Werner von Siemens


Werner Siemens wurde am 13. Dezember 1816 in Poggenhagen zu Lenthe westlich von Hannover als viertes von vierzehn Kindern des Gutspächters Christian Ferdinand Siemens (1787 – 1840) und dessen Ehefrau Eleonore Henriette (1792 – 1839) geboren. 1823 zog die Familie auf die Domäne Menzendorf östlich von Schönberg in Mecklenburg, wo Werner und seine ältere Schwester Mathilde (1814 – 1878) zunächst vom Vater und einer Großmutter im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet wurden. Mit elf besuchte Werner ein Jahr lang die Bürgerschule in Schönberg. Danach bereitete ihn ein Hauslehrer auf die humanistisch-altsprachliche Katharinenschule in Lübeck vor, die Werner Siemens 1931 in die Obertertia aufnahm. Aber der Junge, der sich mehr für Mathematik als für alte Sprachen begeisterte, brach Ostern 1834 die Schulausbildung ab und bewarb sich auf den Rat eines Lehrers hin beim Ingenieurcorps der preußischen Armee in Berlin. Dort wurde seine Bewerbung zwar abgelehnt, aber eine preußische Artilleriebrigade in Magdeburg nahm ihn als Offiziersanwärter auf – und kommandierte ihn auf seinen Wunsch hin im Herbst 1835 für drei Jahre zur Königlichen Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin ab.

Nach Abschluss des Studiums an der Militärakademie wurde Werner Siemens zum Leutnant befördert und erhielt seinen ersten Heimaturlaub. Er ahnte nicht, dass er seine Eltern bei dieser Gelegenheit zum letzten Mal sah: Seine Mutter starb im Juli 1839, sein Vater im Januar 1840. Als ältester lebender Sohn musste er nun für seine Geschwister sorgen.

In Wittenberg, wo er in der preußischen Garnison diente, verurteilte ihn ein Militärgericht 1841 zu fünf Jahren Festungshaft, weil er als Sekundant an einem Duell teilgenommen hatte. In der Zitadelle Magdeburg erlaubte man Werner Siemens jedoch, physikalische Experimente durchzuführen. Dabei fand er heraus, wie er einen Metallgegenstand – zum Beispiel einen Löffel – wahlweise versilbern oder vergolden konnte. Das Patent, das er für die Galvanotechnik bekam, trat er gegen entsprechende Bezahlung einem Juwelier ab. Außerdem schickte er seinen sechseinhalb Jahre jüngeren Bruder Wilhelm (1823 – 1883) nach England, um die Erfindung auch dort zu verkaufen.

Nachdem er ein halbes Jahr seiner Strafe verbüßt hatte, wurde Werner Siemens begnadigt und zur Artilleriewerkstatt in Berlin abkommandiert.

Drei Jahre später, am 14. Januar 1845, gründete der Physik- und Technologie-Professor Heinrich Gustav Magnus (1802 – 1870) – dessen Vorlesungen Werner Siemens an der Königlichen Artillerie- und Ingenieurschule gehört hatte – gemeinsam mit einigen seiner Studenten in Berlin die Physikalische Gesellschaft (später: Deutsche Physikalische Gesellschaft). Als Werner Siemens im Jahr darauf vor der Physikalischen Gesellschaft einen Vortrag über seine Erfindung eines elektrischen Zeigertelegrafen mit automatisch gesteuertem Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger hielt, weckte er damit bei einem Zuhörer besonderes Interesse: dem Feinmechaniker Johann Georg Halske (1814 – 1890), der daraufhin mit dem Artillerie-Leutnant zusammen an der Weiterentwicklung des Zeigertelegrafen arbeitete.

Um ihre Erfindungen zu vermarkten, gründeten Werner Siemens und Johann Georg Halske am 1. Oktober 1847 die »Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske«, die Keimzelle des späteren Weltkonzerns. Ein Teil des Startkapitals stammte von Justizrat Johann Georg Siemens (1805 – 1879), einem Cousin von Werner Siemens, der 1870 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Bank gehörte. Mit drei Arbeitern nahm »Siemens & Halske« am 12. Oktober in einer Hinterhaus-Werkstatt in Berlin den Betrieb auf.

Als sich 1848 die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main versammelte, erhielt »Siemens & Halske« von der preußischen Telegrafenkommission den Auftrag, das Parlament und die königliche Residenz in Berlin mit dem neuen Zeigertelegrafen zu verbinden. Die 500 km lange Telegrafenlinie wurde teils als Freileitung, teils als Kabel im Boden verlegt. Am 28. März 1849 erfuhr der preußische König Friedrich Wilhelm IV. innerhalb einer Stunde von seiner Wahl zum Staatsoberhaupt eines deutschen Nationalstaats, den die Abgeordneten in der Paulskirche gründen wollten. Die Delegation mit dem offiziellen Angebot der Kaiserkrone traf erst sechs Tage später in Berlin ein (und erhielt eine brüske Abfuhr).

Nach diesem Erfolg quittierte Werner Siemens im Juni 1849 seinen Militärdienst. Am 1. Oktober 1852 heiratete der Fünfunddreißigjährige in Königsberg Mathilde Drumann (1824 – 1865), die Tochter des Historikers Wilhelm Karl August Drumann (1786 – 1861) und dessen Ehefrau Sophie. Im Jahr darauf wurde Mathilde Siemens von einem Sohn entbunden; ein weiterer Sohn und zwei Töchter folgten.

Für den Zeigertelegrafen hatte Werner Siemens auf der ersten Weltausstellung 1851 in London eine Auszeichnung bekommen. Im Jahr darauf reiste er nach St. Petersburg und akquirierte einen Auftrag des Zaren für die Einrichtung einer Telegrafenlinie zwischen Warschau, St. Petersburg und Moskau. Mit der Überwachung der Bauarbeiten betraute Werner Siemens seinen Bruder Carl (1829 – 1906), der sich dabei so bewährte, dass ihm die Unternehmensgründer 1855 die Leitung der ersten Auslandsniederlassung von »Siemens & Halske« in St. Petersburg anvertrauten. In den folgenden Jahren baute Carl Siemens das russische Telegrafennetz weiter aus und verlängerte es bis Odessa.

Die zweite Auslandsniederlassung von »Siemens & Halske« entstand 1858 in London. Geführt wurde sie von Wilhelm Siemens (ab 1883: Sir William).

Im Auftrag der britischen Regierung hatte das Unternehmen bereits im Jahr davor damit begonnen, ein 1847 von Werner Siemens erfundenes Verfahren zur nahtlosen Kabelisolierung mit Guttapercha – einer aus dem Saft tropischer Bäume in Südostasien gewonnenen Masse – zu erproben. Damit ließen sich Kabel sogar im Meer verlegen.

Als die englische Siemens-Gesellschaft durch die gescheiterte Verlegung eines Seekabels von Cartagena nach Oran 1864 hohe Verluste erlitt, verlangte Johann Georg Halske, die Niederlassung abzustoßen. Werner Siemens stimmte der Ausgliederung zwar zu, doch er wollte seinen Bruder nicht im Stich lassen und gründete deshalb mit Wilhelm und Carl 1865 in London das Unternehmen »Siemens Brothers & Co«. Die unterschiedlichen Geschäftsauffassungen blieben jedoch bestehen und bewogen Johann Georg Halske am 31. Dezember 1867 zum Rückzug aus dem Unternehmen.

Während »Siemens Brothers & Co« weiterhin Telegrafenlinien baute, London mit Kalkutta verband (1870) und ein Transatlantikkabel zwischen Irland und den USA verlegte (1875), verschob sich der Schwerpunkt der Geschäfte in Deutschland durch eine weitere Erfindung von Werner Siemens zur Elektrotechnik.

Einige Wochen vor seinem 50. Geburtstag baute Werner Siemens einen kleinen Kurbelinduktor mit einem Doppel-T-Anker. Die üblichen Dauer- ersetzte er durch Elektromagnete und ein Weicheisenjoch. Selbstverständlich wusste er, dass der englische Naturforscher Michael Faraday (1791 – 1867) 1831 nachgewiesen hatte,

dass man nicht nur mit elektrischem Strom Magnetfelder erzeugen, sondern den Vorgang auch umkehren kann: Die Bewegung eines Magneten induziert elektrischen Strom. Genau das passierte offenbar in dem neuen Gerät: Mechanische Energie wurde in elektrischen Strom verwandelt. Werner Siemens hatte das dynamo-elektrische Prinzip entdeckt und einen Generator erfunden, mit dem nicht nur Schwach-, sondern auch Starkstrom erzeugt werden konnte. Das Verblüffende daran war, dass er das Magnetfeld durch Elektromagnete erzeugte, die von einem durch die Bewegung der Magnete relativ zur Spule induzierten Strom gespeist wurden (Selbsterregung). Umgekehrt ließ sich in einer geringfügig veränderten Anlage elektrischer Strom in mechanische Energie umwandeln (Elektromotor).

Werner Siemens verfasste dazu eine schriftliche Beschreibung, die sein früherer Professor Gustav Heinrich Magnus am 17. Januar 1867 vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin verlas: »Über die Umwandlung von Arbeitskraft in elektrische Ströme ohne Anwendung permanenter Magnete«. Der Text endete mit dem Satz: »Der Technik sind nun Mittel gegeben, elektrische Ströme von unbegrenzter Stärke auf billige und bequeme Art überall da zu erzeugen, wo Arbeitskraft disponibel ist.« Vier Wochen später stellte Wilhelm Siemens die Erfindung seines Bruders der Royal Society of London vor. Werner Siemens prägte den Begriff Elektrotechnik und trug wie kein anderer dazu bei, elektrischen Strom nutzbar zu machen. Damit veränderte sich das tägliche Leben.

Auf der am 31. Mai 1879 eröffneten Berliner Gewerbeaustellung stellte »Siemens & Halske« die erste Elektrolokomotive der Welt vor. Eigentlich hatte es eine Grubenlokomotive werden sollen, doch als der Auftrag zurückgezogen worden war, funktionierte Werner Siemens sie zur Messeattraktion um. Ein feststehender – mit einer Dampfmaschine betriebener – Generator erzeugte den benötigten elektrischen Strom, der dem Elektromotor der Lokomotive über Stromschienen und einen Schleifkontakt zugeführt wurde. Sie zog einen kleinen Zug mit Besuchern gemächlich in einem 300 m langen Kreis herum. Im Jahr darauf nahm »Siemens & Halske« auf der Pfalzgau-Industrieausstellung in Mannheim den ersten elektrischen Fahrstuhl in Betrieb. Die erste elektrische – zweieinhalb Kilometer lange – Straßenbahnlinie der Welt fuhr ab 16. Mai 1881 in Berlin-Lichterfelde. »Elektromote« nannte Werner Siemens den von ihm konstruierten Oberleitungsbus, der ab 29. April 1882 auf einer 540 m langen Versuchsstrecke in Berlin verkehrte.

Am 13. Juli 1869, vier Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau (1. Juli 1865), hatte sich Werner Siemens mit Antonie Siemens (1840 – 1900) vermählt, der Tochter des entfernt mit dem Bräutigam verwandten Professors Carl Siemens und dessen Ehefrau Ottilie. Antonie Siemens brachte eine Tochter und einen Sohn zur Welt.

Seit Werner Siemens für die »Fortschrittspartei« im preußischen Abgeordnetenhaus saß (1862 – 1866), setzte er sich für den Erlass eines Patentgesetzes ein, und 1874 gründete er mit Gleichgesinnten den »Deutschen Patentschutzverein«. Nicht zuletzt auf seine Anregungen hin verabschiedete der Reichstag am 3. Mai 1877 endlich ein deutsches Patentgesetz. Werner Siemens gehörte dann auch fünf Jahre lang zu den achtzehn nebenamtlichen Mitgliedern des am 1. Juli ins Leben gerufenen Reichspatentamtes.

1873 wurde Werner Siemens in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Sechs Jahre später unterstützte er Heinrich Stephan bei der Gründung des »Elektrotechnischen Vereins« und wurde dessen erster Präsident. 1887 trug Werner Siemens – unter anderem durch die Überlassung eines Grundstücks – maßgeblich zur Schaffung der »Physikalisch-Technischen Reichsanstalt« bei.

Für seine außergewöhnlichen Verdienste erhielt Werner Siemens mehrere Auszeichnungen – darunter Ehrendoktorhüte, die Ernennung zum Geheimen Regierungsrat, den Orden »Pour le Mérite« –, und 1888 hob ihn Kaiser Friedrich III. in den erblichen Adelsstand. Werner von Siemens durfte er sich nun nennen.

Mitte der Fünfzigerjahre hatte »Siemens & Halske« angefangen, die Belegschaft am Gewinn zu beteiligen. »Eine einzige Dummheit weniger kann das schon wieder einbringen!«, meinte Werner Siemens in einem Brief an seinen Bruder Carl, und 1868 hielt er fest: »Seit in Berlin alle Meister sogar eine jährliche Prämie erhalten, ist ein ganz anderer Geist eingezogen; wir arbeiten mehr, billiger und besser.« Als einer der ersten Betriebe in Deutschland führte »Siemens & Halske« auch ein Akkordlohnsystem ein.

Anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Firmenjubiläums gründeten die Brüder Werner, Wilhelm und Carl Siemens 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für alle ihre Beschäftigten in Deutschland, England und Russland. Obwohl Johann Georg Halske nicht mehr dazugehörte, zahlte er dafür einen Zuschuss.

»Ich sehe im Geschäft erst in zweiter Linie ein Geldeswert-Objekt«, schrieb Werner Siemens 1887 an seinen Bruder Carl. »So habe ich für die Gründung eines Weltgeschäfts à la Fugger von Jugend an geschwärmt, welches nicht nur mir, sondern auch meinen Nachkommen Macht und Ansehen in der Welt gäbe und die Mittel, auch meine Geschwister und nähere Angehörige in höhere Lebensregionen zu heben.«

Erst ein Jahr nachdem die von dem Amerikaner Thomas Alva Edison (1847 – 1931) und dem Briten Joseph Wilson Swan (1828 – 1914) auf der Grundlage ihrer zunächst unabhängig voneinander gemachten Erfindungen hergestellten Glühbirnen bei der 1. Internationalen Elektrizitätsausstellung im August 1881 in Paris für Aufsehen gesorgt hatten, eröffnete »Siemens & Halske« die erste Glühlampenfabrik in Deutschland. Nach kurzer Zeit zweifelte Werner Siemens jedoch an der Qualität seiner Erzeugnisse und ließ sich deshalb auf eine Abmachung mit Emil Rathenau (1838 – 1915) ein, der von Thomas A. Edison die Rechte für die Vermarktung der Glühlampe in Deutschland erworben hatte und dazu 1883 die »Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität« in Berlin gründete (ab 1887: »Allgemeine-Elektricitäts-Gesellschaft«, AEG). Damit endete die Monopolstellung von »Siemens & Halske« in Deutschland.

Um mit der aggressiven Expansion der AEG mithalten und den wachsenden Kapitalbedarf decken zu können, musste »Siemens & Halske« am 1. Januar 1890 zum Leidwesen des patriarchalischen Firmengründers in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt werden. Werner von Siemens zog sich aus der Firmenleitung zurück und vertraute sie seinem Bruder Carl und seinen Söhnen Arnold und Wilhelm an.

Werner von Siemens starb am 6. Dezember 1892 – eine Woche vor seinem 76. Geburtstag – in Berlin an einer Lungenentzündung.

Literatur über Werner von Siemens

  • Wilfried Feldenkirchen: Werner von Siemens. Erfinder und internationaler Unternehmer
  • Wilfried Feldenkirchen und Almuth Bartels: Werner von Siemens
  • Wilfried Feldenkirchen: Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen
  • Wilfried Feldenkirchen und Eberhard Posner: Die Siemens-Unternehmer. Kontinuität und Wandel 1847 – 2005. Zehn Portraits
  • Friedrich Heintzenberg: Werner von Siemens in Briefen an seine Familie und an Freunde
  • Werner von Siemens: Lebenserinnerungen (Originalausgabe Berlin, 1892;
    19. überarbeitete und erweiterte Auflage: Piper Verlag, München 2004)

© Dieter Wunderlich 2006

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