Michèle Desbordes : Die Bitte

Die Bitte

Michèle Desbordes

Die Bitte

Originalausgabe: Le demande Éditions Verdier, Lagrasse 1999 Die Bitte Übersetzung: Barbara Heber-Schärer Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2000 Neuausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012 ISBN: 978-3-8031-1289-7, 115 Seiten, 14.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein greiser italienischer Maler-Bildhauer-Architekt-Ingenieur – bei dem wir an Leonardo da Vinci denken – kommt an die Loire, um die Bauarbeiten an einem Schloss zu überwachen. Der französische König stellt ihm einen Landsitz und eine Dienerin zur Verfügung. Der Herr und die Dienerin reden nicht viel, entwickeln aber eine Beziehung zueinander, die die Magd am Ende zu einer Bitte veranlasst, die als Liebeserklärung zu verstehen ist ...
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Kritik

Die karge Darstellung ist alles andere als bildhaft. Vieles bleibt vage, wenig wird erklärt. Michèle Desbordes' Sprache in "Die Bitte" ist bewusst altertümlich, wirkt manieriert, weist aber auch einen eigenen Rhythmus auf.
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Der greise italienische Maler-Bildhauer-Architekt-Ingenieur reitet im Frühjahr mit vier seiner Schüler in 73 Tagesetappen über Mailand nach Lyon, wo sie im Auftrag des französischen Königs mit frischen Pferden und einem Wagen abgeholt werden. Er ahnt, dass es seine letzte Reise ist und er nicht mehr nach Italien zurückkehren, sondern in der Fremde sterben wird. Der König versprach ihm fürstlichen Lohn und einen Landsitz mit Dienstboten als Gegenleistung für seine Beratung beim Bau eines Schlosses in Romorantin.

[…] er sollte für die Vollkommenheit der Säulen und Kuppeln und der Statuen einstehen, schöner noch als tausend Jahre zuvor die der Gärten Etruriens, sie baten ihn, worum sie nur die Italiener baten, um die Schönheit, und um mehr noch als die Schönheit, um die Gewissheit der Schönheit. Im Tausch für das Haus und den Park und den Bach unten am Hang, im Tausch für ihre Bewunderung und ihr grenzenloses Wohlwollen – und sie waren es, die sich geehrt fühlten, sagten sie – würde er sich Schlösser und Treppen ausdenken, die Fassaden und die Tiefe der Gärten studieren, Gräben, Mühlen, vier an jedem Ende der Stadt, den Verlauf der Flüsse, Verbindungskanäle planen, und wie man mit Schleusen das Niveau des Flusses anheben und die Wassermassen dann ablaufen lassen konnte, er würde Dämme quer durch das Wasser vorsehen und einplanen, dass die Fluten, wo sie über die Dämme stürzten, ihren Bodensatz ablagerten.

Der Greis bringt einen Diener aus Italien mit, aber die meisten anfallenden Arbeiten – Wasserholen, Kochen, Putzen, Waschen – werden von Tassine erledigt, einer etwa 40 oder 45 Jahre alten Bediensteten, die hier bereits seit mehr als 20 Jahren beschäftigt ist. Sie berichtet, was man sich in der Stadt erzählt, aber ansonsten redet sie nicht viel. Der Italiener, der in seine Hefte zeichnet und sich Notizen über alles macht, was er über Himmel und Erde erfährt, schweigt ebenfalls die meiste Zeit.

Er betrachtet sie, wie man betrachtet, was man entdeckt, ohne Gefälligkeit oder besondere Gunst.

Er schaute sie an, wie er eine Unbekannte angeschaut hätte, wandte sich zu ihr um und folgte ihr mit den Augen, wenn sie sich ohne ein Wort entfernte.

Für den Winter ließ er ihr Schnürstiefel anfertigen und bestellte für ihre Röcke eine Elle Barchent, 7 Sols, und dazu, 4 Sols, eine Elle blaues Leinen für zwei Sonntagsmieder. Er fragte sie, ob sie genug Hauben und Kappen hätte, sie sagte, alles sei gut, wie es war, und er solle sich nicht um sie kümmern.

Das zweite Jahr seines Aufenthalts in Frankreich beginnt.

Noch einmal kündigte sich der Sommer an, heiß und ohne Regen, mit nackten Füßen in den Schnürstiefeln, die er ihr geschenkt hatte, setzte sie die Böden unter Wasser, ging mit den Eimern über den Hof und schüttete sie auf den Steinplatten aus, lag später vor den Pfützen auf den Knien, schrubbte, schabte, scheuerte, wenn sie schwankend und halb ohnmächtig wieder aufstand, schob sie mit dem Handgelenk eine Strähne zurück, die ihr in die Schläfe gefallen war, oder hielt sich, Gesicht und Hals in einem nicht enden wollenden Luftholen nach hinten geworfen, mit beiden Händen das Kreuz, ging im nächsten Moment die Eimer wieder füllen […]

Weil es mit den Bauarbeiten nicht vorangeht und die Handwerker sich auch nicht an die Pläne halten, reitet der Maler-Bildhauer-Architekt-Ingenieur mit seinen Schülern nach Romorantin hinüber, um nach dem Rechten zu sehen. Die Magd bleibt mit dem italienischen Diener auf dem Landsitz.

Als die Italiener aus Romorantin zurückkommen, hat die Magd einen Geistesgestörten aufgenommen. Eine Erklärung liefert sie dazu nicht. Vielleicht lebte er zuvor in einem Spital. Jedenfalls gibt sie ihm Suppe zu essen und führt ihn mitunter in den Garten hinaus. Nach einem Monat, genau an dem Tag, an dem der Esel verendet, bringt sie ihn weg.

Eines Nachts, als der Greis wieder nicht schlafen kann und in der Küche sitzt, taucht zwei Stunden vor Tagesanbruch die Dienerin im Nachthemd auf. Sie finde auch keinen Schlaf, sagt sie.

Erschöpft, wie sie war, sei es nicht unmöglich, dass sie als erste gehen würde, sie sage das nicht, um sich zu beklagen oder weil sie ihn hätte verpflichten wollen, sie sei nicht unglücklich hier, und sie habe in dieser Hinsicht nichts zu beklagen, aber nichts sei mehr so wie früher, es sei nötig, dass er das wisse, abends, wenn sie schlafen gehe, und morgens, wenn sie aufstehe, spüre sie zugleich mit der Erschöpfung einen Schmerz in der Brust und die Beine trügen sie nicht mehr, ehrlich gesagt, sehe sie den Moment kommen, wo sie ihm nicht mehr würde dienen können, es falle ihr schwer, so zu reden, sich zu sagen, dass sie ihn enttäuschen würde, sie hoffe, er würde verstehen.

Ja, wenn sie tot sei, sagte sie noch einmal, und ihre Stimme wurde fest, wenn sie tot sei, könnte sie vielleicht noch einmal, ein letztes Mal, zu etwas nutze sein?

Sie weiß, dass er auch Sterbende und sezierte Leichen zeichnet, einige Male auch Frauen, in deren aufgeschnittenem Bauch noch ein ungeborenes Kind liegt. Deshalb äußert sie die Bitte, er möge nach ihrem Tod über ihren Körper verfügen.

Sie gab ihren Körper, bot ihn an, ein letztes Mal würde er studieren, wie eine Frau gemacht war […]

Nachdem sie die ungewöhnliche Bitte vorgebracht hat, reden sie nicht mehr darüber.

Im zweiten Winter kommt ein Fremder vorbei und teilt ihr etwas mit. Danach bittet sie darum, drei Tage frei zu bekommen, um ihren verstorbenen Sohn beerdigen zu können. Sie habe alles vorbereitet, sagt sie, auch das Essen.

Aber sie kommt weder im Dezember noch im Januar zurück. Im Februar reitet der alte Mann los und erkundigt sich nach der Magd. Ein fahrender Schlosser traf sie auf der Straße nach Souvigny. Sie ging zu Fuß mit einem Hund, der ihr zugelaufen war. Später habe er von den Leuten aus Artigny erfahren, berichtet der Handwerker weiter, dass der Hund um Mitternacht bellte und jaulte, bis die Bewohner hingingen und die sterbende Dienerin fanden.

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Leonardo da Vinci lebte von 1516 bis zu seinem Tod am 2. Mai 1519 im Landschloss Cloux (heute: Clos-Lucé) bei Amboise in Frankreich. Obwohl Michèle Desbordes in dem Kurzroman „Die Bitte“ nie den Namen des Protagonisten nennt, den sie als Maler-Bildhauer-Architekt-Ingenieur bezeichnet, ist doch anzunehmen, dass sie dabei an das italienische Genie dachte. Den Namen der zweiten Hauptfigur, einer französischen Dienerin, erwähnt Michèle Desbordes nur ein einziges Mal.

Die denkbar einfache Geschichte handelt zunächst von dem Maler-Bildhauer-Architekt-Ingenieur und seinen Schülern, dann dreht sie sich vor allem um ihn und die Dienerin, die zwar nicht viel reden, aber im Schweigen eine Beziehung miteinander aufbauen. Eine Beziehung, die die Magd am Ende zu einer ungewöhnlichen Bitte veranlasst, die als Liebeserklärung zu verstehen ist.

Dem Schweigen der beiden ungleichen Hauptfiguren entspricht das Fehlen wörtlicher Rede; die wenigen Dialoge werden in indirekter Rede wiedergegeben. Mit Ausnahme der titelgebenden Bitte verzichtet Michèle Desbordes auf besondere Ereignisse, Emotionen und dramaturgische Steigerungen. Die karge Darstellung ist alles andere als bildhaft oder szenisch. Vieles bleibt vage, wenig wird erklärt. Die Sprache ist bewusst altertümlich, wirkt mit ihren langen Schachtelsätzen manieriert, weist aber auch einen eigenen Rhythmus auf.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

 

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