Irina Palm

Irina Palm

Irina Palm

Irina Palm – Originaltitel: Irina Palm – Regie: Sam Garbarski – Drehbuch: Martin Herron, Philippe Blasband, Sam Garbarski – Kamera: Christophe Beaucarne – Schnitt: Ludo Troch – Musik: Ghinzu – Darsteller: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop, Siobhan Hewlett, Dorka Gryllus, Jenny Agutter, Corey Burke, Meg Wynn Owen, Jules Werner, Jonathan Coyne u.a. – 2007; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Während die mittellosen Eltern des krebskranken Ollie verzweifeln, als der Arzt ihnen sagt, man könne ihm nur noch in Australien helfen, gibt Ollies Großmutter Maggie nicht auf. Sie überwindet ihren Widerwillen und beginnt als "Irina Palm" in einem Sex-Club zu arbeiten. Dadurch gewinnt sie neues Selbstvertrauen – und das benötigt sie, als ihr Sohn sie als Hure beschimpft und die spießigen Freundinnen die Nase über sie rümpfen ...
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Kritik

"Irina Palm" ist eine märchenhafte Emanzipationsgeschichte und ein Hieb auf die Spießbürgerlichkeit. Sehenswert ist die Tragikomödie v.a. wegen Marianne Faithfull.
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Die sechzigjährige Witwe Maggie (Marianne Faithfull) lebt in einer Kleinstadt bei London. Ihr Mann Trevor erlag vor sieben Jahren einem Herzinfarkt. Der Enkel Ollie (Corey Burke) ist krebskrank, und weil Maggies arbeitsloser Sohn Tom (Kevin Bishop) und dessen Ehefrau Sarah (Siobhan Hewlett) nicht genügend Geld haben, um die Therapien im Krankenhaus bezahlen zu können, verkaufte Maggie ihr Haus.

Als der behandelnde Arzt mit seinem Latein am Ende ist, nimmt er Kontakt mit einem Kollegen in Australien auf, der eine vielversprechende Operationsmethode entwickelt hat und erreicht, dass dieser sich bereit erklärt, den Jungen kostenlos zu behandeln. Tom und Sarah sind am Boden zerstört, denn woher sollen sie das Geld für die Flüge und Übernachtungen nehmen? Der Arzt weist sie auch noch darauf hin, dass Ollie in vier bis sechs Wochen bereits zu schwach für die Reise sein würde.

Im Gegensatz zu Tom und Sarah bleibt Maggie zuversichtlich. Sie geht zur Bank, aber ohne regelmäßiges Einkommen und ohne Sicherheiten kriegt sie keinen Kredit. Bei der Arbeitsvermittlung weist man sie ebenfalls zurück, denn sie hat nie einen Beruf erlernt und kann auch sonst keine Qualifikationen vorweisen. Zufällig kommt sie in Soho an einem Schild vorbei, auf dem steht: „Hostess gesucht. Gute Bezahlung“. Hoffnungsvoll betritt sie „Sexy World“. Miki (Miki Manojlovic), der Besitzer des Clubs, fragt sie, was sie sich unter „Hostess“ vorstellt, und Maggie antwortet: „Tee kochen und Staub wischen.“ Nachdem Miki sich ihre Hände angeschaut hat, bietet er ihr an, Männer gegen Bezahlung manuell zu befriedigen. Entsetzt läuft Maggie aus dem Büro.

Aber dann überlegt sie es sich. Es ist die einzige Chance, das Geld für Ollies Reise nach Australien aufzutreiben. Mutig geht sie ein zweites Mal zu Miki und nimmt den Job an. Luisa (Dorka Gryllus) zeigt ihr, wie es geht: Die Männer befinden sich im Raum nebenan. Nachdem sie eine Münze eingeworfen haben, stecken sie ihren Penis durch ein Loch in der Wand, und Luisa macht sich daran mit ihren Händen zu schaffen. Angeekelt schaut Maggie zu und übernimmt dann unter Luisas Anleitung widerwillig ihren ersten Kunden.

Rasch spricht sich herum, dass es in „Sexy World“ eine Neue mit besonders sensiblen Händen gibt. Miki gibt Maggie den Künstlernamen Irina Palm und macht Reklame damit.

Maggie ist darauf bedacht, dass weder Tom und Sarah, noch ihre Freundinnen Jane, Julia und Beth (Jenny Agutter, Meg Wynn Owen, Susan Hitch) etwas von ihrer Tätigkeit in Soho erfahren. Allerdings fragt Tom, warum ihre Besuche im Krankenhaus seltener geworden seien. Die Freundinnen wundern sich, dass Maggie kaum noch Zeit für sie hat und jeden Tag nach London fährt. Obwohl sie sich versteckt, ist Maggie sicher, das Richtige zu tun und entwickelt neues Selbstbewusstsein.

Weil es zu lange dauern würde, bis sie das für die Flugtickets nach Melbourne erforderliche Geld verdient hat, bittet Maggie ihren Chef um 6000 Pfund Vorschuss und verpflichtet sich, den Betrag abzuarbeiten.

Tom und Sarah sind sprachlos, als Maggie ihnen ein Bündel Banknoten hinlegt. Auf die Frage, woher sie das viele Geld habe, antwortet Maggie nicht.

Der rechte Arm schmerzt. Der von Miki herbeigerufene Arzt attestiert einen „Penisarm“ und verordnet Irina Palm eine Schlinge, in der sie den Arm mindestens eine Woche lang tragen soll. Unverdrossen macht sie mit der linken Hand weiter. Im Kolonialwarenladen in ihrer Kleinstadt heucheln die Verkäuferin Edith (Flip Webster) und zwei Kundinnen (Ann Queensberry, June Bailey) Mitgefühl und wollen wissen, was mit Maggies rechtem Arm passiert ist. Sie schweigt, auch als ihr Sohn fragt, warum sie eine Schlinge trage.

Im Club „Sexy World“ stehen die Männer Schlange, und weil alle nur noch zu Irina Palm wollen, verliert die allein erziehende Mutter Luisa ihren Job. Der Erfolg von Irina Palm alarmiert Mikis Konkurrenten Dave (Jonathan Coyne). Er passt sie auf der Straße ab und zeigt ihr sein eigenes Etablissement. Als Maggie ihre Schulden bei Miki erwähnt, erklärt er sich bereit, sie zu übernehmen. Obwohl das „Sex-o-Rama“ großzügiger als „Sexy World“ gestaltet ist, erzählt Maggie ihrem Chef von dem Versuch seines Konkurrenten, sie abzuwerben und beteuert, sie wolle lieber bei ihm bleiben, bis sie ihre Schulden abgearbeitet habe. Miki ist zufrieden und verspricht, die Sache mit Dave zu klären.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Argwöhnisch folgt Tom seiner Mutter, als diese nach Soho fährt. Als er sieht, wie sie „Sexy World“ betritt, ist er fassungslos. Er beschimpft sie als Hure und verbietet ihr weitere Besuche bei Ollie im Krankenhaus. Sarah, die sich nie gut mit ihrer Schwiegermutter verstand, versucht ihn zu beruhigen und zeigt erstmals Verständnis für Maggie. Was die Großmutter für ihren Enkel tut, nötigt Sarah Respekt ab. Sie bedankt sich bei ihr und besorgt ein weiteres Ticket nach Australien, damit Maggie mitfliegen kann.

Beim nächsten Treffen erkundigen Jane, Julia und Beth sich erneut nach Maggies neuer Tätigkeit in London. Maggie mag sich nicht länger verstecken: Schonungslos klärt sie die drei Damen über ihre Karriere als Irina Palm auf. Kurz darauf rümpft Jane im Laden die Nase über Maggie. Da sagt diese vor allen Leuten, sie wisse seit langer Zeit, dass Jane eine Affäre mit ihrem Mann gehabt habe und beim Sex gern geschlagen worden sei. Trevor habe ihr das vor seinem Tod gebeichtet.

Am Flughafen überlegt Maggie es sich anders: Sie kommt doch nicht mit nach Australien. Zum Abschied umarmen sie und ihr Sohn sich wieder.

Dann kehrt Maggie in den Club zurück, wo Miki ein schönes Feuerzeug als Geschenk für sie eingepackt hat. Als sie durch die Tür kommt, empfängt er sie mit einem Kuss.

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In der Tragikomödie „Irina Palm“ (palm ist das englische Wort für Handfläche) zeigt Sam Garbarski auf rührende und humorvolle Weise, wie eine sechzigjährige Witwe einen Job im Sex-Geschäft annimmt, weil es die einzige Chance ist, das für die medizinische Behandlung ihres todkranken Enkels erforderliche Geld aufzutreiben. Durch den mutigen Schritt gewinnt sie neues Selbstvertrauen, und das benötigt sie, als ihr Sohn sie als Hure beschimpft und die scheinheiligen Freundinnen die Nase über sie rümpfen. „Irina Palm“ ist eine märchenhafte Emanzipationsgeschichte und ein Hieb auf die Spießbürgerlichkeit. Zugleich veranschaulicht Sam Garbarski, dass Dienstleistungen in Sex-Clubs Arbeit sind und entlarvt die unfreiwillige Komik mancher Handreichungen im Sexgewerbe.

„Irina Palm“ ist zwar etwas plakativ und mitunter auch langweilig, aber Marianne Faithfull (* 1946) macht den Film sehenswert: Mit überzeugender Mimik und Gestik verkörpert sie die ehrliche und herzensgute, unbeirrbare und selbstbewusste Witwe, die sich von der Rücksichtnahme auf Spießbürger befreit. Marianne Faithfull wurde dafür bei der Berlinale 2007 mit stehenden Ovationen gefeiert.

Ein kleiner, wilder Film, der immer dann, wenn es drauf ankommt, zahm wie ein Lamm wird, das ist „Irina Palm“. Und genau diese Zahmheit hat ihn so beliebt gemacht auf der Berlinale, wo er Ovationen bekam und als Favorit für den Goldenen Bären gehandelt wurde, auch wenn er am Ende doch nichts gewann. (Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Juni 2007)

Wenn „Irina Palm“ Spaß macht – obwohl der Film nicht vollkommen ist, immer wieder den Schwanz einzieht, wenn es drauf ankommt –, dann weil in der braven Oma natürlich von Anfang an die Diva und der Exjunkie steckt. (Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung 13. Juni 2007)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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