Else Jerusalem


Else wurde am 23. November 1876 (nicht 1877, wie zumeist angegeben) in Wien als drittjüngstes der sechs Kinder von Maximilian und Henriette Kotanyi geboren. Sie besuchte eine Bürgerschule und war dann acht Semester lang Gasthörerin an der philosophischen Fakultät der Universität Wien.

Nachdem die „Wiener Rundschau“ 1897 zwei literarische Skizzen von Else Kotanyi veröffentlicht hatte, erschien Anfang 1899 im Verlag Georg Heinrich Meyer in Leipzig ihre Novellensammlung „Venus am Kreuz“.

Else Kotanyi engagierte sich in der bürgerlichen Frauenbewegung und hielt beispielsweise im April 1901 einen Vortrag „Über unsere Erziehung zur Ehe“, der 1902 unter dem Titel „Gebt uns die Wahrheit! Ein Beitrag zu unsrer Erziehung zur Ehe“ in Buchform publiziert wurde.

Am 29. Juli 1901 heiratete Else Kotanyi den ebenfalls jüdischen Wiener Kaufmann Alfred Jerusalem. Das Ehepaar bekam zwei Kinder: Edith und Friedrich („Fritz“) Albert.

1909 brachte der Verlag S. Fischer den einzigen Roman von Else Jerusalem heraus: „Der heilige Skarabäus“. Bis 1926 wurden davon 40 Auflagen gedruckt, 20 bereits im Erscheinungsjahr. Außerdem gab es mehrere Übersetzungen.

Im Sommer 1909 begegnete Else Jerusalem dem Embryologen Dr. Viktor Widakovich. Die beiden verliebten sich. Während Alfred Jerusalem die Scheidung hinnahm, wollte Antonia Widakovich ihren Mann nicht aufgeben. Else Jerusalem trat am 23. Januar 1911 aus der mosaischen Glaubensgemeinschaft aus. Zwei Tage später ließ sie sich in Wien-Währing evangelisch taufen, und am 28. Januar heiratete sie Viktor Widakovich, dessen Ehe Mitte des Monats ebenfalls geschieden worden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte man dem Mediziner bereits eine Professur in Buenos Aires angeboten. Am 31. Januar schiffte sich das Paar nach Argentinien ein, wo es am 2. Februar eintraf. Während Else und Viktor Widakovich noch auf dem Schiff waren, nahm sich Antonia Widakovich in Wien mit einer Überdosis Morphium das Leben [Suizid].

In Buenos Aires gebar Else Jerusalem die Tochter Myriam.

Im Sommer 1913 reiste sie allein nach Wien, wo Alfred Jerusalem inzwischen Elisabeth („Liesl“) Wolf geheiratet hatte. Else Jerusalem versuchte gar nicht erst, ihren Sohn Friedrich Albert zugesprochen zu bekommen, aber sie wollte Edith nach Argentinien holen. Das gelang ihr allerdings nicht, zumal auch Viktor Widakovich dagegen war, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch, weil er Gerede über die beiden gescheiterten Ehen befürchtete.

Als Else Jerusalem 1917 eine erste ins Spanische übertragene Erzählung in Argentinien veröffentlichte – „El chal de encajes“ (Der Spitzenschal) – war ihre Ehe mit Viktor Widakovich vermutlich schon zerrüttet.

Während einer Atlantiküberquerung im März 1925 auf dem Dampfer „Cap Polonio“ verbrachte Else Jerusalem viel Zeit mit Albert Einstein und ließ sich von ihm die Relativitätstheorie erklären.

Anfang 1928 hielt sich Else Jerusalem erneut in Berlin auf, und zwar anlässlich der Verfilmung ihres Romans „Der heilige Skarabäus“ unter der Regie von Richard Oswald, mit Grete Mosheim als Milada Režek, Gustav Fröhlich als Gustav Brenner, Marija Leiko als Katerine Režek, Else Heims als Elise Goldschneider und Oskar Homolka als Dr. Horner. „Die Rothausgasse“ – so der Titel – wurde im März 1928 von der Zensur verboten und erst nach mehreren Schnitten zugelassen. Die Premiere fand am 24. September 1928 in Berlin statt. Der Drehbuchautor Franz Schulz hatte aus der gesellschaftskritischen Romanhandlung eine Liebesgeschichte mit glücklichem Ausgang für Milada und Gustav gemacht.

Im selben Jahr druckte der Berliner Verleger Erich Caesar Reiß (1887 – 1951) das Schauspiel „Steinigung in Sakya“ von Else Jerusalem-Widakovich.

Am 1. Januar 1936 wurde Else Jerusalems Enkelin Ines Weyland in Buenos Aires geboren.

Ihre Tochter Edith floh 1938 mit ihrem Ehemann Herbert Stein vor den Nationalsozialisten nach Argentinien.

Die Nationalsozialisten setzten das Gesamtwerk von Else Jerusalem 1938 auf die Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Im Jahr darauf veröffentlichte allerdings der Verleger und Buchhändler Emil Oprecht (1895 – 1952) in Zürich ihre philosophisch-psychologische Abhandlung „Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte“.

Am 20. Januar 1943 starb Else Jerusalem in Buenos Aires an einer Zerebralsklerose.

Literatur über Else Jerusalem:

  • Eva Borst: Über jede Scham erhaben. Das Problem der Prostitution im literarischen Werk von Else Jerusalem, Margarete Böhme und Ilse Frapan unter besonderer Berücksichtigung der Sittlichkeits- und Sexualreformbewegung der Jahrhundertwende (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M u.a., 1993)
  • Eva Borst: Ichlosigkeit als Paradigma weiblichen Daseins. Prostitution bei Margarete Böhme und Else Jerusalem. In: Karin Tebben (Hg.): Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de Siècle (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999)
  • Judith Höbinger: Die Darstellung lediger Mutterschaft in Else Jerusalems Der heilige Skarabäus unter besonderer Berücksichtigung des sozialhistorischen Kontexts (Diplomarbeit, Universität Wien, 2013)
  • Karin J. Jusek: Ein Wiener Bordellroman. Else Jerusalems „Heiliger Skarabäus“. In: Heide Dienst, Edith Saurer (Hg.): „Das Weib existiert nicht für sich“. Geschlechterbeziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft (Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1990)
  • Brigitte Spreitzer: Texturen. Die österreichische Moderne der Frauen (Habilitationsschrift, Passagen-Verlag, Wien 1999)
  • Brigitte Spreitzer: Else Jerusalem – eine Spurensuche. In: Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus (Neuausgabe, DVB-Verlag, Wien 2016)

© Dieter Wunderlich 2016
Hauptquelle: Brigitte Spreitzer: Else Jerusalem – eine Spurensuche

Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus

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