Sein Bruder

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Sein Bruder

Sein Bruder - Originaltitel: Son Frère – Regie: Patrice Chéreau – Drehbuch: Patrice Chéreau, Anne-Louise Trividie, nach einem Roman von Philippe Besson – Kamera: Eric Gautier, Irina Lubtchansky – Schnitt: François Gédigier – Musik: Angelo Badalamenti – Darsteller: Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Maurice Garrel, Antoinette Moya, Fred Ulysse, Nathalie Boutefeu, Catherine Ferran, Sylvain Jacques, Robinson Stévenin u.a. - 2003; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Thomas, ein Infografiker Anfang dreißig, leidet an einer schweren Bluterkrankung. Obwohl er mit seinem jüngeren homosexuellen Bruder Luc seit langer Zeit kaum noch Kontakt hatte, bittet er ihn um Hilfe. Widerstrebend begleitet Luc ihn ins Krankenhaus und besucht ihn dort regelmäßig. Durch die leidvolle Erfahrung kommen die beiden sich wieder näher, und es entwickelt sich eine neue Intimität zwischen den Brüdern.
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Kritik

"Sein Bruder" ist ein schonungslos realistischer Film von Patrice Chéreau über den Verfall eines Todkranken. Die Darstellung ist bewusst schlicht, unpathetisch und unsentimental.
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Februar

Luc (Eric Caravaca) arbeitet als Lehrer in Paris. Als sein älterer Bruder ihn besucht, wundert sich der Dreißigjährige, denn seit der Pubertät hatten sie kaum noch Kontakt. Thomas (Bruno Todeschini) leidet unter Hämorrhagie: Die Zahl seiner Blutplättchen hat sich drastisch verringert, und sein Blut ist deshalb nicht mehr in der Lage, Verletzungen abzudichten. Er war bereits drei Monate im Krankenhaus und muss jetzt wieder hin. In seiner Verzweiflung wendet er sich an seinen Bruder und bittet ihn, am nächsten Tag mitzukommen.

März

Die Ärzte, die zwar die Symptome der Krankheit diagnostizieren, aber nicht herausfinden, worin die Ursache liegt, versuchen es mit einer massiven Cortison-Behandlung.

Die Eltern (Antoinette Moya, Fred Ulysse) kommen aus Nantes, um ihren kranken Sohn zu besuchen. Der Vater klagt angesichts des apathisch im Bett liegenden Patienten: „Wäre doch Luc statt Thomas erkrankt; der hätte gekämpft und gesiegt.“ Die Mutter weist ihn entsetzt zurecht, aber die richtigen Worte fehlen auch ihr.

Thomas Lebenspartnerin Claire (Nathalie Boutefeu) befürchtet, dass sie der Herausforderung nicht gewachsen ist.

Nur widerwillig hat Luc begonnen, sich um seinen ungeliebten Bruder im Krankenhaus zu kümmern, doch er schaut jeden Tag nach ihm und verbringt viel Zeit an seinem Bett. Darüber verliert er die Lust, mit seinem Geliebten Vincent (Sylvain Jacques) zu schlafen.

Juli

Luc und Thomas versuchen, sich an einem Atlantik-Strand zu erholen. Luc beschwert sich darüber, dass sein Bruder sich nie für ihn interessiert habe.

August

Thomas bricht mit heftigem Nasenbluten in den Dünen zusammen. Ein Kind entdeckt ihn. Im Krankenhaus entschließen die Ärzte sich, ihm die Milz zu entfernen. Aber die Zahl der Blutblättchen nimmt auch nach der Operation weiter ab. Vermutlich sei es doch die Leber, meint die behandelnde Ärztin (Catherine Ferran), aber die werde man nicht herausnehmen. Er könne auch ohne Blutblättchen gut leben, müsse nur darauf achten, sich nicht zu verletzen.

Auf eigenes Risiko verlässt Thomas das Krankenhaus und zieht sich mit seinem Bruder Luc in ein Haus der Familie am Meer zurück. Wenn sie auf einer Anlagenbank auf den Klippen sitzen, gesellt sich ein geschwätziger Greis (Maurice Garrel) zu den beiden wortkargen jungen Männern und plappert unaufhörlich, beispielsweise von Schiffsbrüchen, einer Meeresströmung, die Leichen immer an derselben Stelle anschwemmt und seinem Neffen, der von einem Tauchgang nicht mehr zurückkam. Thomas gibt zu, gern auf Fähren gewesen zu sein.

Eines Tages, als Luc gerade Besorgungen macht, zieht Thomas sich am Strand nackt aus, geht ins Wasser und versinkt in den Wellen. Luc nimmt zunächst an, sein Bruder sei spazieren gegangen und beruhigt Claire und die Eltern, die anrufen und sich Sorgen machen. Erst nach einiger Zeit geht er zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.

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Patrice Chéreau verfilmte den 2001 veröffentlichten Roman „Mein Bruder“ von Philippe Besson (Originaltitel: „Mon Frère“, Übersetzung: Caroline Vollmann, dtv, München 2005, 140 Seiten, ISBN: 3-423-24455-0).

Blutblättchen dienen dazu, Verletzungen abzudichten; die Blutgerinnung schützt vor zu starken Blutungen. Diesen Schutz hat Thomas verloren. Das ist so symbolisch wie seine Vorliebe für Fähren, die wir mit der Überfahrt über den Styx assozieren können. Während die Hindernisse verschwinden, die zwischen den beiden Brüdern standen und sich eine neue Intimität zwischen ihnen entwickelt, nähert Thomas sich dem Tod.

„Intimacy“ hatte mit Sexualität zu tun, dieser [Film] nun mit der Abwesenheit von Sexualität – wie die Krankheit das Begehren tötet. Das bedeutet, die Freunde und Partner der Brüder sind ausgeklammert, die Liebe zwischen den beiden Brüdern nimmt den ganzen Raum ein, es gibt für niemanden Platz, nur für diese seltsame Liebe, die zurückkommt. Das war es, was mich interessierte – dass das Fleisch kalt war. (Patrice Chéreau im Interview mit Frank Arnold, Süddeutsche Zeitung, 6. November 2002)

Patrice Chéreau konzentriert sich in „Sein Bruder“ ganz auf das Hier und Jetzt der beiden Hauptfiguren. Mit den Augen des homosexuellen Bruders verfolgen wir den Verfall eines männlichen Körpers. Während in „Intimacy“ die Spuren der Sexualität auf den Körpern zu sehen sind, geht die Kamera in „Sein Bruder“ ganz nah an den blassen Körper und die Operationsnarbe heran, verfolgt die Schläuche, durch die Blut und Urin rinnen. In einer belastend langen Szene schauen wir mit Luc dabei zu, wie zwei Krankenschwestern Thomas‘ Körper am Abend vor der Operation in den Achseln, auf der Brust und im Genitalbereich enthaaren. „Sein Bruder“ ist ein schonungslos realistischer Film. Bruno Todeschini magerte für die Rolle unter ärztlicher Aufsicht ab, und der Krankenhausalltag wurde mit authentischem Pflegepersonal gedreht. Die Darstellung ist bewusst schlicht, unpathetisch und unsentimental. Auf eine Musikuntermalung hat Patrice Chéreau in „Sein Bruder“ so gut wie ganz verzichtet. (Umso wirkungsvoller ist es, wenn wir Marianne Faithful singen hören.) Statt chronologisch zu erzählen, geht Patrice Chéreau von der Gegenwart aus – dem letzten gemeinsamen Aufenthalt der Brüder am Mittelmeer – und holt die Entwicklung während des letzten halben Jahres in Rückblenden nach. Das entspricht der literarischen Vorlage, und wie Philippe Besson Roman „Mein Bruder“ schildert Patrice Chéreau das Geschehen auch aus der Perspektive des zurückbleibenden Bruders (der im Buch Lucas heißt).

Auf der Berlinale 2003 wurde Patrice Chéreau für „Sein Bruder“ mit einem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet.

Beate Klockner schrieb das Buch für die Synchronisation und führte dabei Regie. Die Stimmen sind von Jacques Breuer (Thomas), Pascal Breuer (Luc), Uschi Wolff (Mutter), Franz Rudnick (Vater), Irina Wanka (Claire), Werner Uschkurat (Greis) u. a.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Philippe Besson: Kurzbiografie
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"Hetzjagd" ist ein harter und realistischer, packender und spannender Politthriller. Brian Moore erzählt schnörkellos und beleuchtet das Geschehen – vor allem die Motivationen der Beteiligten – aus wechselnden Perspektiven.
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