101 Reykjavik

101 Reykjavik

101 Reykjavik

101 Reykjavik - Originaltitel: 101 Reykjavik - Regie: Baltasar Kormákur - Drehbuch: Baltasar Kormákur, nach dem Roman "101 Reykjavik" von Hallgrímur Helgason - Kamera: Peter Steuger - Schnitt: Skule Eriksen und Sigvaldi J. Kárason - Musik: Damon Albarn und Einar Örn Benediktsson - Darsteller: Hilmir Snær Gudnason, Victoria Abril, Hanna María Karlsdóttir, Thrudur Vilhjalmsdottir, Baltasar Kormákur u.a. - 2000; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Obwohl Hlynur bereits 28 ist, wohnt er noch bei seiner Mutter in Reykjavik. Die Stadt hat er noch nie verlassen, denn er erwartet nichts vom Leben, sondern hofft, dass er unmittelbar im Anschluss an die Arbeitslosenversorgung die Rente kriegen wird. Vielleicht könnte ihn die energische junge Spanierin Lola während ihres Besuchs aus seiner Lethargie reißen, aber sie ist die Geliebte seiner Mutter und schwanger ...
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Kritik

"101 Reykjavik" ist eine zynische und rabenschwarze Groteske. Der Kern der skurrilen Geschichte ist zwar verstörend, humorlos und tragisch, aber wegen der vielen schrägen Einfälle merkt man es nicht ständig.
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Hlynur (Hilmir Shær Gudnason) wohnt noch immer bei seiner seit acht Jahren geschiedenen Mutter Berglind (Hanna Maria Karlsdóttier) in Reykjavik, und obwohl er bereits achtundzwanzig ist, lässt er sich von ihr nach dem Baden das Handtuch reichen. Er will nicht erwachsen werden und hofft, dass er später nahtlos im Anschluss an die Arbeitslosenunterstützung Rente bekommen wird. Arbeiten hält er nämlich für zu anstrengend. Eigentlich interessiert ihn gar nichts, und er ist deshalb noch nie über die Grenzen Reykjaviks hinausgekommen. Bis Mittag schläft er, und wenn er sich nicht einfach zu Hause einen Pornofilm anschaut, treibt er sich in den Kneipen der Stadt herum, trinkt Bier und macht mit seiner Freundin Hofi (Thrudur Vilhjalmsdottir) oder einer anderen Frau herum. Aber zum Schlafen will er allein sein. Überhaupt hält er sich andere Menschen durch plump-sarkastische Bemerkungen und Beleidigungen vom Leib. Als Hofi ihm an Weihnachten ein Geschenk vorbeibringt, nimmt er es und lässt sie dann wortlos vor der Haustür stehen.

Teilnahmslos wie immer vernimmt er die Ankündigung seiner Mutter, ihre spanische Freundin Lola (Victoria Abril) komme über Weihnachten und Neujahr zu Besuch. Anders als Berglind kritisiert die junge, energische Flamenco-Lehrerin Hlynurs Trägheit und Lethargie. Während Berglind den Silvesterabend mit Verwandten auswärts verbringt, ziehen Lola und Hlynur durch die Kneipen von Reykjavik und gehen anschließend miteinander ins Bett. Der Anblick der feurigen Spanierin, die sich auch nichts daraus macht, wenn er sie nackt beim Duschen sieht, erregt selbst Hlynur. In sein Leben scheint doch noch Bewegung zu kommen. Doch seine Mutter offenbart ihm nach ihrer Rückkehr, dass sie inzwischen herausgefunden habe, dass sie lesbisch sei. Ihre Geliebte Lola werde von nun an mit ihr zusammenleben.

Fast zur gleichen Zeit erzählt Hofi Hlynur, dass sie ein Kind von ihm bekommt. Und kurz darauf wird durch eine Ultraschalluntersuchung festgestellt, dass auch Lola mit einem Sohn schwanger ist. Hlynur reagiert bestürzt: Ist er der Vater der beiden ungeborenen Kinder? Und wenn ja, ist das Kind von Lola und seiner Mutter dann sein Sohn oder sein Bruder? Hat Lola ihn als Samenspender missbraucht?

Während Lolas Sohn getauft wird, legt Hlynur sich frustriert auf einer Anhöhe in den Schnee, um zu sterben, aber er erfriert nicht, und schließlich plantscht er vor Lola und Berglind mit dem Kleinen in der Badewanne herum.

Inzwischen hat er auch Arbeit: Er schreibt Parksünder auf. Als er sieht, wie die hochschwangere Hofi von ihrem neuen Freund ins Krankenhaus gebracht wird, schiebt er mit sardonischem Lächeln ein Strafmandat unter den Scheibenwischer.

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Hlynur steht für eine ziel- und orientierungslose Generation: Ungeachtet seiner achtundzwanzig Jahre weigert er sich, erwachsen zu werden. Außer der Ehescheidung seiner Eltern vor acht Jahren hat er noch nichts erlebt, aber auch von der Zukunft erwartet er nichts. Er treibt sich zwar jeden Abend auf Partys herum, trinkt Bier und geht nicht nur mit seiner Freundin ins Bett, aber zum Schlafen will er allein sein, und im Grunde sind ihm andere Menschen so gleichgültig wie er sich selbst. Bevor er sich anstrengen muss, um Sex mit einer Frau zu haben, schaut er lieber zu Hause Pornofilme an. Mit plump-sarkastischen Bemerkungen und Beleidigungen brüskiert er seine Freundin und hält sich sie und die anderen vom Leib.

„101 Reykjavik“ – 101 ist die Postleitzahl des Stadtzentrums von Reykjavik – ist das Regiedebüt des isländischen Schauspielers Baltasar Kormákur. Es handelt sich um eine zynische und rabenschwarze Groteske. Der Kern der skurrilen Geschichte ist zwar verstörend, humorlos und tragisch, aber wegen der vielen schrägen Einfälle merkt man es nicht ständig. Zu den Running Gags gehört Hlynurs Nachbar, ein verrückter Kauz, der die Welt offenbar nur durch sein Fernglas beobachtet.

Die literarische Vorlage, der Roman „101 Reykjavik“, stammt von dem isländischen Schriftsteller Hallgrímur Helgason (Übersetzung: Karl-Ludwig Wetzig, 440 Seiten, Klett-Cotta, ISBN 3-608-93069-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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