Alfred Charles Kinsey

Alfred Charles Kinsey wurde am 23. Juni 1894 in Hoboken, New Jersey, geboren. Nach dem Studium in Harvard spezialisierte er sich ab 1929 als Zoologie-Professor an der Indiana University in Bloomington, Indiana, auf die systematische Katalogisierung von Gallwespen – bis die Universität biologische Eheberatungskurse für die Studenten plante (heute würden wir sagen: Sexualkunde) und Alfred C. Kinsey 1936 fragte, ob er diese Aufgabe übernehmen wolle.

Bei der Einarbeitung in das neue Gebiet begnügte Kinsey sich nicht mit dem Studium vorhandener Veröffentlichungen, sondern begann, mit einem zunächst kleinen Team Befragungen durchzuführen, um empirische Daten zu gewinnen. Weil es nicht einfach war, mit fremden Amerikanern über deren Geschlechtsleben zu reden, mussten erst geeignete Fragetechniken entwickelt und die Interviewer entsprechend geschult werden. Das Projekt nahm schließlich einen immer größeren Umfang an, und 1942 gründete Alfred C. Kinsey dafür das „Institute for Sex Research“ der Indiana University in Bloomington (das spätere „The Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction“). Im Verlauf von fünfzehn Jahren befragten er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr als zehntausend Menschen aus allen Bereichen der US-Gesellschaft über ihr sexuelles Verhalten vor der Pubertät, bei der Masturbation und mit hetero- bzw. homosexuellen Partnern.

Es muss deutlich gesagt werden, dass das ursprüngliche Ziel unserer Untersuchung die Erweiterung unserer Kenntnisse auf einem Gebiet war, auf dem es nur beschränkte wissenschaftliche Informationen gab. (Alfred A. Kinsey: Das sexuelle Verhalten der Frau. G. B. Fischer & Co., Berlin und Frankfurt/M 1967, Seite 7)

Nach den Regeln wissenschaftlicher Statistik waren Alfred Kinseys Stichproben wohl nicht ganz repräsentativ für die US-Bevölkerung, aber die Durchführung so vieler bis zu fünfhundert Fragen umfassender Interviews stellte ohne Zweifel eine Pionierleistung dar. (Kinseys Nachfolger Paul Gebhard bereinigte die Daten weitgehend von solchen Fehlern und veröffentlichte 1979 „The Kinsey Data: Marginal Tabulations of the 1938 – 1963 Interviews Conducted by the Institute for Sex Research“.)

Die Ergebnisse der Befragungen veröffentlichte Alfred Kinsey 1948 und 1953 in zwei Bänden: „Sexual Behavior in the Human Male“ („Das sexuelle Verhalten des Mannes“) und „Sexual Behavior in the Human Female“ („Das sexuelle Verhalten der Frau“), die unter der Bezeichnung „Kinsey-Report“ bekannt wurden.

In den USA sorgte der Kinsey-Report – vor allem der zweite Band – für einen Sturm der Entrüstung, denn Fellatio, Cunnilingus, Analsex und andere Praktiken galten als Tabu-Themen, und plötzlich berichtete Alfred Kinsey, wie stark verbreitet solche Vorlieben waren. Viele US-Bürger wollten nicht damit konfrontiert werden, dass mehr als einige wenige verdorbene bzw. psychotische Individuen masturbierten, vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten, homosexuelle oder pädophile Kontakte bevorzugten, ihre Ehepartner betrogen oder auch noch im höheren Alter sexuell aktiv waren, denn das widersprach dem vorherrschenden Weltbild. Ungeachtet der zur Schau getragenen Empörung wurde der Kinsey-Report auch in den USA zum Bestseller.

Es handelt sich dabei um eine Erhebung, in der der Versuch unternommen wird, festzustellen, was Menschen im geschlechtlichen Bereich tun, welche Faktoren für ihre sexuellen Verhaltensweisen verantwortlich sind, wie ihre sexuellen Erfahrungen ihr Leben beeinflussen und welche soziale Bedeutung jede der Verhaltensformen haben könnte. (Alfred A. Kinsey, a. a. O., Seite 3)

Im Jahr 1950 waren mehr als die Hälfte der Frauen zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung keine Jungfrau mehr. Ein Viertel aller verheirateten Frauen unterhielt außereheliche Beziehungen. Und am erstaunlichsten war, dass den Frauen Sex tatsächlich Spaß machte. Die amerikanische Frau führte mit anderen Worten ein Leben, das völlig anders war, als die Männer im Lande dachten.
(Donald Spoto: Marilyn Monroe. Die Biographie, Seite 245)

Wie Sigmund Freud und Wilhelm Reich trug Alfred Charles Kinsey maßgeblich zur Enttabuisierung der Sexualität in Nordamerika und Europa bei – und verursachte zugleich bei den Männern eine Art Leistungsdruck.

Alfred Kinsey wandte sich gegen den Konformitätsdruck im Sexualleben und trat dafür ein, alles zu erlauben, solange keiner der Partner zu etwas gezwungen wurde. Für Kinsey gab es nur übliche und seltenere Praktiken, aber keine Unterscheidung zwischen normalen und abartigen Formen der Sexualität. In seinem eigenen Leben handelte er danach: Mit seiner Frau Clara McMillen führte er eine unkonventionelle Ehe, und als er seine Bisexualität entdeckte, bekannte er sich offen dazu, obwohl Homosexualität damals in einigen amerikanischen Bundesstaaten unter Strafe stand. Kinsey ließ sich, seine Ehefrau und freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei sexuellen Experimenten filmen.

Im Alter von sechzig Jahren starb Alfred Charles Kinsey am 25. August 1956 in Bloomington an Herzversagen.

Die deutsch-amerikanische Sexualforscherin Shere Hite (eigentlich: Shirley Diana Gregory, *1942) knüpfte an den Kinsey-Report an und veröffentlichte 1976 bzw. 1981 ihre Bücher „Das sexuelle Erleben der Frau“ und „Das sexuelle Erleben des Mannes“, die als „Hite-Report“ bekannt wurden. Anders als Alfred Kinsey ging es Shere Hite auch darum, am Beispiel der Sexualität die Unterdrückung der Frau durch den Mann zu dokumentieren.

2004 veröffentlichte T. Coraghessan Boyle unter dem Titel „The Inner Circle“ („Dr. Sex“) einen biografischen Roman über Alfred C. Kinsey, und fast zur gleichen Zeit drehte Bill Condon die Filmbiografie „Kinsey. Die Wahrheit über Sex“.

T. Coraghessan Boyle: Dr. Sex – Originaltitel: The Inner Circle – Übersetzung: Dirk van Gunsteren, Carl Hanser Verlag 2005, ISBN 3-446-20566-7 472 Seiten, 24.90 € (D)

Originaltitel: Kinsey – Regie: Bill Condon – Drehbuch: Bill Condon – Kamera: Frederick Elmes – Schnitt: Virginia Katz – Musik: Carter Burwell –- Darsteller: Liam Neeson, Laura Linney, Chris O’Donnell, Peter Sarsgaard, Timothy Hutton, John Lithgow, Tim Curry, Oliver Platt, Dylan Baker, Julianne Nicholson, William Sadler, John McMartin, Veronica Cartwright, Kathleen Chalfant, Heather Goldenhersh, Dagmara Dominczyk, Harley Cross, Susan Blommaert, Benjamin Walker, Matthew Fahey, Will Denton u.a. – 2004; 120 Minuten

© Dieter Wunderlich 2005

Bill Condon: Kinsey. Die Wahrheit über Sex

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"Gewitter über Pluto" ist eine skurrile Persiflage auf das Thriller- und Science-Fiction-Genre. Zugleich veralbert Heinrich Steinfest Erich von Däniken und Romanciers, die mit Realitätsebenen spielen. Lesenswert ist "Gewitter über Pluto" v.a. wegen des Sprachwitzes.

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