Pascal Mercier : Das Gewicht der Worte

Das Gewicht der Worte
Das Gewicht der Worte Originalausgabe Carl Hanser Verlag, München 2019 ISBN 978-3-446-26569-1, 573 Seiten ISBN 978-3-446-26667-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 61-jährige polyglotte Witwer Simon Leyland erhält von einem Arzt die Diagnose, er habe nur noch kurz zu leben. Zehn Tage nachdem er deshalb seinen Verlag verkauft hat, stellt sich heraus, dass die Diagnose falsch war. Simon Leyland versucht nun, sich selbst wiederzufinden und sich neu zu orientieren.
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Kritik

Wer beim Lesen Wert auf Tempo, Stringenz und Action legt, wird von dem leisen Roman "Das Gewicht der Worte" enttäuscht sein. Keine der Romanfiguren ist aus Fleisch und Blut. Pascal Mercier scheinen sie in dem langen, ausufernden und redundanten Buch nur als Träger von Gedanken zu interessieren.
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Simon Leyland

Der 61-jährige Brite Simon Curtis Leyland fliegt von Triest nach London. Sein kürzlich verstorbener Onkel Warren Shawn, ein Professor für orientalische Sprachen, hat ihm ein Haus im Wohnviertel Hampstead vererbt.

Als Simon 13 Jahre alt war, verunglückte seine Mutter Lydia Sartorius tödlich. Daraufhin beauftragte sein Vater Ashton Chandler Leyland das aus den Vogesen stammende Au-pair-Mädchen Ménanne Somerfeld, sich um den Jungen zu kümmern. Der verließ vier Jahre nach dem Tod der Mutter Oxford und fuhr mit der Bahn nach London, wo er Arbeit als Nachtportier im Belsize Retreat Hotel fand. Das Gehalt war mager, aber der Job ermöglichte es ihm, seiner Leidenschaft nachzugehen: Simon Leyland lernte Sprachen, darunter Maltesisch und Sardisch. Sein Ziel war es, alle am Mittelmeer gesprochenen Sprachen zu können. Die albanische Sprache beherrschte er schließlich so gut, dass er zwischen den Dialekten Gegisch und Toskisch unterscheiden konnte. Es ist nicht verwunderlich, dass Simon Leyland Übersetzer wurde und zwischendurch als Dolmetscher arbeitete.

Später schreibt er in einem Brief:

Cara –
wenn mich eine Übersetzung gefangennimmt und mich ganz in sich hineinzieht, weg von der Welt, dann vergesse ich alles und blicke nach Stunden erstaunt auf die Uhr: Wo ist die Zeit geblieben? Das ist nicht ein Erlebnis des Verlusts und des Versäumens, es ist glückliches Erstaunen darüber, dass es mir – anstrengungslos – gelungen ist, meine innere, ganz eigene Zeit zu leben und mich vom Diktat der Uhrzeit zu lösen, ein Gefühl der Freiheit. […]
Stets sind es Wörter, die mir helfen, den Bann der Zeitlichkeit zu brechen. […] Poesie verlangsamt die Zeit, hebt sie auf und befreit uns von ihr, sei es die Poesie der Worte in der Literatur oder die Poesie der Töne in der Musik.

Die Begegnung mit Livia Pertot

Vor 31 Jahren fiel ihm eine Frau in der Londoner Tube auf. Vor dem Aussteigen wollte sie ihr Notizbuch einstecken, schob es jedoch versehentlich neben die Handtasche, und es blieb liegen. Simon Leyland brachte es Livia Patrizia Pertot – so hieß sie – nach Aylesbury, wo sie als Journalistin den Gerichtsprozess gegen David Cliburn beobachtete.

Der wegen Mordes Angeklagte hatte seine unheilbar kranke Ehefrau getötet, um ihr weiteres Leiden zu ersparen. Der Richter John Escott verstand, dass David Cliburns Beweggrund Mitleid gewesen war und verurteilte ihn deshalb nur zu einer kurzen Haftstrafe. Jahrzehnte später erinnert sich John Escott im Gespräch mit Simon Leyland daran, was Livia Pertot dazu meinte:

„Natürlich hat Cliburn vorsätzlich getötet, seine Absicht hätte nicht klarer sein können […]. Aber wenn man seine Geschichte kennt, weiß man, man weiß es, dass diese vorsätzliche Tötung kein Mord war, durch den jemand aus dem Weg geräumt oder gerächt werden sollte, sondern eine Hilfe, eine Befreiung, eine Erlösung von Leid und dem Verlust der Würde. Und das ist keine Frage der Auslegung, sondern eine Frage der Tatsachen. Weil es eben die Motive sind, die eine Handlung zu der Handlung machen, die sie ist.“

Zwei Jahre nach der ersten Begegnung heirateten Simon Leyland und Livia Pertot.

Livia Pertot

Livia Pertot war die Enkelin von Alfredo Pertot, der 1900 in Triest einen Verlag gegründet hatte (Alfredo Pertot Editore). Sein gleichnamiger Sohn, der die Verlagsleitung später übernahm, war mit der Wienerin Maria Gasser verheiratet. Deren Tochter Livia studierte in Mailand, Madrid und Paris. Nach der Promotion an der Sorbonne wurde sie Journalistin in London.

Als sie den Verlag vor 24 Jahren von ihrem Vater erbte, zog sie mit ihrem Ehemann Simon Leyland von London nach Triest. Dort leitete sie 13 Jahre lang den Verlag, bis zu ihrem Tod vor elf Jahren.

Der Witwer, der den Verlag weiterführte, schrieb eine ganze Reihe von langen Briefen an die Tote, um mehr über sich selbst herauszufinden.

Eine verheerende Diagnose

Vor zwei Monaten brach Simon Leyland in Triest mit Lähmungserscheinungen zusammen und konnte vorübergehend nicht mehr sprechen. Seine Tochter Sophia, die nach jahrelanger Tätigkeit als Krankenschwester Medizin studierte, bestand auf einer gründlichen Untersuchung. Als Dr. Leonardi das Bild der Tomografie ansah, merkte Simon Leyland, dass der Chefarzt erschrak. Die Diagnose lautete Glioblastom. Das ist ein bösartiger Gehirntumor. Die Lebenserwartung betrage nur noch einige Wochen oder Monate, meinte Dr. Leonardi.

Simon Leyland bot den Verlag der Italienerin Caterina Mizzan an, die ihr Glück kaum fassen konnte. Die Erbin eines Familienunternehmens in Split, die Betriebswirtschaft studiert und mit finanzieller Unterstützung des Vaters eine Buchhandlung in Venedig eröffnet hatte, verkaufte sowohl das Unternehmen als auch die Buchhandlung, um Alfredo Pertot Editore übernehmen zu können.

Zehn Tage nach dem Notartermin stellte sich heraus, dass die 77 Tage zuvor abgegebene Diagnose auf einer Verwechslung in der Radiologie basierte. Auf dem Umschlag, aus dem Dr. Leonardi die Tomografie-Aufnahme zog, stand zwar der Name Simon Leyland, aber es handelte sich um das Ergebnis der Tomografie eines anderen Patienten mit Namen Maximilian Brunner.

In Simon Leylands Gehirn gibt es keinen Tumor. Bei dem verstörenden Anfall handelte es sich um eine besonders heftige Migräne.

Kenneth Burke

Nun bezieht Simon Leyland also das Haus seines Onkels in Hampstead.

Er freundet sich mit dem ebenfalls allein lebenden, mitunter Cello spielenden Nachbarn Kenneth Burke an. Der war früher Apotheker. Weil er Bedürftigen aus Mitleid rezeptpflichtige Medikamente gegeben hatte, wurde er zwar nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, verlor aber seine Approbation.

Andrej Kuzmín

Simon Leyland denkt über sein Leben nach und die Menschen, die ihm begegneten. Er erinnert sich, wie er vor 13 Jahren den Exilrussen Andrej Kuzmín in Triest kennenlernte, während er als Dolmetscher im Gefängnis beschäftigt war. Der Antiquar hatte herausgefunden, dass ihn seine Lebensgefährtin Carla betrog. Es war der Verrat der Frau, die ihm eine Niere verdankte. Seinen Nebenbuhler stieß er über die Treppe hinab, und der Mann brach sich das Genick. Als Andrej Kuzmín wegen guter Führung nach neun Jahren vorzeitig frei kam, beschäftigte ihn der Verleger Simon Leyland als Übersetzer.

Einmal gab ihm Andrej Kuzmín zu bedenken:

Kann man im Ernst darüber nachdenken, ob man ein Komma oder ein Semikolon setzen soll, wenn andere nicht wissen, wo sie schlafen können, ohne zu erfrieren?

Während eines Kurztrips nach Triest besucht Simon Leyland auch seinen Freund Andrej Kuzmín. Der ist verzweifelt, weil sein Vermieter wegzieht und ihm vorsorglich gekündigt hat. Kurz entschlossen, ruft Simon Leyland den Vermieter an, bietet 100.000 Euro mehr als gewünscht, kauft das Haus und lässt Andrej Kuzmín mietfrei weiter dort wohnen.

Lynn und Sean Christie

Simon Leyland will die befreundeten Christies besuchen. Sean Christie ist allein zu Hause. Seine Mutter Lynn liegt wegen eines Beinbruchs im Krankenhaus.

Lynn Christies Vater Adrian gründete in den Dreißigerjahren einen Verlag in Oxford (Adrian Christie Publishing). Anfang der Sechzigerjahre löste ihn Lynn in der Verlagsleitung ab, und seit 20 Jahren führt ihr unehelicher Sohn Sean die Geschäfte.

Er hat seiner Mutter verheimlicht, dass der Verlag vor dem Bankrott steht. Als Simon Leyland das erfährt, überweist er dem Freund eine halbe Million Pfund aus dem Erlös seines Verlags in Triest als Geschenk. Außerdem regt er Kenneth Burke dazu an, die Gestaltung der Buchcover für Adrian Christie Publishing zu übernehmen, denn Steven Baker musste seinen Designer Sean Christie entlassen, um Kosten zu sparen.

Francesca Marchese

Die befreundete Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Francesca Marchese schickt Simon Leyland das Manuskript eines Romans, an dem sie fünf Jahre lang gearbeitet hat. Ob sie es Caterina Mizzan anbieten soll, fragt sie.

Bei der Protagonistin Chiara Palladio handelt es sich um eine reiche Frau, die erfährt, wie schwierig es ist, Leuten mit Geld zu helfen. Es geht um Abhängigkeit und Freiheit, Würde und Selbstachtung, Dankbarkeit und Auflehnung.

Während eines Aufenthalts in Triest fährt Simon Leyland nach Mailand, um mit Francesca Marchese über den Roman zu reden. In Verona steigt Dr. Leonardi ein und setzt sich zufällig zu Simon Leyland ins Abteil. Erst nach einer Weile erkennt der Chefarzt ihn als früheren Patienten – und wundert sich darüber, dass er noch reisen kann, denn er erinnert sich an die Diagnose, ein Glioblastom. Erst jetzt erfährt er von der Verwechslung der Aufnahmen in der Radiologie. Simon Leyland hasst den Mediziner, wegen dessen Schludrigkeit er 77 Tage lang glaubte, sterbenskrank zu sein.

Durch Francesca Marchese lernt er Paolo Michelis kennen, der an einem 1000 Seiten langen Roman mit dem Titel „Cosi fu“ arbeitet. Simon Leyland schickt Caterina Mizzan ein paar Kapitel und bittet sie, das Buch auf seine Kosten drucken zu lassen. Nachdem sie die Probekapitel gelesen hat, teilt sie ihm mit, dass sie den Roman trotz des Umfangs veröffentlichen werde und dafür keine finanzielle Unterstützung benötige.

Francesca Marchese beschließt übrigens nach einiger Zeit, ihren Roman nicht zu veröffentlichen.

Pat Kilroy

In den Jahren in Triest freundete sich Simon Leyland mit Pat Kilroy an, dem irischstämmigen Kellner einer Trattoria.

Pat Kilroy könnte nun die Geschäftsführung eines Hotels in London übernehmen, entscheidet sich aber trotz der großzügigen Konditionen dafür, in Triest zu bleiben. Und Simon Leyland erfährt bei seinem nächsten Besuch in Triest, dass der Freund demnächst Raffaele ablösen wird, den an Krebs erkrankten Patron der Trattoria.

Sophia und Sidney Leyland

Während eines Aufenthalts in Triest erfährt Simon Leyland von seiner Tochter, dass sie zwar ihr Medizinstudium abschließen, aber nicht als Ärztin arbeiten wird.

„Ich will keine Klinik mehr riechen, ich will keine Kranken mehr sehen, und ich ertrage diese eitle, selbstgefällige Clique der Mediziner nicht mehr.“

Nach einer Begegnung mit dem Fotografen Philip Ashcroft spielt Sophia mit dem Gedanken, Fotografin zu werden.

Simon Leylands asthmakranker Sohn Sidney José wurde kürzlich von seiner Lebensgefährtin Elena verlassen. Der junge Jurist zweifelt an der Rechtsprechung und denkt darüber nach, ob er sich nicht wie seine Schwester beruflich umorientieren sollte. Er berichtet von einem Mann namens Enrico Nesta. Der hatte seine Ehefrau nach zehnjährigem unheilbaren Leiden in Triest getötet und wusste aus früheren Gesprächen mit ihr, dass er damit ihrem Wunsch entsprach. Allerdings gab es bei den einfachen Leuten keine Patientenverfügung. Enrico Nesta wurde wegen Mordes verurteilt, und sowohl das Appelationsgericht in Triest als auch der Corte Suprema di Cassazione in Rom bestätigten das Urteil.

„Das heißt doch […], dass die moralische Sensibilität des Einzelnen von den plakativen gesellschaftlichen Konventionen erstickt wird.“

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Wer beim Lesen Wert auf Tempo, Stringenz und Action legt, wird von dem leisen Roman „Das Gewicht der Worte“ enttäuscht sein. Pascal Mercier erzählt von dem Verleger, Übersetzer und Dolmetscher Simon Leyland, der als 61-jähriger Witwer von einem Arzt die Diagnose erhält, er habe nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben. Zehn Tage nachdem er deshalb den von seiner gestorbenen Frau geerbten Verlag verkauft hat, stellt sich heraus, dass die Tomografie-Aufnahme seines Gehirns mit der eines anderen Patienten vertauscht wurde und er gar nicht todkrank ist. Simon Leyland, der ohnehin zur Selbstbespiegelung neigt und in Briefen an seine tote Frau über sich nachdenkt, versucht, sich selbst wiederzufinden und sich neu zu orientieren.

Bei ihm und den Menschen in seinem Umfeld handelt es sich fast ausschließlich um belesene und nachdenkliche Bildungsbürger, Autoren, Übersetzer und Verleger, Antiquare und Buchhändler. Alle diese kosmopolitischen, polyglotten Intellektuellen begeistern sich für Worte und Sprachen. Gemeinsam sind ihnen außerdem Selbstzweifel.

Der Protagonist Simon Leyland wird als ebenso feinsinniger wie sprachgewandter Übersetzer dargestellt. Deshalb verwundert es, dass ihn eine „Wortschöpfung“ seines Sohnes wie „bonbonfarbengrell“ begeistert.

Keine der Romanfiguren in „Das Gewicht der Worte“ ist aus Fleisch und Blut. Den hinter dem Pseudonym Pascal Mercier verborgenen Philosophen Peter Bieri scheinen sie nur als Träger von Gedanken zu interessieren. Und die sind allerdings auch nicht gerade umwerfend.

Wenn jemand etwas sucht, um sich, wie wir sagen, die Zeit zu vertreiben, wenn er also nach einem Zeitvertreib sucht: Wie fahrlässig mir das jetzt vorkommt! Und geradezu unglaublich mutet mich das Bedürfnis an, Zeit totzuschlagen! Killing time! Wenn ich mir Worte vorsage wie: vertane Zeit, verschwendete Zeit, die wir gewöhnlich ohne allzu große Auflehnung sagen, höchstens mit einem milden Ärger, so kommen sie mir jetzt wie Worte vor, die eine Dummheit von enormem Ausmaß benennen. Wasting time: wenn man bedenkt, das waste Müll heißt.

Pascal Mercier hat in den Text lange Briefe des Protagonisten und einige andere Pseudozitate in Kursivschrift eingefügt. Aber sprachliche Unterschiede zwischen den Texten sind keine erkennbar. Und in Simon Leylands Briefen spiegelt sich oft nur das, was Pascal Mercier zuvor in Form von inneren Monologen des Protagonisten dargestellt hat. Das trägt dazu bei, dass „Das Gewicht der Worte“ viel zu lang, ausufernd und redundant geraten ist.

Den Roman „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Markus Hoffmann.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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