Das Spinnennetz

Das Spinnennetz

Das Spinnennetz

Originaltitel: Das Spinnennetz - Regie: Bernhard Wicki - Drehbuch: Wolfgang Kirchner und Bernhard Wicki, nach dem Roman "Das Spinnennetz" von Joseph Roth - Kamera: Gerard Vandenberg - Schnitt: Tanja Schmidbauer - Musik: Günther Fischer - Darsteller: Ulrich Mühe, Klaus Maria Brandauer, Armin Mueller-Stahl, Corinna Kirchhoff, Andrea Jonasson, Agnes Fink, Alfred Hrdlicka, Elisabeth Endriss, Peter Roggisch, Rolf Henniger, Ernst Stötzner, Andras Fricsay Kali Son, Rainer Rudolph, Hans Korte, Hark Bohm u.a. - 1989; 182 Minuten

Inhaltsangabe

Berlin 1923: Über Baron Rastschuk gerät der ehrgeizige Jurastudent Theodor Lohse an eine rechtsradikale Geheimorganisation, die ihn beauftragt, eine Anarchistengruppe auszuspionieren ...
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Kritik

Die Geschichte eines skrupellosen Karrieristen, der weder vor der eigenen Demütigung, noch vor der Ermordung seines einzigen Freundes zurückschreckt, wurde von Bernhard Wicki nach dem Roman "Das Spinnennetz" von Joseph Roth großartig in Szene gesetzt.
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Berlin 1923: Der beim Matrosenaufstand 1918 in Kiel durch einen Bajonettstich in die Brust schwer verwundete Leutnant Theodor Lohse (Ulrich Mühe) studiert im 7. Semester Jura und arbeitet als Hauslehrer, um sein Studium zu finanzieren. Er wohnt bei seiner wortkargen, unnahbaren Mutter (Agnes Fink), die aus ihrer Enttäuschung über die gescheiterte militärische Karriere ihres Sohnes kein Hehl macht.

Bei dem wohlhabenden Bankier Efrussi (Rolf Henniger), dessen Sohn David er unterrichtet, lernt Theodor Lohse den vornehmen Baron Rastschuk (Armin Mueller-Stahl) kennen. Als dieser erfährt, dass Leutnant Lohse im Regiment des Prinzen Heinrich diente, lädt er ihn zu einer Bootstaufe am Tegeler See ein und stellt ihn „seiner Majestät“ (Peter Roggisch) vor. Prinz Heinrich vergisst den jungen Leutnant gleich wieder, aber als er ihm später in der Toilette noch einmal begegnet, lädt er ihn zu sich nach Hause ein. Dass Theodor Lohse in der jüdischen Familie Efrussi als Hauslehrer arbeitet, missfällt ihm, und als sein Gast entgegnet, er sei auf das Geld angewiesen, verspricht Prinz Heinrich, sich nach einer geeigneteren Stelle für ihn umzusehen. Er reißt Theodor Lohse das Hemd auf, befühlt dessen Narbe, küsst seine Brust. Lohse wehrt sich zunächst, lässt dann aber angewidert alles mit sich geschehen, weil er auf die Protektion des Prinzen hofft. Als er den schwulen Aristokraten am anderen Morgen an die Zusage erinnert, lacht ihn Prinz Heinrich zunächst aus, dann aber empfiehlt er ihn einer rechtsradikalen Geheimorganisation, der auch Baron Rastschuk angehört.

Lohse soll eine Anarchistengruppe ausspionieren, die sich um den Kunstmaler Klaften (Alfred Hrdlicka) gebildet hat, und wird für diesen Zweck mit Papieren eines Hamburger Kommunisten namens Trattner ausgestattet. Zur Tarning gehört auch ein Zimmer in Untermiete. Während er dem Maler Modell sitzt, überfallt ein rechtsradikaler Schlägertrupp das Atelier, und er sinkt nach einem heftigen Schlag über den Kopf zu Boden. Anna (Elisabeth Endriss), die Lebensgefährtin Klaftens, pflegt den Verletzten. Weil er in seinen Taschen einen Pass und andere Papiere findet, wird Benjamin Lenz (Klaus Maria Brandauer) misstrauisch. Kein normaler Mensch trage seine Papiere herum, meint er. Daraufhin versucht Anna, Lohse auszuhorchen. Aber dem gelingt es, ihren Verdacht fürs Erste zu zerstreuen.

Bei Efrussi hat sich Lohse zunächst krank gemeldet. Erst nach einer Woche kündigt er. Herr Efrussi glaubt zunächst, er wolle mehr Geld, doch sein Gegenüber klärt ihn auf: „Ich kann nicht mehr für Sie arbeiten, weil Sie Jude sind.“ Das hat der angesehene Bankier nicht erwartet. Als Lohse bereits in der Tür ist, ruft ihm Herr Efrussi nach: „…übrigens auch meine Frau!“ Er weiß also, dass Lohse und seine Frau Rahel (Andrea Jonasson) ein Verhältnis haben.

Zufällig beobachtet Benjamin Lenz, wie Lohse aus der Villa der Familie Efrussi kommt, und er findet dessen richtigen Namen heraus. Anna sucht Lohse auf, sorgt dafür, dass er seine Pistole weglegt und kündigt ihm dann den Besuch seiner Frau aus Hamburg an. Lohse reagiert scheinbar ungerührt. Da fragt Anna, wie denn seine Frau heiße: Trattner oder Lohse. Sie greift nach der Pistole in ihrer Handtasche, doch er überzeugt sie davon, dass er durch seine Verwundung beim Matrosenaufstand in Kiel zum Nachdenken gekommen und dabei zum überzeugten Kommunisten geworden sei.

Die Anarchistengruppe des Malers lehnt zwar Attentate auf Menschen ab, will aber die Gesellschaft durch die Zerstörung ihrer Symbole verunsichern und auf diese Weise den Umsturz herbeiführen. Notgedrungen beteiligt sich Lohse an den Vorbereitungen für eine Sprengung der Siegessäule. Es gelingt ihm zwar, ein Zündkabel wieder aus der Wand zu reißen, doch Anna entdeckt den losen Draht und repariert den Schaden. Die Sprengung ist für die Nacht geplant.

Lohse eilt zu Baron Rastschuk und berichtet von dem Vorhaben. In sein Zimmer warten Anna und zwei Männer auf ihn. Die Polizei sicherte die Siegesäule und verhaftete Klaften. Und in der Zeitung steht, dass in Hamburg die Leiche eines gewissen Trattner gefunden wurde. Lohse greift nach seiner Pistole, die er bei Annas letztem Besuch auf den Schrank gelegt hat, erschießt sie und jagt ihre Begleiter in die Flucht.

Weil Lohse verdächtigt wird, Klaftens Anarchistengruppe anzugehören, wird er verhaftet. Benjamin Lenz soll ihn identifizieren, denn er arbeitet als Spitzel für die Polizei. Lenz behauptet, den Mann noch nie gesehen zu haben. Als Lohse daraufhin das Polizeigebäude verlässt, wird zufällig Klaften an ihm vorbeigeführt, und der Maler spuckt ihm ins Gesicht.

Die Geheimorganisation hat ihr neues Mitglied von Anfang an beschatten lassen. Lohse entgeht das nicht. Er kennt den auf ihn angesetzten Mann von früher. Unvermittelt taucht er neben ihm auf und stellt ihn zur Rede. Günter (Ernst Stötzner), so heißt er, gibt alles zu und lädt ihn zu sich in den Schrebergarten ein, wo er ihn mit seiner Braut Frieda bekannt macht. Die beiden Männer werden Freunde.

Lohse kann seinen Führungsoffizier Klitsche (Andras Fricsay Kali Son) nicht leiden. Um ihn loszuwerden, denunziert er ihn bei Baron Rastschuk: Er beschäftige Verräter wie Günter, dessen zukünftiger Schwiegervater Mitglied eines Betriebsrats sei. Daraufhin soll Klitsche den Verdächtigen töten. Lohse ist dabei, als Klitsche seinen Freund mit einer Spitzhacke erschlägt. Da reißt Lohse die Spitzhacke aus Günters Schädel und bringt auch Klitsche um. Vor dem Femegericht behauptet er, als Klitsche seine Pistole gezogen habe, sei er von Günter mit der Spitzhacke erschlagen worden. Daraufhin habe er selbst Günter getötet.

Der ostelbische Gutsbesitzer Otto von Kockwitz (Rainer Rudolph), der die rechtsradikale Geheimorganisation finanziell unterstützt, fordert Erntehelfer aus Berlin an, weil die „Polacken“ streiken. Lohse wird mit einem Dutzend Männern abkommendiert. Auf dem Gut ist Elsa von Schlieffen (Corinna Kirchhoff) zu Besuch. Der jungen, eigenwilligen Dame war Lohse schon einmal bei der Bootstaufe durch Prinz Heinrich begegnet. Sie geben sich beide spröde und abweisend. Das ändert sich, als die Stallungen in Flammen aufgehen und Lohse den Verdacht auf die Polen lenkt, obwohl er beobachtete, wie sich Elsa von Schlieffen neben dem herumliegenden Stroh eine Zigarette anzündete. Warum er sie nicht verraten habe, fragt sie ihn vor den lodernden Flammen. „Sie sehen gut aus, bei dem Licht“, antwortet er.

Die streikenden polnischen Arbeiter und ihre Familie zertrampeln die Felder und versammeln sich im Gutshof, um mehr Lohn zu verlangen. Otto von Kockwitz zeigt sich auf dem Balkon und will bereits nachgeben, als er auf dem gegenüberliegenden Dach Lohse und dessen Männer bemerkt. Lohse erschießt den Wortführer der Streikenden, dann feuern auch seine Männer in die Menge, die kreischend davonläuft.

Die rechtsgerichteten Kreise in Berlin feiern Lohse dafür als Helden. Hugenberg (Hans Korte) will sich für ihn verwenden. Lohse aber prahlt, er werde sich in Kürze mit Elsa von Schlieffens verloben und durch ihre Beziehungen eine Stelle im Innenministerium bekommen.

Rahel Efrussi trennte sich inzwischen von ihrem Mann. Sie ist verzweifelt, als Theodor Lohse – der tatsächlich den Sprung ins Innenministerium schaffte – nichts mehr von ihr wissen will. Bei seinem letzten Besuch bemerkt er ein Bild, das Klaften von ihm gemalt hat. Er dreht es um. Auf der Rückseite steht: „Dem Mörder von Anna.“ Rahel Efrussi erhielt das Gemälde von Benjamin Lenz. Dessen jüdische Familie wurde in Russland umgebracht; nur ihm und seinem jüngeren Bruder gelang die Flucht nach Berlin. Lenz arbeitet sowohl für rechte als auch für linke Kreise, um mit dem Geld seinen studierenden Bruder zu unterstützen. Er weiß offenbar, wer Klitsche umgebracht hat, was auf dem Gut Otto von Kockwitz‘ geschehen ist und er droht, Elsa von Schlieffen über Lohses Verhältnis mit Rahel Efrussi in Kenntnis zu setzen. Das angebotene Geld weist er zurück. Stattdessen verlangt er von Lohse Unterlagen über die Reichswehr, die dessen Chef, Herr von Badewitz, im Tresor aufbewahrt. Außerdem schlägt er Lohse vor, er werde ihm von Zeit zu Zeit Namen von Juden nennen. Die habe Lohse dann vor der Abschiebung zu bewahren. Lenz gibt zu, dass er das nicht nur aus Solidarität gegenüber seinen Glaubensgenossen tue, sondern auch, um von dem einen oder anderen der Betroffenen Geld zu bekommen.

Während Lohse die Wirren eines Pogroms ausnützt, um die Wohnung von Benjamin Lenz zu durchsuchen und sie in Brand zu setzen, beobachtet dieser von der Straße aus, wie sein Bruder von rechtsradikalen Plünderern durch ein Schaufenster geworfen wird und an seinen Schnittverletzungen verblutet.

Durch einen Anruf bei seiner Mutter wird Lohse zu einer Krisensitzung ins Ministerium gerufen. Im Büro seines Vorgesetzten brennt Licht. Lohse klopft, tritt ein – und wird von Lenz niedergeschlagen, der hinter der Tür auf ihn gewartet hat. Lenz will sofort die Papiere aus dem Tresor haben, aber Lohse beteuert, er besitze keinen Schlüssel. Mit vorgehaltener Pistole zwingt Lenz seinen Gegenspieler, aufs Fensterbrett zu klettern: Falls er nicht aus dem Fenster springe, werde er schießen und dabei auf seinen Bauch zielen. Dann sieht er zu, wie sich Lohse vor Angst schlotternd in eine Zimmerecke kauert. Erstaunt stellt er fest, dass er es nicht fertigbringt, einen Menschen zu erschießen.

Lohse hat weniger Skrupel: Als sich Benjamin Lenz mit dem Zug nach Paris absetzen will, lauern ihm einige Männer auf dem Bahnsteig auf, schlagen ihn nieder und werfen ihn vor den nächsten Zug. Ein Straßenfeger reinigt währenddessen den Bahnsteig, bis er blitzblank ist.

Auf Lohses Polterabend am 8. November 1923 erhält Baron Rastschuk eine Depesche aus München: Man habe die Reichsregierung für abgesetzt erklärt. Theodor Lohse trägt bereits das Abzeichen der NSDAP. Als zu Beginn der Hochzeitsfeier am nächsten Tag die Nachricht von dem gescheiterten Putsch in München eintrifft, zuckt er mit den Schultern: Was interessiere ihn schon Adolf Hitler, und überhaupt, man müsse da erst einmal abwarten …

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Die Geschichte eines skrupellosen Karrieristen, der weder vor der eigenen Demütigung, noch vor der Ermordung seines einzigen Freundes zurückschreckt, wurde von Bernhard Wicki nach dem 1923 veröffentlichten Roman „Das Spinnennetz“ von Joseph Roth großartig in Szene gesetzt. Der Film fesselt die Zuschauer mehr als drei Stunden lang, nicht zuletzt durch das atemberaubende Duell von Theodor Lohse und Benjamin Lenz, die von Ulrich Mühe und Klaus Maria Brandauer grandios dargestellt werden. Armin Mueller-Stahl glänzt als Baron Rastschuk. Aber auch die übrigen Rollen sind hervorragend besetzt. Das gilt selbst für Nebenfiguren wie zum Beispiel Prinz Heinrich (Peter Roggisch), Lohses Mutter (Agnes Fink) und Hugenberg (Hans Korte).

Eine Neuausgabe des Romans „Das Spinnennetz“ von Joseph Roth ist für Mai 2010 im Suhrkamp Verlag geplant.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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