Harry Brown

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Harry Brown – Originaltitel: Harry Brown – Regie: Daniel Barber – Drehbuch: Gary Young – Kamera: Martin Ruhe – Schnitt: Joe Walker – Musik: Ruth Barrett, Martin Phipps – Darsteller: Michael Caine, Emily Mortimer, Charlie Creed-Miles, David Bradley, Iain Glen, Sean Harris, Ben Drew, Jack O'Connell, Jamie Downey, Lee Oakes, Joseph Gilgun, Liam Cunningham u.a. – 2009; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Die Bewohner eines Londoner Problemviertels werden von einer Jugendbande terrorisiert. Die Polizei scheint machtlos dagegen zu sein. Harry Brown, ein greiser Veteran der Royal Marines, wohnt hier in einem Plattenbau. Als sein Freund in einem von den Jugendlichen beherrschten Fußgängertunnel erstochen wird und sich abzeichnet, dass die Mordverdächtigen mit geringen Strafen davonkommen, beschließt er, auf eigene Faust für Gerechtigkeit zu sorgen ...
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Kritik

Mit dem Thema Selbstjustiz geht Daniel Barber in dem Sozialdrama zu unkritisch um. Unter filmischen Gesichtspunkten ist "Harry Brown" erstklassig. Das gilt für das durchdachte Drehbuch, die düstere Optik, die dichte Atmosphäre und v.a. den großartigen Hauptdarsteller Michael Caine.
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In einem Problemviertel Süd-Londons belästigen zwei Jugendliche auf einem Motorrad eine Mutter, die einen Kinderwagen schiebt. Einer der beiden schießt zum Spaß ungezielt herum, und die Frau schreit vor Angst – bis sie tödlich getroffen wird. Das war wohl gar nicht beabsichtigt. Wenige Minuten später kollidiert das Motorrad mit einem Lastwagen. Dabei kommen die beiden Jugendlichen ums Leben.

Von seinem Fenster in einer Mietskaserne des Viertels aus beobachtet der Greis Harry Brown (Michael Caine), wie Jugendliche gegen ein geparktes Auto treten. Als der Besitzer zu seinem Wagen läuft und die Kerle auffordert, damit aufzuhören, hüpfen sie auf dem Dach und der Motorhaube herum. Dann schlagen sie den Mann zusammen.

Früher war Harry Brown bei den Royal Marines und kämpfte in Nordirland gegen Terroristen. Jetzt wohnt er in einem Plattenbau. Seine Ehefrau Kathy (Liz Daniels) liegt im Krankenhaus und wird wohl nicht mehr aus dem Koma erwachen. Harry besucht sie jeden Tag. Dabei muss er einen Umweg machen, denn eine Fußgängerunterführung auf dem direkten Weg wird von einer Jugendbande beherrscht, die dort Alkohol und Drogen konsumiert. Passanten, die es wagen würden, sich der Clique zu nähern, kämen nicht heil davon.

Nach dem Krankenhausbesuch spielt Harry in einem Pub Schach mit seinem Freund Leonard („Len“) Attwell (David Bradley). Die beiden alten Männer können es kaum fassen, dass Kenny (Joseph Gilgun) und Stretch (Sean Harris) – zwei Jugendliche aus der Straßengang – im Pub offen ein Drogengeschäft miteinander machen und der Wirt Sid Rourke (Liam Cunningham) nichts dagegen unternimmt. Len glaubt zu wissen, dass Sid Schmiergelder von den Jugendlichen bekommt. Und wahrscheinlich hätte er auch gar keine Chance, ihnen etwas zu verbieten.

Mitten in der Nacht wird Harry durch einen Telefonanruf geweckt: Seine Frau liegt im Sterben. Weil er nicht durch den Fußgängertunnel laufen kann, kommt er um Minuten zu spät: Das Bett ist bereits abgezogen.

Nach Kathys Beerdigung klagt Len seinem Freund, dass auch er von den Jugendlichen terrorisiert wird. Sie spucken ihm ins Gesicht und werfen Kot in seinen Briefkasten. Er zeigt Harry ein altes Bajonett, das er bei sich hat, um sich verteidigen zu können. Harry meint, es sei besser, zur Polizei zu gehen, aber Len sagt, dort sei er schon gewesen, aber man habe ihm nicht geholfen.

Nachts wacht Len in seiner Wohnung auf, weil es qualmt. Jemand hat ihm etwas Brennendes durch den Briefkastenschlitz geworfen.

Am nächsten Morgen kommen zwei Detectives zu Harry Brown: Inspector Alice Frampton (Emily Mortimer) und Sergeant Terry Hicock (Charlie Creed-Miles). Sie befragen ihn über seinen Freund Leonard Attwell, der nachts im Fußgängertunnel erstochen wurde.

Die Polizei nimmt vier Jugendliche fest: Noel (Ben Drew), Marky (Jack O’Connell), Carl (Jamie Downey) und Dean (Lee Oakes). Noels Mutter Jean Winters (Claire Hackett), deren Mann eine Haftstrafe verbüßt, will nicht glauben, dass auch ihr Sohn etwas angestellt haben soll. Bei den Vernehmungen verweigern die Mordverdächtigen die Aussage. Obwohl Noel, der Anführer der Jugendbande, Alice Frampton provoziert und schwer beleidigt, muss sie ihn und seine Kumpane freilassen.

Nach Lens Beerdigung wird Harry auf dem Heimweg von einem Junkie überfallen. Der drogensüchtige Räuber bedroht ihn mit einem Messer und verlangt seine Brieftasche. Trotz seines Alters gelingt es Harry, einen Messerstoß zu provozieren und die Hand des Angreifers so abzulenken, dass dieser sich das Messer selbst in die Brust rammt. Der Jugendliche stirbt.

Detective Inspector Frampton klingelt noch einmal bei Harry Brown. Sie unterrichtet ihn darüber, dass Leonard Attwell mit einem alten Bajonett erstochen wurde, auf dem die Forensiker inzwischen seine eigenen Fingerabdrücke und Fasern seines Mantels sichergestellt haben. Die Verteidiger der Jugendlichen werden deshalb auf Notwehr plädieren.

Daraufhin beschließt Harry, auf eigene Faust für Gerechtigkeit zu sorgen. Er folgt Kenny unbemerkt, als dieser zu einer leer stehenden Fabrikhalle geht und sich dort mit Stretch trifft. Harry erklärt den beiden, er wolle eine Pistole kaufen. Im Inneren der Halle befindet sich eine Cannabisplantage. Auf einer schäbigen Couch stöhnt ein bewusstloses Mädchen (Klariza Clayton) im Drogenrausch. Stretch hat sich offenbar gerade ein Video angesehen, das aufgenommen wurde, während er das Mädchen vergewaltigte. Der Film läuft noch. Harry ist entsetzt. Er fordert Stretch auf, für das Mädchen, das augenscheinlich unter einer Überdosis leidet, einen Krankenwagen zu rufen. Stattdessen feuert Stretch einen ungezielten Schuss ab. Harry gelingt es, eine der Pistolen, die Kenny ihm anbietet, zu laden und die beiden jungen Männer niederzuschießen. Kenny ist sofort tot. Stretch liegt mit einem Bauchschuss am Boden. Nachdem Harry auch ihn getötet hat, nimmt er eine Sporttasche mit Pistolen und Geld an sich, legt Feuer und fährt das Mädchen in einem gestohlenen Wagen zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Parkplatz der Klinik steckt er der Ohnmächtigen ein Bündel Geldscheine zu, löst die Alarmanlage des Fahrzeugs aus und verschwindet.

Den Rest des Geldes spendet er der Kirche.

Dann erschießt er ein weiteres Mitglied aus Noels Straßengang und bringt Marky in seine Gewalt. Er foltert Marky, um mehr über die Ermordung seines Freundes herauszufinden. Marky beteuert, Leonard Attwill nicht selbst erstochen zu haben und weist Harry darauf hin, dass alles auf seinem Handy zu sehen sei. Harry schaut sich das Video an: Noels Bande fällt über seinen Freund her, prügelt und sticht auf ihn ein, bis er tot am Boden liegt.

Mit Marky als Geisel geht Harry zum Fußgängertunnel. Dort sind Noel und Carl. Die beiden schicken die zwei Mädchen fort, mit denen sie gerade herummachten. Es kommt zu einer Schießerei, bei der Marky und Carl getötet werden. Noel läuft davon.

Harry verfolgt den Flüchtigen, bricht aber nach ein paar hundert Metern zusammen und verliert das Bewusstsein. Im Krankenhaus kommt er wieder zu sich. Die Ärzte diagnostizieren bei ihm ein Lungenemphysem.

S. I. Childs (Iain Glen), der Polizeichef, geht davon aus, dass der Tod der fünf Jugendlichen auf einen Bandenkrieg zurückzuführen sei. Deshalb ordnet er eine Großrazzia im Stadtviertel an (Operation „Nachtfalke“). Alice Frampton weist ihn auf die Möglichkeit hin, dass Harry Brown die Jugendlichen getötet hat. Das hält Childs für lächerlich: Was sollte ein alter Mann, der inzwischen im Krankenhaus liegt, gegen die kriminellen Jugendlichen ausrichten können?

Die Bewohner des Viertels nehmen den groß angelegten Polizeieinsatz nicht hin, sondern rebellieren dagegen.

Harry reißt sich die Nadel heraus und die Schläuche ab. Er macht sich davon, um nach Noel zu suchen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Als Alice Frampton erfährt, dass Harry Brown das Krankenhaus verlassen hat, ahnt sie, was er vorhat, und obwohl Childs ihr und Terry Hicock die Zuständigkeit für die Ermittlungen entzogen hat, macht sie sich mit dem Sergeant auf, um den alten Mann davon abzuhalten, auch noch Noel zu töten. Sie geraten mit ihrem Auto in die Straßenkämpfe zwischen der Polizei und den aufgebrachten Bewohnern des Viertels. In dem Chaos kollidieren sie mit zwei anderen Autos. Terry Hicock wird schwer verletzt. Harry, der den Unfall beobachtet hat, eilt herbei und hilft Alice Frampton, ihren Kollegen in Sid Rourkes Pub zu tragen. Dort drängt er den Wirt, den Notarzt zu rufen.

Alice sieht, dass Harry eine Pistole bei sich hat. Sie fragt ihn, wo das enden soll. Er werde auch noch Noel erschießen und dann werde Sid Rourke ihn töten, meint sie. Erst jetzt erfährt Harry, dass Noel Sids Neffe ist.

Mit vorgehaltener Waffe fordert er den Wirt auf, ihm zu verraten, wo Noel sich versteckt. Auf einen Ruf seines Onkels kommt Noel herein. Er hat ebenfalls eine Pistole in der Hand, aber Sid bringt ihn dazu, sie nicht länger auf Harry zu richten. Noel habe ihm versichert, nichts mit der Ermordung Leonard Attwills zu tun zu haben, erklärt Sid. Da wirft Harry ihm Martys Handy mit dem Video zu. Sid begreift, dass ihn sein Neffe anlog. Aber auch wenn Noel ein Verbrechen beging, will er nicht, dass Harry ihn erschießt. Der ist dazu wegen des Lungenemphysems auch gar nicht mehr in der Lage. Widerstandslos lässt er sich von Sid die Waffe abnehmen. Sid rammt ihm seine Faust in den Magen. Während Harry keuchend am Boden liegt, geht Noel zu Alice Frampton, die gerade über ihr Handy Verstärkung anfordert, und schlägt sie brutal zusammen.

Sein Onkel hält es für ratsam, keine Zeugen am Leben zu lassen, Harry und die beiden Detectives also zu töten. Nachdem Sid den schwerverletzten Sergeant erstickt hat, beginnt Noel dessen Vorgesetzte zu würgen. Harry strengt sich an, nimmt die Pistole, die er am Bein versteckt trug und erschießt Noel. Im nächsten Augenblick schießt Sid auf Harry, trifft ihn aber nicht tödlich. Er tritt vor den wehrlos am Boden liegenden Greis und hebt die Pistole, um ihn zu töten. Auf seinem Pullover tauchen zwei Leuchtpunkte auf. Bevor Sid noch einmal abdrücken kann, stirbt er durch die Kugel eines Scharfschützen der Polizei.

Nach der Niederschlagung der Unruhen im Viertel zeichnet Childs bei einer Pressekonferenz Alice Frampton und posthum auch Terry Hicock für ihren Einsatz aus. Ein Journalist fragt, was der Polizeichef von den Gerüchten halte, dass einige der erschossenen Jugendlichen Opfer von Selbstjustiz geworden seien. Childs versichert, dabei handele es sich um haltlose Spekulationen.

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Für seinen ersten abendfüllenden Kinofilm hat sich der britische Regisseur Daniel Barber das Thema Selbstjustiz ausgesucht. In „Harry Brown“ zeigt er die Tristesse des Lebens in einem Londoner Problemviertel. Jugendliche ohne Zukunftsperspektive vertreiben sich die Zeit mit Sex, Drogen und Alkohol. Zum Spaß terrorisieren sie Passanten und Bewohner. Als ein alter Mann, der früher bei den Royal Marines war, zu der Auffassung gelangt, dass die Polizei gegenüber den kriminellen Jugendlichen machtlos sei und es keine andere Möglichkeit gebe, die Ordnung wiederherzustellen, greift er zur Selbstjustiz.

Bedenklich ist, dass Daniel Barber und Gary Young (Drehbuch) die Legitimität von Vigilantismus in dem Sozialdrama „Harry Brown“ nicht in Frage stellen. Das ist entweder reaktionär oder zynisch.

„Harry Brown“ ist eine unter die Haut gehende Studie über Gewalt und Gegengewalt. Daniel Barber und Gary Young entwickeln die Handlung linear und chronologisch. Das Drehbuch ist sorgfältig durchdacht. Mit wenigen Ausnahmen wird aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt, die von dem 85-jährigen Schauspieler Michael Caine überzeugend und mit vielen kleinen, aber eindrucksvollen Gesten verkörpert wird. Stimmig sind auch die düstere Optik und atmosphärische Dichte des Films „Harry Brown“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

 

Arnon Grünberg - Phantomschmerz
Arnon Grünberg springt zwischen verschiedenen Orten und Zeiten hin und her und baut die Geschichte auch noch in eine Rahmenhandlung ein. Der tragikomische Roman "Phantomschmerz" ist kein besonders tiefschürfendes Buch, aber eine recht unterhaltsame Satire.
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