Der Lockvogel

Der Lockvogel

Der Lockvogel

Der Lockvogel - Originaltitel: L'appât - Regie: Bertrand Tavernier - Drehbuch: Colo Tavernier O'Hagan und Bertrand Tavernier nach einem Roman von Morgan Sportes - Kamera: Alain Choquart - Schnitt: Luce Grunenwaldt - Musik: Philippe Haïm - Darsteller: Marie Gillain, Olivier Sitruk, Bruno Putzulu, Richard Berry, Marie Ravel, Clothilde Courau, Philippe Duclos, Jean-Louis Richard, Jacky Nercessian, Christophe Odent u.a.; 1995; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Eine achtzehnjährige Pariserin spielt den Lockvogel für ihre beiden Freunde, die reiche Männer berauben wollen, bis sie das Startkapitel für die erträumte Gründung einer Ladenkette in den USA zusammen haben. Die Überfälle scheitern zwar, aber die Opfer werden von den Jugendlichen ermordet, damit sie nicht zur Polizei gehen können.
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Kritik

Dem Film "Der Lockvogel" liegt ein authentischer Fall aus den Achtzigerjahren zugrunde. Bertrand Tavernier machte daraus eine bewusst unspektakuläre Studie und zeigt das Geschehen sachlich, unprätenziös und ohne erhobenen Zeigefinger.
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Eric (Olivier Sitruk) lebt mit seiner Freundin Nathalie (Marie Gillain) in einer von deren Mutter (Jeanne Goupil) für sie gemieteten Wohnung in Paris. Der Achtzehnjährige stammt aus einer reichen Familie, aber sein Vater hat ihm das Konto gesperrt, weil er nur herumlungert. Dabei ist Eric durchaus ehrgeizig und träumt davon, in die USA auszuwandern, um dort, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, eine Jeans-Ladenkette aufzubauen. 10 Millionen Francs benötigt er als Anfangskapital; das hat er bereits ausgerechnet. Um an das Geld zu kommen, überredet er seinen nicht besonders klugen Freund Bruno (Bruno Putzulu) Ende 1993 zu Raubzügen. Nathalie, die sich ebenso wie ihre Freundinnen Karine (Marie Ravel) und Patricia (Clothilde Courau) von reichen älteren Männern aushalten lässt und ein umfangreiches Adressbuch von Bekannten führt, soll geeignete Opfer aussuchen.

Sie ruft Laurent (Christophe Odent) an und verabredet sich mit ihm. Er freut sich, dass Nathalie und Patricia ihn von der Diskothek zu seinem Apartment begleiten, aber auch ein Bekannter von ihm will sich dort zu ihnen gesellen und besorgt rasch noch eine Flasche Champagner. Vor seiner Wohnungstür zeigt Laurent stolz auf die neue Überwachungskamera. Da läuft Nathalie unter dem Vorwand, Zigaretten einer bestimmten Sorte kaufen zu wollen, noch einmal auf die Straße und warnt Eric und Bruno, die bereits im Auto warten. Wegen der Umstände verzichten sie lieber auf den geplanten Überfall.

Auch der zweite Versuch schlägt fehl, weil der Mann seinen Wagen unerwartet nicht auf der Straße parkt, sondern in eine Garage fährt und Nathalie deshalb nicht den Code zum Öffnen der Haustüre ausspähen kann.

Als Nächstes trifft Nathalie sich mit dem Anwalt Antoine (Philippe Duclos). Während sie bei ihm klingelt, verstecken Eric und Bruno das Autoradio, damit es nicht gestohlen wird, nehmen ihre Pistolen, die sie nur zur Abschreckung verwenden wollen und dringen dann durch die von Nathalie heimlich geöffnete Tür in die Wohnung des Anwalts ein. Sie fesseln auch Nathalie, damit Antoine nicht merkt, dass sie zu ihnen gehört und bringen sie in einen Nebenraum. Einen Safe entdecken sie nicht, und Antoine beteuert ihnen, es gebe auch keinen. Eric versucht, ihn einzuschüchtern, indem er lügt, er habe das Mädchen nebenan bereits umgebracht. Die beiden jungen Männer schlagen und treten auf den am Boden Liegenden ein, aber er scheint tatsächlich nichts zu besitzen. Sie können Antoine nicht am Leben lassen, überlegt Eric, denn wenn er Nathalie irgendwo sieht und merkt, dass sie nicht tot ist, wird er der Polizei entsprechende Hinweise geben. Bruno übernimmt es, den Anwalt zu erschlagen.

Das vierte Opfer heißt Alain (Richard Berry). Nathalie öffnet die Wohnungstür für Eric und Bruno einen Spalt, aber sie übersieht das Vorhängeschloss, und als die beiden die Tür aufstoßen wollen, gelingt es ihnen nicht. Beim nächsten Mal – wieder in Alains Wohnung – setzen Nathalies Freunde keine Masken mehr auf, sondern Eric spielt zunächst einen eifersüchtigen Geliebten. Alain wird gefesselt. Eloquent redet er auf Eric ein, erzählt ihm von seinem fünfjährigen Sohn, sagt, er könne schon seit drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlen und weist ihn darauf hin, dass sie beide Juden sind. Da er die Gesichter der Täter kennt, muss er sterben, aber Eric bringt es nicht fertig, ihn zu erschießen. Stattdessen hält er Alain fest, während Bruno ihn mit einem Brieföffner ersticht. Mehr als die unter den Weihnachtsbaum liegenden Geschenke erbeuten sie nicht.

Nathalie hält es nicht mehr aus und verrät Karine, was sie getan haben.

In der Boutique von Monsieur Tapiro (Jacky Nercessian), in der Nathalie arbeitet, tauchen zwei Kriminalbeamte auf und nehmen sie zu einer Vernehmung mit. Zunächst heißt es, sie solle nur ein paar Fragen beantworten, aber dann setzt man ihr so lange zu, bis sie verzweifelt beteuert, Antoine und Alain nicht selbst ermordet zu haben und die Namen ihrer Freunde verrät. Nach der Unterzeichnung des Protokolls ihrer Aussage fragt sie infantil, wann man sie wieder freilassen werde, sie wolle nämlich das Weihnachtsfest mit ihrem Vater verbringen.

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1984 mussten sich drei völlig unauffällige Jugendliche wegen zwei Raubmorden vor Gericht verantworten. Dieser authentische Fall liegt dem düsteren Film „Der Lockvogel“ zugrunde. Bertrand Tavernier machte daraus eine bewusst unspektakuläre Studie. Besonders erschreckend ist, dass Mörder zumeist keine geborenen und aufgrund ihrer Erscheinung erkennbaren Monster sind. Stattdessen handelt es sich zum Beispiel um harmlos aussehende Jugendliche wie Nathalie, Eric und Bruno. Marie Gillain, Olivier Sitruk und Bruno Putzulu gelingt es, das sehr glaubwürdig darzustellen. Bertrand Tavernier zeigt das Geschehen sachlich, unprätenziös und ohne erhobenen Zeigefinger.

Bei der Berlinale 1995 wurde „Der Lockvogel“ mit einem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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