True Story

True Story

True Story

True Story. Spiel um Macht – Originaltitel: True Story – Regie: Rupert Goold – Drehbuch: Rupert Goold, David Kajganich, nach "True Story" von Michael Finkel – Kamera: Masanobu Takayanagi – Schnitt: Nicolas De Toth – Musik: Marco Beltrami – Darsteller: Jonah Hill, James Franco, Felicity Jones, Connor Kikot, Robert John Burke, Gretchen Mol, Maria Dizzia, Charlotte Driscol u.a. – 2015; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Weil der erfolgreiche Journalist Michael Finkel in einem Artikel von der Wahrheit abgewichen ist, entlässt ihn The New York Times. Bald darauf erfährt er, dass sich jemand bei der Festnahme für ihn ausgab: Christian Longo, der beschuldigt wird, seine Ehefrau und die drei Kinder ermordet zu haben. Eine gute Story witternd, be­sucht Finkel den Häftling. Longo beteuert seine Unschuld, und stellt Finkel Exklusiv­infor­ma­tio­nen für ein Buch zur Ver­fügung ...
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Kritik

Rupert Goold setzt auf ein Psycho­duell statt auf Action. "True Story" dreht sich um den Umgang der Medien mit der Wahrheit. Obwohl Rupert Goold vom Theater kommt, trägt neben guten schauspielerischen Leistungen die Filmsprache maß­geb­lich zum Gelingen bei.
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Ein kleines Mädchen liegt in einem offenen Koffer. Obwohl ein Teddybär neben das Kind fällt, bewegt es sich nicht.

In einer Kirche der mexikanischen Stadt Cancún fragt ein schlanker weißer Amerikaner (James Franco) eine Touristin, wie man eine der Kerzen anzündet. Sie heißt Lena (Auden Thornton). Er stellt sich mit dem Namen Michael Finkel vor und behauptet, für die New York Times zu schreiben.

In Westafrika lässt sich ein korpulenter Journalist der New York Times mit dem Namen Michael Finkel (Jonah Hill) von einem Jungen, der behauptet, Youssouf Malé zu heißen, über dessen Arbeit auf einer westafrikanischen Kakao-Plantage unterrichten und knipst auch ein Foto von ihm.

Am 18. November 2001 erscheint Michael Finkels Artikel unter der Schlagzeile „Is Youssouf Malé A Slave?“ im New York Times Magazine. Es ist seine achte Titel­geschichte in drei Jahren. Als er einige Wochen später zu seinen Chefs Karen Hannen (Gretchen Mol) und Marcus Lickermann (David Pittu) gerufen wird, hofft er noch auf den Pulitzer-Preis. Stattdessen konfrontieren sie ihn mit der Beschwerde eines Kinderhilfswerks über seinen Artikel. Seine Darstellung sei in einigen Punkten falsch, heißt es, und bei dem Jungen auf dem Foto handele es sich nicht um Youssouf Malé. Michael Finkel gesteht, das, was er von fünf Jugendlichen gehört hatte, einem einzigen in den Mund gelegt zu haben, um die Wirkung zu steigern.

Er wird entlassen und kehrt nach Hause zurück, zu seiner Lebensgefährtin Jill Barker (Felicity Jones), in ein abgelegenes Blockhaus bei Bozeman/Montana. Auf der Suche nach einer neuen Anstellung telefoniert er erfolglos herum.

Pat Frato (Ethan Suplee), ein Reporter der Zeitung Oregonian, kontaktiert Michael Finkel und möchte ihn über den Mörder Christian Longo befragen, der sich bei seiner Verhaftung in Mexiko als Michael Finkel, Journalist der New York Times, ausgab. Der echte Michael Finkel hat davon gar nichts mitbekommen. Er googelt den Namen Christian Longo. Der 28-Jährige soll am 16. Dezember 2001 in der Nähe von Newport/Oregon seine Ehefrau Mary Jane (Maria Dizzia) sowie die drei gemeinsamen, zwischen zwei und vier Jahre alten Kinder Madison, Sadie und Zach (Stella Rae Payne, Charlotte Driscoll, Conor Kikot) ermordet haben. Vom 27. Dezember 2001 bis 7. Januar 2002 hatte er ein Hotelzimmer in Cancún. Am 12. Januar 2002 wurde er 130 Kilometer südlich von Cancún, in Tulum, Quintana Roo, verhaftet und zwei Tage später am Houston George Bush Intercontinental Airport den US-Behörden übergeben.

Eine gute Story witternd, schreibt Michael Finkel dem Häftling und besucht ihn dann im Gefängnis.

Christian Longo behauptet, er habe zahlreiche Anfragen von Medien erhalten, wolle aber seine Geschichte exklusiv Michael Finkel anvertrauen, weil er dessen Artikel in der New York Times bewundere. Es geht Christian Longo nicht um Geld, aber Michael Finkel muss sich verpflichten, die Informationen bis zum Abschluss des Gerichtsverfahrens für sich zu behalten und bis dahin versuchen, dem Häftling einen guten Schreibstil beizubringen.

Über Monate hinweg besucht Michael Finkel den Häftling immer wieder. Außerdem schickt Christian Longo ihm Notizen und bis zu 80 Seiten lange Berichte. „Ich bin anständig und unauffällig, in 92,88 Prozent der Zeit“, behauptet der mutmaßliche Mörder.

Er wurde am 23. Januar 1974 in Ypsilanti Township/Michigan als Sohn von Zeugen Jehovas geboren. Sein Spitzname lautete Short Stop (Gegenteil von Long Go). Im Alter von 19 Jahren heiratete er die sechs Jahre ältere Mary Jane Baker. Das Paar bekam drei Kinder. Weil das Einkommen vorne und hinten nicht reichte, stahl und betrog Christian Longo. Die Überschuldung verheimlichte er auch seiner Frau.

Am 19. Dezember 2001 stieß man in einer Bucht in Oregon auf die Leiche des vierjährigen Sohnes Zach. Taucher bargen kurz darauf auch die Leiche der dreijährigen Sadie. Fünf Tage später entdeckte man in zwei im Meer versenkten Koffern die erwürgte Mutter und die ebenfalls tote, zwei Jahre alte Tochter Madison.

Christian Longo beteuert gegenüber Michael Finkel seine Unschuld. Der Journalist erhält von dem Häftling weit mehr Material, als er in einem Zeitungsartikel verarbeiten könnte. Er gewinnt stattdessen den New Yorker Verlag HarperCollins für ein Buchprojekt und erhält einen Vorschuss in Höhe von 250 000 Dollar.


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Die Gerichtsverhandlung im Fall Christian Longo wird von Richter Odenkirk (Byron Jennings) geleitet. Zu Beginn bekennt sich der Angeklagte schuldig am Tod von Mary Jane und Madison, beteuert jedoch, Sadie und Zach nichts getan zu haben.

Nach diesem überraschenden Geständnis droht HarperCollins, den Verlagsvertrag mit Michael Finkel platzen zu lassen, denn das Buch mit dem Arbeitstitel „True Story“ sollte von einem Unschuldigen handeln. Aufgebracht stellt Michael Finkel den Häftling beim nächsten Besuch im Gefängnis zur Rede. Christian Longo behauptet, er müsse jemanden schützen, dürfe jedoch selbst seinem Freund Michael nicht verraten, um wen es sich handelt.

Ein Ermittler namens Greg Ganley (Robert John Burke) wendet sich an Michael Finkel und drängt ihn, Belastungsmaterial gegen den Angeklagten zur Verfügung zu stellen. Der Journalist beruft sich darauf, Christian Longo bis zum Prozessende Verschwiegenheit zugesichert zu haben, aber Greg Ganley vermutet, dass es ihm um die für den Bucherfolg entscheidende Exklusivität der Informationen geht.

Der Angeklagte sagt aus, er habe seiner Frau im Dezember 2001 gestanden, dass sie hoffnungslos überschuldet seien. Als er zwei Tage später von der Arbeit nach Hause kam, brach sie zusammen. Er fand Madison leblos vor und suchte ver­geb­lich nach den beiden anderen Kindern. Was Mary Jane ihnen angetan habe, fragte er, riss seine Frau hoch und drückte sie gegen die Wand. Offenbar hatte sie alle drei Kinder ermordet, aber sie sagte nichts und wehrte sich auch nicht, als er ihr den Hals zudrückte, bis sie erschlaffte. Die zweijährige Tochter atmete noch schwach, aber der Vater glaubte, sie erlösen zu müssen und erwürgte auch sie. Die beiden Leichen brachte er in Koffern zur Bucht und warf sie ins Wasser. Sadie und Zach seien wohl von seiner verzweifelten Frau ermordet worden, fügt Christian Longo hinzu.

Jill Barker besucht ihn unabhängig von ihrem Lebensgefährten. Mit ihrem Smartphone spielt sie dem Häftling, den sie für einen narzisstischen vierfachen Mörder hält, ein paar Takte des Madrigals „Se la mia morte brami“ (Wenn du meinen Tod wünschst) von Carlo Gesualdo vor. Dazu erzählt sie dem Mörder, der Komponist habe 1590 seine Ehefrau Maria d’Avalos erstochen, deren Liebhaber Fabrizio Carafa gezwungen, das blutige Nachthemd anzuziehen und ihn erschossen. Am Ende erschlug er auch noch das Kind.

Die Geschworenen halten Christian Longo des vierfachen Mordes für schuldig, und das Gericht verurteilt ihn 2003 zum Tod. Michael Finkel sitzt im Publikum und ist schockiert, als der Mörder ihm unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu­zwin­kert. Er begreift, dass ihn der Mann, der in den letzten Monaten vermeintlich sein Freund geworden war, belog und manipulierte.

Zwei Jahre später besucht er ihn im Todestrakt. Christian Longo behauptet nun, Mary Jane sei gerade dabei gewesen, Madison mit einem Kissen zu ersticken, als er von der Arbeit nach Hause kam. Daraufhin sei er durchgedreht. Vermutlich habe er tatsächlich seine Frau und die Kinder getötet, aber er könne sich an nichts erinnern. Michael Finkel beschimpft ihn als notorischen Lügner. Maliziös erkundigt Christian Longo sich nach den Verkaufszahlen des Buches „True Story. Murder, Memoir, Mea Culpa“. Ohne Christian Longos Exklusivmaterial hätte er es nicht schreiben können. Der Mörder weist den Autor darauf hin, dass dieser die Möglichkeit gehabt hätte, auf das Buch zu verzichten.

Nach einer Autorenlesung aus „True Story. Murder, Memoir, Mea Culpa“ stellt Michael Finkel sich widerwillig den Fragen der Besucher. Er glaubt, Christian Longo im Publikum zu sehen. Der Mann steht auf und sagt, er habe seine Freiheit verloren. Dann fragt er, was Michael Finkel verloren habe.

Im Abspann lesen wir, dass The New York Times nie wieder etwas von Michael Finkel veröffentlichte, aber eine Reihe von Artikeln, die Christian Longo im Todestrakt verfasste.

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Der Psychothriller „True Story. Spiel um Macht“ – der Debüt-Kinofilm des englischen Theaterleiters und -regisseurs Rupert Goold (* 1972) – basiert auf dem 2005 von Michael Finkel veröffentlichten Buch „True Story. Murder, Memoir, Mea Culpa“ über den vierfachen Mörder Christian Longo.

Es geht um journalistische Verantwortung und den Umgang der Medien mit der Wahrheit, ein vor allem seit den Pegida-Demonstrationen („Lügenpresse“) aktuelles Thema. Zwei narzisstische Männer schließen einen Teufelspakt und versuchen sich gegenseitig zu benutzen. Der eine macht daraus ein „Spiel um Macht“, der andere gerät von einem Dilemma ins nächste: Nachdem es der Journalist bei einem Artikel in der New York Times mit der Wahrheit nicht so genau genommen und deshalb seinen Job verloren hat, verwendet er die Informationen, die er von einem vierfachen Mörder exklusiv bekommen hat, um ein Buch zu schreiben, obwohl er noch vor der Fertigstellung begreift, dass sein vermeintlicher Freund ein notorischer Lügner und Manipulator ist.

Schon der irritierende Anfang von „True Story. Spiel um Macht“ macht neugierig: Zuerst sehen wir einen Teddybären auf ein leblos in einem Koffer liegenden Kind fallen. Dann treten zwei verschiedene Männer auf, der eine in Mexiko, der andere in den USA, die sich als Michael Finkel ausgeben. „True Story. Spiel um Macht“ kommt ohne Action-Szenen aus. Rupert Goold verzichtet darauf, die Morde in Szene zu setzen. Umso spannender ist das kammer­spiel­artige Psychoduell der beiden Hauptfiguren, die von Jonah Hill und James Franco überzeugend verkörpert werden, auch wenn beide harmloser wirken, als man sich einen mörderischen Soziopathen und einen geltungssüchtigen Journalisten vorstellt. Obwohl Rupert Goold vom Theater kommt, trägt vor allem die Bildgestaltung zum Gelingen des Films „True Story. Spiel um Macht“ bei: eindrucksvolle Nah­auf­nah­men, Spiegelungen von Mustern, die Choreografie von Bewegungen sowohl von Personen als auch der Kamera und überlegt gesetzte Schnitte.

Die Dreharbeiten für „True Story. Spiel um Macht“ fanden im Frühjahr 2013 im Staat New York statt, in Garnerville, Bayville, Piermont, Warwick, New York City, in Port Jefferson auf Long Island und in den JC Studios in Brooklyn.

Das Madrigal „Se la mia morte brami“ von Carlo Gesualdo wird von dem italienischen Ensemble Delitiæ Musicæ unter Leitung von Marco Longhini gespielt. Bei der Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll op. 57 („Appassionata“) von Ludwig von Beethoven hören wir Eliska Novotná-Gazdová.

Das Todesurteil für Christian Longo wurde noch nicht vollstreckt. Er sitzt im Oregon State Penitentiary in Salem ein und gehört zu den Betreibern des gemeinnützigen Verlags Prison Lives in Exeter/Kalifornien, der Ratgeber für Häftlinge und deren Angehörige veröffentlicht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

Henry James - Daisy Miller
Henry James stellt v. a. die Haupt­figur Daisy Miller lebendig dar. Er entwickelt die handlungsarme Geschichte chronologisch und löst viel in Dialogen auf. Obwohl Frederick Winterbourne nicht als Ich-Erzähler auftritt, wird alles aus seiner subjektiven Sicht geschildert.
Daisy Miller

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