Nichts als Gespenster

Nichts als Gespenster

Nichts als Gespenster

Originaltitel: Nichts als Gespenster – Regie: Martin Gypkens – Drehbuch: Martin Gypkens, nach Erzählungen von Judith Hermann – Kamera: Eeva Fleig – Schnitt: Karin Jacobs – Musik: Martin Todsharow – Darsteller: August Diehl, Chiara Schoras, Fritzi Haberlandt, Janek Rieke, Stipe Erceg, Sólveig Arnarsdóttir, Dale Dickey, Valur Freyr Einarsson, Bonnie Hellman, Brigitte Hobmeier, Jack Impellizzeri, Walter Kreye, Karina Plachetka, Christine Schorn, Jessica Schwarz, Maria Simon, Ina Weisse, Wotan Wilke Möhring u.a. – 115; 2007 Minuten

Inhaltsangabe

Bei den Hauptfiguren handelt es sich um Männer und Frauen um die 30. Obwohl sie Freunde haben, fühlen sie sich einsam, ihre Beziehungen sind fragil, und sie haben sich wenig zu sagen. Ihr im Grunde sorgloses Leben langweilt sie, und sie vermissen den Sinn. Dem Ennui versuchen sie durch Reisen zu entkommen, aber sie lernen keine fremden Länder kennen, sondern erfahren etwas über sich selbst ...
mehr erfahren

Kritik

Martin Gypkens greift in seinem handlungsarmen melancholischen Film "Nichts als Gespenster" fünf Erzählungen von Judith Hermann auf. Obwohl die Handlungsstränge sich nicht berühren, entwickelt er sie häppchenweise parallel.
mehr erfahren

Caro (Karina Plachetka) besucht ihre Freundin Ruth (Chiara Schoras), mit der sie sich früher in Berlin eine Wohnung teilte, die jetzt in in einer Provinzstadt wohnt und dort als Theaterschauspielerin tätig ist. In der Kantine lernt Caro Ruths neuen Freund kennen – und verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Raoul (Stipe Erceg) erwidert ihre Gefühle, trennt sich nach ihrer Abreise von Ruth und beginnt ein Verhältnis mit Caro. Deren Schuldgefühle gegenüber Ruth verhindern jedoch, dass mehr als eine Affäre daraus wird.

Die Studentin Marion (Fritzi Haberlandt) fährt an ihrem 30. Geburtstag mit dem Zug nach Venedig und trifft dort am nächsten Tag ihre erlebnishungrigen Eltern (Christine Schorn, Walter Kreye) die am Ende einer längeren Italienreise hier Station gemacht haben und noch in die Alpen wollen. Als Marion allein auf der Rialto-Brücke steht, greift ihr ein dreister Venezianer (Alessio Bobbo) von hinten in die Hose. Entrüstet dreht sie sich um. Da geht er wortlos weg. Am nächsten Tag sieht sie ihn wieder: Während sie mit ihren Eltern in einem Straßencafé sitzt, nimmt er am Nachbartisch Platz. Verstört beobachtet Marion, wie er sie anblickt und masturbiert. Nachdem er sich mit einem Taschentuch abgewischt hat, sagt er „Grazie“ und geht. Kurz darauf verabschiedet Marion sich von ihren Eltern, besteigt – vollbepackt mit Geschenken, die ihre Mutter für Bekannte kaufte – ein Vaporetto und fährt zum Bahnhof.

Jonas (Wotan Wilke Möhring) und Irene (Ina Weisse) fliegen nach Reykjavik und besuchen Irenes isländischen Jugendfreund Magnus (Valur Freyr Einarsson), der dort mit seiner Lebensgefährtin Jonina (Sólveig Arnarsdóttir) und ihrer kleinen Tochter Sunna (Vaka Vigfusdottir) wohnt. Jonina verliebt sich heimlich in Jonas, und es schmerzt sie, als sie ihn und Irene nebenan im Bett stöhnen hört. Jonas genießt den Aufenthalt in Island, aber Irene spürt, dass sein Hochgefühl mit Jonina zu tun hat und gerät mit ihm in Streit.

Christine (Brigitte Hobmeier) besucht ihre Freundin Nora (Jessica Schwarz), die ihrerseits gerade für einige Zeit zu ihrem Freund Kaspar (Janek Rieke) gereist ist, der sich auf Jamaika eingerichtet hat. Kaspar verbirgt nicht, dass er Christine nicht leiden kann und sich durch ihre Anwesenheit gestört fühlt. Ein Hurrikan bedroht Jamaika, aber Kaspar will der Gefahr nicht weichen und die Insel überhaupt nicht mehr verlassen. Und Christine sehnt den Wirbelsturm aus Langeweile herbei. Cat (Jerry Benzwick), der schwarze Hausmeister Kaspars, der sich gerade von seiner Frau Lovy (Aisha Davis) getrennt hat, zeigt unverblümt, dass er die blonde weiße Frau im Bikini begehrt. Nora, der das nicht entgeht, lässt die beiden eines Abends absichtlich allein auf der Veranda. Der Jamaikaner nutzt die Gelegenheit, um Christines Haar durch die Finger gleiten zu lassen und sie zu streicheln. Das erregt sie, aber sie stößt ihn schließlich zurück. Am Abend vor ihrem Rückflug geht sie zu ihm an den Strand, lässt sich von ihm umarmen und küssen. Um vier Uhr morgens holt sie ein Taxi sie ab, das sie zum Flughafen bringen soll. Kaspar und Nora stehen nicht einmal auf, um sich von ihr zu verabschieden.

Felix (August Diehl) und Ellen (Maria Simon) fahren von New York aus zur Westküste der USA und wieder zurück. Sie reden kaum miteinander und fühlen sich einander ausgeliefert. Lustlos hakt Felix Sehenswürdigkeiten wie den Grand Canyon und den Bryce Canyon ab, und schließlich hält er nicht einmal mehr an den ausgeschilderten „Points of View“. Ellen ärgert sich darüber so, dass sie von Los Angeles oder San Francisco aus nach Deutschland zurückfliegen will, aber am Telefon erfährt sie, dass ihr Billigflugticket nicht umgebucht werden kann. – Als Felix und Ellen in der Wüste von Nevada in einem billigen Motel übernachten und bei der Besitzerin Annie (Dale Dickey) am Tresen der Bar stehen, kommen sie mit einem Einheimischen namens Buddy (Jack Impellizzeri) ins Gespräch, der Nevada noch nie verlassen hat, auch nicht weiß, warum er das tun sollte und sich über die Ausländer wundert, die quer durch die USA reisen. Für ihn gibt es kein größeres Glück, als seinem kleinen Sohn Turnschuhe zu kaufen. Inzwischen hat eine Gespensterjägerin (Bonnie Hellman) mit ihren Leuchten, Kameras und Messgeräten das leer stehende Hotel gegenüber untersucht. Sie zeigt Ellen ihre Gespensterfotos, und weil sie noch ein Bild auf dem Film in der Kamera hat, knipst sie mit dem Selbstauslöser sich und die anderen Gäste. Unmittelbar bevor es blitzt, greift Ellen nach Buddys Hand. – Am nächsten Morgen fahren Felix und Ellen weiter.

nach oben

Martin Gypkens erzählt in seinem Film „Nichts als Gespenster“ fünf Geschichten von Judith Hermann: „Ruth (Freundinnen)“, „Acqua Alta“, „Kaltblau“, „Hurrikan (Something farewell)“ und „Nichts als Gespenster“. „Hurrikan“ stammt aus dem Band „Sommerhaus, später“ (1998), die anderen Erzählungen finden wir in der unter dem Titel „Nichts als Gespenster“ (2003) veröffentlichten Zusammenstellung.

Handlungsorte sind eine deutsche Kleinstadt, Venedig, Island, Jamaika und Nevada. Obwohl die Handlungsstränge der fünf Geschichten sich nicht berühren, entwickelt Martin Gypkens sie häppchenweise parallel. Schnitttechnisch ist das gut gelungen. Der Film „Nichts als Gespenster“ beginnt mit fünf Ankünften und endet mit fünf Abreisen. Bei den Hauptfiguren handelt es sich um Männer und Frauen um die dreißig. Obwohl sie Freunde haben, fühlen sie sich einsam, ihre Beziehungen sind fragil, und sie haben sich wenig zu sagen. Ihr im Grunde sorgloses Leben langweilt sie, und sie vermissen den Sinn; sie warten gewissermaßen auf Godot. Dem Ennui, der saturierten Leere versuchen sie durch Reisen zu entkommen, aber sie lernen keine fremden Länder kennen, sondern erfahren etwas über sich selbst, ohne dass etwas Besonderes geschieht.

Gemeinsam ist den fünf Geschichten die melancholische Grundstimmung, das Lebensgefühl einer Generation.

Judith Hermann hat über die Langeweile der schönen jungen Menschen, die nie arbeiten, nie die Welt retten, nie Verantwortung übernehmen oder Kinder erziehen müssen, zwei Erzählungsbände geschrieben, in denen die Langeweile sehr schön zum Ausdruck kommt. Sie findet für den Ennui der Boheme malerische Kulissen, die dem melancholischen und vagen Lebensgefühl entsprechen. Und weil es den Menschen in diesen Erzählungen an so ziemlich allem, nur märchenhafterweise nie an Geld fehlt, übersetzen sie ihre Rastlosigkeit und ihren Weltschmerz in die Sprache des gehobenen internationalen Jetsets. Sie reisen nach Paris und nach Venedig, nach Norwegen und nach Island, sie durchqueren im Mietwagen Amerika und räkeln sich in Jamaika auf den Rohrsesseln eines gepflegten Anwesens.
Das alles ist ein bisschen traurig und unverbindlich, aber auch irgendwie aufregend, eine Übergangszeit in jeder Hinsicht. Die Kindheit ist vorbei, richtig erwachsen ist man aber noch nicht, man wartet und weiß nicht, worauf. Etwas Neues muss kommen, aber statt mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen, zündet man sich eine Zigarette an. Zündet man sich ziemlich viele Zigaretten an. Draußen tobt die Welt, fallen Mauern, sterben Imperien. Hier ist es still, hier ist immerzu blue mood und Fin de Siècle, eine gefällige Leere, die nie aus der Form fällt und den ästhetischen Comment verlässt. (Iris Radisch, Die Zeit, 29. November 2007)

Unterwegs sein: „Nichts als Gespenster“ verhandelt kein Beziehungs-Klimbim, sondern porträtiert Dreißigjährige, die in einer Schleife aus Sehnsucht und Resignation gefangen sind, zwischen Hoffnung auf Erlösung durch Liebe und einer „Angst vor wirklicher Hingabe“. Man hat gelernt, über „Beziehungen“ und „Befindlichkeiten“ zu plaudern, aber die in der Tiefe erschütternden Gefühle kann man weder aussprechen noch leben. Ein Dilemma, das Martin Gypkens über weiteste Strecken souverän sichtbar macht. Er erschafft kraftvolle, schöne, präzis gezeichnete Figuren, wie sie ein deutscher Gegenwartsfilm schon lange nicht mehr zu bieten hatte. (Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 29. November 2007)

Die Besetzung von „Nichts als Gespenster“ ist hervorragend.

Gedreht wurde von März bis Juli 2006 in Leipzig, Brandenburg und Hamburg, Venedig, Island, auf Jamaica sowie in Utah, Arizona und Nevada.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

Martin Gypkens: WIR

Martin Mosebach - Das Blutbuchenfest
Die Kapitel in "Das Blutbuchenfest" wechseln zwischen der archaischen Tragik des in Bosnien spielenden Handlungsstrangs und der Tragikomik des von Martin Mosebach in Frankfurt angesiedelten satirischen Figurenreigens.
Das Blutbuchenfest

Martin Mosebach

Das Blutbuchenfest

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Sommer durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.