"Anastasia"


Anastasia Romanowa, die vierte Tochter von Zar Nikolaus II. und seiner Frau Alexandra Fjodorowna, wurde am 18. Juni 1901 geboren. Als sie drei Jahre alt war, brachte ihre Mutter noch einen Sohn zur Welt. Nach der erzwungenen Abdankung des Zaren im März 1917 wurde er mit seiner Familie zuerst in Zarskoje Selo bei St. Petersburg unter Hausarrest gestellt, und nach der Oktoberrevolution verschleppten die neuen Machthaber die Zarenfamilie in den Ural. In Jekatarinburg wurden der Zar und seine Frau, ihre fünf Kinder, ihr Leibarzt und drei Bedienstete in der Nacht auf den 17. Juli 1918 erschossen.

Am 17. Februar 1920 wurde ein etwa zwanzigjähriges Mädchen aus dem Landwehrkanal in Berlin gerettet. Offenbar hatte sie sich das Leben nehmen wollen. Da sie nicht sagen konnte oder wollte, wer sie war, lieferte man sie in ein Irrenhaus ein. Dort glaubt eine andere Patientin aufgrund eines Illustrierten-Fotos, die Identität der Unbekannten zu durchschauen: Es sei die Zarentochter Tatjana Romanowa. Sophie Buxhoeveden, eine frühere Hofdame der Zarin, die zu Rate gezogen wurde, erklärte mit Bestimmtheit, die Unbekannte sei nicht Tatjana. Daraufhin tauchte das Gerücht auf, bei der geretteten Selbstmörderin handele es sich nicht um Tatjana, sondern um deren vier Jahre jüngere Schwester Anastasia Romanowa, und die Patientin gab schließlich zu, das sei richtig: Sie habe als Einzige das Massaker in Jekaterinburg schwer verletzt überlebt. Zwar konnten ihre Angaben über die Flucht nicht bestätigt werden, aber ihr Körper wies tatsächlich viele Narben auf, die von Schuss- oder Stichverletzungen herrühren konnten. Dass sie kein Russisch sprach, war nach ihren traumatischen Erlebnissen nicht verwunderlich.

Eine Berliner Zeitung berichtete am 31. März 1927, man habe „Anastasia“ als Hochstaplerin enttarnt. Eine Frau namens Doris Wingender erkannte nämlich auf einem Foto der angeblichen Zarentochter die polnische Fabrikarbeiterin Franziska Schanzkowski, die bei ihrer Mutter als Untermieterin gewohnt hatte, bis sie im Februar 1920 plötzlich verschwunden war.

Da kam für „Anastasia“ eine Einladung nach Long Island gerade recht. Am 9. Februar 1928 traf sie in New York ein.

Ihre Gönnerin Xenia war eine Verwandte der Zarenfamilie, die im Exil einen reichen Amerikaner geheiratet hatte. „Anastasia“ war keine sehr verträgliche Person; nach wenigen Monaten hatte sie sich mit Xenia und deren Familie so zerstritten, dass sie nicht länger bleiben konnte. Aber sie fand immer wieder jemand, der für ihren Lebensunterhalt aufkam. Der russische Komponist Sergej Rachmaninow (1873 – 1943) bezahlte ihr beispielsweise eine Hotelsuite auf Long Island, wo sie sich allerdings als „Anna Anderson“ ausgab, weil ihr der Rummel lästig geworden war. Spätere Gastgeber in den USA wussten sich nicht mehr anders zu helfen, als „Anastasia“ in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen und ihr eine Schiffspassage nach Europa zu bezahlen, wo sie ein weiteres halbes Jahr in der Nervenheilanstalt Ilden bei Hannover behandelt wurde.

Obwohl Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg im Zweiten Weltkrieg einen Großteil seines Besitzes verloren hatte, kaufte er 1949 für „Anastasia“ eine ehemalige Militärbaracke im Dorf Unterlengenhardt am Rand des Schwarzwalds.

1956 kam der Film „Anastasia“ in die Kinos (Regie: Anatole Litvak; Buch: Arthur Laurents, nach einem Bühnenstück von Marcelle Maurette; Kamera: Jack Hildyard; Darsteller: Ingrid Bergman, Yul Brynner, Helen Hayes, Ivan Desny u.a.). Die in den Zwanzigerjahren in Paris spielende Geschichte hatte mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun, aber der Film belebte noch einmal das öffentliche Interesse an der Frau in Unterlengenhardt, und die Drehbuchautoren traten ihr von sich aus einen Teil ihres Honorars ab, der ausreichte, damit „Anastasia“ die Baracke abreißen und ein Haus bauen konnte.

Geschäftstüchtige Juristen überredeten „Anastasia“ dazu, sie zu beauftragen, vor Gerichten um einen Erbteil des ermordeten Zaren zu kämpfen, aber die Prozesse verliefen im Sand.

„Anastasia“ war bei ihren Nachbarn nicht beliebt, weil sie als verschroben galt und mit etwa sechzig Katzen in größter Unordnung hauste.

Unvermittelt reiste sie am 13. Juni 1968 nach Charlottesville in Virginia, wo sie von dem 23 Jahre jüngeren Genealogen John Manahan aufgenommen wurde. Ein halbes Jahr später heirateten die beiden.

Ende 1983 musste „Anastasia“ erneut in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Sie starb am 12. Februar 1984 an den Folgen einer Lungenentzündung.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte im Juli 1991 das 1979 in Jekaterinburg entdeckte Massengrab mit der ermordeten Zarenfamilie untersucht werden. Das Skelett des Zarewitsch und einer seiner Schwestern fehlte. Hatte tatsächlich eines der Mädchen fliehen können? Anastasia? Mit einer Genanalyse wurde bewiesen, dass es sich bei dem Fund um ein Grab der Romanows handelte. Identifiziert wurden die Leichen von Zar Nikolaus II., seiner Frau Alexandra Fjodorowna, ihres Sohnes Alexej, ihrer Tochter Maria, des Hausarztes der Familie und eines Dienstmädchens.

Die sterblichen Überreste von Anastasia Romanowa bewiesen, dass es sich bei der 1984 gestorbenen Frau um eine Hochstaplerin gehandelt hatte. Wer war sie dann aber? Die Leiche konnte nicht mehr untersucht werden, denn sie war eingeäschert worden. Aber bei einem Krankenhausaufenthalt im August 1979 hatte man „Anastasia“ in einem Krankenhaus in Charlottesville ein Stück Dünndarm entfernt, und davon existierte in einem pathologischen Labor noch eine Gewebeprobe. Eine Genanalyse bewies, dass „Anastasia“ nicht mit den Romanows verwandt war. Durch Zufall wurde ein Großneffe Franziska Schanzkowskis entdeckt, und die Genanalyse bestätigte den Verdacht, dass es sich bei der Hochstaplerin um die am 16. Dezember 1896 geborene polnische Bauerntochter und spätere Fabrikarbeiterin Franziska Schanzkowski gehandelt hatte. Die Verletzungen stammten von einer Granate, die sie während der Arbeit aus Versehen hatte fallen lassen. Ein Arbeiter war dadurch getötet worden.

Volker Klüpfel, Michael Kobr - Milchgeld
"Milchgeld" von Volker Klüpfel und Michael Kobr besticht weniger durch einen spannenden Kriminalfall, als durch die farbige Figur des Kommissars, das Lokalkolorit, Humor und Situationskomik.
Milchgeld

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