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Germaine de Staël

Madame de Staël, 1766 – 1817 / Biografie


 


Anne Louise Germaine Necker wurde am 22. April 1766 in Paris als einziges Kind des erfolgreichen, aus Genf stammenden Bankiers Jacques Necker (1732 – 1804) und der seit 1764 mit ihm verheirateten Schweizer Pastorentochter Suzanne Curchod (1739 – 1794) geboren. Schon als Kind saß Germaine jeden Freitag kerzengerade auf einem Schemel neben ihrer Mutter, die an diesem jour fixe in ihrem Salon mit bedeutenden Persönlichkeiten des kulturellen Lebens wie Denis Diderot und Edward Gibbon die Kunst der hochgeistigen Konversation pflegte. Als das intelligente, ohne Spielgefährtinnen aufgewachsene Kind elf Jahre alt war, nahm Suzanne Necker es zu Racine-Aufführungen mit ins Theater. Mit ihren übertriebenen Ansprüchen überforderte sie Germaine: Das Mädchen erlitt mit dreizehn einen Nervenzusammenbruch. Zur Erholung schickte Necker, der 1776 von König Ludwig XVI. zum französischen Finanzminister ernannt worden war, seine Tochter im Sommer 1779 auf sein Landgut in Saint-Ouen bei Paris, wo er sie häufig besuchte und sich in ihrer Anbetung sonnte.

Immer wieder wurde gerätselt, wie eine Tagebuch-Eintragung der Neunzehnjährigen vom 31. Juli 1785 über ihr Verhältnis zum Vater zu verstehen sei: »Warum entdecke ich manchmal Fehler in seinem Charakter, die für unsere zarte, innige Vertrautheit schädlich sind? Sicher deshalb, weil er möchte, dass ich ihn wie einen Liebhaber liebe, während er wie ein Vater zu mir spricht; weil ich möchte, dass er eifersüchtig wie ein Liebhaber sei, während ich mich wie eine Tochter gebe.« – Germaine vergötterte ihren Vater, aber aus den exaltierten Äußerungen lässt sich nicht auf eine inzestuöse Beziehung schließen.

Obwohl der eitle, seine Fähigkeiten überschätzende Jacques Necker am 19. Mai 1781 gestürzt wurde, galt Germaine aufgrund seines ernormen Vermögens weiterhin als eine ausgesprochen »gute Partie«. Suzanne Necker nahm sich 1783 vor, ihre Tochter mit William Pitt dem Jüngeren – dem späteren Premierminister Großbritanniens – zu verheiraten, aber daraus wurde nichts. 1778 hatte der verschuldete Baron Eric Magnus de Staël von Holstein erstmals um die Hand der damals Zwölfjährigen angehalten. De Staël, das achte Kind eines schwedischen Kavalleriehauptmanns, hatte vom dreizehnten Lebensjahr beim Militär gedient, war 1776 nach Paris gegangen und zum Attaché der schwedischen Botschaft ernannt worden. Doch erst, als König Gustav III. den Baron zum schwedischen Gesandten ernannte, akzeptierten ihn Jacques und Suzanne Necker als Bewerber. Im Juli 1785 stellte de Staël sich Germaine vor, und am 14. Januar 1786 wurde die Neunzehnjährige in der protestantischen Kapelle der schwedischen Botschaft in Paris mit dem siebzehn Jahre älteren Bräutigam getraut.

Liebe spielte dabei keine Rolle; wichtiger war es für Germaine de Staël, dass sie sich von ihrer Mutter befreite und ihr Ehemann sie am Königshof in Versailles einführte. Von ehelicher Treue und herkömmlichen Moralvorstellungen hielt sie ohnehin nicht viel. Immerhin soll Eric Magnus de Staël der Vater ihres ersten Kindes gewesen sein, einer am 31. Juli 1787 geborenen Tochter, die nur bis zum 8. August 1789 lebte.

An Männern, die Madame de Staël umschwärmten, war kein Mangel, und einige von ihnen ließen sich von der Egomanin tyrannisieren. Indem Germaine ihre Gunst nie einem ihrer Verehrer allein schenkte, stellte sie deren Eitelkeit auf eine harte Probe. Dabei konnte sie die Blicke der Männer weder mit einem hübschen Gesicht noch mit einem wohlgeformten Körper auf sich lenken; ihre besondere Attraktivität ließ sich erst bei klugen Gesprächen über Politik erkennen, einem damals eigentlich Männern vorbehaltenen Thema. Bücher von Dieter Wunderlich Sie war eine Virtuosin der Konversation. Widersprach ihr allerdings jemand, zeigte sich Germaine de Staël auch von einer unangenehmen Seite: Dann ließ sie sich zu maliziösen Bemerkungen hinreißen und demonstrierte auf diese Weise ihre geistige Überlegenheit. Als der Engländer Henry Crabb Robinson behauptete, sie würde Johann Wolfgang von Goethe nicht begreifen, erwiderte sie mit hochgezogenen Augenbrauen: »Ich verstehe alles, was verdient, verstanden zu werden; was ich nicht verstehe, bedeutet auch nichts.« Tatsächlich fehlte ihr jedes Verständnis für Phänomene, die sich nicht intellektuell erfassen ließen, beispielsweise Musik. Trotz ihres Mangels an Selbstkritik und ihrer Überheblichkeit verfügte Germaine de Staël über Charisma. »Sie ist eine erstaunliche Frau«, meinte eine Zeitzeugin. »Sie erweckt Empfindungen, die sich vollkomnen von den Gefühlen unterscheiden, die irgendeine andere Frau wachzurufen imstande ist. Worte wie Sanftmut, Grazie, Bescheidenheit, Gefälligkeit, Haltung, Manieren kann man nicht gebrauchen, wenn man von ihr spricht; aber man wird mitgerissen und unterliegt der Macht ihres Genies [...] Es ist ein Feuer, das erhellt und manchmal blendet, das einen aber unmöglich kalt und gleichgültig lassen kann. Ihr Verstand ist zu überlegen, als dass andere daneben ihren Wert zur Geltung bringen könnten, und es gelingt niemand, neben ihr zu wirken, als ob auch er Verstand hätte. Wo immer sie hingeht, verwandeln sich die meisten Menschen in Zuschauer.«

Durch ihre Beziehungen erreichte Germaine de Staël, dass König Ludwig XVI. ihren Vater im September 1788 nach Versailles zurückrief und mit der Führung der Regierung beauftragte. Von dem gewieftem Bankier erhoffte man sich die Abwendung des Staatsbankrotts. Jacques Necker fiel jedoch nichts anderes ein, als die Generalstände, die am 5. Mai 1789 erstmals seit 1614 wieder zusammentraten, zur Bewilligung neuer Steuern aufzufordern. Die 1200 Delegierten wollten zuerst einmal entscheiden, ob sie nach Köpfen oder nach Ständen getrennt abstimmen sollten. Weil Necker in dieser zentralen Frage mehrmals seine Meinung änderte, verärgerte er den König und die Abgeordneten gleichermaßen. Die Situation geriet außer Kontrolle: Am 17. Juni 1789 konstituierte sich der »Dritte Stand« als Nationalversammlung, und deren Mitglieder schworen zwei Tage später, bis zur Verabschiedung einer Verfassung zusammenzubleiben. Damit begann die Französische Revolution, die zunächst darauf abzielte, das absolutistische Regime durch eine konstitutionelle Monarchie zu ersetzen.

Jacques Necker richtete sich nach seiner Demissionierung im Herbst 1790 mit seiner Frau in dem sechs Jahre zuvor erworbenen Schloss Coppet am Genfer See ein. Ihre Tochter, die am 31. August einen Sohn zur Welt gebracht hatte, der den Namen August erhielt, blieb allerdings – nicht zuletzt wegen ihrer Liebschaften – in Paris. Seit über einem Jahr war sie mit Louis Vicomte de Narbonne-Lara zusammen. Der hatte sich von seiner deutlich älteren Mätresse Elisabeth Gräfin von Montmorency-Laval getrennt, um die Ehefrau des schwedischen Botschafters erobern zu können, aber Germaine de Staël verteilte ihre Liebe auf ihn und Mathieu de Montmorency-Laval, bei dem es sich pikanterweise um den Sohn der brüskierten Gräfin handelte.

Louis de Narbonne wurde im Dezember 1791 zum Kriegsminister ernannt, aber er hielt sich nur wenige Monate im Amt: Am 9. März 1792 musste er zurücktreten. Dabei hatte seine Geliebte gerade noch dafür plädiert, ihn zum Außenminister zu ernennen.

Zur gleichen Zeit befand sich Baron de Staël auf dem Weg nach Schweden. Am 16. März, wenige Tage nach seiner Ankunft in Stockholm, wurde König Gustav III. bei einem Maskenball in der Oper von Johann Jakob Graf Anckarström durch Schüsse niedergestreckt. (Die Oper »Ein Maskenball« von Giuseppe Verdi handelt davon.) Der Monarch erlag dreizehn Tage später seinen Verletzungen. Ob de Staël mit den Attentätern konspiriert hatte, wissen wir nicht.

Germaine de Staël hatte sich anfangs für die Revolution begeistert. Als die Jakobiner immer radikalere Töne anschlugen und die Todesurteile sich häuften, änderte sie ihre Meinung und drängte das seit einem gescheiterten Fluchtversuch in den Tuilerien arrestierte Königspaar im Juli 1792, mit ihrer Unterstützung einen neuen Versuch zu wagen. Marie Antoinette wollte jedoch mit der Befürworterin einer konstitutionellen Verfassung nichts zu tun haben und schlug das Hilfsangebot aus.

Während das Königspaar nicht mehr zu retten war, brachte sich Germaine de Staël Anfang September 1792 bei ihren Eltern in Coppet in Sicherheit. Dort kam sie am 20. November mit ihrem Sohn Albert nieder. Ihr Ehemann, den sie seit seiner Abreise nach Stockholm im Februar 1792 nicht mehr gesehen hatte, traf sich im Juni 1793 in Bern mit ihr – kurz nachdem sie von einem Besuch bei dem mit ihrer Hilfe nach England emigrierten Grafen von Narbonne zurückgekehrt war.

Zu diesem Zeitpunkt war König Ludwig XVI. bereits tot: Die Revolutionäre hatten ihn am 21. Januar 1793 geköpft, und seiner Witwe drohte das gleiche Schicksal. Empört protestierte Germaine de Staël in ihrer anonymen Streitschrift »Reflexionen über den Prozess der Königin« gegen die Terrorherrschaft der Jakobiner und rief vor allem die Frauen zum Widerstand auf: »Frauen aller Länder, aller Klassen, hört und seid bewegt wie ich!« – Dass Marie Antoinette am 16. Oktober ebenfalls guillotiniert wurde, konnte sie allerdings nicht verhindern.

Anfang Mai 1794 fuhr Germaine de Staël nach Lausanne, wo ihre Mutter im Sterben lag: Am 15. Mai verschied die Fünfundfünfzigjährige. Der Witwer ließ in Coppet ein Mausoleum errichten, und nach der Fertigstellung wurde der drei Monate lang aufgebahrte Leichnam in eine mit Alkohol gefüllte Marmorwanne gelegt – so wie Suzanne Necker sich das gewünscht hatte.

Kurz darauf verließ Germaine de Staël Coppet. In Nyon am Westufer des Genfer Sees holte der von seiner Ehefrau Wilhelmine getrennt lebende Schweizer Publizist und Literat Benjamin Constant de Rebecque (1767 – 1830) sie ein. Weil sich die Achtundzwanzigjährige von seinen Liebesschwüren nicht beeindrucken ließ, schluckte er eine – allerdings nicht tödliche – Dosis Opium und brachte sie mit diesem Suizidversuch dazu, sich ihm zuzuwenden. Es war der Beginn einer langjährigen, konfliktreichen Liebesbeziehung.

Als Eric Magnus de Staël nach dem Ende der jakobinischen Schreckensherrschaft am 22. April 1795 erneut als schwedischer Gesandter in Paris akkreditiert wurde, beschloss seine Frau, nach Paris zurückzukehren. Während sie wieder in die Botschaft zog, mietete Benjamin Constant eine Wohnung in der Nähe. Das hielt Germaine nicht davon ab, dem Kavallerieoffizier François de Pange nachzustellen und von der großen Liebe zu träumen, aber der Tuberkulosekranke hatte nur Augen für seine Cousine Anne-Marie de Sérilly, die er denn auch Anfang 1796 – ein halbes Jahr vor seinem frühen Tod – heiratete.

Im August 1795 geriet Germaine de Staël unter Verdacht, einer royalistischen Verschwörung gegen das neue Regime anzugehören. Sie zog sich daraufhin als Gast ihres Freundes Mathieu de Montmorency-Laval in dessen Schloss Ormesson zurück. Tatsächlich beteiligte sich Germaine nicht an dem Aufstand der Royalisten, den Napoleon Bonaparte im Oktober niederschlug; weil sie jedoch mit einigen Aufrührern befreundet war, musste sie Frankreich Ende des Jahres erneut verlassen.

Eineinhalb Jahre später duldeten die französischen Behörden stillschweigend, dass Germaine de Staël nach Paris kam und dort am 8. Juni 1797 von ihrer Tochter Albertine entbunden wurde.

Im Juli verhalf sie einem ihrer ersten Liebhaber, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, dem exkommunizierten Bischof von Autun, der im Vorjahr aus den USA zurückgekehrt war, zum Amt des französischen Außenministers. Bei einem von Talleyrand veranstalteten Ball am 6. Dezember 1797 begegnete Germaine de Staël erstmals Napoleon persönlich, aber der General ignorierte sie. Trotzdem bewunderte sie den ehrgeizigen Korsen, der mit seinem Staatsstreich vom 9. November 1799 die Auflösung des Direktoriums erzwang und zum mächtigsten Mann Frankreichs aufstieg. Germaine de Staël – die der Literatur in ihrem 1800 veröffentlichten zweibändigen Werk »De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociale« eine bedeutende gesellschaftspolitische Aufgabe zuerkannte – irrte sich, wenn sie glaubte, sie könne Napoleon durch Streitschriften und Salon-Diskussionen beeinflussen; sie verstärkte damit nur seine Abneigung gegen sie. Bei einer letzten persönlichen Begegnung im Dezember 1800 blieb er vor ihr stehen, betrachtete ihr Dekolleté und meinte: »Sie haben gewiss Ihre Kinder selbst gestillt.« Die Unverschämtheit machte selbst Germaine de Staël sprachlos.

Als sie im Frühjahr 1801 ihren Ehemann, von dem sie sich ein Jahr zuvor förmlich getrennt hatte, in Paris besuchte, fand sie einen gelähmten, sabbernden und dementen Greis vor. In der Absicht, ihn nach Coppet zu bringen, reiste sie im folgenden Frühjahr mit ihm aus Paris ab, doch er starb unterwegs in Poligny. Weil es einer Frau nicht erlaubt war, für ihre Kinder einzustehen, bat die Witwe Mathieu de Montmorency-Laval, die Vormundschaft für August, Albert und Albertine zu übernehmen.

Mit ihm, August und Albertine bezog sie im September 1803 ein Landhaus nordöstlich von Paris, während Albert in einem Pensionat in Genf blieb. Aber schon nach kurzer Zeit musste die Autorin des gesellschaftskritischen Romans »Delphine« Frankreich wieder verlassen. Sie reiste mit Benjamin Constant, ihrer Tochter und ihrem ältesten Sohn über Metz und Frankfurt am Main nach Weimar, wo sie am 13. Dezember eintrafen. Am nächsten Tag stellte sie sich im Palast des Herzogs vor. Weil Germaine de Staël der Herzogin Luise wider Erwarten gefiel, wurde Friedrich Schiller dazu angehalten, der Besucherin seine Aufwartung zu machen, und Johann Wolfgang von Goethe, der sich nach Jena abgesetzt hatte, musste nach Weimar zurückkommen. An Weihnachten sahen er und Germaine de Staël sich zum ersten Mal, aber nach zwei oder drei weiteren Begegnungen entschuldigte sich der Dichterfürst drei Wochen lang mit einer Erkältung. Danach verbesserte sich seine Meinung über die selbstbewusste Schriftstellerin.

Nach einem Aufenthalt in Leipzig Anfang März fuhr Germaine de Staël nach Berlin weiter, wo sie Johann Gottlieb Fichte und Rahel Varnhagen kennen lernte, am 10. März zu einem anlässlich des 28. Geburtstags von Königin Luise veranstalteten Ball eingeladen wurde und vier Tage später bei einem Kostümfest am Tisch der Königin saß. Währenddessen reiste Benjamin Constant nach Lausanne. Als Jacques Necker am 9. April 1804 in Coppet starb, kehrte er jedoch gleich wieder um und wartete in Weimar auf seine Gefährtin, um ihr die Nachricht vom Tod ihres Vaters zu überbringen. Johann Wolfgang von Goethe und Herzog Karl August kondolierten Germaine de Staël persönlich.

August Wilhelm Schlegel, dessen Ehe im Vorjahr geschieden worden war, begleitete Germaine de Staël nach Coppet und wich nicht mehr von ihrer Seite, obwohl sie ihn nicht besonders liebevoll behandelte. Während sich auch sein Bruder Friedrich sechs Wochen lang in Coppet aufhielt, versicherte August Wilhelm Schlegel seiner ein Jahr älteren Angebeteten am 18. Oktober schriftlich, sie könne über ihn wie über einen Sklaven verfügen: »Hiermit erkläre ich, dass Sie jedes Recht auf mich haben und ich keines auf Sie. Verfügen Sie über meine Person und mein Leben, befehlen und verbieten Sie – ich werde Ihnen in allen Stücken gehorchen.«

Im Dezember brachen Germaine de Staël und Schlegel nach Italien auf. In Mailand, wo sie sich drei Wochen aufhielten, schloss sich ihnen Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi an, ein verklemmter Pastorensohn aus Genf, der Madame de Staël ebenso leidenschaftlich ergeben war wie Schlegel. In Rom und Neapel hatte die Achtunddreißigjährige eine dreiwöchige Affäre mit Pedro de Sousa e Holstein, einem fünfzehn Jahre jüngeren Aristokraten, der von den Zwanzigerjahren an eine führende Rolle in der portugiesischen Politik spielen und zum Herzog von Palmella erhoben werden sollte. Auf der Rückreise wurde Germaine de Staël in Mailand – wo sich Napoleon, der seit 2. Dezember 1804 eine Kaiserkrone trug, am 26. Mai 1805 die eiserne Krone der Langobarden aufgesetzt hatte – von Kaiserin Joséphine empfangen, aber ihre Hoffnung auf ein Ende der Verbannung erfüllte sich nicht.

Benjamin Constant, der 1800 einer vier Jahre älteren Irin mit zwei unehelichen Kindern einen Heiratsantrag gemacht hatte, dann aber doch bei Germaine de Staël geblieben war, nutzte deren Abwesenheit in Italien für einen neuen Versuch, von ihr loszukommen und traf sich in Paris sowohl mit Anna Lindsay als auch mit Charlotte du Tertre, einer mit einem französischen General verheirateten Deutschen. Nachdem jedoch Germaine de Staël im Juni 1805 nach Coppet zurückgekehrt war, eilte er wieder zu ihr und brachte Prosper de Barante mit, den vierundzwanzigjährigen Sohn des Präfekten des Departements Léman, der für Germaine de Staël schwärmte, obwohl er damit seine politische Karriere aufs Spiel setzte, denn Napoleon ließ seine Kritikerin bespitzeln und wusste deshalb auch über ihre Verehrer Bescheid.

Während Napoleon dabei war, Europa zu erobern, reiste Germaine de Staël trotz des Verbots im April 1806 mit Schlegel, ihrem Sohn Albert und ihrer Tochter Albertine nach Frankreich. Constant folgte ihr im Juni widerstrebend nach Auxerre; Prosper de Barante tat es freiwillig. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Rouen wagte sich Germaine de Staël Ende November bis in das Schloss Acosta in Meulan bei Versailles vor, aber im April 1807 schickten die französischen Behörden sie nach Coppet zurück.

Benjamin Constant blieb noch zwei Monate länger in Paris und genoss es, mit Charlotte du Tertre zusammen zu sein, deren Ehemann sich inzwischen mit einer Scheidung einverstanden erklärte hatte. Aber Constant erklärte ihr, er müsse noch einmal zu seiner bisherigen Lebensgefährtin, damit sie ihn freigebe. Mitte Juli traf er wieder in Coppet ein.

Nach der Veröffentlichung ihres emanzipatorischen Romans »Corinne ou l'Italie« fuhr Germaine de Staël Ende November 1807 mit Schlegel, Albert und Albertine nach Wien, wo Kaiser Franz II. von Napoleon gezwungen worden war, am 6. August 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für erloschen zu erklären und seither nur noch den österreichischen Kaisertitel führen durfte. Der Geheimpolizei, die Germaine de Staël observierte, fiel auf, dass die Einundvierzigjährige fast jede Nacht den vierzehn Jahre jüngeren Hauptmann Moritz O'Donnell Graf von Tyrconnel empfing.

Ihren siebzehnjährigen Sohn August hatte Germaine de Staël nicht mitgenommen, denn er sollte sich für die Aufhebung ihrer Verbannung einsetzen und die Rückzahlung der 2 Millionen Francs anmahnen, die ihr Vater in der französischen Staatskasse hatte zurücklassen müssen und die 1793 von den Revolutionären konfisziert worden waren. Napoleon empfing August de Staël am 30. Dezember während eines Aufenthalts in Chambéry, geriet jedoch über das Ansinnen so in Rage, dass er behauptete, Augusts Großvater sei am Sturz Ludwigs XVI. schuld gewesen: »Ich sage Ihnen, dass sogar Robespierre, Marat, Danton Frankreich weniger geschadet haben als Necker.«

Enttäuscht verließ die Mutter des erfolglosen Bittstellers am 22. Mai 1808 Wien und reiste auf dem Umweg über Prag, Dresden, Weimar und Frankfurt am Main nach Coppet zurück.

Dort fand sich auch Benjamin Constant wieder ein, obwohl er und Charlotte am 5. Juni auf dem Landsitz seines Vaters in Brévan bei Dôle von einem Pastor getraut worden waren. Germaine de Staël erfuhr davon erst ein Jahr später. Weil Constant sich im Sommer 1809 mit Germaine in Lyon traf, versuchte Charlotte, sich mit Laudanum das Leben zu nehmen, aber sie wurde gerettet. Ihr Ehemann begleitete Germaine nach Coppet und blieb dort bis zum 19. Oktober. Germaine ließ erst von ihm ab, als er sich während eines weiteren mehrwöchigen Aufenthalts in Coppet nach einigem Feilschen am 21. März 1809 vertraglich verpflichtete, ihr die 80 000 Francs, die er ihr schuldete, testamentarisch zu vermachen.

Um endlich wieder nach Frankreich reisen zu können, kündigte Germaine de Staël Ende 1809 an, sie werde in die Vereinigten Staaten von Amerika auswandern. Tatsächlich erlaubten ihr die französischen Behörden daraufhin, ins Land zu kommen, aber nur, um sich in einem Atlantikhafen nach New York einzuschiffen. Ohne sich den Kopf über die Auflage zu zerbrechen, richtete sich Germaine de Staël Ende April 1810 mit Schlegel, ihren drei Kindern und ihrer ergebenen Bewunderin Fanny Randall in dem Loire-Schloss Chaumont ein.

Inzwischen hatte sie ihre in Deutschland gesammelten Reiseeindrücke zu einem Werk über Sitten, Literatur und Kunst, Philosophie und Ethik, Religion und »Schwärmerei« verarbeitet: »De l'Allemagne« (»Über Deutschland«). In polemischer Absicht stellte sie dem angeblich »kulturlosen« Imperium Napoleons die regional vielfältige Kultur und die geistige Schaffenskraft eines idealisierten Landes der Dichter und Denker gegenüber.

Während sie noch am letzten Band arbeitete, legte ihr Verleger Gabriel-Henri Nicolle der Anfang 1810 von Napoleon eingerichteten Vorzensur den ersten Band vor. Nachdem im August auch der zweite Band das »Bureau de la liberté de la presse« passiert hatte, schickte die Autorin ihre Freundin Juliette Récamier mit einem Brief und Druckfahnen des dritten Bandes zu Napoleon – offenbar in der Erwartung, er werde ihr Buchprojekt absegnen. Doch zur gleichen Zeit forderte der Polizeiminister General Anne Jean Marie René Savary, Herzog von Rovigo, Germaine de Staël auf, sich innerhalb von achtundvierzig Stunden an der Atlantikküste einzufinden, der Polizei das Manuskript und alle Korrekturfahnen zu übergeben und an Bord des nächsten Segelschiffes nach Amerika zu gehen. Savary verbot nicht nur die Veröffentlichung von »De l'Allemagne«, sondern ließ auch die von den ersten beiden Bänden bereits gedruckten 5000 Exemplare einstampfen und die Druckplatten vernichten. Der Verleger Nicolle musste danach Konkurs anmelden. Am 17. Oktober schrieb Napoleon an seinen Polizeiminister: »Ich wünsche von diesem elenden Frauenzimmer und ihrem Buch nichts mehr zu hören.« – Als sich später herausstellte, dass nicht alle Kopien vernichtet worden waren, mussten zwei Präfekte ihren Hut nehmen.

Germaine de Staël, die an den Genfer See zurückgekehrt war, statt sich in die USA einzuschiffen, stand nun unter Hausarrest. Ende 1810 verliebte sich der zweiundzwanzigjährige Kriegsinvalide Albert-Jean-Michel (»John«) Rocca, dem eine Kugel das linke Hüftgelenk zertrümmert hatte, in die doppelt so alte Frau. Nachdem die beiden am 1. Mai 1811 vor einem Pastor sowie Johns Bruder Charles und Fanny Randall als Zeugen feierlich erklärt hatten, heiraten zu wollen, sobald es die Umstände erlaubten, betrachteten sie sich als Paar. Ohne dass Schlegel, August, Albert oder Albertine etwas mitbekamen, gebar Germaine de Staël am 7. April 1812 einen Sohn, der nach knapp einer Woche ebenso heimlich von Fanny Randall in das Dorf Longirod bei Nyon gebracht wurde, wo ihn der vorher eingeweihte Pastor als »Louis Alphonse, Sohn der Henriette geb. Preston und des Theodor Giles aus Boston« ins Taufregister eintrug und Pflegeeltern übergab.

Sechs Wochen später, am 23. Mai, floh Germaine de Staël mit Albertine und ihrem Diener Josef Uginet nach Wien. Schlegel schloss sich ihnen in Bern an; Rocca reiste allein und traf sich auch in Wien nur heimlich mit Germaine, denn er musste befürchten, dass ihn die österreichische Polizei an Frankreich auslieferte und man ihn dort wegen Fahnenflucht bestrafte. Germaine de Staël wollte ihren Propagandafeldzug gegen Napoleon in Wien fortsetzen, aber das verhinderte die österreichische Regierung, die den französischen Kaiser, der inzwischen einen Großteil Europas beherrschte, nicht verärgern wollte. Nach gut zwei Wochen fuhr Germaine de Staël deshalb weiter und wartete in Brünn, bis ihr Schlegel mit einem russischen Einreisevisum nachkam.

Weil Napoleon am 24. Juni mit der »Grande Armée« ebenfalls die russische Grenze überschritten hatte und nach Osten vorrückte [Russland-Feldzug], reisten Germaine, Albert und Albertine, Rocca und Schlegel auf dem Umweg über Kiew und Moskau nach St. Petersburg. Dort wurde die Napoleon-Gegnerin zweimal von Zar Alexander I. empfangen. Mitte September schiffte sich die Reisegruppe in Turku nach Stockholm ein, wo Germaine de Staël mit dem von König Karl XIII. adoptierten früheren Revolutionsgeneral Jean-Baptiste Bernadotte zusammenkam, um den designierten Thronfolger auf das von Alexander I. angestrebte gemeinsame Vorgehen gegen Napoleon einzustimmen. Um seiner geschätzten Besucherin einen Gefallen zu erweisen, verlieh Bernadotte ihrem Sohn Albert de Staël ein schwedisches Offizierspatent und ernannte Schlegel zum Regierungsrat.

Im Mai 1813, kurz nach der Ankunft ihres Sohnes August in Schweden, schiffte sich Germaine de Staël im Mai 1813 mit ihm, Albertine und Rocca nach London ein. Dort wurde sie begeistert empfangen. Königin Charlotte lud sie zu einer Privataudienz ein, und der junge Dichter Byron, der bereits während eines Genf-Aufenthalts im Sommer 1807 häufig zu Madame de Staël nach Coppet gekommen war, suchte bei mehreren Gelegenheiten das Gespräch mit ihr. Der Verleger John Murray erwarb die Rechte an »De l'Allemagne«, ließ das Manuskript ins Englische übersetzen und veröffentlichte es in drei Bänden.

In London erhielt Germaine de Staël aber auch die Nachricht vom Tod ihres zwanzigjährigen Sohnes Albert. Die Ernennung zum schwedischen Kosakenoffizier hatte ihn offenbar um den Verstand gebracht, und nach etlichen Ausschweifungen war er am 12. Juli 1813 in einem Säbelduell bei Doberan von einem Russen getötet worden.

Nachdem Napoleon besiegt, gestürzt und nach Elba gebracht worden war, kehrte Germaine de Staël im Mai 1814 nach Paris und zwei Monate später nach Coppet zurück. Ab Oktober lebte sie mit Albertine, Schlegel und Rocca – der an Tuberkulose erkrankt war – in Paris-Clichy, doch als Napoleon am 26. Februar 1815 Elba verließ, an der Côte d'Azur landete und nach Norden marschierte, um noch einmal die Macht an sich zu reißen, flohen sie nach Coppet und warteten dort, bis die Briten Napoleon nach dessen Niederlage bei Waterloo auf die unwirtliche Insel Sankt Helena im Südatlantik verbannten.

Ende September reiste Germaine de Staël mit Rocca, Schlegel und Albertine nach Italien. In Pisa trafen sie sich mit August de Staël, Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi und Albertines Bräutigam Achille-Charles-Léonce-Victor, Herzog von Broglie. Sie feierten am 15. Februar 1816 in Livorno die zivile und fünf Tage später in Pisa die kirchliche Trauung des dreißigjährigen Bräutigams und der neunzehnjährigen Braut.

Germaine de Staël heiratete mit fünfzig Jahren auch noch einmal: Am 10. Oktober 1816 gab sie ihrem zweiundzwanzig Jahre jüngeren, an Krücken gehenden und tuberkulosekranken Lebensgefährten John Rocca in Coppet das Ja-Wort.

Drei Wochen später fuhr sie wieder nach Paris. Dort taumelte sie am 21. Februar 1817 – zwei Monate vor ihrem 51. Geburtstag – während eines Empfangs bei Élie Herzog von Decazes und Glücksberg auf einer Treppe, wurde aber noch aufgefangen und vor einem Sturz bewahrt. Die Ärzte diagnostizierten einen Gehirnschlag. Neun Tage später brachte Albertine eine Tochter zur Welt, aber Germaine konnte sie nicht besuchen, denn sie war gelähmt. Am 14. Juli erlag sie einem zweiten Gehirnschlag.

Ihr Leichnam wurde nach Coppet überführt. Dort ließ ihr Schwiegersohn im Beisein Schlegels, des Witwers und der Kinder am 28. Juli das 1794 errichtete Mausoleum öffnen, den Sarg neben dem Marmorbecken abstellen, in dem die sterblichen Überreste von Jacques und Suzanne Necker lagen, und das Gebäude anschließend wieder zumauern.

© Dieter Wunderlich 2008

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