Ein schlichtes Herz

Ein schlichtes Herz

Ein schlichtes Herz

Ein schlichtes Herz – Originaltitel: Un cœur simple – Regie: Marion Laine – Drehbuch: Marion Laine nach der Erzählung "Ein schlichtes Herz" von Gustave Flaubert – Kamera: Guillaume Schiffman – Schnitt: Juliette Welfling – Musik: Cyril Morin – Darsteller: Sandrine Bonnaire, Marina Foïs, Pascal Elbé, Patrick Pineau, Thibault Vinçon, Noémie Lvovsky u.a. – 2008; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Der demütigen Dienstmagd Félicité wird im Lauf der Zeit alles genommen: Der Vater verunglückt tödlich, die Mutter stirbt kurz darauf, die verwaisten Geschwister verlieren sich aus den Augen, der Verlobte lässt sie sitzen, gegenüber den Kindern der Dienstherrin muss sie Distanz wahren, und dann werden sie auch noch von ihrer Mutter ins Internat geschickt; der Neffe fährt zur See und stirbt. Am Ende bleibt ihr nur noch ein ausgestopfter Papagei ...
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Kritik

Sehenswert ist "Ein schlichtes Herz", die Verfilmung einer Erzählung von Gustave Flaubert durch Marion Laine, v.a. wegen der sorgfältig komponierten Bilder, von denen viele wie alte Gemälde wirken.
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Normandie, 19. Jahrhundert. Félicité (Sandrine Bonnaire), eine 18-jährige Waise, wird auf einem Volksfest von einem Mann namens Théodore (Pascal Elbé) zum Tanz aufgefordert. Er verspricht, ihr das Meer zu zeigen, aber auf dem Weg zur Küste geraten sie in einen Wolkenbruch und suchen Zuflucht in einem Heuschober. Dort lässt sich Félicité von Théodore, der ihr inzwischen die Ehe versprochen hat, deflorieren. Bald darauf erfährt sie von einem seiner Freunde (Nicolas Bonnefoy), dass er fortgezogen ist, um eine andere Frau zu heiraten. Als der Überbringer der Nachricht Félicité zu vergewaltigen versucht, reißt sie sich los und rennt durch den Wald.

Bei Mathilde Aubain (Marina Foïs), die mit ihren beiden kleinen Kindern Clémence und Paul in einem abgelegenen Haus wohnt, findet sie eine Anstellung als Dienstmagd. Die verbitterte Witwe sitzt oft stundenlang in einem verstaubten Raum und trauert um ihren Mann. Ihren Kindern hat sie verboten, sie zu umarmen. Und als sie Félicité beim fröhlichen Spiel mit Clémence ertappt, stellt sie klar, dass es die Aufgabe der Dienstmagd sei, zu kochen und zu putzen, nicht aber mit den Kindern herumzutoben. Zur Strafe muss Félicité von da an auch die Wäsche am Fluss waschen.

Bei einem kleinen Ausflug geraten Madame Aubain, Clémence, Paul und Félicité auf die Weide eines Stiers. Félicité fordert ihre Dienstherrin auf, die Kinder in Sicherheit zu bringen, während sie das Tier mit dem Sonnenschirm der Madame ablenkt und riskiert, angegriffen zu werden. Dabei verletzt sie sich am linken Fuß. Statt die Magd für ihren mutigen Einsatz zu loben, meint Madame Aubain am Abend nur, der Fuß sei offenbar nicht gebrochen und man brauche deshalb auch keinen Arzt.

Aufgrund der fehlenden Behandlung hinkt Félicité von da an. Aber sie beklagt sich nicht und verrichtet nach wie vor unermüdlich ihre Arbeit, hilft sogar dem Knecht Liébard (Patrick Pineau) beim Schweineschlachten. Der Witwer macht ihr nach einer Weile einen Heiratsantrag, aber als er Madame Aubain um die Erlaubnis bittet, Félicité zur Frau zu nehmen, weist die Dienstherrin sein Ansinnen brüsk zurück.

Einmal sieht Madame Aubain, wie ihre Tochter in den Armen der Dienstmagd eingeschlafen ist. Da reißt sie Clémence hoch und zerrt sie weg. Félicité beschließt daraufhin, sich eine andere Arbeitsstelle zu suchen, aber Madame Aubain hält sie mit dem Hinweis, dass dies für ihre labile und kränkliche Tochter ein schwerer Verlust wäre, von dem Vorhaben ab.

Bald darauf schickt Madame Aubain ihren Sohn in ein Internat und ihre Tochter gegen deren Willen in eine Klosterschule mit Pensionat. Sie nimmt nun selbst Unterricht bei Frédéric (Thibault Vinçon), dem bisherigen Musiklehrer ihrer Kinder – und schläft mit ihm. Aber als er seine Abreise nach Rouen ankündigt, hält sie ihn nicht zurück.

Wenn Clémence und Paul in den Ferien zu Besuch kommen, muss Félicité „Sie“ zu ihnen sagen.

Durch Zufall trifft Félicité ihre Schwester Nastasie (Noémie Lvovsky) wieder, die sie nach dem Tod der Eltern aus den Augen verloren hatte. Weil Clémence und Paul ihr fehlen, sucht Félicité die Nähe ihres Neffen Victor (Romain Scheiner / Johan Libéreau). Jeden Sonntag bewirtet sie ihn mit dem eigentlich für sie bestimmten Essen – bis er auf einem Schiff anheuert. Monatelang hört Félicité nichts von ihm. Dann erhält sie die Nachricht, dass er in Havanna an Typhus starb. Madame Aubain, die sich bis dahin verächtlich über den Jungen äußerte, zeigt nun erstmals ansatzweise Mitgefühl.

Einige Zeit später stirbt Clémence in der Klosterschule an einer Lungenentzündung.

Paul betäubt sich inzwischen regelmäßig mit Alkohol, seine Mutter nimmt Laudanum.

Als die Familie Larsonnière, die vorübergehend in der Nachbarschaft wohnte, wieder wegzieht, bringt ein Diener den Papagei Loulou. Weil Félicité den exotischen Vogel bestaunte und behauptete, ihre Dienstherrin hätte auch gern so einen, entledigen sich die Larsonnières auf diese Weise des Tieres, das beim Umzug nur lästig wäre. Madame Aubain verzeiht der Magd die Lüge und erlaubt ihr, Loulou zu behalten.

Doch eines Tages verschwindet der Papagei. Vergeblich sucht Félicité nach ihm. Darüber erkrankt sie und verliert ihr Gehör. Erst nach längerer Zeit findet sie Loulou. Er ist tot. Félicité lässt ihn ausstopfen und stellt ihn in ihrer Kammer auf.

Mathilde Aubain stirbt, und das Haus wird leergeräumt.

Félicité findet Unterschlupf in einem verfallenen Gebäude. Von ihrer Erkrankung erholt sie sich nicht mehr, und sie verliert den Verstand. In ihrem Wahn hält sie den ausgestopften Papagei für ihren Liebhaber. Bei der Fronleichnamsprozession will sie ein weißes Kleid tragen und in der Gruppe der Jungfrauen mitgehen. Aber sie ist zu krank, um das Bett zu verlassen.

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Als Vorlage für ihren ersten abendfüllenden Film wählte Marion Laine die Erzählung „Un cœur simple“ von Gustave Flaubert (1821 – 1880) aus dem Jahr 1876 („Ein einfältiges Herz“, Übersetzung: Arthur Schurig, Dresden um 1920; „Ein schlichtes Herz“, Neuübersetzung: Heidi Kirmsse, Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 1998).

Es geht um eine demütige Dienstmagd. Félicité wird im Lauf der Zeit alles genommen: Der Vater verunglückt tödlich, die Mutter stirbt kurz darauf, die verwaisten Geschwister verlieren sich aus den Augen, der Verlobte lässt sie sitzen, gegenüber den Kindern der Dienstherrin muss sie Distanz wahren, und dann werden sie auch noch von ihrer Mutter ins Internat geschickt; der Neffe fährt zur See und stirbt. Aufgrund einer unbehandelten Beinverletzung hinkt Félicité, und schließlich verliert sie ihr Gehör. Am Ende hält die schwer kranke und geistig verwirrte Félicité sich selbst für eine Jungfrau und einen ausgestopften Papagei für ihren Liebsten.

Marion Laine inszeniert die düstere Geschichte mit theaterhaftem Pathos. Männer spielen in „Ein schlichtes Herz“ nur kleine Nebenrollen. Getragen wird der spröde Film von den beiden Hauptdarstellerinnen Sandrine Bonnaire und Marina Foïs. Großartig sind auch die sorgfältig komponierten und ausgeleuchteten Bilder, von denen viele wie alte Gemälde wirken.

Die Kinder Clémence und Paul Aubain werden je nach Lebensalter von Melissa Dima, Louise Orry-Diquéro und Marthe Guerin bzw. Antoine Olivera, Jean Senejoux und Swann Arlaud verkörpert.

Die Erzählung „Ein schlichtes Herz“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger (Übersetzung: E. W. Fischer, Berlin 1998, ISBN 3-929079-18-6) bzw. Nina Kunzendorf (Übersetzung: Arthur Schurig, Regie: Anja Clarissa Gilles, Berlin 2006, ISBN 978-3-86610-027-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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