Im Schatten von Lissabon

Im Schatten von Lissabon

Im Schatten von Lissabon

Im Schatten von Lissabon - Originaltitel: Lisboa - Regie: Antonio Hernández - Drehbuch: Antonio Hernández, nach einer Vorlage von Enrique Brasó - Kamera: Aitor Mantxola - Schnitt: Santiago Ricci - Musik: Víctor Reyes - Darsteller: Carmen Maura, Sergi López, Federico Luppi, Laia Marull, Antonio Birabent, Saturnino García, Miguel Palenzuela, Antonio Hernández, Vicente Hernán, Jose Miguel Caballero, Gonzalo Durán, Juanjo Bermúdez de Castro u.a. - 1999; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Der portugiesische Handlungsreisende João stellt in spanischen Raststätten Verkaufsständer mit Pornovideos auf. Eines Tages fleht ihn eine elegant gekleidete Spanierin an, sie mit nach Lissabon zu nehmen und gibt keine Ruhe, bis er sich widerstrebend dazu bereit erklärt. Als aus ihrer Handtasche ein schwerer Revolver herausfällt, versucht João, sie wieder loszuwerden ...
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Kritik

"Im Schatten von Lissabon" ist eine schräge und originelle, gegen den Strich gebürstete und sehr unterhaltsame Mischung aus Komödie, Thriller und Roadmovie.


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Der portugiesische Handlungsreisende João (Sergi López) stellt in spanischen Raststätten und Tankstellen Verkaufsständer mit Musikkassetten und Pornovideos auf. Eines Tages fällt ihm während der Autofahrt eine elegant gekleidete Dame (Carmen Maura) auf, die zu Fuß geht, obwohl weit und breit kein Haus zu sehen ist. João hält zwar nicht an, aber an der nächsten Raststätte schaut er aus dem Fenster, bis er sie kommen sieht. Die großbürgerliche Spanierin Mitte vierzig stellt sich neben ihn an die Theke, bestellt einen Espresso und fleht ihn an, sie mit nach Lissabon zu nehmen. Sie heiße Berta, komme aus Madrid, und ihr Auto sei liegen geblieben, behauptet sie. Um sie nicht mitnehmen zu müssen, will er ihr helfen, einen Abschleppdienst anzurufen, aber sie will lieber so rasch wie möglich nach Lissabon. João sträubt sich und erklärt, dass er noch viele Kunden besuchen müsse und ohnehin nur bis zur Grenze fahre. Berta bietet ihm Geld an, und als sie damit keinen Erfolg hat, lockt sie ihn in die Toilette und schließt sich mit ihm in einer Kabine ein. Doch als sie sich während seiner ebenso ungestümen wie ungeschickten Umarmung festzuhalten versucht, reißt sie versehentlich den Spülkasten herunter. Erschrocken läuft sie aus der Toilette. João, der klatschnass geworden ist, sammelt den Inhalt ihrer zu Boden gefallenen Handtasche ein und wundert sich über die wertvolle Halskette und den schweren Revolver. Da zwei Streifenpolizisten vor der Raststätte stehen geblieben sind und den Verkehr beobachten, möchte João kein Aufsehen erregen und nimmt Berta ein Stück mit. Unter einer Autobahnbrücke setzt er sie wieder ab. – Gleich darauf sieht er ihre Handtasche auf dem Beifahrersitz liegen und kehrt wieder um.

Unter dem Vorwand, wegen der Verkaufsabschlüsse auf den Geschäftsführer warten zu müssen, hält João seine seltsame Beifahrerin in einer anderen Raststätte fest, bis ihr von João telefonisch alarmierter Sohn Carlos (Antonio Birabent) mit seinem Motorrad aus Madrid eintrifft. Die Telefonnummer fand João in Bertas Handtasche. Carlos versteht nicht, warum seine Mutter während eines Festes von zu Hause fortgelaufen war. Verzweifelt redet Berta auf ihn ein, er solle zur Familie nach Madrid zurückkehren und sie in Ruhe lassen.

Bald darauf kommen auch noch Bertas Tochter Verónica (Laia Marull) und deren Großvater Aurelio (Miguel Palenzuela) mit einer Limousine. Auch sie bestürmen Berta, nach Hause zu kommen. Verónica glaubt zu durchschauen, dass ihre Mutter nach Lissabon unterwegs sei, um sich dort mit ihrem Geliebten Alvaro Vizeu (Antonio Hernández) zu treffen. Verónica weiß, dass ihre Mutter viermal mit dem verheirateten Geschäftspartner des Familienunternehmens schlief, denn er erzählte es ihr selbst, als sie mit ihm zusammen im Bett war. Berta schüttelt traurig den Kopf: Nein, sie habe nicht vor, Alvarez aufzusuchen, denn der sei am Vortag zusammen mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen. In den Nachrichten wurde darüber berichtet.

Sie erzählt João, dass ihr Mann sich bei einem Immobiliengeschäft verspekuliert habe, obwohl einflussreiche Politiker bestochen worden seien. Das Geld für die Fehlinvestition hatte er sich von Alvarez geliehen, und als dieser die Rückzahlung des Kredits verlangte, habe ihre Familie dafür gesorgt, dass er bei einem Autounfall getötet wurde. Sie übergibt João den Revolver und ein Kuvert mit einem Schließfachschlüssel und einer Adresse in Lissabon. Falls ihr etwas zustoße, soll er zu der angegebenen Adresse fahren. Außerdem schiebt sie unbemerkt eine Kassette in das Abspielgerät in seinem Auto.

Bertas Ehemann José Luis (Federico Lupp) erscheint mit seinem Leibwächter Bruno (Saturnino García).

Da Berta sich zwar weigert, mit zurück nach Madrid zu kommen, aber bereit ist, vor einem Notar auf alle Rechte im Familienunternehmen zu verzichten, fahren sie alle zusammen im Korso zur nächsten Stadt: João und Berta vorneweg, gefolgt von Verónica und Aurelio sowie José Luis und Bruno; Carlos fährt den drei Limousinen auf dem Motorrad hinterher.

Als Berta auf einer Raststätte zur Toilette geht, nutzt João die Gelegenheit, um allein weiterzufahren. Hinter der spanisch-portugiesischen Grenze hält er für eine Pause an und schaltet den Kassettenrekorder ein. Da hört er Alvaro Vizeu, der darüber berichtet, dass er von drei Kriminellen massiv bedroht wurde, weil er das José Luis geliehene Geld zurückgefordert hatte. Er fürchte um sein Leben, sagt er. Deshalb deponierte er Beweise für die kriminellen Machenschaften von José Luis in einem Schließfach in Lissabon und schickte Berta den Schlüssel mit der Adresse. Als João das hört, packt er das Kuvert mit dem Schlüssel und den Revolver in eine Reisetasche und hinterlegt sie bei Vicente (Vicente Hernán), einem seiner Kunden. Dann kehrt er um und flieht mit Berta vor ihren Familienmitgliedern.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd werden sie angehalten und aus dem Auto gezerrt. Als José Luis seine Frau ohrfeigt, protestiert Verónica, und weil er daraufhin auch auf sie losgeht, flüchtet sie sich in Joãos Auto. Um das Gebrüll ihres gegen die Scheiben schlagenden Vaters zu übertönen, schaltet sie den Kassettenrekorder ein – und nun hören alle die Aufnahme von Alvaro Vizeu. Bruno zerschlägt die Seitenscheibe, reißt das Autoradio heraus und zerfetzt das Band. José Luis weiß jetzt, dass in einem Schließfach in Lissabon Belastungsmaterial liegt und verlangt von Berta die Herausgabe des Schlüssels. Wütend durchwühlt er ihre Handtasche. Dann befiehlt er Bruno, João mit einem Knüppel auf die Schienbeine zu schlagen und dessen Wagen zu demolieren. Schließlich verrät João, wohin er das Kuvert mit dem Schlüssel gebracht hat. Alle fahren zu der Raststätte, aber sie ist bereits geschlossen, und sie müssen sich bis zum anderen Morgen gedulden.

Während José Luis mit João nach der Öffnung an der Theke wartet, bis Vicente eintrifft und die Reisetasche holt, stellt der korrupte Unternehmer seinem Opfer als Wiedergutmachung einen Scheck über 3 Millionen Peseten aus. Mit der Tasche in der Hand folgt João dem Spanier zum Auto. Er greift durch den offenen Reißverschluss hinein, umfasst den Griff des Revolvers – und zieht dann doch nur das Kuvert mit dem Schlüssel heraus. Die Reisetasche reicht er Berta, die bereits im Fond des von Bruno gesteuerten Wagens sitzt, durchs offene Seitenfenster. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, steigt José Luis ins Auto, und Bruno gibt Gas.

João blickt der Limousine nach. Plötzlich knallt es, die Heckscheibe spritzt voll Blut, das Fahrzeug schlingert, dann hält es kurz. Bruno und José Luis springen heraus, schauen überrascht nach hinten und fahren dann weiter.

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„Im Schatten von Lissabon“ ist eine schräge, einfallsreiche und unterhaltsame Mischung aus Komödie, Thriller und Roadmovie. Die Begegnung Joãos mit Berta und das Auftreten ihrer Familie wirkt erst einmal skurril und geheimnisvoll, bis allmählich die Zusammenhänge erkennbar werden und das Geschehen sich immer bedrohlicher entwickelt. Eine originelle und gegen den Strich gebürstete Idee ist es, einen eher unbedarften, passiv bleibenden und gewiss nicht heldenhaften portugiesischen Handlungsreisenden in den Mittelpunkt der turbulenten und am Ende tragikomischen Ereignisse zu stellen. Hervorzuheben ist auch die ausgezeichnete Besetzung; vor allem Carmen Maura und Sergi López spielen ihre Rollen sehr überzeugend.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

Elias Canetti - Die Stimmen von Marrakesch
"Auf Reisen nimmt man alles hin, die Empörung bleibt zu Haus. Man schaut, man hört, man ist über das Furchtbare begeistert, weil es neu ist. Gute Reisende sind herzlos."
(Elias Canetti: Die Rufe der Blinden. In: Die Stimmen von Marrakesch)
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