Anna Silvia : Kreide fressen

Kreide fressen
Kreide fressen. Mein zerfetztes Leben Originalausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017 ISBN: 978-3-499-63170-2, 255 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Anna Silvia erinnert sich in ihrem Buch "Kreide fressen. Mein zerfetztes Leben", wie sie als Kind von Freunden des Vaters missbraucht und vergewaltigt wurde; sie schildert ihre schlimmen Erfahrungen sowohl als Prostituierte als auch in der BDSM-Szene und beschreibt, wie sie sich nach 18 Jahren von der Bulimie befreite ...
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Kritik

"Kreide fressen" ist weniger Roman als Sachbuch. Anna Silvia berichtet über ihre Erfahrungen und denkt darüber nach. Die Lektüre ist er­muti­gend, weil es der Geschundenen am Ende gelingt, sich trotz der grau­samen Erlebnisse freizukämpfen.
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Silvia ist zehn Jahre alt, als ihr Vater, ein Lehrer, einen Abendtermin in der Schule hat, ihre Mutter zur gleichen Zeit zu einer Chorprobe muss und ihr älterer Bruder Frederick („Freddie“) ebenfalls etwas vorhat. Uli, einer der beiden engsten Freunde ihres Vaters, erklärt sich bereit, auf sie aufzupassen – und nutzt die Gelegenheit, um sie zu missbrauchen. Dass Uli und Bernd, der andere Freund des Vaters, sie an unaussprechlichen Stellen ihres Körpers kitzeln und streicheln, kennt sie bereits, aber diesmal glaubt sie, auseinandergerissen zu werden: Uli penetriert das Kind, nachdem er zunächst Spucke in die Scheide gerieben hat.

„Du wirst nichts sagen, niemals, zu niemandem. Du hast großes Glück, das ich der erste Mann in deinem Leben bin.“

Die Blutflecken im Bett erklärt Silvia der Mutter am nächsten Morgen mit Nasenbluten.

Ekel, Panik, Scham und vollkommene Irritation – ich war vollkommen überfordert.

Mit elf unternimmt Silvia ihren ersten Suizidversuch.

Im Jahr darauf verbringt Bernd mit ihr und seiner Tochter Katja, die ein Jahr jünger ist als Silvia, ein Wochenende im Ferienhaus – und missbraucht Silvia.

Ihr lethargisch-depressiver Vater zieht aus, und die Ehe wird geschieden. An jedem zweiten Wochenende besucht Silvia ihren Vater.

Mit 15 wird Silvia erstmals ohne Gleitmittel anal vergewaltigt. Sie kann es kaum glauben, dass die Schmerzen danach nicht bleiben, sondern abklingen.

Diese Erfahrungen, dass jede Wunde, so schlimm sie mir auch vorkommen mochte, wieder heilte, wurden essenziell wichtig für mich.

Das Bewusstsein um die Fähigkeit meines Körpers, sich nach Dehnung und Verletzung wieder zu regenerieren, war auch etwas, was mir Jahre später eindeutig Vorteile brachte.

Sie ritzt sich und entwickelt eine ausgeprägte Bulimie: Bei einer Körpergröße von 1.68 Meter wiegt sie nur noch 42 Kilogramm. Die Ärztin Dr. Karin Stolz vermittelt ihr einen Platz in der Kinderpsychosomatik in Bad Malente. Dort lernt Silvia, unbemerkt Essen in einen Becher mit einem Getränk zu spucken. Sie leidet unter der fehlenden Privatsphäre und gewinnt den Eindruck, dass die Behandlung auf dem Prinzip beruhe, zuerst den Widerstand der Patienten zu brechen und die Psyche dann aus den Trümmern neu aufzubauen. Zwei Wochen nach der Entlassung beginnt der Kreislauf von Hungern, Essen und Kotzen neu.

Bernd verletzt sie mit einem Stacheldildo so, dass er und sein Kumpan Jochen sie gegen Bezahlung zur angeblichen Defloration anbieten können. Der Kunde hält Schmerz, Blut und Tränen für eine Folge der Entjungferung. Nach diesem „Erfolg“ wird Silvia gezwungen, die qualvolle Prozedur noch mehrere Male durchzumachen.

Mit 15 zieht sie zu Hause aus. Martin, ein doppelt so alter Kollege aus der Werbeagentur, in der die Schülerin jobt, und dessen Ehefrau nehmen sie auf. Wenige Wochen später verlässt die Frau ihren Mann nach fünf Ehejahren wegen Silvia. Silvia lebt nun mit Martin zusammen.

Nach dem Abitur fängt sie ein Studium an.

Im Alter von 21 Jahren verlässt sie Martin und wird von einer Freundin mit einem Mann namens Dennis verkuppelt, von dem sie zunächst nicht ahnt, dass er für einen albanischen Zuhälter arbeitet. So wird sie zur Prostituierten in Hamburg.

Kai, ein Freier Anfang 40, führt sie in die „bizarre Welt“ ein, in die BDSM-Szene. Sie akzeptiert ihn als ihren alleinigen „Herrn“. Silvia schätzt den Sado­masochismus, weil ihr Lust, die sie sich nicht mit Schmerzen und/oder Unterwerfung verdient hat, Angst macht.

Nach einiger Zeit scheitert die Beziehung mit Kai, und Silvia bricht ihr Studium ab.

Während sie mit einem „Herrn“ aus Schwaben zusammen ist, sucht sie wegen plötzlicher Schmerzen und Blutungen einen Arzt auf. Der erklärt ihr, sie habe ein Kind verloren. Silvia ahnte nicht einmal, dass sie schwanger war. Der „Schwabenherr“ heiratet sie, aber nach weniger als einem Jahr wird die Ehe geschieden, und Silvia zieht in eine WG.

Dann lernt sie endlich einen Mann kennen, der sie liebt und dessen Gefühle sie erwidert. Sie werden ein Paar.

Als Silvia mit Anfang 30 in der Mittagspause auf der Treppe zu dem Büro, in dem sie arbeitet, zusammenbricht, ruft eine Kollegin den Krankenwagen. Schließlich lässt sich Silvia drei Monate lang in einer psychiatrischen Klinik behandeln und setzt sich mit ihrer Bulimie auseinander.

Was fehlt mir, wenn die Bulimie weg ist?
1. Ein Ventil, um Anspannung abzubauen.
2. Das Gefühl, stark und frei zu sein, weil ich eben essen und erbrechen kann, das gibt mir Überlegenheit. Das Gefühl, nicht vom Essen abhängig zu sein. […]

Vier Monate nach ihrer Entlassung aus der Klinik läuft Silvia ihren ersten Marathon.

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Anna Silvia erinnert sich in ihrem Buch „Kreide fressen. Mein zerfetztes Leben“, wie sie als Kind von Freunden des Vaters missbraucht und vergewaltigt wurde; sie schildert ihre schlimmen Erfahrungen sowohl als Prostituierte als auch in der BDSM-Szene und beschreibt, wie sie sich nach 18 Jahren von der Bulimie befreite. „Kreide fressen. Mein zerfetztes Leben“ ist weniger Roman als Sachbuch. Anna Silvia berichtet über ihre Erfahrungen, denkt darüber nach und setzt in den 22 chronologisch angeordneten Kapiteln nur hin und wieder eine Episode in Szene. Sie schreibt in der Ich-Form und wechselt zwischen Präsens und Präteritum.

Glaubt man an die Authentizität des Buches, ist die Lektüre einerseits erschütternd, andererseits ermutigend, weil es der Geschundenen am Ende gelingt, sich trotz der grausamen Erlebnisse freizukämpfen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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