Unfall von Edward Kennedy und Mary Jo Kopechne 1969 auf der Insel Chappaquiddick


Für den 18. und 19. Juli 1969 lud Senator Edward Kennedy sechs unverheiratete junge Damen und fünf nicht mehr so junge Herren, von denen vier ebenso wie er verheiratet waren, in den Yachtklub von Edgartown auf Martha’s Vineyard an der Küste von Cape Cod im Bundesstaat Massachusetts ein: Für Rosemary Keough, die Schwestern Maryellen und Nance Lyons, Esther Newberg, Susan Tannenbaum und Mary Jo Kopechne – die Älteste von ihnen, die eine Woche später neunundzwanzig Jahre alt geworden wäre – waren Zimmer im Katama Shores Motor lnn bei Edgartown reserviert. Die sechs Herren wollten im Shiretown Inn in Edgartown übernachten: Jack Crimmins, ein Privatdetektiv, Edward Kennedys Cousin und Mitarbeiter Joseph Gargan, Ray LaRosa, ein Beamter der Zivilverteidigung in Massachusetts, Bankpräsident Paul Markham, Rechtsanwalt Charles Tretter und der Senator selbst. Anlass der Einladung war eine für Samstag, den 19. Juli, geplante Segelregatta. Die Party begann am Freitagabend mit einem Barbecue in einem gemieteten Bungalow auf der zu Edgartown gehörenden kleinen Insel Chappaquiddick.

Edward Kennedy verließ die Party vorzeitig. Angeblich wollte er ins Hotel fahren und Mary Jo Kopechne in seinem schwarzen, viertürigen Oldsmobile mit in die Stadt nehmen, weil sie sich nicht wohl fühlte. Er fuhr dann aber nicht zur Fähre, sondern bog vorher von der einzigen befestigten Straße auf der Insel Chappaquiddick in einen Feldweg ein, in die Dike Road. Nach gut einem Kilometer verfehlte Edward Kennedy eine Brücke. Das Auto flog elf Meter weit durch die Luft, überschlug sich und stürzte in einen etwa zweieinhalb Meter tiefen Gezeitenkanal. Bei dem Aufprall auf die Wasseroberfläche wurde das Fahrzeugdach eingedrückt.

Edward Kennedy blieb bis auf eine leichte Gehirnerschütterung unverletzt und konnte sich aus dem untergegangenen Wrack befreien, aber erst am nächsten Vormittag meldete er sich bei der Polizei. Nach 10 Uhr gestand Senator Kennedy dem Polizeichef Dominick Arena in Edgartown, er sei mit dem Oldsmobile verunglückt. Zu diesem Zeitpunkt hatten Taucher bereits die Leiche von Mary Jo Kopechne aus dem Unfallauto des Senators geborgen.

Was sich in der Nacht wirklich abspielte, bleibt ein Geheimnis.

Es beginnt mit der Frage, ob Edward Kennedy die Polizei zunächst nicht alarmierte, weil sonst Alkohol in seinem Blut nachgewiesen worden wäre?

Edward Kennedy sagte aus, er habe die Party mit Mary Jo Kopechne um 23.15 Uhr verlassen, und das wurde auch von anderen Teilnehmern bestätigt.

Hilfssheriff Christopher Look jr. will jedoch gegen 0.45 Uhr ein großes schwarzes Auto gesehen haben, das, als er anhielt, in die Dike Road einbog und davonraste. Look merkte sich, dass das Nummernschild mit L7 begann und mit 7 aufhörte. Kennedys Oldsmobile hatte das Kennzeichen L78207. Wenn Edward Kennedy und Mary Jo Kopechne um 0.45 Uhr unterwegs gewesen wären, hätte es keinen Sinn gemacht, zur Anlegestelle der Fähre zu fahren, denn diese verkehrte nur bis Mitternacht. Wenn aber Mary Jo Kopechne mit Edward Kennedy nach Matha’s Vineyard übersetzen und in ihr Hotel zurückkehren wollte, warum hatte sie dann ihre Handtasche in dem Bungalow zurückgelassen? Stattdessen wurde Rosemary Keoughs Handtasche in Kennedys Wagen gefunden.

An der Stelle, an der Edward Kennedy nach seiner Darstellung irrtümlich falsch abgebogen war, hatte man den Verlauf der Hauptstraße deutlich markiert. Der Senator behauptete, er habe seinen Fehler erst bemerkt, als kein Wendemanöver mehr möglich gewesen sei. Dass es sich bei der Dike Road um einen Feldweg handelte, war jedoch nicht nur im Scheinwerferlicht zu erkennen, sondern vor allem auch aufgrund des Holperns beim Fahren sofort zu spüren. Die Vermutung, dass Kennedy absichtlich in den Feldweg eingebogen sei, wurde später sogar von Richter James A. Boyle geäußert.

Edward Kennedy sagte aus, er sei sofort nach dem Unfall sieben- oder achtmal getaucht und habe versucht, Mary Jo Kopechne aus dem Wrack zu befreien, aber es sei ihm nicht gelungen. Dann habe er eine Weile gebraucht, um wieder zu Atem zu kommen, bevor er zum Bungalow zurückgerannt sei, um Hilfe zu holen. Joseph Gargan und Paul Markham wollen dann eine dreiviertel Stunde lang Rettungsversuche durchgeführt haben. Jedenfalls kam Edward Kennedy gegen 2 Uhr in den Shiretown Inn.

Am anderen Morgen beriet er sich zunächst mit Joseph Gargan und Paul Markham. Dann rief er den mit ihm befreundeten Rechtsanwalt Burke Marshall an, und zwar nicht von einem Apparat des Hotels in Edgartown, sondern aus einer Telefonzelle auf Chappaquiddick. Erst nachdem er vom Fährmann erfahren hatte, dass Mary Jo Kopechnes Leiche geborgen worden war, meldete er sich bei Polizeichef Dominick Arena in Edgartown. Die Verzögerung versuchte er durch einen Schockzustand zu erklären.

Eine interessante Theorie stellt Jack Olsen in seinem Buch „The Bridge at Chappaquiddick“ auf: Es könne doch so gewesen sei, dass der Senator nicht von Hilfssheriff Christopher Look jr. mitten in der Nacht mit einer jungen Frau neben sich ertappt werden wollte und sich deshalb im Gebüsch neben der Dike Road versteckte, während Mary Jo Kopechne allein mit dem Auto weiterfuhr. Statt ihn jedoch nach einiger Zeit abzuholen, stürzte sie mit dem ungewohnten Fahrzeug und vielleicht aufgrund einer Alkoholisierung von der Brücke.

Laut Dr. Donald R. Mills, dem stellvertretenden Bezirksamtsarzt, ertrank Mary Jo Kopechne. Die Taucher, die ihre Leiche bargen, vermuteten, dass man sie bei sofortiger Alarmierung hätte retten können. John N. Farrar, ein Hauptmann des Rettungs- und Taucherdienstes der Feuerwehr in Edgartown, meinte, Mary Jo Kopechne habe nach dem Unfall noch drei oder vier Stunden mit dem Kopf in einer Luftblase gelebt.

Am 25. Juli 1969 wurde Edward Kennedy zu zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er sich unerlaubt vom Unfallort entfernt hatte. Mit den Hinterbliebenen von Mary Jo Kopechne verständigte er sich außergerichtlich auf eine finanzielle Regelung.

In ihrem Roman „Schwarzes Wasser“ versetzt Joyce Carol Oates sich in die Lage einer sechsundzwanzigjährigen Frau, die bei einer Party auf einer kleinen Insel einen US-Senator der demokratischen Partei kennenlernt und mit ihm nachts zu seinem Hotelzimmer fahren will. Auf dem Weg zur Fähre verliert er die Kontrolle über den Wagen, und sie stürzen ins Wasser. Der Senator rettet sich, aber die junge Frau ertrinkt.

© Dieter Wunderlich 2010
Hauptquelle: Robert Sherrill, Der rätselhafte Tod der Mary Jo Kopechne.
Die Chappaquiddick-Affäre gefährdet Kennedys Präsidentschaftskandidatur,
„Der Spiegel“ 35/1974

Edward Kennedy (Kurzbiografie)
Joyce Carol Oates: Schwarzes Wasser

Laurence Leamer: Die Frauen der Kennedys

Andrea Maria Schenkel - Tannöd
"Tannöd" ist eine gelungene, formal eigenständige und erstaunlich stilsichere Mischung aus Heimat- und Kriminalroman. Andrea Maria Schenkel evoziert von Anfang an eine dichte, unheimliche Atmosphäre, baut Spannung auf und stellt das nur vordergründig idyllische Milieu überzeugend dar.
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