Sarabande

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Sarabande - Originaltitel: Sarabande - Regie: Ingmar Bergman - Drehbuch: Ingmar Bergman - Kamera: Raymond Wemmenlöv, Per-Olof Lantto, Sofi Stridh, Jesper Holmström und Stefan Eriksson - Schnitt: Sylvia Ingemarsson - Musik: Johann Sebastian Bach, Anton Bruckner, Johannes Brahms - Darsteller: Liv Ullmann, Erland Josephson, Börje Ahlstedt, Julia Dufvenius und Gunnel Fred - 2003; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Als Marianne ihren früheren Ehemann Johan nach zweiunddreißig Jahren erstmals wieder besucht, erlebt sie den Hass zwischen dem Sechsundachtzigjährigen und seinem Sohn Henrik, aber auch wie Henrik seiner Tochter Karin seit dem Tod seiner Frau durch seine Besitz ergreifende Liebe jede Freiheit raubt.

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Kritik

Ingmar Bergman inszenierte das bitterböse Familiendrama "Sarabande" als Kammerspiel. Die Handlung findet ausschließlich in Gesprächen, Gesten und Gesichtsausdrücken statt – und ist dennoch packender als die meisten Actionthriller.
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Prolog: Marianne zeigt ihre Fotos

Marianne (Liv Ullmann) ist dreiundsechzig; sie arbeitet als Rechtsanwältin in Stockholm und hat sich auf Familien- und Scheidungsrecht spezialisiert. Der Tisch vor ihr ist mit Erinnerungsfotos bedeckt. Sie denkt an ihren früheren Ehemann Johan (Erland Josephson), den sie seit zweiunddreißig Jahren nicht mehr gesehen hat. Der inzwischen Sechsundachtzigjährige zog sich vor einiger Zeit in ein einsames Landhaus in den Wäldern der mittelschwedischen Provinz Dalarna zurück. Finanzielle Sorgen kennt der emeritierte Medizinprofessor nicht, denn er erbte einige Millionen Kronen von einer dänischen Tante, einer berühmten Opernsängerin. Martha (Gunnel Fred), die autistische Tochter Johans und Mariannes, lebt in einem Pflegeheim und erkennt ihre Mutter längst nicht mehr. Sara hat einen Rechtsanwalt geheiratet und ist mit ihm nach Australien gegangen.

(1) Marianne setzt ihren Plan in die Tat um

Beim Anblick der Erinnerungsfotos kommt Marianne auf die Idee, Johan zu besuchen. Sie kündigt sich telefonisch an und fährt mit ihrem Auto die 340 Kilometer lange Strecke. Zu ihrer Verwunderung nimmt Johan sie zur Begrüßung in die Arme und hält ihre Hand, während sie auf der Bank seiner Veranda sitzen und den herrlichen Ausblick auf die Wälder und Seen genießen. Es dauert jedoch nicht lang, bis Johan wieder zu seinem Sarkasmus zurückfindet und auf Distanz geht.

Johan lebt hier ganz allein; eine Frau aus dem nächsten Dorf kommt jeden Tag für vier Stunden vorbei, um ihm den Haushalt zu führen. Henrik (Börje Ahlstedt), Johans Sohn aus erster Ehe, wohnt zwar seit einigen Monaten mit seiner neunzehnjährigen Tochter Karin (Julia Dufvenius) in dem zum Anwesen gehörenden Seehäuschen, hat aber kaum Kontakt zu seinem Vater. Henrik ist einundsechzig, fast so alt wie Marianne. Als vor zwei Jahren seine Frau Anna nach zwanzig Jahren Ehe an Krebs starb, brach er beinahe zusammen. Er gab seine Musikprofessur in Uppsala auf und lebt nur noch, um mit Karin Cello zu üben, denn sie soll als Solistin Karriere machen.

(2) Fast eine Woche ist vergangen

Karin läuft zum Haus hinauf, trifft dort jedoch nicht ihren Großvater an, der von seiner Haushälterin zum Zahnarzt gefahren wurde, sondern Marianne. Bei einem Glas Wein berichtet Karin aufgeregt, dass sie am Morgen eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem Vater hatte: Obwohl sie sich unwohl fühlte, zwang Henrik sie, mit ihm zu üben. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und lief fort, obwohl er es ihr verbot. Karin ist völlig verstört durch den Tod ihrer Mutter und die Besitz ergreifende Liebe ihres Vaters.

Marianne hört ihr zu, und als Karin fragt, erzählt sie, dass sie nach der Scheidung von Johan mit einem langweiligen Segelflieger verheiratet war, der eines Tages einfach verschwand. Später hatte sie noch einmal ein längeres Verhältnis mit Johan, aber als sie herausfand, dass er gleichzeitig mit einer zweiten Geliebten zusammen war, trennte sie sich vor zweiunddreißig Jahren endgültig von ihm.

(3) Über Anna

Karin kehrt zu ihrem Vater in das Seehäuschen zurück. Bei Einbruch der Nacht liegen sie im Ehebett und können nicht schlafen. Henrik erzählt Karin von einer Auseinandersetzung, die er vor der Hochzeit mit Anna hatte: Er war damals betrunken und geriet mit ihr so heftig in Streit, dass sie die Verlobung lösen wollte. Das akzeptierte er jedoch nicht.

(4) Fast eine Woche später. Henrik besucht seinen Vater

Unvermittelt taucht Henrik bei seinem Vater auf, der gerade in einem Buch von Sören Kierkegaard gelesen hat, aber ein Gespräch kommt nicht zustande. Johan legt offensichtlich keinen Wert darauf und ahnt auch gleich den Grund des Besuchs: Henrik, der ihm bereits 200 000 Kronen schuldet, ersucht ihn um weitere 890 000 Kronen als Vorschuss auf das Erbe. Mit dem Geld möchte er Karin ein besseres Cello kaufen. Um seinen Vater zu erweichen, lässt Henrik sich von ihm demütigen, aber der reagiert darauf nur mit Verachtung. Schließlich notiert Johan sich die Adresse und Telefonnummer des Herrn, der das Cello zum Verkauf angeboten hat.

Johan hat seinen labilen Sohn von Anfang an gehasst und die unterwürfige Liebe des Jugendlichen verabscheut. Als Henrik im Alter von achtzehn oder zwanzig Jahren krank im Bett lag, versuchte er sich ihm auf Wunsch seiner Frau zu nähern, wurde aber nun von seinem Sohn hasserfüllt zurückgewiesen. Bis heute hat sich an dem gegenseitigen Hass des dominanten Vaters und des unterlegenen Sohnes nichts geändert.

(5) Bach

Marianne geht morgens in die Dorfkirche. Henrik übt auf der Orgel, denn er vertritt den erkrankten Organisten. Er erzählt Marianne, er arbeite an einem Buch über die Johannespassion. Seit Annas Tod gebe nur noch Karin seinem Leben einen Sinn. Als sie auf Johan zu sprechen kommen, erschrickt Marianne über den abgrundtiefen Hass des Sohnes auf den Vater.

(6) Ein Angebot

Johan schickt seine Haushälterin und lässt Karin zu sich rufen. Zunächst spricht er von Anna, die er sehr vermisst. „Durch Annas Dasein war das Dasein ein wenig erträglicher.“ Dann kommt er zum eigentlichen Grund der Unterredung: Ein russischer Dirigent, der Karin unlängst spielen hörte, hält sie für hochbegabt und bietet ihr eine qualifizierte Ausbildung zur Solistin an. Er schreibt, er habe sich mit ihrem Vater in Verbindung gesetzt, sei jedoch brüsk abgewiesen worden. Deshalb wendet er sich nun an Johan. Der versichert seiner Enkelin, er werde die Ausbildung bezahlen und ihr das bessere Cello kaufen, von dem Henrik sprach – wenn sie das Angebot in Russland annehme.

(7) Annas Brief

Aufgeregt kommt Karin mit einem Brief zu Marianne, den sie zufällig in einem Buch fand. Anna hatte ihn eine Woche vor ihrem Tod im Krankenhaus an ihren Mann geschrieben. Sie hatte ihn davor gewarnt, nach ihrem Tod seine ganze Liebe auf Karin zu richten und dem Mädchen dadurch jede Freiheit zu rauben. Inzwischen erwies sich Annas Sorge als berechtigt: Weil Karin befürchtet, ihr Vater werde sich das Leben nehmen, wenn sie ihn verlässt, lehnt sie Angebot des russischen Dirigenten ab.

(8) Sarabande

Henrik kommt aus Uppsala zurück und berichtet Karin glücklich, er habe ein Doppelkonzert für sie und sich vereinbart. Er will auch gleich wieder mit ihr üben, aber dann fällt ihm auf, dass Karin sich über die Ankündigung überhaupt nicht freut. Da legt er die Instrumente zur Seite und redet mit ihr. Karin gesteht, dass sie lieber Konzertmusikerin als Solistin werden möchte. In einer Woche wird sie mit Emma, einer Bekannten, die ebenfalls Musikerin ist, nach Hamburg fahren. Emma schickte ein Video ein, auf dem sie mit Karin zu sehen und zu hören ist. Daraufhin wurden sie in einen Kurs für junge Musiker aus ganz Europa aufgenommen. Drei Jahre werde die Ausbildung dauern, in derem Rahmen auch Konzerte mit Claudio Abbado geplant sind. „Ich will kein schlechter Ersatz für meine Mutter sein“, sagt Karin. „Damit muss endlich Schluss sein.“

(9) Die Entscheidung

Während Karin nach Hamburg unterwegs ist, schluckt Henrik eine Überdosis Schlaftabletten und schneidet sich die Pulsadern auf. Eine Frau, die zufällig am Seehäuschen vorbeikommt, findet ihn gerade noch rechtzeitig und veranlasst seine Einlieferung ins Kankenhaus. Als Johan die Nachricht erhält, meint er verächtlich: „Er versagt sogar beim Selbstmord.“

(10) Die Stunde vor Tagesanbruch

Panisch vor Angst schreckt Johan aus dem Schlaf und wird von einem Weinkrampf geschüttelt. Der Misanthrop wird bald sterben und weiß, dass er sein Leben verpfuscht hat. Als er sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hat, klopft er am Nebenzimmer, weckt Marianne, und als sie merkt, dass er Zuflucht sucht, fordert sie ihn auf, zu ihr ins Bett zu schlüpfen. Der alte Mann zieht sein verschwitztes Nachthemd aus und bittet sie, ebenfalls ihr Nachthemd abzulegen, damit er ihren warmen Körper spürt.

Epilog

Marianne musste zurück nach Stockholm zu einer Gerichtsverhandlung. Seit dem Besuch telefonierte sie sonntags mit Johan, bis einmal statt ihm seine Haushälterin abhob und Marianne auf einen Brief vertröstete, der dann nicht kam. Sie schrieb Johan ein paar Mal, erhielt aber keine Antwort von ihm.

Wieder einmal besucht sie ihre erwachsene Tochter Martha im Pflegeheim. Als Marianne ihr die Brille abnimmt, öffnet sie plötzlich die Augen und blickt sie kurz an. Zum ersten Mal hat Marianne das Gefühl, ihre Tochter berührt zu haben. Weinend gesteht sie sich ein, dass sie als Mutter versagt hat.

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Wir glauben, Marianne und Johan aus „Szenen einer Ehe“ zu kennen, zumal sie wieder von Liv Ullmann und Erland Josephson dargestellt werden, aber in „Sarabande“ nennt Ingmar Bergman ihre beiden Töchter nicht Karin und Eva, sondern Sara und Martha. „Sarabande“ knüpft also an „Szenen einer Ehe“ an, ist aber kein Sequel.

Ingmar Bergman beteuert, „Sarabande“ sei sein letzter Film. Wer geglaubt hat, dass der schwedische Regisseur sich mit einem versöhnlichen Film verabschieden würde, lag falsch: Als Marianne ihren früheren Ehemann Johan nach zweiunddreißig Jahren erstmals wieder besucht, wird sie Zeugin eines unbarmherzigen Familiendramas. Während sich der inzwischen sechsundachtzig Jahre alte, verbitterte Johan seinem Sohn gegenüber durch Hass, Demütigung und Verachtung schuldig gemacht hat, raubt Henrik seiner Tochter Karin durch seine Besitz ergreifende Liebe jede Freiheit. Als Karin ihren eigenen Weg geht, versucht er sich das Leben zu nehmen. Johan wird unvermittelt von der schieren Todesangst gepeinigt und gesteht sich ein, dass sein Leben verpfuscht ist. Auch Marianne begreift am Ende, dass sie als Mutter zweier Töchter versagt hat. Hoffnung besteht nur in der dritten Generation: Vielleicht gelingt es Karin, sich aus der latent inzestuösen Bindung zu lösen.

Ingmar Bergman inszeniert dieses bittere Familiendrama als Kammerspiel mit – einschließlich des kurzen Auftritts von Gunnel Fred als Autistin Martha – fünf Personen. Die Handlung findet nur in Gesprächen, Gesten und Gesichtsausdrücken statt – und ist dennoch packender als die meisten Actionthriller.

„Sarabande“ wurde im Dezember 2003 erstmals im schwedischen Fernsehen gezeigt. Die Premiere der deutsch synchronisierten Fassung fand am 30. Juli 2004 im ZDF statt. Die Pläne, den Film auch im Kino und auf Festivals zu zeigen, verwarf Ingmar Bergman, angeblich weil er die Qualität des umkopierten digitalen Filmmaterials für ungenügend hält.

Eine Sarabande war übrigens ein von der Iberischen Halbinsel stammender, im 17. und 18. Jahrhundert weit verbreiteter Paartanz, der in der Barockmusik zu einem festen Bestandteil der Suite wurde.

Ingmar Bergmann war bei den Dreharbeiten fünfundachtzig, Erland Josephson achtzig und die norwegische, in Tokio geborene Schauspielerin Liv Ullmann vierundsechzig.

Synchronstimmen in „Sarabande“:

  • Judy Winter (Marianne)
  • Lothar Blumhagen (Johan)
  • F. O. Schenk (Henrik)
  • Marie Bierstedt (Karin)

Musik in „Sarabande“:

  • Johann Sebastian Bach, Cellosuite Nr. 5, c-Moll, BWV 1010, 4. Satz: Sarabande
  • Johann Sebastian Bach, Triosonate Nr. 6, G-Dur, BWV 530
  • Johann Sebastian Bach, Triosonate Nr. 1, Es-Dur, BWV 525, 1. Satz: Allegro
  • Johann Sebastian Bach, Orgelchoral, BWV 1117
  • Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 9, d-Moll, 2. Satz: Scherzo
  • Johannes Brahms, Streich-Quartett Nr. 1, c-Moll, op. 51
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004

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In seinem Roman "Von allen Reichtümern" spielt Stefano Benni mit Begegnungen, Erlebnissen, Erinnerungen und Spiegelungen. Der Grundton ist melancholisch, aber es sind auch satirische und lustige Elemente eingeflochten.
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