Filmkomponisten Lothar Brühne (1900 – 1958) geschiedene Siebenundvierzigjährige in einem Lokal in München mit dem sechzehn Jahre älteren Arzt Dr. Otto Praun. Vera Brühne, die in Schwabing eine Eigentumswohnung besaß, bot sich spendablen Herren als Begleiterin an. Die schmückten sich mit der 1,78 Meter großen, schlanken, eleganten Blondine und kauften ihr zum Dank Geschenke.

Praun stellte Vera Brühne einen gebrauchten VW-Käfer zur Verfügung und bezahlte ihr angeblich 200 D-Mark pro Monat dafür, dass sie sich jeden Montag- und Donnerstagabend mit ihm traf. Hätte Vera Brühne geahnt, was aufgrund dieser Beziehung auf sie zukam, wäre sie davor zurückgeschreckt.

Im Oktober 1957 reiste Vera Brühne erstmals mit Praun an die Costa Brava und begegnete in seiner Ferienvilla in Lloret de Mar seiner früheren Geliebten Katja H., von der er das Anwesen verwalten ließ. Knapp ein Jahr später entzog der Arzt Katja H. das Wohnrecht und beauftragte Vera Brühne mit der Verwaltung des Immobilienbesitzes.

Am 19. April 1960, dem Dienstag nach Ostern, wunderte sich Prauns Sprechstundenhilfe Renate M. darüber, dass ihr Chef nicht in die Praxis kam und zu Hause das Telefon nicht abnahm. Deshalb fuhr sie am Abend mit ihrem Freund zu Prauns Villa in Pöcking. Hans Joachim V. betrat das Gebäude durch eine unverschlossene Terrassentür und stieß im Keller auf zwei Leichen: Dr. Otto Praun und Elfriede Kloo, seine Haushälterin und vielleicht auch Geliebte. Eine Pistole lag neben den Toten.

Es gab zwar keinen Abschiedsbrief, aber es sah so aus, als habe der Sechsundvierzigjährige zuerst Elfriede Kloo und dann sich selbst erschossen. Deshalb unterließ es die Polizei, Spuren zu sichern und Ermittlungen aufzunehmen. Prauns Sohn Günther – ein Arzt wie sein Vater – ging ebenfalls von einem Suizid aus. Das erzählte er auch Vera Brühne, als er sie am 20. April in Bonn anrief, wo sie ihre kranke Mutter besuchte.

Im Schreibtisch seines Vaters fand er einen am 28. September 1959 datierten Brief an Elfriede Kloo, in dem es hieß: »Der Überbringer dieses Briefes ist Herr Dr. Schmitz aus dem Rheinland [...] Er ist ein sehr wichtiger Mann für mich hier in Spanien, deshalb sei besonders nett zu ihm. Ich habe von Dir als meiner Frau gesprochen und ihm von unserem schönen Haus in Pöcking erzählt [...]« – Darauf konnte sich Günther Praun keinen Reim machen. Das Schreiben sollte aber noch eine entscheidende Rolle spielen.

Als Günther Praun bei der Testamentserföffnung erfuhr, dass sein Vater am 23. Mai 1959 die Villa in Lloret de Mar zwar ihm vermacht, aber zugleich Vera Brühne für die Zeit ihres Lebens das Nutzrecht garantiert hatte, wurde er misstrauisch und beantragte eine Obduktion der Leichen. Dabei entdeckte der Gerichtsmediziner in Prauns Kopf eine bis dahin übersehene zweite Kugel. Die deshalb eingeleiteten polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass Dr. Otto Praun und Elfriede Kloo erschossen worden waren.

Im Sommer 1961 hielt Vera Brühne sich noch einmal mit ihrer aus der Ehe mit Hans Cossy stammenden Tochter Sylvia Kosiolkowski (1941 – 1990) in der Villa von Otto Praun in Spanien auf. Nach ihrer Rückkehr wurde sie am 3. Oktober in München festgenommen.

Vera Brühne beteuerte zwar stets ihre Unschuld, aber sie hatte falsche Spuren gelegt und versucht, Zeugen zu beeinflussen. Außerdem verstrickte sie sich bei ihren Aussagen in Widersprüche.

Der spektakuläre Fall sorgte für enormes Aufsehen. Dabei beflügelte weniger der Mord als die mutmaßliche Täterin die Fantasien. Wochenlang malte nicht nur die Regenbogenpresse immer neue Einzelheiten über Vera Brühne aus. Bücher von Dieter Wunderlich Klatschkolumnisten stellten sie als habgierige, verruchte Lebedame dar, die es verstanden hatte, aus ihrem guten Aussehen Kapital zu schlagen. Das erregte die Gemüter in der spießbürgerlichen Gesellschaft ähnlich wie im Fall der 1957 ermordeten Prostituierten Rosemarie Nitribitt. Reporter besorgten sich von Sylvia Kosiolkowski Briefe und Schnappschüsse von Vera Brühne, und die junge Frau, die möglicherweise endlich eine Chance sah, aus dem Schatten ihrer selbstbewussten Mutter herauszutreten, erzählte einem Illustrierten-Reporter, diese habe ihr den Mord gestanden. Was für eine Sensation!

Als der Prozess am 25. April 1962 vor dem Landgericht München II begann, brach in der Umgebung des Justizpalastes der Verkehr zusammen. Auch an den folgenden einundzwanzig Sitzungstagen drängten weit mehr Neugierige in den Gerichtssaal, als dort Platz fanden. Wer die Verhandlung nicht vor Ort erleben konnte, las die ausführlichen Berichte darüber in der Zeitung.

Im Laufe der Ermittlungen, die sich jahrelang hingezogen hatten, waren die Beamten auf den Kölner Montageschlosser Johann Ferbach gestoßen. Der hatte die drei Jahre ältere Vera Brühne und deren Tochter Sylvia im Zweiten Weltkrieg nach einem Bombenangriff in Köln aus den Trümmern gerettet. Nun saß er neben Vera Brühne als Mordverdächtiger auf der Anklagebank.

Vera Brühne beteuerte zwar, weder mit Praun noch mit Ferbach eine sexuelle Beziehung gehabt zu haben, aber Staatsanwalt Karl Rüth unterstellte dem Angeklagten, Vera Brühne hörig zu sein und vertrat die Meinung, der Handwerker habe sich von ihr dazu anstiften lassen, Otto Praun umzubringen, um den befürchteten Verkauf der begehrten Villa in Spanien zu verhindern. Mit dem von Günther Praun gefundenen, von Vera Brühne angeblich auf der Schreibmaschine eines im März 1960 ausgezogenen Untermieters getippten Brief soll Johann Ferbach alias Dr. Schmitz erreicht haben, dass ihn die Haushälterin ins Haus des Arztes in Pöcking ließ. Während Vera Brühne im VW-Käfer gewartet habe, seien Otto Praun und Elfriede Kloo von Johann Ferbach erschossen worden.

Weil die Leichen erst nach der Exhumierung untersucht worden waren, ließ sich der Todeszeitpunkt nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Dennoch behauptete die Staatsanwaltschaft, der Arzt und seine Haushälterin seien am Gründonnerstag, den 14. April 1960 gegen 19.45 Uhr, erschossen worden. Dafür hatten die beiden Angeklagten kein Alibi. Zwei Gutachter hielten es jedoch für möglich, dass Otto Praun und Elfriede Kloo noch zwei Tage länger gelebt hatten. Zu diesem Zeitpunkt war Vera Brühne nachweislich bei ihrer Mutter in Bonn gewesen.

Aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen, zweifelhafter Indizien und umstrittener Gutachten verurteilte das Gericht Vera Brühne und Johann Ferbach am 4. Juni 1962 wegen Doppelmordes zu lebenslangen Zuchthausstrafen. »Aber ich bin doch, bitte, unschuldig!«, flüsterte Vera Brühne nach der Urteilsverkündung und schlug die Hände vors Gesicht.

»Auf der Basis solch einseitiger und unsauberer Ermittlungen« hätte Vera Brühne niemals verurteilt werden dürfen, hieß es später in »Die Zeit«. Trotzdem lehnte der Bundesgerichtshof einen Revisionsantrag am 4. Dezember 1962 ab.

Vera Brühne legte ihre stolze Haltung auch im Gefängnis nicht ab. »Wenn ich sie besuchte«, erzählt später eine Häftlingsbetreuerin, «bekam ich eine Audienz, der karge Raum wurde ihr Salon, und den Kittel trug sie wie ein Kleid von Dior.« Kerzengerade auf einem Hocker sitzend, malte sie. Mit anderen Häftlingen wollte sie nichts zu tun haben. Sogar auf den Hofgang verzichtete sie deshalb: »Herr Direktor, Sie können nicht von mir verlangen, dass ich vor oder hinter Verbrechern herlaufe.«

Um Gutachten und eigene Ermittlungen zu finanzieren, hatten die Verteidiger Franz Moser und Hans Pelka 1962 im Namen ihrer Mandanten Exklusivverträge mit einer Illustrierten geschlossen.

Die Medien vollzogen eine Kehrtwende: Statt Vera Brühne weiter zu verunglimpfen, entrüsteten sich die Kolumnisten jetzt über das haarsträubende Urteil und kolportierten Verschwörungstheorien. Am 6. September 1969 lautete die Schlagzeile der »Bild«-Zeitung: »Der Brühne-Mord war Geheimdienst-Arbeit!« Ein ehemaliger Agent des Bundesnachrichtendientes soll 1967 bei der Bonner Staatsanwaltschaft ausgesagt haben, er habe Dr. Praun am 14. April 1960 gegen Mitternacht in Begleitung von zwei Bundeswehroffizieren in Pöcking am Starnberger See aufgesucht. Dabei sei es zum Streit über enorme Forderungen des Arztes gekommen, der sein Geld vor allem im Waffenhandel verdient habe. Als die Besucher von ihm mit einer Pistole bedroht worden seien, habe ihn einer der beiden Bundeswehroffiziere erschossen.

Johann Ferbach starb am 21. Juni 1970 im Alter von sechsundfünfzig Jahren in der Straubinger Justizvollzugsanstalt an Herzversagen. Vera Brühne wurde am 15. Dezember 1979 vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Ministerpräsident Franz-Josef Strauß begnadigt und aus dem Frauengefängnis Aichach entlassen.

Nachdem sie sich eine Weile bei ihrem Anwalt vor den aufdringlichen Reportern verborgen hatte, zog sie in ihre alte Wohnung in München. Aber sie konnte keine Reinemachefrau einstellen, denn die Medien boten immer noch Geld für Informationen über Vera Brühne.

Am 5. Oktober 1990 starb ihre Tochter Sylvia im Alter von neunundvierzig Jahren an Zungenkrebs. Im selben Jahr adoptierte die Achtzigjährige einen dreißig Jahre jüngeren Nachbarn, der sich um sie kümmerte.

Vera Brühne starb am 17. April 2001 im Krankenhaus »Rechts der Isar« in München.

Bis heute halten sich sowohl gravierende Zweifel an der Täterschaft von Vera Brühne und Johann Ferbach als auch Verschwörungstheorien, die sich um angebliche Geheimdienstkontakte und Waffengeschäfte von Otto Praun ranken.

© Dieter Wunderlich 2007 / 2008

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Justizirrtümer: Fehlurteile in Mordprozessen



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