Die große Reise

Die große Reise

Die große Reise

Die große Reise – Originaltitel: Le grand voyage – Regie: Ismaël Ferroukhi – Drehbuch: Ismaël Ferroukhi – Kamera: Katell Dijan – Schnitt: Tina Baz – Musik: Fowzi Guerdjou – Darsteller: Nicolas Cazalé, Mohamed Majd, Jacky Nercessian, Ghina Ognianova, Kamel Belghasi, Atik Mohamed, Malika Mesrar El Hadaoui, Leïla Fadili u.a. - 2004; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der Abiturient Réda lebt mit seinen vor seiner Geburt aus Marokko eingewanderten Eltern und seinem älteren Bruder in Aix-en-Provence. Im Gegensatz zu seinem strenggläubigen Vater unterscheidet Réda sich kaum von anderen Franzosen. Obwohl er in den Prüfungsvorbereitungen steckt, will sein Vater von ihm nach Mekka gefahren werden. Réda wagt es nicht, sich dem Patriarchen zu widersetzen. 5000 Kilometer in einem engen Auto haben die beiden grundverschiedenen Männer vor sich ...
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Kritik

"Die große Reise" ist ein ruhige, eindringliche Mischung aus Roadmovie und Vater-Sohn-Drama. Ismaël Ferroukhi und die beiden Hauptdarsteller halten sich zurück und veranschaulichen die Entwicklung in stillen, einfühlsamen Bildern.
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Réda (Nicolas Cazalé) lebt mit seinen vor seiner Geburt aus Marokko eingewanderten Eltern (Mohamed Majd, Malika Mesrar El Hadaoui) und seinem älteren Bruder Khalid (Kamel Belghazi) in Aix-en-Provence. Nachdem er beim Abitur bereits einmal durchfiel, steht er nun erneut kurz vor den Prüfungen. Dass er mit seiner Mitschülerin Lisa (Roxane Mesquida) befreundet ist, verheimlicht er seinem Vater, denn der traditionsbewusste alte Mann, der am Islam festgehalten hat, will keine Verbindung seiner Söhne mit ungläubigen Französinnen; er hält es für schlimm genug, dass Khalid und Réda an keinen Gott glauben und in ihrer Lebensauffassung von anderen jungen Franzosen kaum zu unterscheiden sind. Der Greis beschließt, der Pflicht jedes Muslims nachzukommen und eine Pilgerreise nach Mekka (Hadsch) zu unternehmen. Weil er nur die arabische Schrift lesen und nicht Autofahren kann, ist er dabei auf seine Söhne angewiesen. Khalid hat seinen Führerschein gerade abgeben müssen, weil er mit Alkohol am Steuer erwischt wurde. Also verlangt der Vater von Réda, dass dieser ihn im Auto seines älteren Bruders von Aix-en-Provence nach Mekka fährt. Réda ist entsetzt, denn er will bei Lisa bleiben und fürchtet, im Gymnasium endgültig zu scheitern, aber er wagt es nicht, dem Vater zu widersprechen. Nur seine Mutter fragt er: „Kann er nicht fliegen wie jeder andere?“ Aber sie schweigt.

Über Mailand fahren die beiden Männer nach Belgrad. Während Réda Blue Jeans, einen weißen Rollkragenpullover und eine Lederjacke trägt, ist sein Vater mit einem abgetragenen Anzug bekleidet, behält auch während der Fahrt die schwarze Pelzmütze auf und lässt die Gebetskette durch die Finger gleiten. Réda möchte Sehenswürdigkeiten besichtigen und bittet um einen wenigstens einstündigen Aufenthalt in Venedig, aber sein Vater treibt ihn vorwärts: Eine Pilgerreise unternimmt man nicht zum Vergnügen! Sie schlafen im Auto oder nehmen sich ein billiges Hotelzimmer. Die meiste Zeit schweigen die beiden grundverschiedenen Männer, die sich nur im Starrsinn gleichen. Das Handy, mit dem Réda mehrmals vergeblich versucht hat, heimlich Lisa anzurufen, wird von seinem Vater unbemerkt in die Mülltonne eines Rastplatzes geworfen.

Obwohl der Vater keine Straßenkarte lesen kann, ist er nicht bereit, seinem Sohn die Entscheidungen über die Fahrtroute zu überlassen. Prompt verfehlen sie auf dem Balkan die Autobahn und setzen die Reise auf Waldwegen fort. Als sie eine schwarz gekleidete Alte (Ghina Ognianova) nach dem Weg fragen, setzt diese sich unaufgefordert in den Fond und deutet geradeaus, ohne ein Wort zu sagen. Sie macht nicht nur Réda Angst, sondern auch seinem Vater, aber der fordert seinen Sohn erst einmal auf, weiterzufahren. In einem Gasthaus, in dem sie eine Kleinigkeit essen, bezahlt Réda ein Zimmer für die Greisin und rennt dann zum Wagen. Sein Vater beruhigt ihn: „Mach langsam. Sie hat schon verstanden.“

In Bulgarien fragt Réda, warum sein Vater nicht nach Mekka fliegen wollte, und der alte Mann erklärt ihm: „Eine Pilgerreise macht man besser zu Fuß als mit dem Pferd, besser mit dem Pferd als mit dem Auto, besser mit dem Auto als mit dem Schiff, besser mit dem Schiff als mit dem Flugzeug.“

Als sie auf einem Gebirgspass im Wagen übernachten, werden sie eingeschneit, und am Morgen ist der Vater krank. Réda bringt ihn in Sofia in ein Krankenhaus, aber der alte Mann lässt sich von seinem Sohn vorzeitig wieder mitnehmen.

Mit den türkischen Grenzbeamten können Réda und sein Vater sich nicht verständigen. Nachdem sie eine Stunde lang auf die Rückgabe ihrer Pässe gewartet haben, steigt Réda aus und wendet sich an einen der Beamten, aber der beachtet ihn nicht. Ein Türke, der dreißig Jahre lang in Lille gelebt hat und Französisch spricht, schickt Réda zurück zum Wagen und verspricht, die Angelegenheit zu regeln. Dafür lässt er sich von Réda und seinem Vater zu seiner Wohnung in Istanbul mitnehmen. Er heißt Mustafa (Jacky Nercessian).

Zu Hause angekommen, überlegt Mustafa es sich anders: Er will sich dem Mekka-Pilger anschließen und setzt sich wieder in den Wagen.

Réda findet Mustafa sympathisch, aber sein Vater misstraut dem Fremden – und sieht seinen Argwohn bestätigt, als er eines Morgens im Hotelzimmer feststellt, dass sein Sohn nach einem nächtlichen Kneipenbesuch mit Mustafa verkatert ist und der Türke mit dem in einer Socke versteckten Geld verschwunden ist. Kurz darauf entdecken sie Mustafa, der unbekümmert auf der Straße geht. Sie zerren ihn zum Polizeirevier und zeigen ihn an, aber die Beamten lassen ihn wieder laufen, weil ihm kein Diebstahl nachgewiesen werden kann.

Um tanken zu können, müssen Réda und sein Vater auf der Weiterfahrt nach Damaskus das für die Rückreise gedachte Geld verwenden, das der alte Mann in einem Gürtel versteckt hat. Hotelzimmer können sie sich nun nicht mehr leisten, und sie ernähren sich ausschließlich von Brot und Eiern. Als der Vater trotzdem einer Bettlerin ein Almosen gibt, lässt Réda ihn wütend stehen und besteigt einen nahen Hügel. Nach einer Weile folgt ihm sein Vater und meint begütigend, sie könnten in Damaskus das Auto verkaufen und ein Rückflugticket für Réda besorgen; den letzten Teil der Pilgerreise werde er schon allein schaffen.

Während der Weiterfahrt lässt der Pilger seinen Sohn anhalten und tauscht bei einem Hirten den Fotoapparat, den Khalid seinem jüngeren Bruder mitgab, gegen ein Schaf ein, damit Réda endlich wieder einmal Fleisch essen kann. Doch als Réda das Tier festhalten soll, damit der Vater es schächten kann, entkommt es.

Zufällig findet Réda in Damaskus unter dem Beifahrersitz die Socke mit dem Geld. Statt seinen Vater darüber aufzuklären, gibt er ihm nur einen Teil der Banknoten und lügt, er habe vom französischen Konsulat ein Darlehen erhalten. An diesem Abend besucht Réda ein Nachtlokal und kommt betrunken mit einer Tänzerin (Leïla Fadili) ins Hotel. Da bricht sein aufgebrachter Vater zu Fuß auf, aber Réda folgt ihm und entschuldigt sich.

Zusammen mit Pilgern aus verschiedenen Ländern erreichen sie Mekka.

Während Réda bei dem am Stadtrand geparkten Auto bleibt, schließt sein Vater sich am nächsten Morgen den Menschenmassen an, die zur Kaaba strömen.

Abends wartet Réda vergeblich auf seinen Vater. Am Morgen fährt er mit dem Bus in die Stadt und sucht nach ihm. In einer Leichenhalle findet er den Toten. Schluchzend wirft er sich neben ihm auf die Knie.

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„Die große Reise“ ist ein ruhige, eindringliche Mischung aus Roadmovie und Vater-Sohn-Drama. Auf einer Pilgerfahrt in einem engen Auto 5000 Kilometer weit unterwegs, müssen ein strenggläubiger Muslim und sein von der westlichen Zivilisation geprägter Sohn miteinander auskommen. Es geht also um einen Generationenkonflikt und zugleich um einen kulturellen Gegensatz. Anfangs erscheint es unklug, dass der Vater autoritär auf seinen patriarchalischen Vorrechten beharrt, aber bald stößt auch der Sohn mit seinem modernen Wissen an Grenzen, und der Ältere gleicht seine mangelnde Schulbildung durch die größere Lebenserfahrung aus. Erst gegen Ende der großen Reise fangen Vater und Sohn an, sich gegenseitig zu respektieren und ihre verschiedene Lebensauffassung zu tolerieren.

Ismaël Ferroukhi ergreift weder für den Sohn noch für den Vater Partei. Er hält sich in seinem Debütfilm „Die große Reise“ klug zurück und konzentriert sich darauf, die psychologische Entwicklung in stillen, einfühlsamen Bildern darzustellen. Die beiden Hauptdarsteller Nicolas Cazalé und Mohamed Majd überzeugen durch ihre ebenso karge wie subtile Gestik und Mimik. Geredet wird ohnehin nicht viel, aber auf diese Weise wirkt sogar ihr Schweigen beredt.

„Die große Reise“ wurde bei den Filmfestspielen 2005 in Venedig als bester Debütfilm ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

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