Der Fall Christian Ranucci


Am 3. Juni 1974 gegen 11 Uhr wurde in Marseille das achtjährige Mädchen Marie-Dolorès Rambla von einem Mann in dessen Auto gelockt und entführt. Der zwei Jahre jüngere Bruder des Opfers musste hilflos zusehen. Am übernächsten Tag fand man Marie-Dolorès‘ Leiche in der Nähe eines Champignonzuchtbetriebs. Jemand hatte sie mit 15 Messerstichen ermordet, aber es gab keine Spuren einer Vergewaltigung.

Gut eine Stunde nach der Entführung kollidierte der 20-jährige Handelsvertreter Christian Ranucci auf einer Straßenkreuzung der Nähe von Marseille mit einem anderen Auto. Zum Glück entstand nur Blechschaden, aber statt anzuhalten, beging Christian Ranucci Fahrerflucht.

Er wohnte noch bei seiner allein erziehenden Mutter Héloïse Mathon in Nizza. Dort nahm ihn die Polizei am 5. Juni etwa eine Stunde nach dem Auffinden der Mädchenleiche fest.

Nach stundenlanger Vernehmung gestand er am nächsten Tag den Mord und wiederholte das Geständnis vor dem Ermittlungsrichter. In der Nähe der von ihm angegebenen Stelle stellte die Polizei ein Messer sicher, von dem Christian Ranucci am 7. Juni sagte, es gehöre ihm. Später widerrief er sein Geständnis, behauptete, vor dem Unfall Alkohol getrunken und danach einen Blackout gehabt zu haben.

In seinem Auto fand die Polizei eine blutbefleckte Hose. Darauf angesprochen, erklärte Christian Ranucci, der Blutfleck sei einige Tage vor dem Autounfall bei einem Sturz mit dem Moped entstanden. Ob das Blut von ihm oder von Marie-Dolorès Rambla stammte, konnte nicht geklärt werden, weil sie beide die gleiche Blutgruppe hatten und es damals noch keine Möglichkeit gab, eine DNA-Analyse durchzuführen.

Der Prozess gegen Christian Ranucci begann am 9. März 1976 vor dem Geschworenengericht des Départements Bouches-du-Rhône in Aix-en-Provence. Weil kurz zuvor in Troyes ein Mädchen erwürgt worden war und viele in der Bevölkerung von der Schuld des Angeklagten überzeugt waren, standen Richter und Geschworene unter starkem Druck. Das könnte erklären, wieso Christian Ranucci bereits am zweiten Prozesstag des vorsätzlichen Mordes für schuldig befunden und zum Tod verurteilt wurde.

Dabei war das Belastungsmaterial fragwürdig.

. Die Polizei hatte es versäumt, das Messer kriminaltechnisch daraufhin zu prüfen, ob es die Tatwaffe war.

. Marie-Dolorès Ramblas Bruder und ein weiterer Zeuge der Entführung, ein Kfz-Mechaniker, sagten übereinstimmend aus, dass das Mädchen in einen grauen Simca eingestiegen sei. Christian Ranucci fuhr jedoch einen grauen Peugeot 304. Außerdem wurde der Entführer von den Zeugen als größer und stärker als Christian Ranucci beschrieben.

. Dass er sich nach dem Unfall, also zur Tatzeit, stundenlang auf dem Gelände des Champignonzuchtbetriebs aufgehalten hatte, also in der Nähe des Fundorts der Leiche, wurde von mehreren Zeugen bestätigt. Aber der dort sichergestellte rote Pullover, an dem die Spürhunde Marie-Dolorès Rambla gewittert hatten, gehörte offenbar nicht Christian Ranucci, und er wäre ihm auch zu groß gewesen. Einen roten Pullover soll jedoch der Fahrer eines grauen Simca 1100 getragen haben, der am 31. Mai bzw. 1. Juni in Marseille von mehreren Zeugen gesehen worden war, als er Kinder angesprochen hatte.

. Ein Ehepaar, das am 3. Juni kurz nach der Karambolage zur Unfallstelle gekommen war und den Fahrerflüchtigen verfolgt hatte, konnte bei einer polizeilichen Gegenüberstellung drei Tage später nicht angeben, welcher der Männer es gewesen sein könnte. Erst als die Polizei die beiden Zeugen vorschriftswidrig mit Christian Ranucci allein konfrontierte, glaubten sie sich an ihn zu erinnern. Während sie am 4. Juni zunächst ausgesagt hatten, der Fahrer des Unfallautos sei in der Nähe des Champignonzuchtbetriebs ausgestiegen und habe ein ziemlich voluminöses Paket weggebracht, wollten sie ihn nun mit einem Kind gesehen haben, das auf der Beifahrerseite ausgestiegen sei. Die Beifahrertüre an Christian Ranuccis Peugeot war jedoch so verbeult, dass sie klemmte.

Trotz der zweifelhaften Beweise wurde der Revisionsantrag am 17. Juli 1976 vom Kassationsgerichtshof in Paris abgewiesen.

Am selben Tag stellte Christian Ranucci ein Gnadengesuch, das zehn Tage später von Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing abgelehnt wurde.

Noch in der folgenden Nacht, am 28. Juli 1976 um 4.13 Uhr, enthauptete der Scharfrichter André Obrecht den 22-Jährigen im Gefängnis Les Baumettes in Marseille mit der Guillotine.

Angeblich waren Christian Ranuccis letzte, an seine Anwälte gerichteten Worte: „Rehabilitieren Sie mich!“

In dem anderen Mordfall, durch den die Öffentlichkeit 1976 aufgewühlt worden war, verurteilte das Gericht im Januar 1977 Patrick Henry als Täter, aber dessen Verteidiger, Prof. Robert Badinter (* 1928), erreichte, dass er statt zum Tode zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Und als Robert Badinter 1981 Justizminister wurde, schaffte er noch im Oktober des selben Jahres die Todesstrafe ab. Nach Christian Ranucci waren in Frankreich nur noch zwei Menschen hingerichtet worden: Jerôme Carrein am 23. Juni 1977 und Hamida Djandoubi am 10. September 1977.

Pierre Rambla, der Vater des 1974 ermordeten Mädchens, behauptet in seinem 2008 veröffentlichten Buch „Le cirque rouge“, die Zweifel an Christian Ranuccis Schuld seien durch Gegner der Todesstrafe gesät worden.

Bemerkenswert ist, dass Marie-Dolorès Ramblas jüngerer Bruder im Oktober 2008 wegen Mordes zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

2002 gründeten vier Studenten des Institut d’Etudes Politiques de Paris die „Association Affaire Ranucci. Pourquoi Reviser?“ Sie streben einen posthumen Revisionsprozess für Christian Ranucci an.

Auf dem Fall Christian Ranucci basieren zwei Filme: „Der rote Pullover“ (1979, Regie: Michel Drach) und „Die Wahrheit kennt nur der Tod“ (2006, Regie: Denys Granier-Deferre).

© Dieter Wunderlich 2012

Denys Granier-Deferre: Die Wahrheit kennt nur der Tod

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