Blow up

Blow up

Blow up

Originaltitel: Blow up - Regie: Michelangelo Antonioni - Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra und Edward Bond, nach einer Kurzgeschichte von Julio Cortázar - Kamera: Carlo di Palma - Schnitt: Frank Clarke – Musik: Herbie Hancock, The Yardbirds - Darsteller: David Hemmings, Vanessa Redgrave, Peter Bowles, Sarah Miles, John Castle, Jane Birkin, Gillian Hills, Veruschka von Lehndorff, Julian Chagrin, Claude Chagrin u.a. - 1966; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Zufällig entdeckt der erfolgreiche Londoner Fotograf Thomas in einem Park ein Paar beim Liebesspiel. Als er die davon gemachten Schwarz-Weiß-Aufnahmen vergrößert, bis die Grobkörnigkeit keine weitere Steigerung mehr zulässt, glaubt er in einer Hecke eine Hand mit einer Pistole und unter einem Busch eine Leiche zu erkennen. Hat er – ohne es zu merken – einen Mord fotografiert?
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Kritik

In "Blow up" spielt Michelangelo Antonioni mit den Grenzen von Wirklichkeit und Illusion. Er demonstriert die Unzuverlässigkeit der Sinnesorgane und die Manipulierbarkeit durch Fotografien. Stilistisch stellt "Blow up" einen Meilenstein in der Filmgeschichte dar.
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Thomas (David Hemmings) ist ein junger, arroganter und erfolgreicher Fotograf in London, der ein Coupé von Rolls Royce fährt und seine innere Leere durch einen prall gefüllten Terminkalender zu überspielen versucht. Er glaubt, die Wirklichkeit in seinen Bilder arrangieren und festhalten zu können. Dass er die Frauen verachtet, die sich von ihm für Modeaufnahmen ablichten lassen, versucht er gar nicht erst zu verbergen, und wenn er unzufrieden mit ihnen ist, lässt er sie während eines Shootings einfach stehen. Bei der Arbeit mit einem weiblichen Model wirkt er einmal wie besessen: Thomas dirigiert die Bewegungen der jungen Frau, nähert sich ihr und kniet sich mit seiner Kamera begeistert über sie, während sie sich am Fußboden räkelt. Sobald er seine Aufnahmen jedoch gemacht hat, steht er gleichgültig auf und kümmert sich nicht mehr um sie.

Ohne sich um die Gefühle anderer Menschen oder deren Intimsphäre Gedanken zu machen, fotografiert er Männer ohne deren Wissen in einem Nachtasyl – und heimlich ein Paar, das sich im Park küsst. Die Frau (Vanessa Redgrave) wird jedoch auf ihn aufmerksam und verlangt die Herausgabe des Films. Sie folgt ihm in sein Studio, zieht ihre Bluse aus und zeigt ihre Bereitschaft, mit ihrem Körper zu bezahlen. Erst als Thomas ihr einen Film aushändigt, von dem sie glaubt, es sei der richtige, gibt sie sich zufrieden.

Thomas hat sie jedoch getäuscht und ihr einen anderen Film gegeben. Neugierig entwickelt er die Fotos, die er im Park machte und schaut sich die Abzüge mit einer Lupe an. Bei einer Hecke fällt ihm ein Schatten auf. Er stellt eine stärkere Vergrößerung ein (to blow up!) und glaubt, auf den extrem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen eine Hand mit einer Pistole zu erkennen. Außerdem scheint unter einem der Büsche ein Toter zu liegen. Hat er – ohne es zu merken – einen Mord fotografiert? Obwohl es Nacht ist, geht er in den Park und findet die Leiche des Mannes, der mit der Frau zusammen gewesen war. Erschrocken flüchtet er. Zu Hause stellt er fest, dass sowohl die Abzüge als auch die Negative verschwunden sind. Sobald es hell ist, schaut er sich noch einmal in dem Park um, aber er findet weder die Leiche wieder noch irgendein anderes Indiz für ein Verbrechen. War alles nur Einbildung?

Die Frau, die den Film verlangt hatte, taucht nicht mehr auf. Zeugen gibt es nicht. Thomas weiß nicht, ob wirklich ein Mord geschah oder nicht und verliert dadurch seine gewohnte Selbstsicherheit.

Am Ende begegnet er im Park einer Gruppe kostümierter Studenten, von denen zwei pantomimisch Tennis spielen. Als es so aussieht, als sei ihr Ball über den Zaun geschlagen worden, geht Thomas zu der fiktiven Aufschlagstelle und tut so, als werfe er den Tennisball zurück. Deutlich hört er die Aufschläge der beiden Spieler, und mit seinen Augen verfolgt er den hin und her fliegenden Ball.

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Anfangs glaubt man, einen Thriller zu sehen, aber nach einiger Zeit merkt man, dass es überhaupt nicht um die Aufklärung eines möglichen Mordfalles geht. Stattdessen spielt Michelangelo Antonioni (*1912) in „Blow up“ mit den Grenzen von Wirklichkeit und Einbildung, Realität und Illusion. Er demonstriert die Unzuverlässigkeit unserer Sinnesorgane und die Manipulierbarkeit durch filmische bzw. fotografische Aufnahmen. Nebenbei porträtiert Michelangelo Antonioni am Beispiel Londons die gefühlsarme, materialistische und nihilistische Gesellschaft der Sechzigerjahre.

Die Suggestion, die der Film auch heute ausübt, verdankt sich der Paradoxie seiner vermeintlich minimalistischen, tatsächlich aber hochkomplexen Handlung. Er ist eine Parabel, die eine Kritik unserer scheinbar objektivierbaren, sprich fotografisch reproduzierbaren Wahrnehmung der Wirklichkeit im Schilde führt […] Der Fotograf Thomas, der, von seiner manipulativen Beherrschung der Wirklichkeit im Fotostudio angewidert, vom künstlichen gleichsam ins wirkliche Leben tritt, macht hier die […] verwirrende Erfahrung, dass die Wirklichkeit weitaus komplexer ist, dass sie aus miteinander konkurrierenden „Wahrheiten“ besteht […]
(Johannes Willms in „Süddeutsche Zeitung“, 24. Januar 2006).

Die Handlung ist rasch erzählt. Das Entscheidende an „Blow up“ ist die Inszenierung: Michelangelo Antonioni entwickelt das Geschehen bewusst langsam, und mitunter wird minutenlang überhaupt kein Wort gesprochen. Ebenso unüblich sind die von Carlo di Palma gewählten Kameraperspektiven.

„Oscar“-Nominierungen gab es 1966 für die Regie und das Drehbuch von „Blow up“. Obwohl Michelangelo Antonioni am Ende doch leer ausging, gilt sein Film „Blow up“ inzwischen längst als Klassiker und Meilenstein in der Filmgeschichte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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