Das Wochenende

Das Wochenende

Das Wochenende

Originaltitel: Das Wochenende – Regie: Nina Grosse – Drehbuch: Nina Grosse nach dem Roman "Das Wochenende" von Bernhard Schlink – Kamera: Benedict Neuenfels – Schnitt: Mona Bräuer – Musik: Stefan Will – Darsteller: Sebastian Koch, Katja Riemann, Sylvester Groth, Tobias Moretti, Barbara Auer, Robert Gwisdek, Elisa Schlott u.a. – 2012; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Der frühere RAF-Terrorist Jens kommt nach 18 Jahren Haft frei, und seine unver­heira­tete Schwester Tina nimmt ihn auf. Das erste Wochenende verbringen sie in einem Landhaus. Dorthin hat Tina auch Freunde ihres Bruders von damals ein­geladen. Während Jens trotzig an den alten Ideen festhält, haben die anderen sich in gut­bürgerlichen Existenzen eingerichtet. Inga wird durch die Konfrontation klar, dass sie endlich anfangen muss, ihren eigenen Weg zu gehen ...
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Kritik

Bei der Verfilmung des Romans "Das Wochenende" von Bernhard Schlink hat Nina Grosse den Inhalt gestrafft. Die Charaktere sind nicht besser ausgeleuchtet als im Buch, aber die schauspielerischen Leistungen überzeugen. Hervorzuheben ist auch die exzellente Kameraführung von Benedict Neuenfels.
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Ulrich Lansky (Tobias Moretti), der in Berlin eine ambitionierte Confiserie betreibt, und seine Ehefrau, die Literaturagentin Inga Lansky (Katja Riemann), wollen übers Wochenende nach Rügen, aber als Ingas Freundin Tina Kessler (Barbara Auer) sie für den Freitagnachmittag einlädt, planen sie einen Umweg ein.

Tina hat vor einiger Zeit ein verfallenes Gutshaus in Brandenburg gekauft, renoviert und als Wochenendhaus eingerichtet. Dass sie dafür das Erbe der Eltern verwendete, geschah im Einverständnis mit ihrem Bruder Jens Kessler (Sebastian Koch), und der gemeinsame Freund Henner Borchard (Sylvester Groth) steuerte die noch fehlende Summe bei. Jens und Henner hatten der RAF angehört. Henner war allerdings ausgestiegen, als die Terroristen mit Anschlägen gegen Menschen anfingen. Er schrieb darüber einen Bestseller und machte sich einen Namen als Schriftsteller. Jens verbüßte 18 Jahre Haft. Seine Freilassung ist der Anlass für Tinas Einladung zu einer Art Willkommens-Feier. Sie holt ihren Bruder im Gefängnis ab und nimmt ihn mit in das Wochenendhaus. Er wird erst einmal bei ihr wohnen.

Inga war Jens‘ Lebensgefährtin gewesen, aber als sie schwanger wurde und er weiter im Untergrund kämpfen wollte, trennte sie sich von ihm. Der gemeinsame Sohn Gregor (Robert Gwisdek) erfuhr erst im Alter von elf Jahren, dass nicht Ulrich, sondern der inhaftierte RAF-Terrorist Jens Kessler sein leiblicher Vater ist. Inga besuchte Jens daraufhin mit Gregor im Gefängnis, aber nach zehn Minuten ließ sich Jens in seine Zelle zurückbringen.

Nach Inga und Ulrich trifft auch Henner in Tinas Wochenendhaus ein.

Jens, der inzwischen seinen von Tina aufbewahrten Plattenspieler aufgeschraubt und die im Gehäuse versteckte Pistole herausgeholt hat, hält trotzig an den alten Überzeugungen fest. Als Ulrich ihn nach seiner Meinung zu Henners Buch über die RAF fragt, sagt er, es sei verlogen und „billiger Dreck“. Ulrich provoziert ihn weiter mit der Behauptung, die RAF habe nichts erreicht und die Terroristen seien nichts weiter als Kriminelle gewesen. Jens reagiert darauf mit dem Vorwurf, Ulrich sei reaktionär. Die konfliktträchtige Situation überfordert Tina; sie bricht schluchzend zusammen. Und Inga begreift, dass nicht die alten Freundschaften der Grund für Tinas Einladung waren, sondern ihre Panik bei der Vorstellung, mit ihrem schwierigen Bruder allein zu sein.

Statt nach Rügen weiterzufahren, bleiben Inga und Ulrich ebenso wie Henner über Nacht.

Am nächsten Vormittag begleitet Jens Inga zum Einkaufen. An der Wurst- und Fleischtheke möchte Inga Parma-Schinken kaufen. Weil es keinen mehr gibt, bietet ihr die Verkäuferin (Ulrike von Lenski alias Fanny Rose) Serrano-Schinken an, aber den mag Inga nicht. Sie probiert etwas anderes und hält es auch Jens hin, aber der fragt angewidert, warum sie und die anderen sich ständig etwas in den Mund stecken müssen.

Auf dem Rückweg nehmen sie Doro Lansky (Elisa Schlott) mit, Ingas und Ulrichs Tochter, die Schauspielerin werden möchte und aus eigenem Antrieb mit dem Zug aus Berlin gekommen ist, um den früheren RAF-Terroristen kennenzulernen.

Während Ulrich, Henner und Tina fort sind, um frische Forellen zu kaufen, geht Inga im Wald spazieren, und Jens begleitet sie kurz entschlossen zu einem Hochstand, wo sie über ihre Trennung reden. Doro belauscht sie, beobachtet auch den Kuss – und ruft ihren Halbbruder Gregor an, um ihm alles zu berichten.

Daraufhin kommt Gregor ebenfalls aus Berlin, bleibt jedoch erst einmal im vor dem Anwesen geparkten Auto sitzen. Doro holt Jens und stellt den jungen Mann als linken Aktivisten vor, ohne seinen Namen zu nennen. Gregor behauptet, seine Gruppe organisiere an diesem Wochenende eine Demonstration. Jens Kessler soll dort eine Rede halten. Darüber müsse er sich erst mit seiner Rechtsanwältin beraten, erklärt der auf Bewährung vorzeitig aus der Haft Entlassene. Diese Vorsicht steigert Gregors Zorn. Schließlich gibt er sich als Sohn zu erkennen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er seinen Vater hasst.

Nach der ersten Auseinandersetzung zeigt Gregor sich den anderen, die gerade beim Grillen im Garten sind. Nachdem Gregor seinem leiblichen Vater bei einem Überraschungsangriff die Hand auf den Grill gepresst hat, packt Ulrich und will weg. Gregor verrät, dass Inga und Jens sich im Wald küssten. Ulrich fragt seine Frau deshalb, ob sie wieder mit Jens zusammenleben wolle. Sie wisse es nicht, antwortet Inga.

Ulrich und sie fahren los, zurück nach Berlin. Unterwegs werden sie von Gregor und Doro überholt.

An einer Tankstelle kauft Ulrich zwei Schinkenbrötchen (!), eines für sich, das andere für Inga. Aber seine Frau will nichts essen, sondern per Anhalterin umkehren. „Die Dinge sind mir immer passiert,“ sagt sie. Damit sei jetzt Schluss.

Jens wird seit Stunden vermisst. Inga hilft Tina und Henner beim Suchen im Wald, aber sie finden ihn nicht.

Nachts wacht Inga auf. Jens liegt neben ihr im Bett. Sie küssen sich erneut und schlafen miteinander.

Am nächsten Morgen reist Henner als Erster ab. Tina schließt noch die Fensterläden des Wochenendhauses. Dabei gesteht sie ihrem Bruder, dass sie damals die Polizei anrief, die ihn dann in einer konspirativen Wohnung in Hannover verhaftete. Sie habe die Angst um ihn nicht länger ertragen, erklärt sie.

Die Geschwister bieten Inga an, sie mit nach Berlin zu nehmen, aber sie zieht es vor, zu Fuß loszugehen und ihren eigenen Weg zu wählen.

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Nina Grosse hat den 2008 von Bernhard Schlink veröffentlichten Roman „Das Wochenende“ (Diogenes Verlag, Zürich 2008, 225 Seiten) fürs Kino adaptiert. Dabei änderte sie nicht nur Namen, sondern ließ zugleich einige Romanfiguren wie die Bischöfin Karin, den Rechtsanwalt Andreas, die Lehrerin Ilse und den Heißsporn Marko Hahn weg. Außerdem straffte sie das Ganze. Diese Eingriffe, vor allem die Streichung von Dialogen über die RAF, haben den Akzent verschoben: Nina Grosse interessiert sich in ihrem Film „Das Wochenende“ nicht für die RAF und die durch den Terror der Siebzigerjahre in Deutschland ausgelösten politisch-gesellschaftlichen Veränderungen. Stattdessen konzentriert sie sich auf den Zusammenprall verschiedener Lebensentwürfe. „Das Wochenende“ dreht sich um den Konflikt zwischen dem RAF-Terroristen Jens, der sich auch nach der Verbüßung seiner langjährigen Haftstrafe trotzig an seine alten Ansichten klammert und früheren Weggefährten, die längst ein gutbürgerliches Leben genießen, etwa als Confiseur oder Literaturagentin. Durch das Wiedersehen mit Jens werden sie mit ihren früheren Idealen konfrontiert. Was ist aus ihrer Überzeugung von der Notwendigkeit einer Änderung bzw. Abschaffung des kapitalistischen Systems geworden?

Im Zentrum des Films von Nina Grosse steht Inga, die sich in Bernhard Schlinks Roman „Das Wochenende“ lange vor dem Beginn der Handlung das Leben nahm und nur noch in der Erinnerung anderer vorkommt. Im Film begreift sie an diesem Wochenende, dass sie alles immer nur geschehen ließ, statt selbst zu bestimmen. Damit ist nun Schluss; sie beginnt nach diesem Wochenende, ihren eigenen Weg zu gehen, obwohl sie noch nicht weiß, wohin er führt.

Ebenso wie in der literarischen Vorlage stellt Jens im Film die Frage, wer damals der Polizei sein Versteck verriet. Aber Nina Grosse verwendet diesen Ansatz nicht, um Spannung aufzubauen, und die Antwort auf die Frage erhält Jens am Ende ebenso unvorbereitet wie nebenbei.

Der Roman „Das Wochenende“ von Bernhard Schlink wirkt wie ein konstruiertes Lehrstück. Diesen Eindruck hat Nina Grosse in ihrem Film zumindest abgemildert. Die Charaktere sind nicht besser ausgeleuchtet als im Buch, aber die schauspielerischen Leistungen überzeugen. Hervorzuheben ist auch die exzellente Kameraführung von Benedict Neuenfels.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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