Das Gespenst der Freiheit

Das Gespenst der Freiheit

Das Gespenst der Freiheit

Das Gespenst der Freiheit – Originaltitel: Le fantôme de la liberté – Regie: Luis Buñuel – Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière – Kamera: Edmond Richard – Schnitt: Hélène Plemiannikov – Darsteller: Adriana Asti, Julien Bertheau, Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michel Piccoli, Jean Rochefort u.a. – 1974; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Mönche laden eine Sprechstundenhilfe, die auf dem Weg zu ihrem todkranken Vater ist, zu einer Pokerrunde ein. An einer gepflegten Tafel sitzen die großbürger-lichen Gastgeber und ihre Gäste auf WCs und verrichten ihre Notdurft. Um zu essen, zieht man sich allein in einen kleinen Raum zurück und achtet darauf, dass die Türe abgeschlossen bleibt. Ein Ehepaar meldet die Tochter als vermisst, und als das Mädchen protestiert, wird es getadelt, denn ein Kind spricht nicht ungefragt ...
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Kritik

In der Groteske "Das Gespenst der Freiheit" gibt es keine durchgehende Handlung. Stattdessen reiht Luis Buñuel ein Dutzend absurde Episoden aneinander. Auf diese Weise nimmt er gesellschaftliche Konventionen satirisch-spielerisch aufs Korn.
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Vor einem napoleonischen Peloton stehende Spanier rufen vor ihrer Füsilierung: „Nieder mit der Freiheit!“

Die siegreichen Franzosen schänden eine Kirche. Als ein betrunkener Hauptmann versucht, eine lebensgroße Frauenstatue zu küssen, schlägt ihm die daneben stehende Steinfigur auf den Kopf. Weil der Hauptmann sich vorgenommen hat, die Frau in sein Bett zu kriegen, lässt er das zur Statue gehörende Grab öffnen und das Gerippe herausnehmen.

Während ein Kindermädchen diese Geschichten einem anderen auf einer Anlagenbank in einem Pariser Park vorliest, werden ihre Schützlinge Véronique und Valerie auf dem nahen Spielplatz von einem Fremden (Philippe Brigaud) angesprochen.

Am Abend findet Madame Foucauld (Monica Vitti) die Fotos, die der Mann aus dem Park ihrer Tochter Véronique (I. Carrière) zusteckte. Voller Abscheu zeigt sie die Aufnahmen ihrem Mann (Jean-Claude Brialy) und erklärt ihm, das Kindermädchen Françoise habe offenbar nicht ausreichend auf Véronique aufgepasst. Entrüstet werfen sie Françoise hinaus. (Bei den Fotos handelt es sich um harmlose Ansichtskarten mit Abbildungen von Pariser Sehenswürdigkeiten.)

Nachts, als das Ehepaar im Bett liegt, sieht Monsieur Foucauld einen Hahn, eine Frau, einen Briefträger und einen Pfau nacheinander das Schlafzimmer durchqueren. Daraufhin sucht er am nächsten Tag einen Arzt (Jean Champion) auf und erzählt es ihm. Der Mediziner nimmt zunächst an, sein Patient habe die nächtlichen Besucher geträumt, aber M. Foucauld zeigt ihm einen Brief, den ihm der Postbote brachte. Dafür hat der Arzt keine Erklärung.

Als M. Foucauld die Praxis verlassen hat, bittet die Sprechstundenhilfe (Milena Vukotic) um ein paar Tage Urlaub, damit sie ihren todkranken Vater auf dem Land besuchen kann.

Während sie mit dem Auto unterwegs ist, wird sie von der Besatzung eines Panzers angehalten. Der Kommandant (Marc Mazza) erkundigt sich, ob sie Füchse gesehen habe. Aber das ist nicht der Fall.

Sie nimmt sich ein Zimmer in einem Gasthof, in dem auch vier Mönche (Paul Le Person, Bernard Musson u.a.) aus dem Kloster St. Joseph übernachten. Als die Patres erfahren, dass es ihrem Vater schlecht geht, kommen sie spät abends mit einem Tabernakel zu ihr ins Zimmer, beten mit ihr für den Kranken und laden sie dann zu einer Poker-Runde ein. Der Wirt (Paul Frankeur) und einer der Mönche schauen zu.

Währenddessen treffen die letzten Gäste verspätet ein: Ein junger Mann namens François (Pierre-François Pistorio) mit seiner Tante (Hélène Perdrière). Die beiden sind ein heimliches Liebespaar. Nun möchte François die sehr viel ältere Frau endlich einmal nackt sehen. Aber die Tante ziert sich. Da folgt François dem Hutmacher Jean Béarnaise (Michael Lonsdale) aus Nîmes, der alle anderen Pensionsgäste zu einem Umtrunk in sein Zimmer eingeladen hat. Unvermittelt lässt der Hutmacher sich von seiner jungen Begleiterin Edith Rosenblum (Anne-Marie Deschodt) den nackten Hintern auspeitschen. Da gehen die Mönche und die anderen Gäste in ihre Zimmer zurück, nicht ohne sich höflich „für den schönen Abend“ bedankt zu haben. – Die nackt im Bett liegende Tante ist nun endlich bereit, mit ihrem Neffen zu schlafen.

Beim Frühstück am anderen Morgen fragt ein Professor (François Maistre) die Sprechstundenhilfe, ob sie ihn in ihrem Wagen zu der Gendarmerie-Schule mitnehmen könne, in der er unterrichtet.

Vor den Gendarmen spricht er über die Relativität der Gesetze, Sitten und Gebräuche. Unter seinen Zuhörern herrscht ein Kommen und Gehen. Einige Polizisten müssen zu einer Schießübung, andere werden zu einem Verkehrsunfall gerufen, und schließlich explodiert auch noch das Gaswerk.

Am Abend sind der Professor und seine Ehefrau Elisabeth (Jenny Astruc) bei Freunden eingeladen. An einer gepflegten, aber leeren Tafel sitzen sie auf WCs und verrichten ihre Notdurft. Um zu essen, fragt man das Dienstmädchen diskret flüsternd nach dem entsprechenden Zimmer, zieht sich dann allein dorthin zurück und achtet darauf, dass die Türe während der Mahlzeit abgeschlossen bleibt.

Zwei der vom Professor unterrichteten Polizisten halten einen Raser mit glatten Reifen an. Es handelt sich um Richard Legendre (Jean Rochefort). Er muss zum Arzt. Dr. Pasolini (Adolfo Celi) erklärt ihm, seine Laborwerte seien gut, aber ein kleiner Eingriff sei denoch angeraten. Der soll unbedingt schon am nächsten Morgen erfolgen. Erst jetzt erfährt M. Legendre, dass er an Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium erkrankt ist. Er ohrfeigt den Arzt und verlässt die Praxis.

Seiner Frau Brigitte (Pascale Audret) sagt Richard Legendre, alles sei bestens.

Kurz darauf wird das Ehepaar Legendre in die Schule gerufen. Ihre achteinhalb Jahre alte Tochter Aliette (Valerie Blanco) soll verschwunden sein. Während die Schulleiterin (Agnès Capri) den Eltern vor der Klasse aufgeregt die Situation erklärt, steht Aliette auf, geht zu ihrer Mutter und sagt: „Aber ich bin doch hier!“ Ohne darauf einzugehen, tadelt Madame Legendre ihre Tochter: Im Beisein der Direktorin gehört es sich für ein Kind nicht, ungefragt zu sprechen.

Nachdem Monsieur Legendre seine Tochter aufgefordert hat, den Mantel anzuziehen, fährt er mit ihr und seiner Frau zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Der Kommissar (Claude Piéplu) begrüßt es, dass die Vermisste mitgekommen ist, denn das erleichtert ihm die Beschreibung.

Währenddessen fährt ein Mann (Pierre Lary) in die 30. Etage eines Gebäudes, geht an ein Fenster und beginnt, wahllos mit einem Präzisionsgewehr Menschen auf der Straße zu erschießen. Andere Passanten gehen achtlos an den am Boden liegenden Opfern vorbei. Als der Amokläufer jedoch eine Taube trifft, eilt eine Frau sofort hin, um das Tier aufzuheben. Zwei Polizisten entdecken den Mörder. Er wird festgenommen und vor Gericht gestellt. Der Richter (Bernard Verley) verurteilt ihn zum Tode. Danach verlässt der Verurteilte den Gerichtssaal als freier Mann und verteilt Autogramme.

Vierzehn Monate nach Abgabe der Vermisstenanzeige erkundigen sich Richard und Elisabeth Legendre beim Polizeipräfekten (Julien Bertheau) nach dem Stand der Ermittlungen. Weil der Präfekt keine Zeit hat, beauftragt er seine Sekretärin (Jacqueline Rouillard), den besorgten Eltern den Inhalt der Akte über Aliette vorzulesen.

Währenddessen geht der Präfekt in eine Bar. Am Tresen fällt ihm eine Italienerin auf, und er sagt ihr, sie erinnere ihn an seine seit vier Jahren tote Schwester Margarethe. Dann erzählt er Stella (Adriana Asti), wie Margarethe (ebenfalls Adriana Asti) an einem heißen Sommertag nackt am Flügel spielte. Ein paar Tage später starb sie an akuter Miserere.

Der Barkeeper (Philippe Brizard) ruft den Präfekten ans Telefon: Seine Schwester sei am Apparat. Margarethe erwartet ihren Bruder in der Gruft. Er geht nachts zum Friedhof. Aus einem der Särge in der Gruft quillt Frauenhaar, und ein Telefonhörer hängt heraus. Der Präfekt versucht, den Sarg zu öffnen. Aber da wird er von vier Polizisten wegen Grabschändung verhaftet. Der Kommissar erstattet dem amtierenden Präfekten (Michel Piccoli) Bericht und bringt dann den Häftling zum Präfekten.

Die beiden kennen sich und fahren miteinander zum Zoo, wo eine Demonstration stattfindet. Sie geben das Zeichen zum Angriff der Polizei und fordern die Beamten zu hartem Durchgreifen auf. Ein Strauß scheint sich über das Getümmel zu wundern.

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In der unterhaltsamen Groteske „Das Gespenst der Freiheit“ gibt es keine durchgehende Handlung. Stattdessen reiht Luis Buñuel ein Dutzend absurde Episoden aneinander, in denen er jeweils ein Element ins Gegenteil des Gewohnten verdreht. Auf diese Weise nimmt er gesellschaftliche Konventionen satirisch-spielerisch aufs Korn. Die Verkettung der Einzelteile geschieht durch Figuren, die in mindestens zwei aufeinander folgenden Episoden eine Rolle spielen.

Deutsche Synchronsprecher in „Das Gespenst der Freiheit“: Lothar Blumhagen (Monsieur Foucauld), Renate Küster (Madame Foucauld), Renate Danz (Sprechstundenhilfe), Mathias Einert (François), Tilly Lauenstein (François‘ Tante), Peter Schiff (Pater Gabriel), Helmut Heyne (Pater Raphaël), Klaus Sonnenschein (Wirt), Klaus Miedel (Professor in der Gendarmerie-Schule), Siegfried Schürenberg (Polizeipräfekt, gespielt von Julien Bertheau), Claus Biederstaedt (Polizeipräfekt, gespielt von Michel Piccoli), Stefan Wigger (Monsieur Legendre), Gottfried Kramer (Dr. Pasoli), Martin Hirthe (Kommissar), Ilse Pagé (Stella / Margarethe).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

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