Daniel Kehlmann : Ruhm

Ruhm
Ruhm Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2009 ISBN: 978-3-498-03543-3, 205 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Daniel Kehlmann zeigt in "Ruhm", wie die zunehmende Virtualisierung durch moderne Kommunikationstechniken zum Wirklichkeitsverlust führen kann. In einer Welt, in der die Kommunikation über Computer, Internet und Handy läuft, verwischen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität wie die zwischen der Wirklichkeit und literarischer Fiktion. Dabei drohen wir unsere Identität zu verlieren.
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Kritik

Daniel Kehlmann ging es in "Ruhm" offenbar um das formale Experiment eines neuen multiperspektivischen Ansatzes. Das Ergebnis ist ein witziges, leicht und mit großem Vergnügen zu lesendes Buch.
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  1. Stimmen
  2. In Gefahr
  3. Rosalie geht sterben
  4. Der Ausweg
  5. Osten
  6. Antwort an die Äbtissin
  7. Ein Beitrag zur Debatte
  8. Wie ich log und starb
  9. In Gefahr

Stimmen

Ebeling ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er arbeitet in einer Abteilung, an die Händler aus ganz Deutschland defekte Computer schicken. Man sucht nicht mehr nach Ursachen, sondern tauscht einfach so lange Teile aus, bis die Geräte wieder funktionieren.

Nach langem Zögern legt Ebeling sich ein Handy zu. Es dauert nicht lang, da klingelt es. Aber der Anruf gilt nicht ihm, sondern irgendeinem Ralf. Nachdem er ein Dutzend solcher Anrufe bekommen hat, wendet er sich an die Hotline des Kundendienstes und schildert den Fall. Die Angestellte im Call Center erklärt ihm, das sei gar nicht möglich und es sei völlig ausgeschlossen, dass er die Nummer eines Anderen bekommen habe.

Allmählich gefällt es Ebeling, die Anrufe entgegenzunehmen und sich für Ralf auszugeben. Als er an einem Plakat mit dem berühmten Filmschauspieler Ralf Tanner vorbeikommt, durchzuckt ihn der Gedanke, er habe dessen Telefonnummer. Jedenfalls führt dieser Ralf offenbar ein sehr viel aufregenderes Leben als er, und es macht Spaß, sich in seine Rolle zu versetzen.

Nachmittags wundert er sich, dass er nicht an seinem Arbeitsplatz, sondern zu Hause ist. Vergaß er hinzugehen? Unvermittelt bleiben die Anrufe aus. Erst nach längerer Zeit klingelt das Handy wieder. Sein Chef ist am Apparat und fragt, ob er krank sei, weil er seit zwei Tagen nicht mehr zur Arbeit gekommen ist.


Gefahr

Der Schriftsteller Leo Richter hat seit sechs Wochen eine neue Geliebte. Elisabeth ist Ärztin und engagiert sich bei Médecins sans frontières.

Sie begleitet ihn auf einer Lesereise nach Lateinamerika, möchte aber auf keinen Fall, dass er sie als Figur in einem seiner Bücher verwendet. Richter leidet unter Flugangst und ist auch sonst eher lebensuntüchtig, aber als Schriftsteller ist „der Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillanz“ (Seite 29) durchaus erfolgreich. Eine seiner Protagonstinnen, die Ärztin Lara Gaspard, ähnelt Elisabeth. Seine berühmteste Geschichte handelt von einer alten Frau, die in die Schweiz reist, um von einer dort ansässigen Gesellschaft Sterbehilfe zu bekommen.

Einmal sagt er:

[…] dass ich eigentlich nicht die Art von Schriftsteller bin, bei dem die Fakten stimmen. Andere freuen sich, wenn sie die kleinen Details akribisch recherchiert haben und irgendein Geschäft, an dem eine Figur achtlos vorbeischlendert, im Buch den richtigen Namen trägt. Aber mir ist so etwas egal. (Seite 53)

Er schwärmt Elisabeth von seiner neuen Idee vor:

Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition, die Verbindungen, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held. (Seite 25)

Um 5 Uhr morgens erhält Elisabeth durch einen Anruf ihres Kollegen Moritz aus Genf die Nachricht von der Entführung ihrer drei engsten Mitarbeiter in Afrika: Carl, Henri und Paul. Sie wird sofort aktiv, telefoniert mit Regierungsvertretern und verspricht korrupten afrikanischen Politikern Geld für ihre Hilfe.

Richter kommt die Idee für einen Plot:

„So kann es gehen. Zwei Menschen, zusammen unterwegs. Sie trägt wirkliche Verantwortung; er ist larmoyant und unerträglich. Lara Gaspard und ihr neuer Geliebter.“ (Seite 41)

Er soll als Teilnehmer einer Journalistendelegation in ein asiatisches Land mit einem diktatorischen Regime reisen, sagt jedoch ab und schlägt vor, statt seiner die Krimiautorin Maria Rubinstein einzuladen.

Als er es nicht mehr aushält, dass jeder, der ihm begegnet, erzählt, auf welcher Reise er eines seiner Bücher las, und alle Leute ihn fragen, wo er seine Einfälle habe (in der Badewanne) bzw. wann er arbeite (vormittags), reist er vorzeitig mit Elisabeth ab – sorgt sich jedoch während des gesamten Rückflugs wegen juristischer Folgen, die der Abbruch der Lesereise haben könnte.


Rosalie geht sterben

Rosalie war vier Jahrzehnte lang Lehrerin. Die Witwe, die zweimal verheiratet war, hat drei erwachsene Töchter. Jetzt ist sie siebzig, und der Arzt diagnostiziert Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium.

Wenn es ums Sterben geht, ist Rosalie schwer zu überraschen. Ein Cousin ihres ersten Mannes hat sich in den Kopf geschossen, ohne zu wissen, wie schwierig das eigentlich ist und wie häufig es Leute überleben. Der Winkel war nicht richtig, und noch Wochen ist er ohne Unterkiefer vor sich hin vegetiert. Die Schwester ihrer Freundin Lore hat es viermal mit Schlaftabletten versucht. jedesmal eine höhere Dosis, jedesmal ist sie doch wieder in Kot und Erbrochenem zu sich gekommen; unser Körper ist stark, seine Lebenskraft größer, als es unsere dunklen Stunden vermuten lassen. Und Rosalies Neffe Frank, der Bruder von Lara Gaspard, hat sich vor elf Jahren aufgehängt. Sein Hals war schwarz von Würgemalen, und an der Zimmerdecke gab es tiefe Kratzspuren. (Seite 52f)

Überraschend gefasst setzt Rosalie sich mit einer Schweizer Organisation in Verbindung, die auch Ausländern Sterbehilfe leistet. Ihren Töchtern verschweigt sie die Wahrheit; auch ihren beiden besten Freundinnen Lore und Silvia sagt sie nichts. Nur ihrer Nichte Lara Gaspard, die sich gerade in San Francisco aufhält, vertraut sie die Wahrheit an.

Sie vereinbart mit dem Sterbehilfe-Verein einen Termin und ruft ein Reisebüro an, um den Flug nach Zürich zu buchen. Die Angestellte rät ihr davon ab, ein One-Way-Ticket zu nehmen, denn das ist aus Gründen, die sie auch nicht erklären kann, teurer als eines für Hin und Zurück. Rosalie ist einverstanden, kann sich aber nicht entschließen, einen bestimmten Rückflug zu wählen und bestellt deshalb am Ende doch nur ein Ticket für den Hinflug.

Wegen Nebels wird der Flug nach Basel umgeleitet. Von dort reist Rosalie mit der Bahn weiter, aber die Fahrt endet in einem kleinen Bahnhof, weil sich auf der Strecke ein Selbstmörder vor einen Zug geworfen hat. In der Bahnhofsgaststätte wird Rosalie von einem Unbekannten angesprochen, der ihr anbietet, sie im Auto mit nach Zürich zu nehmen. Offenbar hat er jedoch gar kein eigenes Auto, denn er bricht ein fremdes auf und schließt es kurz.

Rosalie fleht den Autor an, sie nicht sterben zu lassen, aber der lehnt ihr Bitte ab.

[…] im Moment beschäftigen mich andere Dinge; es beunruhigt mich sehr, dass ich keine Ahnung habe, wer der Kerl am Steuer ist, wer ihn erfunden hat und wie er in meine Geschichte kommt. (Seite 70f)

Nachdem der Fremde Rosalie am falschen Ort abgesetzt hat, nimmt sie ein Taxi. Ein Herr namens Freytag empfängt sie.

Ja, das hätte eine gute Geschichte werden können, ein wenig sentimental zwar, aber die Melancholie ausbalanciert durch Humor, das Brutale in der Schwebe gehalten mit etwas Philosophie. Ich hatte alles durchdacht. Und jetzt?
Jetzt ruiniere ich es. Ich reiße den Vorhang weg, werde sichtbar, erscheine neben Freytag vor der Lifttür. Eine Sekunde sieht er mich verständnislos an, dann verblasst er und verweht wie Staub. Rosalie, du bist gesund. Und wenn wir schon dabei sind, sei auch wieder jung. Fang von vorne an! (Seite 75)

Freudig geht Rosalie auf die Straße. Ihr Dasein erlischt jedoch kurz darauf ohne Todeskampf, von einem Moment zum nächsten, als nämlich der Autor aufhört, an der Geschichte weiterzuschreiben.


Der Ausweg

Der neununddreißige Filmstar Ralf Tanner ist eitel. Mehrmals am Tag googelt er seinen Namen; er korrigiert den Wikipedia-Eintrag über sich, liest die Meinungen, die in Diskussionsforen über ihn geäußert werden und schaut sich neue Videoclips an, die es bei YouTube über ihn gibt. Darunter sind auch Aufnahmen von einem Imitator und die kürzlich in einer Hotelhalle mit einem Handy gefilmte Szene, als Carla ihn ohrfeigte.

Er sah in den Filmforen nach, ob es Neues über ihn gebe, aber als er in einem Posting las, dass er nur Müll im Hirn habe und hässlich sei wie Vieh, gab er es fürs erste auf. (Seite 87)

Normalerweise klingelt sein Handy ständig. Unvermittelt bleiben die Anrufe aus.

Am Abend geht er mit einer Frau aus, und als ein Passant ihn um ein Autogramm bittet, behauptet er, dem berühmten Schauspieler nur ähnlich zu sehen. Die Selbstverleugnung imponiert seiner Begleiterin.

Aus dem Internet erfährt er, dass in der Vorstadtdiskothek „Looppool“ Doubles auftreten. Er geht hin und tut so, als mache er Ralf Tanner nach. Anschließend klopft ihm der Besitzer auf die Schulter, drückt ihm 50 Euro in die Hand und meint, für den Anfang sei das gar nicht schlecht gewesen.

Bei der Veranstaltung lernt er Nora kennen. Nähme er sie mit in seine Villa, würde sie merken, dass er wirklich Ralf Tanner ist. Also ignoriert er beim Verlassen der Disko seinen Chauffeur, winkt ein Taxi heran und fährt mit Nora zu deren Wohnung. Am nächsten Tag mietet er in ihrer Nähe unter dem Namen Matthias Wagner ein möbliertes Zimmer und setzt die Affäre fort. Die Bewohner des Viertels achten bald nicht mehr auf ihn, weil sich herumgesprochen hat, dass er nur ein Doppelgänger des Filmstars ist.

Eine Woche später wiederholt Ralf Tanner seinen Auftritt im „Looppool“, aber der Imitator, den er aus YouTube kennt, ist diesmal auch da – und wirkt sehr viel überzeugender als er.

Als er vorzeitig nach Hause kommt, lässt sein Kammerdiener Ludwig ihn nicht ein. Sein Chef sei längst da, erklärt er, und weil es sich um einen großen Star handelt, will er auch nicht gestört werden. Ludwig droht mit der Polizei. Kurz darauf beobachtet Ralf Tanner, wie ein Mann, der wie er aussieht, mit seinem Agenten Malzacher aus dem Haus kommt. Vermutlich hat der Imitator seinen Platz eingenommen.


Osten

Die Krimiautorin Maria Rubinstein, eine glücklich verheiratete kleine Frau Mitte vierzig, fliegt in ein kommunistisches Land in Asien. Am Flughafen wird sie abgeholt und in ein Hotel gebracht, in dem niemand Englisch spricht. Mühsam erklärt sie, dass auf der Teilnehmerliste zwar der Name Leo Richter steht, dieser jedoch kurzfristig abgesagt habe und sie für ihn eingesprungen sei. Eine Führerin betreut die Delegation von Reisejournalisten.

Wie Maria schnell herausfand, war hier niemand Reisejournalist. Es gab zwei Kulturredakteure und drei Praktikanten, die man geschickt hatte, weil in ihren Redaktionen kein anderer hatte herkommen wollen. Dann gab es noch einen Wissenschaftsredakteur von La Republicca und einen freundlichen Herrn, der im Observer über Wildvögel schrieb. Eine ältere Frau hatte vor ihrer Pensionierung für den Deutschlandfunk gearbeitet, eine Kollegin von ihr war nur deshalb hier, weil sie zur Zeit Handwerker in ihrer Wohnung hatte. (Seite 99f)

Es handelt sich um ein mehrtägiges Besuchsprogramm mit vielen Besichtigungen. Am letzten Tag geht es in eine kleine Provinzstadt weit draußen in der Steppe.

Bei der Verteilung der Zimmerschlüssel ist Maria die letzte, und als sie an der Reihe ist, gibt es keinen Schlüssel mehr. Man hat sich verzählt. Maria schlägt vor, mit einer anderen Teilnehmerin das Zimmer zu teilen, und die frühere Mitarbeiterin des Deutschlandfunks erklärt sich sofort dazu bereit, aber das lässt der Stolz der Reiseführerin nicht zu. Sie betont, dass es in ihrem Land zahlreiche vorzügliche Hotels gebe und es überhaupt kein Problem sei, Maria gut unterzubringen.

Schließlich wird Maria in ein derzeit geschlossenes Hotel gebracht, und die Reiseführerin schärft ihr ein, dass sie am nächsten Morgen pünktlich um 7.25 Uhr vor dem Hotel stehen müsse, denn da komme der Bus, der die Teilnehmer zu einem Militärflughafen transportiere, von dem sie mit einer Regierungsmaschine nach China gebracht werden, damit sie mit Linienmaschinen nach Hause fliegen können.

Obwohl das Hotel außer Betrieb ist und der Aufzug nicht funktioniert, wird Maria ein Zimmer im siebten Stock zugewiesen.

Um 7.25 Uhr steht Maria am Straßenrand, aber sie wartet vergeblich auf den Bus. Man hat sie offenbar vergessen. Im Hotel ist niemand.

Am nächsten Tag geht Maria los. In einem Laden möchte sie einen Fladen und eine Flasche Wasser kaufen, aber sie hat kein einheimisches Geld, und der Ladenbesitzer nimmt keine fremde Währung, obwohl die 10 Dollar, die Maria ihm anbietet, viel mehr wert wären als die paar Münzen, die er verlangte.

Verzweifelt wendet Maria sich an einen Verkehrspolizisten. Der nimmt sie mit zum Revier. Dort wird beanstandet, dass ihr Visum seit einem Tag abgelaufen ist. Maria versucht zum wiederholten Mal, ihre Lage zu erklären, aber die Polizei interessiert sich nur für das Visum und erklärt, ohne gültiges Visum dürfe sie gar nicht da sein. Die Polizisten wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen, wollen keine Scherereien und setzen sie deshalb nach mehreren Stunden vor die Tür. Ihre Armbanduhr kriegt sie nicht wieder, und später stellt sie fest, dass auch ihre Geldbörse fehlt.

Sie ruft ihren Mann mit dem Handy an, aber die Verbindung ist gestört, und er versteht sie offenbar nicht. Als sie noch einmal seine Nummer wählt, ist der Akku leer.

Auf einem Markt erhält sie von einer Bäuerin ein Stück Brot. Gemeinsam schleppen sie eine schwere Kiste zu einem Traktor. Die Frau bedeutet Maria, mit aufzusteigen. Auf dem Bauernhof muss sie den Fußboden schrubben. Nach getaner Arbeit bekommt sie wieder etwas Brot und Wasser. Außerdem zeigt ihr die Bäuerin eine Matratze zum Schlafen.


Antwort an die Äbtissin

Der vierundsechzigjährige erfolgreiche Schriftsteller Miguel Auristos Blancos, dessen dritte Ehe unlängst zerbrach, lebt unter anderem in Rio de Janeiro. Gerade arbeitet er am letzten Kapitel des Buches „Frag den Kosmos, er wird sprechen“.

Als ihn Sra. Angela João, die Äbtissin des Karmeliterinnenklosters zur Heiligen Vorsehung in Belo Horizonte, in einem Brief um ein paar Worte über die Theodizee zur Erbauung bittet, setzt er sich an den Computer und schreibt:

Werte Äbtissin, kein Grund zur Hoffnung besteht, und selbst wenn Gott anders zu rechtfertigen wäre als durch Seine offenkundige Abwesenheit, so verblasste jedes kluges Argument doch vor dem Ausmaß des Schmerzes, ja vor dem schieren Faktum, dass es Schmerzen gibt und dass alles immer und zu jeder Zeit, bedenken Sie es nur recht, ehrwürdige Mutter, so unzureichend ist. Das Einzige, was uns hilft, sind wohlige Lügen wie die in Ihrer heiligen Person verkörperte Würde. Mögen Sie lange verharren darin und und in guter Erinnerung behalten Ihren ergebenen … Er klickte zweimal mit der Maus, und der Drucker begann zu schnarren. (Seite 129)

Miguel Auristos Blancos ist seines eigenes Geschwafels überdrüssig und würde der Welt gern ein Zeichen der Verachtung einbrennen, indem er sich erschießt. Damit könnte er seinen Anhängern einen Schock versetzen und Epoche machen. Er lädt seine Pistole und nimmt den Lauf in den Mund.

[…] wenn er nur die Kraft fand, abzudrücken. Wenn. Er hörte sich keuchen. Im Nebenraum brummte der Staubsauger. Wenn. (Seite 131)


Ein Beitrag zur Debatte

Mollwitz ist Mitte dreißig. Weil er sich unter dem User-Namen mollwitt obsessiv an Internet-Foren beteiligt, vernachlässigt er seine Arbeit in der Zentrale einer Mobiltelefongesellschaft. Seinen Kollegen Lobenmeier, mit dem er sich das Büro teilt, hasst er.

Ganz kurz Vorgeschichte. (Mein Leben war der volle Container Irrsinn in letzter Zeit, muss man aber fertig werden mit, gibt eben solche und solche Zeiten, Yin und Yang, und für die Freaks, die nie von gehört haben: Das ist Philosophie!) Meinen Usernamen mollwitt kennt ihr aus andren Foren. Ich poste viel bei Supermovies, auch bei den Abendnachrichten, bei literature4you und auf Diskussionsseiten, und auch wenn ich Blogger sehe, die Bullshit verzapfen, halt ich mich nicht zurück. Immer Username mollwitt. (Seite 134)

In einem der Foren kommentiert er die Ohrfeige, die der berühmte Filmschauspieler Ralf Tanner von seiner Geliebten Carla Mirelli in der Lobby eines Hotels bekam:

Ralf Tanner und Carla Mirelle, schrieb ich, das wird nie wieder was, der hat doch Müllmist im Hirn und hässlich wie Viech, das könnt ihr vergessen. (Seite 137)

Unerwartet schickt der Abteilungsleiter ihn zum Kongress der Europäischen Telekommunikations-Anbieter nach Paris.

Nach der Ankunft stellt Mollwitz entsetzt fest, dass im Hotel das Internet ausgefallen ist. Als er vor die Tür geht, um eine Zigarette zu rauchen, bittet ihn ein Fremder um Feuer. Mollwitz kann es kaum glauben: Vor ihm steht der Bestseller-Autor Leo Richter. Aufgeregt erzählt er ihm, dass er seinen Roman über Lara Gaspard zwischen München und Brüssel im Speisewagen gelesen habe und fragt ihn, wie er auf seine Ideen komme. „In der Badewanne“, antwortet der Schriftsteller kurz angebunden und lässt ihn stehen.

In der Realität hat Mollwitz kein Glück bei den Frauen, aber er ist sicher, dass es mit Lara Gaspard anders wäre. Deshalb will er Leo Richter auf sich aufmerksam machen und hofft, dass dieser ihn in einem Roman mit Lara Gaspard zusammenkommen lässt.

Bald darauf erschrickt Mollwitz bei dem Gedanken, dass er schon 9 Stunden und 30 Minuten nicht mehr im Internet war, also gar nicht mehr auf dem Laufenden ist.

Beim Frühstück setzt er sich zu Leo Richter an den Tisch und fragt ihn, ob er etwas über ihn wissen möchte. Irritiert steht Richter auf und geht.

Mollwitz gibt nicht auf. An der Rezeption lässt er sich mit Leo Richter verbinden, aber der legt gleich wieder auf.

Durch Zufall hört Mollwitz einige Stunden später, wie Leo Richter nach dem Schlüssel für Nummer 305 fragt. Nachdem er sich an der Hotelbar mit ein paar Gläsern Whiskey Mut angetrunken hat, geht er hinauf und klopft an die Tür des Zimmers 305. Niemand antwortet. Ein Zimmermädchen fragt ihn, ob er sich ausgesperrt habe, und er sagt: Ja. Sie öffnet ihm die Tür, und er kann es nicht fassen: Er ist im Zimmer des berühmten Schriftstellers! Der ist allerdings nicht da. Um ihn auf sich aufmerksam zu machen, zertrümmert Mollwitz den Laptop und andere Gegenstände im Zimmer. Dann schleicht er sich davon.

Als er sich am anderen Morgen nach Leo Richter erkundigt, sagt man ihm, der sei bereits abgereist.


Wie ich log und starb

Der Elektroingenieur lebt seit neun Jahren mit Hannah zusammen; mit ihr hat er einen Sohn und eine kleine Tochter. Aber er sieht sie nur am Wochenende, denn sie wohnen in der Nähe von München, und er arbeitet als Abteilungsleiter in der Zentrale eines Mobiltelefonunternehmens bei Hannover. Seine Abteilung ist zuständig für die Verwaltung und Zuweisung von Telefonnummern.

Auf einem Empfang des Amtes zur Regulation von Telekommunikatinslizenzen lernt er die Chemikerin Luzia kennen – und sie landen noch am selben Abend miteinander im Bett. Damit beginnt eine Affäre, aber er möchte auch Hannah nicht verlieren und betrügt deshalb beide Frauen. Wenn er mit Luzia beisammen ist, stören ihn die Anrufe von Hannah und umgekehrt. Jedesmal muss er sich etwas ausdenken, damit die beiden Frauen nichts von einander erfahren.

Lobenmeier erklärt ihm, er halte es mit Mollwitz nicht länger aus. Dass der Kollege ständig im Internet surfe, statt seine Arbeit zu machen, würde er ja noch hinnehmen, aber Mollwitz‘ Körpergeruch sei unerträglich. Der Abteilungsleiter hat jedoch andere Sorgen. Um mit Luzia auch hin und wieder ein Wochenende verbringen zu können, schickt er Hannah Nachrichten und gibt vor, in Paris, Madrid, Berlin, Chicago oder Caracas zu sein.

Wie merkwürdig, dass die Technik uns in eine Welt ohne feste Orte versetzt hat. Man spricht aus dem Nirgendwo, man kann überall sein, und da sich nichts überprüfen lässt, ist alles, was man sich vorstellt, im Grunde auch wahr. (Seite 173)

Als Ausgleich will er Hannah mit zum Kongress der Europäischen Telekommunikations-Anbieter in Paris nehmen. Aber Luzia möchte auch mitkommen. Woher weiß sie von dem Kongress? Sie scheint noch jemanden aus der Branche zu kennen. Er kann also nicht Luzia absagen und mit Hannah nach Paris fliegen, denn Luzia würde es vielleicht erfahren. Umgekehrt kennt auch Hannah einige seiner Kollegen, und es wäre deshalb zu riskant, Luzia mitzunehmen. Also muss er jemand anderen nach Paris schicken, und weil jeder schon etwas vorhat, bleibt am Ende nur Mollwitz übrig.

Der kommt aus Paris verstört zurück.

Schlick klärt ihn darüber auf, dass einige hundert Teilnehmernummern in der Datenbank mit einem falschen Freigabedatum verknüpft wurden und ein paar Dutzend Neukunden bereits falsche Telefonnummern bekamen.


Gefahr

Trotz seiner Flugangst begleitet Leo Richter seine Geliebte Elisabeth ein Jahr nach dem Verschwinden seiner Kollegin Maria Rubinstein zu einem Einsatz in Afrika. Er kann es kaum fassen, dass sie von Soldaten mit Maschinenpistolen empfangen werden. Elisabeth kennt die Verhältnisse; sie weiß, dass man in Kriegsgebieten darauf angewiesen ist, mit der weniger mörderischen Kriegspartei zusammenzuarbeiten. Sie bedauert es, Leo hergebracht zu haben, denn die Wirklichkeit könnte zu hart für ihn sein. Doch obwohl Schüsse zu hören sind, bleibt er überraschend ruhig.

Klara Riedergott vom Roten Kreuz begrüßt sie. Als sie die Ärztin Lara Gaspard treffen, wundert sich ein Mann in Uniform mit einem UN-Abzeichen, der sich als „Rotmann von UNPROFOR“ vorstellt, über die Ähnlichkeit der beiden Frauen.

Elisabeth stutzt: Die UNPROFOR war im Zusammenhang mit den Balkankriegen im Einsatz und hat kein Mandat in Afrika! Befinden sie sich in einer Romanhandlung? Hat der Autor schlampig recherchiert? Und ist Leo deshalb so souverän?

Ihr alte Befürchtung, dass er sie in eine Geschichte einfügen und eine verquere, nach seinen Zwecken umgeformte Kopie von ihr erschaffen würde: der Gedanke war unerträglich. (Seite 196)

Sie stellt Leo zur Rede. Der Schriftsteller, bei dem es sich offenbar auch um nur eine Romanfigur handelt, antwortet:

Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt. (Seite 201)

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In „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ zeigt Daniel Kehlmann, wie die zunehmende Virtualisierung durch moderne Kommunikationstechniken zum Wirklichkeitsverlust führen kann und ein kleiner Fehler bei einer Dateneingabe das Potenzial hat, unser Leben aus den Fugen geraten zu lassen. In einer Welt, in der die Kommunikation über Computer, Internet und Handy läuft, verwischen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität wie die zwischen der Wirklichkeit und literarischer Fiktion. Dabei drohen wir unsere Identität zu verlieren.

Dieses Thema behandelt Daniel Kehlmann nicht in einem tiefschürfenden Roman, sondern er bleibt an der Oberfläche und beleuchtet diese mit ein paar Geschichten, die über einzelne Figuren und Motive miteinander verknüpft sind. Ob dieser multiperspektivische Ansatz tatsächlich einen „Roman in neun Geschichten“ ergibt, mag offen bleiben. – Übrigens ist das Konzept nicht völlig neu: Peer Hultberg veröffentlichte 1992 unter dem Titel „Byen og Verden“ einen „Roman in hundert Texten“ („Die Stadt und die Welt“, Neuübersetzung: Angelika Gundlach, Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2008, 477 Seiten)

Die Vielzahl der Protagonisten macht es nahezu unmöglich, vielschichtige Charaktere herauszuarbeiten oder gar komplexe psychologische Entwicklungen darzustellen. Das war offensichtlich auch gar nicht die Absicht des Autors. Vermutlich nahm der die Nachteile, die sich daraus ergeben, bewusst in Kauf.

Aber das Schlimmstmögliche hat hier wenig Gewicht und wenig Wucht. Denn es stößt Figuren zu, die ihrerseits wenig Gewicht haben. Sie leiden nicht wirklich, sie besitzen keine Schärfe und eigentlich auch keinen Charakter. (Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 2009)

Empfehlenswert ist der Roman mit dem ironischen Titel „Ruhm“ aus anderen Gründen. Zum einen unterhält Daniel Kehlmann die Leser mit Geschichten, von denen einige vor Selbstironie, Pointen und running gags funkeln. Liest man sie nicht einzeln, sondern im Zusammenhang, verstärkt sich der Effekt durch die zahlreichen Querverweise und Bespiegelungen. Dass Daniel Kehlmann nicht versuchte, ein Erfolgsrezept noch einmal auszuprobieren, sondern ein neues formales Experiment wagte, ist bemerkenswert. Vielleicht ist ihm dabei nicht der ganz große Wurf gelungen – nach wie vor gefällt mir sein Roman „Ich und Kaminski“ am besten –, aber „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ ist auf jeden Fall ein witziges, leicht und mit großem Vergnügen zu lesendes Buch.

Die Geschichte, die Daniel Kehlmann in „Osten“ erzählt, erinnert übrigens sehr an die Erzählung „Pennerin“ von Antonia S. Byatt.

Isabel Kleefeld verfilmte den Roman „Ruhm“ von Daniel Kehlmann: „Ruhm“.

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Inhaltsangabe und Buchkritik: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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