Hallgrímur Helgason : Rokland

Rokland

Hallgrímur Helgason

Rokland

Originalausgabe: Rokland Verlag Edda Publishing, Reykjavik 2005 Rokland Übersetzung: Karl-Ludwig Wetzig Klett-Cotta, Stuttgart 2006 ISBN 3-608-93766-8, 479 Seiten, 24.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach zehn fernsehlosen Jahren in Berlin kehrt Böddi als Lehrer in seinen isländischen Heimatort zurück. Zwei Jahre später kündigt ihm der Schulleiter, aber der traurige Antiheld setzt den Kampf gegen den Verlust der Kultur mit einem eigenen Blog fort. Am Ende reitet er nach Reykjavik, um die Revolution gegen Fast Food und Fernsehen auszurufen ...
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Kritik

"Rokland" ist eine sarkastische Gesellschaftsgroteske von Hallgrímur Helgason mit skurrilen Figuren, schrägen Ideen und locker-verqueren Aphorismen. Das liest sich recht unterhaltsam, bleibt aber trivial.
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Böðvar („Böddi“) Halldór Steingrímsson wurde am 7. Januar 1966 in Sauðárkrókur am Skagafjörður im Norden Islands geboren. Nach dem Abschluss in Philosophie ging er nach München, aber als er nach einer durchzechten Nacht auf einem Schild in der U-Bahn „Bitte nicht an die Türen lehnen“ ein k zwischen die Buchstaben r und e in „Türen“ schrieb und deshalb vorübergehend festgenommen wurde, zog er nach Berlin. Dort verbrachte er zehn fernsehlose Jahre.

Sein letztes Jahr und sein gesamtes Geld brachte Böddi zwischen Bar und Brüsten durch, in den angesagtesten Abmachschuppen der deutschen Hauptstadt, zwischen frisch befreiten Schenkeln aus dem Osten. (Seite 19)

Im Sommer 2002 kehrte er nach Krókur zurück und wohnt nun seit zwei Jahren wieder in seinem Elternhaus, das „Rokland“ (Sturmland) heißt. Sein Vater Steingrímur Böðvarsson, ein Seemann, war 1971 im Alter von 38 Jahren auf dem Meer ums Leben gekommen. Seine verwitwete Mutter Halldóra Gísladóttir sitzt seit 1981 – als sie den ersten Farbfernseher bekam – vor der Glotze und verlässt ihren Sessel nur zum Schlafen oder um kurz Frikadellen mit Kartoffeln und brauner Soße für Böddi warm zu machen. Ihr ältester Sohn war drei Wochen nach der Geburt gestorben. Böddi hat jedoch noch eine Schwester – Bergþóra („Skulda“) Steingrímsdóttir –, die mit dem Baggerfahrer Sigþór und ihren beiden Kindern in Varmahlíð lebt, und einen fünf Jahre jüngeren Bruder – Viðar („Viddi“) Halldór Steingrímsson –, der eine Schauspielschule in Reykjavik besuchte, aber seit sechs Jahren nicht mehr auf einer Bühne stand und sein Geld mit Aufnahmen für Werbespots verdient.

Seit seiner Rückkehr arbeitet Böddi als Lehrer an der Fjölbrautaskóli Norðurland Vestra in Krókur. Weil die Schülerin Hrafnhildur bei einem von Böddi geleiteten Klassenausflug am letzten Wochenende über eine Geröllhalde abrutschte und sich ein Bein brach, kündigt der Rektor Albert Einarsson Böddi mit sofortiger Wirkung. Etliche Abmahnungen waren diesem Akt vorausgegangen.

Der nun arbeitslose Böddi versucht seine Frustration in einer abends zum Tanzlokal umfunktionierten Pizzeria zu vergessen. Als er zur Toilette geht, kommt gerade Dagbjört („Dagga“) Albertsdóttir, die siebenunddreißigjährige Tochter des Schulleiters, mit ihrem Freund Árni Valur aus einer der Kabinen.

Am anderen Morgen erwacht Böddi auf einem Sofa bei Dagga und kann sich nicht erinnern, wie er herkam. Da er kein Fahrzeug hat, bietet sie ihm an, ihn nach Hause zu fahren und nimmt ihn in ihrem Auto mit. Böddi, der seit vier Jahren mit Ausnahme von Prostituierten keine Frau mehr gehabt hat, kann es kaum glauben, als sie sich plötzlich küssen. Dabei sind sie ein recht ungleiches Paar: Er eine Bohnenstange, sie eine Walküre. Dagga hält an, klappt den Deckel des Kofferraums als Sichtschutz nach oben, zieht ihren Slip aus, beugt sich nach vorne und stützt sich im Kofferraum ab. Böddi lässt sich nicht zweimal bitten.

Allerdings empfindet er nichts für Dagga, denn er ist in Lára María verliebt, die als Postbotin und parallel dazu in der Buchhandlung Bókabúð Brynjars arbeitet. Ihre inzwischen etwa fünfzig Jahre alte Mutter Jóhanna war 1978 nach Deutschland gereist und mit dem Molkereifachmann Rainer Nachtweih aus Mainz zurückgekommen. Der gewöhnte sich allerdings nie an die isländische Lebensweise, und im Alter von 43 Jahren starb er an Krebs.

Es war in etwa so, als hätte sie sich ein neues Haushaltsgerät mitgebracht und dann feststellen müssen, dass sein Stecker nicht in die hiesigen Steckdosen passte. (Seite 153)

Im Internet unterhält Böddi einen eigenen Blog. Da schreibt er beispielsweise:

„Die Farblosen bemalen sich und ihre Häuser.“ (Seite 7)

„Wir sind mit einem Sicherheitsgurt an diese Scheiß-Gesellschaft gefesselt.“ (Seite 139)

„Die Berühmtheiten unserer Zeit sind Labertaschen, Popsternchen und Filmdiven. Und die denken genau andersherum: Anstatt die Menschen abheben zu lassen, wollen sie sie am Boden halten. Jeden auf seiner Scholle, denn so lässt sich die Gans leichter abknallen! Sie halten den Ball flach. In Augenhöhe der Flachköpfe. Sie verdienen an allgemeiner Verblödung. Sterne leuchten nur im Dunkeln.“ (Seite 141)

„Die Verprollung der Welt hat längst stattgefunden.“ (Seite 254)

Einige Zeit nach ihrer Nummer hinterm Kofferraum merkt Dagga, dass sie schwanger ist, und sie sagt es Böddi. Es geht ihr wie ihrer jüngeren Schwester Fjóla, deren uneheliches Kind allerdings nur einen Tag lang lebte. Ihre Brüder Einar, Gunnar, Sigurður und Jon sind dagegen Musterbürger: zwei Ingenieure, zwei Programmierer. Dagga hatte nach dem Gymnasium eine Ausbildung zur Zahntechnikerin in Aarhus begonnen, war aber nach einem Jahr nach Canberra gegangen und hatte das Outback in einem Walkabout durchquert.

Sie war ein Stück Treibholz in entwurzelter Zeit, jederzeit bereit, ein neues Leben anzufangen und einen neuen Lehrgang. (Seite 125)

Samúel („Sammi“) Ingvarsson vermittelt seinem Freund Böddi für acht Wochen eine Stelle als Gruppenleiter in der „Sommerschule“. Einer der Arbeitseinsätze besteht zufällig darin, den Garten des Hauses zu mähen, in dem Lára María und deren Mutter wohnen. Als Böddi einen Gartenschlauch im Keller anschließt, kommt er am Zimmer seiner Angebeteten vorbei und stellt fest, dass da keine Bücher im Regal stehen, wie er annahm, sondern Videos. Dabei hält Böddi Videorekorder für noch schlimmer als Fernsehgeräte.

Es war der gleiche Unterschied wie zwischen Pillen einwerfen und an der Nadel hängen. (Seite 67)

Ungeachtet seiner Enttäuschung sucht Böddi die junge Frau bald darauf in dem Laden auf, den sich der Buchhändler inzwischen mit dem Redakteur der Online-Zeitung teilt, der auch ein Fotogeschäft betreibt.

Mittlerweile war es so weit, dass man bei Shell Sport zwischen mehr Knabbergebäcksorten wählen konnte als zwischen Romanen in der Buchhandlung. (Seite 271)

Böddis Liebeserklärung wird jedoch von Lára María unmissverständlich zurückgewiesen.

An dem Tag, an dem Dagga mit einem Jungen niederkommt, erliegt Böddis Mutter im Alter von 54 Jahren einem Herzinfarkt.

Mama war gestorben wie der Papst. Sie war schon lange tot, ehe sie starb. Die westliche Zivilisation hatte sie kaputt gemacht. (Seite 256)

Weil Viddi und Skulda darauf bestehen, das Elternhaus zu verkaufen, muss Böddi ausziehen. þorkell H. Jónsson („Keli“), der Wirt des heruntergekommenen Hotels „Villa Nova“, nimmt ihn auf.

Als Dagga zu einer medizinischen Untersuchung ins Krankenhaus nach Reykjavik muss, während ihre Eltern noch eine Woche verreist sind, bittet sie Böddi, auf den kleinen Albert Sturla Böðvarson aufzupassen. Am Ende der Woche hat Böddi sich so an seinen Sohn gewöhnt, dass es ihm schwer fällt, ihn den Großeltern Albert Einarsson und Aðalbjörg Sigurðardóttir zu übergeben.

Unvermittelt wird von Böddi eine Blutprobe verlangt, und aufgrund eines Gutachtens von Professor Guttormur Gíslason wird ihm am 27. Juli 2005 mitgeteilt, dass er nicht der Vater von Albert Sturla Böðvarson ist. Dagga, der inzwischen die Gebärmutter entfernt wurde, beteuert am Telefon, dass sie keinen Vaterschaftstest in Auftrag gegeben habe. Tatsächlich wurde er von Sjöfn Ingólfsdóttir initiiert, der Mutter von Árni Valur, der seit einer Schlägerei im Rollstuhl sitzt. Da fällt es Böddi wie Schuppen von den Augen. Jetzt weiß er auch, nach wem Dagga ihren Sohn nannte: nach ihrem Vater und Sturla Stefánsson, der bei einem selbst verschuldeten Autounfall ums Leben kam. Offenbar trieb Dagga es mit Sturla und Árni, und das Kind ist vermutlich von ihrem Freund, doch weil sie sich nicht mit einem Mann im Rollstuhl abgeben wollte, wählte sie Böddi als Ersatzvater.

Nachdem Keli vor seinen Gläubigern geflohen ist, bleibt Böddi allein im Hotel „Villa Nova“ zurück. Einige Zeit später meldet Keli sich telefonisch und kündigt Böddi an, der Banker Hannes Finnsson werde ein ausgeliehenes Pferd zurückbringen. Böddi soll es in den Stall bringen.

In den Stallungen trifft Böddi niemanden an. Aber in der Nähe hat Jói Hallgríms sich mit seinem Wagen festgefahren. Statt ihm zu helfen, zieht Böddi Kelis Pistole, die er bei sich hat, aus dem Anorak und schießt den Motor des Autos kaputt. Dann reitet er mit unbestimmtem Ziel davon.

Unterwegs gelangt er zu einer Raststätte mit einem „Grillimperium“ und einem Supermarkt.

Böddi war nahezu erschlagen von diesem Konsumtempel, der auch noch die niedrigsten Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen schien […]
Nichts, aber auch gar nichts zeugte hier davon, dass die ganze Gegend erfüllt war von Geschichten, Sagas, Liedern und Gesängen, von Stegreifdichtkunst und Reiterkünsten, einer spezifisch isländischen Kultur. Hier waren all diese Besonderheiten weggeputzt worden zugunsten einer „Atmosphäre“ oder einer „Anmutung“, die aus den seelenlosen Malls der USA übernommen worden waren. Hier regierte bloß die Unkultur, Trash, Müll, Schrott allerorten […]
Hier hatten Kommunismus und Kapitalismus ihre größten Mängel zusammengelegt […]
Böddi stand unter Kulturschock. Er war tief bestürzt. Er sah, dass das Volk, dem er sich zugerechnet hatte, in einem völlig anderen Land lebte als er […] Er sah Menschen, die jegliche Würde verloren hatten. Er sah Leute, die sich nicht länger zu kleiden verstanden, die bloß einen Reißverschluss hochzogen und losstapften […] Er sah absolut kulturloss Pack. Vergammelnden Wohlstandspöbel. (Seite 381ff)

Um seine Landsleute „vor geistiger Verarmung und leiblicher Überfütterung“ zu retten (Seite 385) beschließt Böddi, nach Reykjavik zu reiten und eine Kulturrevolution auszurufen.

In den Nachrichten werden von einem Reiter verursachte Verkehrsstaus gemeldet. Unerwartet taucht Viðar mit seinem Auto neben Böddi auf. Er hat eine Kamera dabei, will einen Film über seinen nach Reykjavik reitenden Bruder drehen und hat einem Fernsehsender bereits versprochen, rechtzeitig mit ihm zu einer Live-Übertragung im Boulevardmagazin „Island heute“ zu kommen. Zunächst soll Böddi zurückkehren und noch einmal von Krókur losreiten, damit Viddi alles von Anfang an filmen kann, aber darauf lässt der Revolutionär sich nicht ein.

Als Böddi erfährt, dass Dagga gestorben ist und begreift, dass der Frauenheld Viddi auch etwas mit Lára María hatte, dreht er durch, beißt seinem Bruder fast die Nase ab und erschießt ihn dann. Nachdem er auf einem verlassenen Bauernhof übernachtet hat, stellt er fest, dass sein Pferd verschwunden ist. Viddis Autoschlüssel steckt zwar, aber die Batterie ist leer, weil das Radio die ganze Nacht hindurch lief. Böddi nimmt das Handy seines Bruders an sich. Die Leiche lässt er einfach liegen.

Zufällig kommt Helga Sjöfn mit dem Wagen vorbei und liest Böddi von der Straße auf. Sie lebt mit zwei von zwei verschiedenen Schweden gezeugten Kindern am Rand von Krókur und ist unterwegs nach Reykjavik.

Durch einen Anruf auf Viddis Handy erfährt Böddi, dass er und sein Bruder am Abend in der Sendung „Island heute“ erwartet werden. Also lässt er sich zum Studio bringen. In einer Live-Sendung von dem Moderatoren-Paar Ragnhildur Bergmann und þóroddur Karlsson nach seinen Absichten befragt, antwortet Böddi:

„Ich möchte sehen, wie die Leute ihren Arsch hochbringen, ihre Fernsehapparate zum Fenster rausschmeißen und endlich etwas Sinnvolles tun […] Alles in dieser Gesellschaft dreht sich um Geld, um Materielles. Keiner kümmert sich um den Geist. Alle wollen reich werden, zu Geld kommen, ins Fernsehen kommen, an Drogen und Rauschgift kommen … “ (Seite 467)

Nach wenigen Minuten beenden Ragnhildur und þóroddur das Gespräch und kündigen einen Werbeblock an. Da zieht Böddi die Pistole und schreit: „Bleibt auf Sendung! Keine Scheiß-Reklame!“ (Seite 470) Während er aus dem Stegreif eine Rede hält, greift ihn ein Techniker von hinten an, aber Böddi hält den jungen Mann mit der Waffe in Schach. Ragnhildur versucht, sich unter dem Glastisch in Sicherheit zu bringen; Böddi jagt ihr eine Kugel in den Arm, und als sich Gísli Geir Pálsson von der Polizei über Lautsprecher meldet, zerschießt Böddi die Membran. Kurz darauf wird aus dem Dunkeln auf Böddi geschossen. Der erste Schuss durchschlägt seine Hand, der zweite tötet ihn.

Die Zuschauer haben davon nichts mitbekommen, denn es wurde rechtzeitig Werbung eingeblendet.

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Böddi ist ein trauriger Antiheld, der allerdings nicht wie Don Quijote gegen Windmühlen, sondern im Internet gegen die Verblödung seiner Landsleute durch das Fernsehen kämpft, am Ende nach Reykjavik reitet, um zur Kulturrevolution aufzurufen. „Rokland“ ist eine sarkastische Gesellschaftsgroteske von Hallgrímur Helgason mit skurrilen Figuren, schrägen Ideen und locker-verqueren Aphorismen.

Diese Verwahrlosung, die das Unbeweibtsein beim Mann auslöst, ist schon bemerkenswert. Aber womöglich war sie von der Natur so eingerichtet. Nach und nach sammelt der Mann in seiner Behausung so viel Müll, dass er nicht mehr ein noch aus kann und hinaus muss, um sich endlich eine Frau zu besorgen. (Seite 60)

Das liest sich recht unterhaltsam, bleibt aber trivial, denn es fehlt an bemerkenswerten Beobachtungen, wirkt eher grobklotzig, und beim Einfallsreichtum fehlt noch ein Funke Esprit.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Hallgrímur Helgason: 101 Reykjavik (Verfilmung)

Dinaw Mengestu - Unsere Namen
Wichtiger als die Charaktere in "Unsere Namen" sind Dinaw Mengestu die Beziehungen zwischen den Figuren. Er schreibt abwech­selnd aus der Sicht des entwurzelten Afrikaners und der Amerikanerin, alles ohne Effekthascherei, ruhig, sachlich und unprätenziös.
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