Jasmin

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Jasmin

Originaltitel: Jasmin. Geschichte einer Depression – Regie: Jan Fehse – Drehbuch: Christian Lyra – Kamera: Jan Fehse – Schnitt: Ulrike Tortora – Musik: Andreas Helmle – Darsteller: Anne Schäfer, Wiebke Puls – 2011; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Jasmin befindet sich in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Die junge Frau hat ihre kleine Tochter getötet und sich dann auch selbst das Leben nehmen wollen. Die als Gutachterin bestellte Psychiaterin Dr. Feldt sitzt ihr nun in mehreren Gesprächen gegenüber und versucht, den Charakter und die Motive der Mörderin einzuschätzen. Jasmin behauptet, sich nicht an die Tat erinnern zu können, beginnt aber, von ihrer Kindheit und Jugend, ihren Beziehungen und der Schwangerschaft zu berichten ...
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Kritik

"Jasmin" ist ein ebenso einfühlsam wie unsentimental inszeniertes Kammerspiel von Jan Fehse. Die von Anne Schäfer facettenreich und differenziert, eindringlich und überzeugend verkörperte Kindsmörderin wird nicht als Monster dargestellt.
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Jasmin (Anne Schäfer) befindet sich in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in München. Die junge Frau hat ihre kleine Tochter getötet und sich dann auch selbst das Leben nehmen wollen. Vor der anstehenden Gerichtsverhandlung erhält die schwangere Psychiaterin Dr. Feldt (Wiebke Puls) den Auftrag, ein Gutachten über Jasmin zu erstellen. Deshalb sitzt sie ihr nun an vier Tagen jeweils für einige Zeit an einem Tisch gegenüber und versucht, den Charakter und die Motive der Mörderin einzuschätzen.

Zunächst behauptet Jasmin, sich nicht an die Tat erinnern zu können. Aber Dr. Feldt fragt sie erst einmal nach ihrer Kindheit. Offenbar verklärt Jasmin ihren Vater, einen Tischler, der schließlich im Sägewerk arbeitete und einem Herzinfarkt erlag, als sie sechs Jahre alt war. Bis dahin hatte Jasmin mit den Eltern im Ehebett geschlafen. Erst danach bekam sie ein eigenes Zimmer. Ihr Verhältnis zur Mutter war und ist ambivalent.

Die Mutter warf sie hinaus, als sie mit 17 den Besuch des Gymnasiums abbrach, um ihren Geliebten, einen acht Jahre älteren Musiker namens Tom auf einer Europa-Tournee mit seiner Band zu begleiten. Tom trank viel und konsumierte Drogen. Als sie einmal zusammen in eine Polizeikontrolle gerieten, steckte er ihr rasch die Drogen zu, die er bei sich hatte. In Paris ertappte sie ihn mit zwei Groupies zugleich im Bett, und er forderte sie auf, sich ebenfalls auszuziehen. Daraufhin trennte sie sich von ihm.

Jasmin begann dann eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Dabei lernte sie Benno kennen. Sie wurden ein Paar und wohnten bei seiner drogensüchtigen Schwester Sabine. Als Jasmin schwanger wurde, drängte Benno sie zur Abtreibung, aber sie gebar das Kind, ein Mädchen, dem sie den Namen Franziska gab. Als die Tochter fünf Monate alt war, wurde Jasmin von ihrem Lebensgefährten verlassen. Eine finanzielle Unterstützung für das Kind von ihm einzuklagen wagte sie nicht, weil er sie mit seinem Wissen über ihren vorübergehenden Drogenbesitz erpresste.

Franziska war ein Jahr alt, da verwirklichte Jasmin sich einen Traum und übernahm ein Café, dessen Möbel ihr Vater getischlert hatte. Anfangs nahm sie die Tochter mit, aber als Sabine anbot, auf das Kind aufzupassen, vertraute Jasmin es ihr an – bis Franziska einmal der Magen ausgepumpt werden musste, weil Sabine ihr zu viel Valium gegeben hatte.

Das Café lief nicht gut, und Jasmin wurde von ihren Schulden erdrückt. Weil sie sich keine Wohnung mehr leisten konnte, versöhnte sie sich mit ihrer Mutter und zog zu ihr. Schließlich konnte sie auch die Krankenkassenbeiträge nicht mehr bezahlen und verlor deshalb ihre Ansprüche.

Zur gleichen Zeit wurde bei Franziska ein Sinus-venosus-Defekt diagnostiziert. Immer wieder musste Jasmin mit dem Kind ins Krankenhaus. Dort schämte sie sich, weil sie nicht krankenversichert war. Die Ärzte klärten sie über das Risiko auf, dass Franziska ohne eine Herztransplantation sterben würde.

In dieser Situation fühlte sich Jasmin völlig überfordert.

Erst als sie sich ausmalte, Franziska mit einem Kissen zu ersticken und sich dann selbst zu erhängen, wurde sie ruhig. Im erweiterten Selbstmord sah sie den einzigen Ausweg. Nachdem sie einen Abschiedsbrief an ihre Mutter geschrieben hatte, legte sie sich mit Franziska aufs Bett, streichelte das Kind liebevoll, bis es schlief und erstickte es dann. Anschließend schnitt sie sich die Pulsadern auf und kletterte auf einen Hocker, um sich zu erhängen. Aber sie lebte noch, als ihre Mutter dazukam.

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In dem ebenso einfühlsam wie unsentimental inszenierten Kammerspiel „Jasmin“ sitzen sich eine psychiatrische Gutachterin und eine junge Frau, die ihre kleine Tochter ermordete, an verschiedenen Tagen in mehreren Gesprächen gegenüber. Jasmin ist jeweils grau angezogen und wird farblos ausgeleuchtet. Dr. Feldt trägt das Haar jedes Mal anders, sie ist farbig angezogen, und ihr Gesicht wird vom warmen Fensterlicht gestreift. Jasmin berichtet von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihren Beziehungen, ihrer Tochter und schließlich auch von der Tat. Jan Fehse verzichtet darauf, die Erinnerungen zu visualisieren. Nur zwei oder drei Mal verlassen wir den Raum, in dem die Gespräche stattfinden. Dann sehen wir Jasmin kurz in ihrem Zimmer in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt bzw. auf dem Korridor oder Dr. Feldt an der Haltestelle bzw. in der Trambahn.

Christian Lyra und Jan Fehse stellen die Kindsmörderin nicht als Monster dar, sondern als durchschnittliche junge Frau, die von ihrer aus mehreren Gründen schlimmen Lage überfordert war und keinen Ausweg mehr sah. Nachdem sie ihre Tochter getötet hat, muss sie mit Scham und Schuld, Schmerz und Trauer leben.

Das ergibt sich aus Dialogen, kleinen Gesten und der Mimik der von Anne Schäfer facettenreich und differenziert, eindringlich und überzeugend dargestellten Hauptfigur.

Wiebke Puls spielt die weniger dankbare Rolle, aber auch bei ihr merkt man, dass es sich um eine erstklassige Theaterschauspielerin handelt. Man glaubt ihr, dass sie Jasmin ernst nimmt, vorurteilsfrei einschätzt und sie zu verstehen versucht.

Nur mit zwei hervorragenden Theaterschauspielerinnen war es möglich, lange Szenen ohne Unterbrechung zu drehen. Jan Fehse ließ dabei sieben zumeist unbewegte Kameras parallel laufen. Aus diesem Material schnitt Ulrike Tortora den Film.

Eine Musikuntermalung gibt es in „Jasmin“ nur gelegentlich, und auch dann nur in Form eines leisen Grollens.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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