Der letzte Tango in Paris

Der letzte Tango in Paris

Der letzte Tango in Paris

Der letzte Tango in Paris - Originaltitel: L'ultimo tango a Parigi - Regie: Bernardo Bertolucci - Drehbuch: Franco Arcalli, Bernardo Bertolucci und Agnès Varda nach dem Roman "Last tango in Paris" von Robert Alley - Kamera: Vittorio Storaro - Schnitt: Franco Arcalli und Roberto Perpignani - Musik: Gato Barbieri - Darsteller: Marlon Brando, Maria Schneider, Jean-Pierre Léaud, Massimo Girotti, Veronica Lazare, Darling Legitimus, Catherine Sola, Mauro Marchetti, Gitt Magrini - 1972; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Dass seine Frau ihn mit einem anderen Mann betrog und sich jetzt das Leben nahm, wirft einen vor fünf Jahren nach Paris gekommenen Amerikaner aus der Bahn. Nur in einer rein sexuellen Beziehung unter Missachtung der gewohnten Umgangsformen, außerhalb der Gesellschaft, glaubt er das Leid vergessen zu können.
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Kritik

"Der letzte Tango in Paris" ist ein düsterer, hoffnungsloser, abstoßender und zugleich faszinierender Film über die Deformierung eines gegen den Tod und die bürgerliche Welt aufbegehrenden Menschen.

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Dem fünfundvierzig Jahre alten Amerikaner Paul (Marlon Brando) gehört ein billiges Hotel in Paris, das früher von seinen Schwiegereltern geführt worden war. Dass seine Frau Rosa (Veronica Lazare), die er während eines Aufenthalts in diesem Hotel vor fünf Jahren kennen gelernt hatte, ihn seit einem Jahr mit einem anderen Mann namens Marcello betrog und sich nun die Pulsadern öffnete, wirft ihn aus der Bahn. Seine Schwiegermutter (Gitt Magrini) lässt ihren kranken Mann zu Hause und reist mit dem nächsten Zug an, um nach einer Erklärung für den Suizid ihrer Tochter zu suchen. Aber sie findet weder einen Abschiedsbrief noch einen anderen Hinweis auf das Motiv. Paul nimmt hin, dass sie für eine stilvolle Aufbahrung und Bestattung sorgt; nur als sie einen Priester dabei haben möchte, wird er wütend: Rosa sei nicht gläubig gewesen, und die Kirche habe etwas gegen Selbstmörder.

Während Paul gerade seine Frau verloren hat, beabsichtigt die zwanzigjährige Pariserin Jeanne (Maria Schneider), in ein oder zwei Wochen ihren Freund zu heiraten, den Filmregisseur Tom (Jean-Pierre Léaud). Es stört sie allerdings, dass er den Auftrag für einen Dokumentarfilm über eine junge Französin angenommen hat, sie als Objekt dafür ausgesucht hat und sie mit einem Kamerateam regelrecht überfällt, ohne sie auch nur zu fragen. Bei Tom dreht sich überhaupt alles nur um seine Filmideen. Eigentlich will Jeanne nicht immer nur tun, was Tom vorgibt. „Ich habe es satt, mich vergewaltigen zu lassen.“ Aber sie fügt sich dann doch und zeigt bei den Filmaufnahmen, wo sie aufgewachsen ist, stellt Olympia, die frühere Haushälterin der Familie vor und berichtet, dass ihr Vater 1958 als Offizier in Algerien gefallen ist.

Als Jeanne eine leer stehende Vier-Zimmer-Wohnung besichtigt und die Rollläden hochzieht, erschrickt sie: In einer Ecke kauert Paul. Er war ihr zuvor schon unter einer Eisenbahnbrücke aufgefallen, weil er zwar einen offenen Kaschmirmantel trägt, die Kleidung darunter jedoch einen verwahrlosten Eindruck macht. Unvermittelt schließt er die Tür und umarmt die junge Frau. Ohne auch nur den Mantel auszuziehen, nimmt er sie im Stehen, und sie klammert sich an ihn, während sie vor Lust und Schmerz schreit. Nachdem sie sich offenbar darauf verständigt haben, dass er die Wohnung mietet, damit sie sich dort auch weiterhin treffen können, gehen sie grußlos auseinander.

Er lässt Möbel anliefern, aber sie richten die Wohnung nur behelfsmäßig ein. Seinen Namen verrät er nicht, und als sie ihren sagen will, hält er sie brüsk davon ab: „Ich will nichts wissen! Wir treffen uns hier und wissen nichts von den Dingen, die sich da draußen abspielen.“ Sie bringt ihn doch dazu, von seiner Kindheit zu erzählen. Seinen Vater, einen kleinen Farmer, charakterisiert er als gewalttätigen Säufer; die Mutter sei sehr poetisch gewesen und habe ihn gelehrt, die Natur zu lieben. Zu seinen Aufgaben gehörte es, morgens und abends die Kuh zu melken.

Als er ihr ostentativ nicht zuhört und nicht auf sie eingeht, wehrt sie sich, indem sie sich auf die Matratze legt und selbst befriedigt. Währenddessen hockt Paul in einer Zimmerecke und weint.

Als Jeanne das nächste Mal die halb leere Wohnung betritt, wartet Paul bereits auf sie und fordert sie ohne weitere Erklärung rüde auf, Butter aus der Küche zu holen. „Es macht mich wahnsinnig, dass du so sicher bist, dass ich jedes Mal wieder komme“, schimpft Jeanne, während sie die Butterdose auf den Boden stellt. Ohne ein Wort zu sagen, packt er sie an den Fußgelenken, dreht sie brutal auf den Bauch, reißt ihr die Jeans ein Stück herunter, gräbt mit den Fingern in die Butter und streicht sie ihr ungeachtet ihres Protests in den After. Während er sich in ihr befriedigt, muss sie blasphemische Sprüche nachsagen.

Einmal erwartet sie ihn bereits unten am Aufzug und entschuldigt sich, weil sie ihn verlassen wollte. „Aber ich kann es nicht.“ In der Wohnung versucht sie ihn zu provozieren, indem sie von einem Mann schwärmt, mit dem sie regelmäßig schläft. Als sie dann sagt, er selbst sei dieser Mann, verlangt er barsch, dass sie sich zwei Fingernägel kurz schneidet und hält ihr sein Hinterteil hin. Dabei beschreibt er ein noch ekelhafteres Szenario mit einem kotzenden, krepierenden Schwein, und sie muss ihm versichern, dass sie auch bereit wäre, das von dem Tier Erbrochene aufzuessen, wenn er es von ihr verlangen würde.

Verwundert stellt Jeanne eines Tages fest, dass die Möbel wieder aus der Wohnung verschwunden sind. Auch die Concierge weiß nicht, wie der ehemalige Mieter heißt und wo er zu finden ist.

Jeanne ruft Tom an und zeigt ihm die Wohnung, aber sie gefällt ihm nicht. Er findet, dass sie stinkt. „Da kann man nicht leben“, urteilt er.

Einige Tage später begegnen sich Paul und Jeanne auf der Straße, und er spricht sie an. Sie wehrt ihn ab: „Es ist aus.“ Doch er entgegnet unbekümmert: „Wir haben die Wohnung verlassen. Jetzt fangen wir neu an.“ Paul erzählt ihr vom Suizid seiner Frau und von seiner vergrößerten Prostata. In einen Ballsaal, in dem gerade ein Tanzturnier stattfindet, bestellt er eine Flasche Whisky, gesteht ihr seine Liebe und dass er mit ihr zusammen auf dem Land leben möchte. Sturzbetrunken schleppt er sie zwischen die Turniertänzer und versucht, einen Tango mit ihr zu tanzen. Noch einmal konstatiert Jeanne: „Es ist aus.“ Dann lässt sie ihn einfach sitzen und geht. Er läuft ihr nach, lässt sich nicht abschütteln, obwohl sie um Hilfe ruft, und folgt ihr auch in die Wohnung, in der sie mit ihrer verwitweten Mutter lebt, die jedoch nicht zu Hause ist. Er bemerkt nicht, dass sie den Armeerevolver ihres Vaters aus einer Schublade nimmt. „Mademoiselle, wie hätten Sie Ihren Helden gern? Halb durch oder blutig?“, fragt er und drückt sie an sich. Noch einmal gesteht er ihr seine Liebe. Jetzt möchte er auch ihren Namen wissen. Da kracht ein Schuss. Paul taumelt hinaus auf den Balkon, klebt seinen Kaugummi unter das Geländer, bricht zusammen und bleibt wie ein Embryo zusammengekrümmt liegen. Jeanne greift nach dem Telefon und übt wie geistesabwesend, was sie sagen will: „Ich weiß nicht, wer es ist. Ich kenne seinen Namen nicht. Er ist mir auf der Straße nachgegangen. Ein Verrückter! Ich weiß nicht, wie er heißt.“

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Paul hat seine Frau verloren. Das wirft ihn aus der Bahn und macht ihn depressiv. Nur in einer rein sexuellen Beziehung unter Missachtung der gewohnten Umgangsformen, außerhalb der Gesellschaft, glaubt Paul das Leid vergessen zu können. Brutal versucht er, seine Geliebte, deren Namen er nicht erfahren will, davon zu überzeugen, dass es zwischen ihnen nur auf das Körperliche ankomme. Er redet kaum ein Wort mit ihr und denkt gar nicht daran, wenigstens ihren Körper zärtlich zu erkunden. Die sexuellen Praktiken und Perversionen, die er ihr aufzwingt, sind freudlos und erniedrigend. Ohne es zu wollen, zieht er Jeanne in sein emotionales Chaos mit hinein. Sie lässt es zunächst geschehen, weil sie von der Direktheit dieser Beziehung angetan ist und glaubt, sich damit wenigstens zeitweise von ihrem auf andere Weise besitzergreifenden Freund Tom befreien zu können. Während sie sich mit Paul in einer mehr oder weniger leeren Wohnung trifft, von der die normale Welt ausgesperrt bleiben soll, zieht Tom sie in seine filmischen Ideen mit hinein, die allenfalls ein künstliches Abbild der Wirklichkeit sind.

Ausgerechnet Paul bricht die von ihm selbst durchgesetzte Abmachung und beginnt, nicht nur über sich zu reden, sondern auch von einer gemeinsamen Zukunft mit Jeanne in einem „normalen“ Verhältnis zu träumen. Aus Angst vor seinem Besitzanspruch tötet ihn Jeanne.

„Der letzte Tango in Paris“ basiert auf dem Roman „Last tango in Paris“ von Robert Alley („Der letzte Tango in Paris“, Übersetzung: Wolfgang Gerfin, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/M 1973, ISBN 3-436-01871-6). Es handelt sich um einen düsteren, hoffnungslosen, abstoßenden und zugleich faszinierenden Film über das vergebliche Aufbegehren gegen den Tod und die bürgerliche Welt. Bernardo Bertolucci wagte ein filmisches Experiment über die Deformierung eines Menschen. Die Atmosphäre des vor allem wegen seiner manierierten Formensprache sehenswerten Films – in dem die Farbe Orange dominiert – ist belastend und beinahe surreal. Grandios ist die schauspielerische Leistung von Marlon Brando, etwa wenn er neben der aufgebahrten Leiche seiner Frau kniet und davon spricht, eher das Universum zu begreifen als eine Frau zu verstehen, sie dann in zorniger Verzweiflung wegen ihrer Untreue verwünscht und schluchzend zusammenbricht.

Die Premiere des Films fand am 14. Oktober 1972 statt und löste wegen der drastischen und nach damaligen Maßstäben freizügigen Sexszenen einen Skandal aus, ähnlich wie neun Jahre zuvor „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman. In Italien mussten aufgrund eines Gerichtsurteils sämtliche Kopien des Films vernichtet werden; Bernardo Bertolucci wurden für fünf Jahre die Bürgerrechte aberkannt, und ein italienisches Gericht verurteilte Marlon Brando, Maria Schneider und den Produzenten Alberto Grimaldi zu je zwei Monaten Haft auf Bewährung. – Heute gilt der Film als Klassiker.

Serge July und Bruno Nuytten haben 2004 unter dem Titel „Es war einmal … Der letzte Tango in Paris“ eine Dokumentation gedreht. In Interviews mit Bernardo Bertolucci, Maria Schneider, dem Kameramann Vittorio Storaro, der feministischen Autorin Germaine Greer und anderen erfahren wir, dass für die Rolle Pauls zunächst Jean-Louis Trintignant, Jean-Paul Belmondo und Alain Delon vorgesehen waren, von denen sich jedoch keiner auf das Experiment einlassen wollte. Maria Schneider erzählt, dass die Szene mit dem Analverkehr nicht im Drehbuch stand. Marlon Brando und Bernardo Bertolucci sollen sich das beim Mittagessen ausgedacht und sie dann während des Drehs damit überrascht haben, als Brando sie auf dem Boden brutal in Bauchlage drehte und ihr die Jeans herunterriss. Wegen dieser Erniedrigung sprach sie später kein Wort mehr mit dem Regisseur. Als Marlon Brando in der Rolle des amerikanischen Witwers vor der aufgebahrten Leiche seiner Frau weinte – hören wir von Bernardo Bertolucci – hielt jemand hinter dem Bett und außerhalb des Bildes Kartons mit dem Text hoch, aber Brando pickte sich nur Stichwörter heraus und improvisierte dann zum Beispiel einen Satz wie diesen: „Ein Mann mag alle Mysterien des Universums kennen, aber das seiner Frau wird er nie verstehen.“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2004

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Friedrich Ani - Der namenlose Tag
Bei "Der namenlose Tag" handelt es sich um einen Kriminalroman, aber Friedrich Ani geht es nicht um Action oder Spannung, sondern um die Romanfiguren, ihre Traumata und Albträume. Die Atmosphäre ist bedrückend; glückliche Figuren finden wir keine.
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