Der freie Wille

Der freie Wille

Der freie Wille

Originaltitel: Der freie Wille – Regie: Matthias Glasner – Drehbuch: Judith Angerbauer, Matthias Glasner, Jürgen Vogel – Kamera: Matthias Glasner, Ingo Scheel – Schnitt: Mona Bräuer, Matthias Glasner, Julia Wiedwald – Darsteller: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Manfred Zapatka, André Hennicke, Judith Engel, Frank Wickermann, Andreas Laurenz Maier, Anna Brass, Bernadette Büllmann, Anna De Carlo u.a. – 2006; 165 Minuten

Inhaltsangabe

Nach 9 Jahren kommt der Triebtäter Theo Stoer auf Bewährung aus dem Maßregelvollzug frei. Er wird von einer Druckerei eingestellt und ist zuversichlich, dass er sich unter Kontrolle hat. Als er jedoch mit sexuellen Reizen konfrontiert wird, macht ihn die Angst vor einem Rückfall krank. Er hasst sich selbst, weil es ihm so schwer fällt, "normal" zu sein. Wider Erwarten gelingt es ihm, eine enge Beziehung zu einer ebenfalls einsamen jungen Frau aufzubauen. Das gibt ihm neue Hoffnung ...
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Kritik

Wie nüchterne Zeugen beobachten wir in "Der freie Wille" den innerlich zerrissenen Triebtäter. Zu dieser (Pseudo-)Authentizität passt die minimalistische Inszenierung. Überzeugend sind auch die schauspielerischen Leistungen von Jürgen Vogel und Sabine Timoteo.
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Als der frustrierte Küchenhelfer Theo Stoer (Jürgen Vogel) bei einer ziellosen Autofahrt auf einer abgelegenen Strecke an der Ostseeküste eine junge Radfahrerin (Anna Brass) sieht, brennen ihm die Sicherungen durch: Er überholt sie, stellt das Auto ab und lauert ihr auf. Als sie an ihm vorbeifährt, zerrt er sie vom Fahrrad und in die Dünen, wo er der wimmernden Frau die Hände auf den Rücken fesselt, die Augen zubindet und die Kleidung vom Leib reißt. Mit Hilfe von Spucke dringt er in sie ein. Zwischendurch schlägt er ihr mehrmals mit der Faust ins Gesicht.

Einige Stunden später wird Theo festgenommen. Das Gericht weist ihn wegen der letzten Straftat und zwei weiteren Vergewaltigungen in eine geschlossene psychiatrische Anstalt zum Maßregelvollzug ein.

Nach neun Jahren prüft eine Kommission, ob er entlassen werden kann. „Ich möchte so eine Art Vorbild sein“, erklärt Theo. „Ich will zeigen, dass es möglich ist, ein gesundes, normales Leben zu leben, auch wenn man falsch angefangen hat.“ Er kommt auf Bewährung in eine betreute Wohngemeinschaft in Mülheim an der Ruhr. Die triebhemmenden Medikamente setzte Theo bereits vor zwei Jahren ab. Er trägt das Haar nicht mehr lang und wirr, sondern kurz geschnitten, und sobald er frei ist, kauft er sich ordentliche Kleidung.

Sascha (André Hennicke), der als Bewährungshelfer die Verantwortung für die Wohngemeinschaft trägt, verschafft Theo einen Arbeitsplatz in der Druckerei von Claus Engelbrecht (Manfred Zapatka), wird sein Freund und trainiert mit ihm zusammen eine Kampfsportart, damit er lernt, seinen Körper zu beherrschen.

Nachdem Theo in der „Trattoria Funghi“ eine Kellnerin (Anna De Carlo) aufgefallen ist, isst er dort mehrmals und starrt sie an. Schließlich wartet er auf sie, bis sie Dienstschluss hat und fragt sie, ob sie mit ihm ausgehen würde, aber sie lehnt ab. Dadurch wird er in dem Vorurteil bestärkt, dass er Frauen nur mit Gewalt haben könne. In einer U-Bahn-Station, in der außer ihm nur eine junge Frau wartet, hält es ihn kaum auf seinen Sitzplatz und es fällt ihm schwer, sich zu beherrschen. Zu den Versuchungen zählen auch Mädchen mit bauchfreien Tops und Reklametafeln mit lasziven Bildern. Um sich abzureagieren, masturbiert Theo. Und er versichert Sascha, er habe sich unter Kontrolle. Aber die Angst, wieder rückfällig zu werden, macht ihn krank.

Marius (Andreas Laurenz Maier), ein Mitbewohner der WG, muss wieder in den Strafvollzug zurück.

Eines Tages lernt Theo die siebenundzwanzigjährige Tochter des verwitweten Druckereibesitzers kennen: Netti (Sabine Timoteo) erledigte die Buchhaltung, aber jetzt will sie sich endlich aus ihrer inzestuösen Vater-Bindung lösen. Deshalb zieht sie in eine eigene Wohnung in einer Mietskaserne, und als sich ihr Vater larmoyant an sie klammert, bricht sie trotz ihrer Einsamkeit den Kontakt zu ihm ganz ab.

Beim Einkauf in einem Supermarkt merkt Netti, dass sie kein Geld bei sich hat. Da sieht sie Theo und leiht sich von ihm 20 Euro. Sie verabreden sich in einer Kneipe, wissen jedoch beide nicht, über was sie reden sollen. Nachdem sie sich einige Zeit angeschwiegen haben, sagt Netti: „Pass auf, das hier bringt nichts. Ich mag Männer nicht. Wir können uns also die ganze Unterhaltung sparen!“ Müde entgegnet Theo: „Trifft sich gut, ich mag Frauen auch nicht so besonders.“ Beim nächsten Mal gehen sie zusammen ins Kino, um nicht reden zu müssen.

Während Theo endlich einer Frau näherkommt, verliert er seinen Freund: Sascha wurde als Bewährungshelfer entlassen und zieht nach Berlin. Kurz darauf droht er auch Netti zu verlieren, bevor die Beziehung richtig angefangen hat, denn sie macht ein Praktikum in einer belgischen Pralinen-Manufaktur.

In einem Kaufhaus wird Theo kurz vor Geschäftsschluss von einer attraktiven Verkäuferin (Anne-Kathrin Golinsky) bedient. Er wartet draußen auf sie, folgt ihr heimlich zur U-Bahn und zu ihrer Wohnung. Nachdem er im Treppenhaus gewartet hat, bis anzunehmen ist, dass sie schläft, bricht er die Tür auf, deckt die Schlafende auf und betrachtet sie erregt. Doch dann reißt er sich zusammen und verlässt unbemerkt die Wohnung.

Unerwartet taucht er bei Netti in der Pension in Belgien auf. Am Abend sucht er vergeblich ein Zimmer; Netti fährt ihn im strömenden Regen von Hotel zu Hotel, bis er behauptet, etwas gefunden zu haben und verabschiedet sich von Netti. Sie fährt los, merkt jedoch, dass er nicht noch einmal in das Hotel hineingeht und kommt zurück, um ihn mitzunehmen. Vor dem Einschlafen schaltet sie ihren Radiowecker ein und hört das „Ave Maria“ von Bach/Gounod.

Am nächsten Tag verspricht Theo ihr eine Überraschung und geht mit ihr in eine Kirche. Auf sein Zeichen setzt die Orgel ein, und eine Sopranistin (Bernadette Büllmann) singt das „Ave Maria“. Da lehnt Netti ihren Kopf an Theos Schulter und hört gerührt zu.

Als Netti nach Mülheim zurückkommt, zieht Theo zu ihr. Sie schlafen miteinander, aber wichtiger ist für sie beide die menschliche Nähe.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Eines Abends ruft Netti an und teilt Theo mit, sie werde noch mit Kollegen ausgehen, es könne also später werden. Daraufhin geht er zu der angegebenen Kneipe und beobachtet Netti eine Weile durchs Fenster. Sie fehlt ihm. Er steht einer Autofahrerin im Weg, die in ihre Garage fahren möchte. Sie hupt ihn an. Theo tritt zur Seite und folgt ihr. Als sie aussteigt, schlägt er sie nieder und vergewaltigt sie neben ihrem Wagen.

Am nächsten Abend trennt er sich von Netti. Weil sie das weder versteht noch akzeptiert, klärt er sie über seine Vergangenheit auf und gesteht auch, dass er am Vortag rückfällig wurde. „Bevor ich hierher kam, da war ich neun Jahre weggesperrt. Ich hab drei Frauen vergewaltigt. Erst hab ich sie verprügelt und dann hab ich sie gefickt. Eine hab ich ausgezogen und aufn heißen Herd gesetzt. – Ich wollte, dass alles gut ist zwischen uns; dass es aufhört. Aber das ist hier drinnen. Immer. Immer. Und es hört nicht auf, das weiß ich jetzt.“

Um nicht allein zu sein, übernachtet Netti bei ihrem Vater. Dann sucht sie Anja Schattschneider (Judith Engel) in deren „Modelädchen“ auf. Sie weiß, dass Theo die Frau vor neun Jahren vergewaltigte. Anja wirft sie hinaus, denn sie will nicht mehr daran erinnert werden. Dann geht sie doch mit Netti in ein Café, allerdings unter der Annahme, es handele sich bei ihr ebenfalls um ein Vergewaltigungsopfer. Leise sagt Netti, Theo sei ihr Freund. Als sie zur Toilette geht, folgt Anja ihr, schlägt sie wütend, zerrt ihr den Slip herunter und simuliert mit dem Stiel der Toilettenbürste die Vergewaltigung durch einen Mann.

Obwohl Sascha am Telefon leugnet, dass Theo bei ihm ist, fährt Netti nach Berlin. Sie sieht die beiden und folgt Theo unbemerkt. Auf einem Rummelplatz beobachtet sie, wie er einer attraktiven jungen Frau nachgeht. Daraufhin wendet sie sich an zwei Streifenpolizisten, sagt dann aber doch nichts. Vorübergehend verliert sie Theo aus den Augen. Dann kommt er allein aus einem Haus heraus. Netti weint, denn sie nimmt an, dass er erneut eine Frau vergewaltigt hat.

Er geht zum Bahnhof und fährt mit einem Zug an die See. Während er einsam am Strand sitzt, lässt Netti sich seinen Zimmerschlüssel geben. Die Badewanne ist voll Wasser, und am Rand liegt eine Rasierklinge. Er beabsichtigt also, sich umzubringen [Suizid]. Schluchzend verlässt Netti die Pension und trinkt in einer Bar etwas. Dann hält sie es nicht mehr aus: Sie läuft zurück. Das Wasser wurde ausgelassen, die Rasierklinge weggenommen. Netti findet ihn wieder am Strand und fleht ihn an, mit ihr mitzukommen. Aber er schneidet sich wortlos mit der Rasierklinge die Pulsadern auf und verblutet in ihren Armen. Als im Morgengrauen ein Jogger vorbeikommt, sitzt Netti noch immer mit dem Toten im Sand.

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„Der freie Wille“ ist das Psychogramm eines brutalen Triebtäters, der nach neun Jahren im Maßregelvollzug zuversichlich ist, sich unter Kontrolle zu haben. Als er nach der Freilassung mit sexuellen Reizen konfrontiert wird, macht ihn die Angst vor einem Rückfall krank. Er hasst sich selbst, weil es ihm so schwerfällt, „normal“ zu sein. Wider Erwarten gelingt es ihm, eine enge Beziehung zu einer ebenso einsamen Frau aufzubauen. Das gibt ihm neue Hoffnung. Am Ende verliert er dann doch den Kampf gegen seinen aggressiven Sexualtrieb. Deshalb trifft er die einzige Entscheidung, die „der freie Wille“ noch zulässt.

Matthias Glasner, Judith Angerbauer und Jürgen Vogel verzichten in „Der freie Wille“ auf psychologische Erklärungen für die Perversion des Protagonisten. Statt Kindheitstraumata zu konstruieren, beschränken sie sich bewusst darauf, den innerlich zerrissenen Triebtäter zu beobachten – bei alltäglichen Verrichtungen und bei Straftaten. Die Vergewaltigungen werden weder aus der Täter- noch aus der Opferperspektive dargestellt, sondern die Kamera macht uns gewissermaßen zu Zeugen. Nüchtern und schonungslos zeichnet sie das Geschehen auf. Die Bilder sind das Gegenteil von bunten Postkartenmotiven: das Licht ist oft fahl; blasse, schmutzige Farben herrschen vor. Zu dieser (vorgetäuschten) Authentizität passt die minimalistische Inszenierung von „Der freie Wille“. Und das überaus langsame Erzähltempo verstärkt die beklemmende Atmosphäre. Allerdings ist Film um eine halbe oder dreiviertel Stunde zu lang; auf einige Szenen hätte man besser verzichtet. Zu bemängeln sind auch Lücken in der Handlung und unplausible Szenen.

Jürgen Vogel spielt die Hauptrolle in „Der freie Wille“ so, dass man den Triebtäter nicht als Monster wahrnimmt, sondern erschüttert zuschaut, wie er gegen seine Perversion ankämpft. Dafür wurde Jürgen Vogel bei der Berlinale mit einem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet. Sabine Timoteo ist mit ihrer subtilen, nuancierten Darstellung nicht weniger überzeugend.

„Der freie Wille“ wurde am 13. Februar 2006 auf der Berlinale gezeigt und kam am 24. August 2006 in die Kinos.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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