Ruhm

Ruhm

Ruhm

Originaltitel: Ruhm – Regie: Isabel Kleefeld – Drehbuch: Isabel Kleefeld nach dem Roman "Ruhm" von Daniel Kehlmann – Kamera: Rainer Klausmann – Schnitt: Andrea Mertens – Musik: Annette Focks – Darsteller: Senta Berger, Justus von Dohnányi, Heino Ferch, Julia Koschitz, Stefan Kurt, Thorsten Merten, Gennadi Vengerov, Axel Ranisch, Gabriela Maria Schmeide, Matthias Brandt, Johanna Gastdorf, Ursula Strauss u.a. – 2012; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Die Satire "Ruhm" zeigt, wie die zunehmende Virtualisierung durch moderne Kommunikationstechniken zum Wirklichkeitsverlust führen kann. In einer Welt, in der die Kommunikation über Computer, Internet und Handy läuft, verwischen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität wie die zwischen der Wirklichkeit und literarischer Fiktion. Dabei drohen wir unsere Identität zu verlieren ...
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Kritik

Isabel Kleefeld hat acht der Geschichten in dem Roman "Ruhm" von Daniel Kehlmann zu einem Episodenfilm verknüpft. Die unterhaltsame Satire zeigt, wie die Virtualisierung durch moderne Kommunikationstechniken zum Wirklichkeitsverlust führen kann.
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Joachim Ebeling (Justus von Dohnányi) ist mit Elke (Johanna Gastdorf) verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Obwohl der Elektroingenieur in einem Elektrogeräte-Unternehmen arbeitet, kauft er sich erst sehr spät sein erstes Handy. Kaum hat er das Geschäft verlassen, klingelt es. Aber der Anruf gilt nicht ihm, sondern irgendeinem Ralf. Nachdem Ebeling ein Dutzend solcher Anrufe bekommen hat, wendet er sich an die Hotline des Kundendienstes und schildert den Fall. Die Angestellte im Call Center (Lina Beckmann) erklärt ihm, das sei gar nicht möglich und es sei völlig ausgeschlossen, dass er die Nummer eines Anderen bekommen habe.

Der eitle Filmschauspieler Ralf Tanner (Heino Ferch), der sich bei YouTube alle Videoclips anschaut, die es über ihn gibt, wundert sich über das Ausbleiben von Anrufen.

In einem Waschraum der Diskothek „Looppool“ trifft Tanner auf einen Doppelgänger (Heino Ferch), der für die Imitation des Stars bescheidene Honorare bekommt. Das bringt den echten Ralf Tanner auf die Idee, seiner neuen Bekannten Nora (Ursula Strauss) zu erzählen, er sehe dem Schauspieler nur ähnlich. Die Situation spitzt sich zu, als ihm sein Diener Ludwig (Matthias Brandt) nicht mehr das Tor der Villa öffnet und ihm erklärt, Ralf Tanner sei bereits zu Hause und habe keine Zeit, sich mit einem Besucher zu unterhalten, selbst wenn dieser ihm ein wenig ähnlich sehe. Kurz darauf kommt der Imitator mit Tanners Agenten aus dem Haus, und die beiden fahren weg. Der Doppelgänger hat Tanners Platz eingenommen!

Als Ralf Tanner in einem Restaurant sitzt, wird er von einer jungen Frau (Kirsi Schubert) erkannt. Sie fordert ihren Geliebten Klaus Rubinstein (Thorsten Merten) auf, den Schauspieler um ein Autogramm zu bitten. Aber Tanner verleugnet seine Identität und genießt es, die Bürde der Prominenz abzuschütteln. Gleich darauf verabredet er sich mit Nora.

Klaus Rubinstein ist mit der Krimi-Autorin Maria Rubinstein (Gabriela Maria Schmeide) verheiratet, die kurzfristig für den Schriftsteller Leo Richter (Stefan Kurt) einsprang und in das kommunistische asiatische Land Askisien gereist ist.

Am Flughafen in Askisien wird sie abgeholt und in ein Hotel gebracht. Mühsam erklärt sie, dass auf der Teilnehmerliste zwar der Name Leo Richter steht, dieser jedoch abgesagt habe und sie für ihn eingesprungen sei. Eine resolute Führerin (Zeljka Preksavec) betreut die Delegation von Reisejournalisten. Es handelt sich um ein mehrtägiges Besuchsprogramm mit vielen Besichtigungen.

Am letzten Tag geht es in eine kleine Provinzstadt weit draußen in der Steppe. Bei der Verteilung der Zimmerschlüssel ist Maria die letzte, und als sie an der Reihe ist, gibt es keinen Schlüssel mehr. Man hat sich verzählt. Maria schlägt vor, mit einer anderen Teilnehmerin das Zimmer zu teilen, und eine frühere Mitarbeiterin des Deutschlandfunks (Therese Dürrenberger) erklärt sich sofort dazu bereit, aber das lässt der Stolz der Reiseführerin nicht zu. Sie betont, dass es in ihrem schönen Land zahlreiche vorzügliche Hotels gebe und es überhaupt kein Problem sei, Maria gut einzuquartieren. Schließlich wird Maria in ein derzeit geschlossenes Hotel gebracht, und die Reiseführerin schärft ihr ein, dass sie am nächsten Morgen pünktlich um 7.30 Uhr vor dem Hotel stehen müsse, denn da komme der Bus und nehme sie mit zu einem Militärflughafen, von wo aus die Teilnehmer mit einer Regierungsmaschine nach China gebracht werden, damit sie mit Linienmaschinen nach Hause fliegen können.

Pünktlich zur angegebenen Zeit steht Maria am Straßenrand, aber es kommt kein Bus, auch nicht am nächsten Tag. Das Hotel ist außer Betrieb, und telefonieren kann Maria auch nicht, weil er Akku ihres Handys leer ist. Während sie wartet, wird ihr der Koffer gestohlen. Der Leiter des Polizeireviers beanstandet, dass ihr Visum seit einem Tag abgelaufen ist. Maria versucht zum wiederholten Mal, ihre Lage zu erklären, aber die Polizei interessiert sich nur für das Visum und erklärt, ohne gültiges Visum dürfe sie gar nicht da sein. Man setzt sie vor die Tür.

Weil ihr Geld weg ist, kann sie sich nichts zu essen kaufen. Auf einem Markt erhält sie von einer Bäuerin ein Stück Brot. Zum Dank hilft Maria der Frau beim Aufladen von Kisten. In der Annahme, eine willige Hilfskraft zu bekommen, nimmt die Bäuerin sie auf der Ladefläche des Lieferwagens mit.

Der Schriftsteller Leo Richter, den Maria Rubinstein vertrat, hat seit sechs Wochen eine neue Geliebte. Elisabeth (Julia Koschitz) ist Ärztin und engagiert sich bei Médecins sans frontières. Sie begleitet ihn auf einer Lesereise nach Lateinamerika. Richter leidet unter Flugangst und ist auch sonst eher lebensuntüchtig, aber seine Bücher verkaufen sich erfolgreich. Während der Besteigung einer Pyramide auf der Halbinsel Yucatán erhält Elisabeth auf ihrem Handy die Nachricht, dass die Leichen von zwei Kollegen am Rand von Sudan aufgefunden wurden. Sie ist tief erschüttert, möchte aber auf keinen Fall, dass Leo Richter darüber eine Geschichte schreibt. Elisabeth will überhaupt nicht als Figur in einem Roman verwendet werden.

Sie fliegt mit Leo Richter nach Zürich, wo sie sich mit Kollegen trifft, während dem Schriftsteller der Dürrenmatt-Preis 2011 verliehen wird. Nachdem der Laudator (Daniel Kehlmann) ihn gewürdigt hat, liest Leo Richter dem Publikum eine Kurzgeschichte vor.

Darin geht es um eine ältere Witwe namens Rosalie (Senta Berger), bei der Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde. Daraufhin setzt sie sich mit einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation in Verbindung und bucht im Reisebüro eine Zugfahrt nach Zürich. Dort wird sie von Herrn Freytag (Oliver Bürgin), einem Mitarbeiter der Einrichtung, empfangen und in das Zimmer gebracht, in dem er ihr nach der Unterzeichnung der entsprechenden Dokumente einen tödlichen Trank serviert.

Zu Leo Richters begeisterten Lesern zählt ein Mann namens Mollwitt (Axel Ranisch). Der würde im Gegensatz zu Elisabeth gern in einer Geschichte des Schriftstellers mitspielen. Weil er sich auch während der Arbeitszeit übereifrig an Internet-Foren beteiligt, vernachlässigt er seine Aufgaben in der Zentrale einer Mobiltelefongesellschaft. Sein Kollege Lobenmeier (Gerhard Liebmann) kann ihn wegen seines Körpergeruchs nicht ausstehen und nutzt eine Gelegenheit, um Telefonnummern, die auf Mollwitts Bildschirm aufgelistet sind, unbemerkt zu manipulieren.

Weil alle anderen Mitarbeiter verhindert sind, schickt der Chef Mollwitt zu einem Kongress der Europäischen Telekommunikations-Anbieter nach Zürich. Dort erhält er einen Anruf seines Chefs: Er wird entlassen, weil sich inzwischen herausstellte, dass von seinem Computer aus hunderte von noch aktiven Telefonnummern an andere Kunden vergeben wurden.

Aber kaum ist das Telefongespräch beendet, entdeckt Mollwitt den bewunderten Schriftsteller Leo Richter. Der steht direkt neben ihm vor dem Hoteleingang. Als Richter heineingeht, lässt Mollwitt sich nicht abschütteln und folgt ihm bis ins Zimmer. Unter einem Vorwand geht Richter hinaus. Als er nach einiger Zeit zurückkommt, findet er sein Notizbuch zerrissen und sein Zimmer verwüstet vor. Statt Mollwitt ist Rosalie da. Sie will nicht sterben und appelliert an Richters Mitgefühl.

Als Herr Freytag nachschaut, ist das Sterbezimmer leer. Rosalie hat es als junge, gesunde Frau (Jella Haase) verlassen. Während sie eine Straße entlanggeht, löst sie sich in Nichts auf.

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In „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ zeigt Daniel Kehlmann, wie die zunehmende Virtualisierung durch moderne Kommunikationstechniken zum Wirklichkeitsverlust führen kann und ein kleiner Fehler bei einer Dateneingabe das Potenzial hat, unser Leben aus den Fugen geraten zu lassen. In einer Welt, in der die Kommunikation über Computer, Internet und Handy läuft, verwischen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität wie die zwischen der Wirklichkeit und literarischer Fiktion. Dabei drohen wir unsere Identität zu verlieren.

Isabel Kleefeld adaptierte den Roman von Daniel Kehlmann fürs Kino und verknüpfte acht der neun Geschichten zu einem Episodenfilm. Ebenso wie die literarische Vorlage bleibt der Film an der Oberfläche, und die Figuren sind eher Karikaturen als Charaktere.

Ruhm ist das Leitmotiv der Episoden. Wer nicht berühmt ist, bewundert Prominente, aber Ruhm und Anerkennung sind mit vielen Nachteilen verbunden.

Die unterhaltsame Satire „Ruhm“ handelt nicht zuletzt von der Macht des Schriftstellers, die zur Hybris führen kann. Vielleicht hat Daniel Kehlmann bei der Figur des Leo Richter an sich selbst gedacht. Isabel Kleefeld lässt ihn witzigerweise als Laudator für diesen Leo Richter auftreten.

Neben der hochkarätigen Besetzung sind die von Andrea Mertens raffiniert gesetzten Schnitte hervorzuheben. Beispielsweise springt das Bild vom Fond eines Taxis in den eines anderen in einer anderen Episode. Oder es wird ein begonnener Satz nach dem Schnitt in einer anderen Szene fortgesetzt.

Die Dreharbeiten für „Ruhm“ fanden von Oktober 2010 bis April 2011 in Köln, Zürich, Buenos Aires, Kiew, auf der Krim und bei Cancún statt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten

Isabel Kleefeld: Arnies Welt
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Isabel Kleefeld: Im Netz

Annette Pehnt - Chronik der Nähe
Annette Pehnt erweist sich als ebenso genaue wie feinfühlige Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, verzichtet auf jegliche Effekthascherei und evoziert eine dichte Atmosphäre. Auch die Komposition des Romans "Chronik der Nähe" ist überzeugend.
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