Wolfgang Herrndorf : Bilder deiner großen Liebe

Bilder deiner großen Liebe
Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman Hg.: Marcus Gärtner, Kathrin Passig Originalausgabe: Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2014 ISBN: 978-3-87134-791-7, 142 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 14-jährige Isa nutzt eine Gelegenheit, um aus einer psychiatrischen Klinik zu fliehen. Barfuß macht sie sich auf den Weg und vagabundiert durch Deutschland. Mitunter wird sie als Anhalterin mitgenommen; sie bettelt, schlägt aber auch schon mal ein Schaufenster ein, um Getränke und Schokoriegel zu rauben. Isa begegnet unterschiedlichen Menschen, darunter auch den beiden Jungen, die wir aus "Tschick" kennen ...
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Kritik

Dass der posthum veröffentlichte Roman "Bilder deiner großen Liebe" von Wolfgang Herrndorf unvollendet blieb, stört nicht, denn Brüche, Sprünge und Lücken passen zu der ohnehin unzuverlässigen Ich-Erzählerin.
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Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.
Weil das viele Leute denken, dass die superkomplett bescheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rumlaufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer.
Es macht einem nur wahnsinnig Angst, wenn man merkt, dass man gerade auf den Gehweg kackt und weiß, dass das nicht üblich ist und dass so was nur Leute machen, die verrückt sind, und diese Angst macht, dass es einem auch wieder ganz gleichgültig ist, was die anderen denken, ob die jetzt gucken oder nicht, weil man in dem Moment wirklich andere Probleme hat.

Die 14-jährige Isabel („Isa“) befindet sich hinter den hohen Ziegelsteinmauern einer psychiatrischen Klinik, als sie das im Jahr 2010 denkt. Kurz darauf wird das Eisentor für einen Lastwagen geöffnet, und sie schlüpft unbemerkt hinaus. Weil sie keine Schuhe trägt, zieht sie auf der Straße auch die Socken aus und läuft barfuß. Ein bestimmtes Ziel scheint sie nicht zu haben. Ein Stück weit wird sie als Anhalterin mitgenommen. Während der Fahrt nickt sie ein, und als sie aufwacht, spürt sie eine Hand zwischen ihren Beinen. Da steigt sie aus und geht zu Fuß weiter.

Im Dunkeln kommt sie in ein Dorf mit zwei kleinen Läden. Sie wirft ein Schaufenster ein, und obwohl sie aufpasst, zerschneidet sie sich an den im Rahmen hängenden Glaszacken die Fußsohlen. Trotz der Schmerzen rafft sie Getränke und Schokoriegel aus den Regalen. Bevor sie sich in einem Kornfeld zum Schlafen hinlegt, stillt sie Hunger und Durst.

Beim Aufwachen im Morgengrauen bemerkt sie Blut zwischen ihren Beinen. Seit einem Jahr menstruiert sie.

Ich wollte ein Junge sein, solange ich denken kann. […] Als Mädchen ist man wie behindert, man hat auf einmal einen Körper. Und das weiß ja keiner, die Jungs. Die wissen überhaupt nicht, was das bedeutet, einen Körper zu haben.

Bevor sie mit einem Jungen schlief, machte sie sich das Jungfernhäutchen mit einer Nagelschere weg. Dann fing sie mit Ladendiebstählen an. Die geklauten Sachen warf sie alle weg, denn sie konnte nichts davon gebrauchen. Ein paar Mal wurde sie ertappt, aber es gelang ihr stets, wegzulaufen. Im Alter von 13 Jahren hörte sie dann ebenso unvermittelt mit dem Stehlen auf, wie sie damit angefangen hatte.

Nach der Durchquerung eines Waldes entdeckt Isa an diesem Morgen einen ausgedehnten englischen Rasen. Wo ein englischer Rasen ist, muss es Wasser geben. Im nächsten Augenblick beginnt ein Rasensprenger mit seiner kreisförmigen Bewegung. Isa lässt die Hose hinunter, hockt sich über den Wasserstrahl und wäscht sich. Scheinwerfer einer Flutlichtanlage werden eingeschaltet. Eine Fußballmannschaft läuft auf das Feld, um zu üben. Isa springt auf, stolpert. Dabei wird ihr Tagebuch in der Gesäßtasche nass. Die Männer starren sie an. Sie flieht. Aus dem Mülleimer des Vereinsheims fischt sie noch ein Schinkenbrot und ein Stück Kuchen, aber der Kuchen ist nicht mehr essbar.

Als Isa ein abgelegenes Haus zwischen sechs hohen Buchen sieht, malt sie sich aus, wie das in einem Roman wäre. Dann würde ihr das Haus gehören. Ihr Urgroßvater hätte es vor 100 Jahren gebaut und auch die Buchen gepflanzt. Das Gut heißt deshalb Hohenbuchen. Isa würde in der Küche Zwiebeln schneiden und hoffen, dass ihr Ehemann Daniel und dessen bester Freund Erich heil aus dem Afghanistan-Krieg heimkehren.

An einem Kanal trabt sie ein Stück neben einem Lastkahn her, der einen Container schiebt. Sie ruft hinüber, dass sie mitfahren wolle, aber der Schiffer winkt immer wieder ab. Schließlich nimmt sie Anlauf und springt drei Meter weit und zwei Meter tief auf den Bug. Beim Anblick ihrer blutigen Füße befürchtet der Schiffer zunächst, sie habe sich beim Sprung verletzt, aber sie versichert ihm, dass die Schnitte schon älter seien. Er verbindet sie zwar, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er sie bei der nächsten Schleuse absetzen werde. Während sie Chili essen und Isa sich wundert, dass er nicht im Führerhaus zu sein braucht, vertraut er ihr an, dass seine Frau normalerweise mit auf dem Schiff sei, jedoch an diesem Morgen ins Krankenhaus gemusst habe. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als dennoch weiterzufahren, denn in vier Tagen wird die Fracht in Rotterdam erwartet.

Der Mann erzählt Isa von einem Banküberfall vor 20 Jahren in Berlin-Charlottenburg. Auf der Flucht vor der überraschend schnell eingetroffenen Polizei stahlen die beiden Bankräuber ein Boot, doch weil sie zu viel Gas gaben, versenkten sie es, und einer der beiden Männer ertrank. Der andere, Max Hiller, entkam mit einem Durchschuss am Arm. Schließlich heiratete er. Nachts schreckte er mit Albträumen auf. Einmal weckte er seine Frau Daniela, um mit ihr darüber zu reden, aber sie schlief gleich wieder ein und erinnerte sich am nächsten Morgen nicht mehr daran. Daraufhin behielt er das Geheimnis für sich. Tag für Tag ging er zur Arbeit – bis die Firma abgewickelt wurde. Von ihren Ersparnissen kauften er und seine Frau das Schiff und tauften es auf den Namen „Daniela“. – Im Nachhinein verrät er Isa, dass die Beute vom Bankraub damals mit dem Boot untergegangen sei.

Kurz vor der Schleuse sagt Max Hiller, er werde mit Isa noch einen Absacker im Bootshaus trinken und sie dann zur Schifffahrtspolizei bringen. Ihre Eltern würden sich bestimmt schon Sorgen machen.

Um nicht aufgegriffen zu werden, rennt Isa davon, sobald sie angelegt haben. In der Nähe, noch immer neben dem Kanal, stolpert sie über eine leere Computertasche, an der ein Zettel klebt:

Rufen Sie die Polizei! Ich habe mich umgebracht. Verständigen Sie bitte – und dann zwei Namen mit zwei Telefonnummern.

Isa hat kein Telefon. Sie geht weiter.

Ein Junge läuft neben ihr her. Sie redet mit ihm, bekommt jedoch keine Antwort, und erst nach einigen Kilometern bemerkt sie den Ausweis, den er an einem Band um den Hals trägt. „Ich bin taubstumm“, steht da. Dass er weder hören noch sprechen könne, sei kein Problem für ihn. Außerdem heißt es auf dem Ausweis, sein Name sei Olaf, er heiße jedoch lieber Heinrich.

„Na schön, dann nenne ich dich Heinrich“, sage ich. „Heinrich der Glückliche.“
„Das macht mich froh“, antwortet er, „ich bin Ihnen sehr dankbar, junge Frau. Sie sehen übrigens sexuell sehr attraktiv aus. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon mal jemand gesagt hat, und ich sage es auch ohne Hintergedanken, wir haben ja einen sehr großen Altersunterschied.“

Der Stumme und Gehörlose möchte bei ihr bleiben und beteuert, treu zu sein. Das Stichwort Treue veranlasst Isa, dem Jungen von dem Schäferhund Rudi zu erzählen, den eine Familie aus Dortmund nach dem Urlaub in Spanien auf einem Rastplatz aussetzte.

„Also der Hund“, sage ich. „Das kann ich dir sagen, was dann passiert ist. Mit dem Hund. Der wusste natürlich nicht, was er machen sollte. Er konnte ja keinen fragen. Und deshalb war er erst mal sehr traurig. Das ist ganz natürlich.“

Der Hund lief schließlich 3000 Kilometer weit nach Dortmund. Dabei wurden seine Beine immer kürzer, und als ihn der Besitzer dann auf der Terrasse liegen sah, hatte Rudi nur noch vier Stummel. Gerührt trug ihn der Mann ins Haus und legte ihn aufs Sofa. Außer Bekannten und Verwandten kamen auch Reporter, um den ebenso treuen wie tapferen Schäferhund zu sehen, und Rudi wurde berühmt.

Als Isa wieder allein ist, kommt ihr ein Mann mit einem belegten Baguette entgegen, und sie bettelt ihn um einen Bissen an. Er schenkt ihr das Sandwich und fragt, woher sie komme.

„Traffamaha“, sage ich mit vollem Mund. „Trastámara.“
„Kenn ich nicht. Ist das da? Oder wo ist das?“
Ich muss weiterschlucken.
„Ist das eine Stadt?“
„Das ist ein Planet.“
„Verstehe. Und jetzt zu Besuch auf der Erde?“

Während sie in einem kleinen Park sitzt, beobachtet sie einen Penner, der mit einer Flasche Wodka aus einem nahen Billigmarkt kommt. Er schraubt sie auf, wirft den Verschluss weg und geht trinkend zu einer Bank, auf der bereits eine Obdachlose sitzt. Die beiden streiten und schlagen sich. Die Frau schreit um Hilfe, aber die anderen Leute im Park tun so, als würden sie davon nichts mitbekommen. Dann geht ein Mann hin und führt die verwahrloste Frau zu einem Wasserspender, damit sie sich das Blut aus dem Gesicht waschen kann. Währenddessen schimpft der Penner weiter.

Der Mann, der immer weiter von Scheiße faselt, sieht sich in der Runde um. Sofort blicken alle wieder in ihre Zeitungen. Nur ich habe ihn einen Moment zu lang angesehen, und er kommt sofort zu mir, lässt sich neben mich auf die Bank fallen und atmet Alkohol- und Verwesungsgeruch in meine Richtung.
„Soll er sie doch knallen, die Alte! Die Scheiße hat nämlich Aids und alles. Fotze.“ Er wiederholt den Satz mit dem Knallen, der Fotze und den Krankheiten noch etwa fünfzehn Mal.

Später fragt Isa einen älteren Bauarbeiter, der gerade Pause macht, ob er ihr einen Schluck aus seiner Flasche Wasser überlasse. Sie erinnere ihn an seine erste Liebe, sagt er. Damals war er zwölf Jahre alt. Das Mädchen besuchte in den Sommerferien einen Bauern in der Nachbarschaft. Den Namen der Angebeteten weiß er nicht mehr, nur noch den des Bauern, der hieß Kirst.

Einem Mann, den sie beim Rasenmähen in seinem Garten sieht, bietet sie an, ihn gegen Bezahlung abzulösen.

„Wo kommst du denn her?“
„Von da.“
„Und wo willst du hin?“
„Da.“

Als sie mit dem Mähen fertig ist, möchte sie 50 Euro. Stattdessen gibt er ihr 10 Euro. Er habe Theologie studiert, erzählt er, sei jedoch Jurist und Schriftsteller geworden. Isa fragt, ob er ein „Gedichtschriftsteller“ sei. Weil es inzwischen zu regnen anfing und Isa nass wurde, holt er sie ins Haus, zeigt ihr das Kinderzimmer im Obergeschoss und lädt sie ein, sich trockene Sachen seiner Tochter auszusuchen, während er wieder hinunter geht. Isa schleicht sich in ein benachbartes Zimmer, in dem eine abgemagerte Frau liegt, deren Schädel nur vom Flaum nachwachsender Haare bedeckt ist.

Sie sieht aus wie aus sehr großer Höhe auf das Bett gefallen.

Die Frau fragt: „Bist du das, Angela?“ Schließlich kehrt Isa in das Kinderzimmer zurück, klettert aus dem Dachfenster, rutscht über die nassen Ziegel, kann sich gerade noch an die Dachrinne klammern und lässt sich dann auf den frisch gemähten Rasen fallen.

Ihr Weg führt auf einen Hang hinauf. Um den Hunger zu stillen, versucht sie Blätter zu essen, aber das hilft nicht. Deshalb bettelt sie Wanderer um Essen an. Die Touristen blicken argwöhnisch auf ihre nackten Füße. Isa behauptet, sie wohne im Tal und habe vor der Tour vergessen zu frühstücken.

Weiter oben im Wald wäre sie beinahe über den Kadaver eines Rehbocks gestolpert. Eine Wolke Fliegen rauscht vor ihr hoch. Quer über dem toten Tier liegt ein Mann in grüner Kleidung. Isa sucht einen Ast, den sie als Hebel einsetzen kann, um den Mann umzudrehen.

Der Oberkörper des Mannes ist schwarz von Blut. Es ist nicht sein eigenes. Im Reh ist ein Einschussloch, im Mann nicht. Vielleicht hat ihn der Schlag getroffen.

In seiner Brieftasche findet sie Ausweise auf den Namen Wilhelm Otto, 1931 in Riesenburg geboren. Die knapp 50 Euro nimmt sie ebenso mit wie die Pistole, die sie bei dem Toten findet. Die Jagdflinte lässt sie liegen.

Es hagelt. Am Ende einer Sack- und Einbahnstraße entdeckt Isa eine Leuchtreklame „HO EL“. Das T flackert nur hin und wieder auf. Sie öffnet die Eingangstüre, deren Glas gesprungen ist und überquert einen verrotteten Läufer. Um ein Zimmer zu bekommen, muss sie 20 Euro im Voraus bezahlen.

Am nächsten Tag nimmt der Fahrer eines 18 Meter langen Zwölftonners Isa mit. Während der Fahrt hebt er einen im Fußraum stehenden Fünf-Liter-Kanister hoch, füllt Wasser in einen Topf und macht mit einem auf der Mittelkonsole stehenden Gaskocher Kaffee. Dazu raucht er Kette. Er fragt, ob sie mal probieren wolle, einen 18 Meter langen Lastwagen mit einer Hand zu lenken, so wie er das tut. Sie bräuchte sich nur auf seinen Schoß zu setzen. Isa lehnt das Angebot ab. Er sei ein Gemütsmensch, behauptet er, und werde deshalb von den anderen nur Teddybär genannt, weder Jochen noch Hackel. Schließlich hält er an – um zu pinkeln, sagt er. Sich nach allen Seiten umsehend, geht er ein Stück weit von Fahrzeug weg und öffnet seine Hose. Isa steigt ebenfalls aus und bemerkt erst jetzt, dass es sich bei der Ladung um halb verdurstete Schweine handelt. Während sie den Wasserkanister und den Kaffeebecher aus der Fahrerkabine holt, stöhnt er:

„Du siehst so geil aus […], du siehst einfach nur geil aus, oh mein Gott, siehst du geil aus, einfach geil, wie geil –“
„Soll ich auch was machen?“
Er erstarrt eine Sekunde. „Ja, die Klappe halten!“

Nachdem Isa den Schweinen Wasser gegeben hat, geht sie zu Fuß weiter. Der Lastwagen überholt sie, und am Heck liest sie die Aufschrift: „Aufgepasst, Damen! Meiner ist achtzehn Meter lang.“

Auf einem Müllplatz findet sie eine Schatulle mit dem Signum „Leo & Leo. Feinste Schatullen. Import-Export“. Sie legt ihr Tagebuch und die Pistole hinein und nimmt sie mit.

Eine Tankstelle kommt ihr wegen der nächtlichen Beleuchtung wie ein gelandetes Raumschiff vor. Sie versteckt sich zunächst hinter einer Tonne und beobachtet zwei junge Kerle, die mit einem Schlauch Benzin aus einem geparkten Auto abzapfen wollen, es aber nicht schaffen. Isa zeigt ihnen, wie es geht. Und dann lässt sie sich nicht mehr abschütteln, sondern bringt die beiden dazu, sie im Auto mitzunehmen.

In den Bergen geht Isa auf einer Balustrade nach vorne, bis ihre Zehen einen Zentimeter weit über die Abrisskante ragen.

Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt … Ich bin dieselbe. Ich bin das Kind.

Sie nimmt die Pistole, schaut in den Abgrund und schießt senkrecht nach oben in die Luft. Die Kugel steigt, wird fast unsichtbar im blauen Himmel, materialisiert sich dann wieder und fällt millimetergenau in den Lauf zurück.

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Die Szene, in der Isa (Schmidt) zwei Jungen (Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow alias Tschick) nachts auf einer Raststätte zeigt, wie man mit einem Schlauch Benzin aus einem geparkten Auto abzapft, kennen wir bereits aus dem Roman „Tschick“. Tatsächlich spielte Wolfgang Herrndorf mit dem Gedanken, aus Isas Perspektive ein Pre- oder Sequel zu schreiben.

„Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht.“
(Wolfgang Herrndorf, 19. Juni 2011, zitiert im Nachwort von Marcus Gärtner und Kathrin Passig)

Er arbeitete dann an einer Road Novel über die 2010 durch Deutschland vagabundierende Isa.

Mit etwas Rumprobieren einen Ton gefunden, schreibt sich wie von selbst. Und praktisch kein Aufbau. Man kann Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören. (Wolfgang Herrndorf, 31. März 2012, zit. a.a.O.)

Im Februar 2010 war bei Wolfgang Herrndorf ein Glioblastom diagnostiziert worden. Am 1. Juli 2013, kurz nach dem 48. Geburtstag und unmittelbar vor der dritten Hirnoperation, ordnete er in seinem Testament an:

Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente aufbewahren. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.
(zit.: a.a.O.)

Nach dem Eingriff gab es keine Hoffnung mehr auf Heilung. Mit dem nahen Tod vor Augen, versuchte Wolfgang Herrndorf noch, an dem Manuskript „Bilder deiner großen Liebe“ zu arbeiten, aber er war dazu nicht mehr fähig. Von seiner Frau Carola Wimmer ließ er sich Passagen vorlesen, und er äußerte den Wunsch, dass jemand anderes den Roman fertigstellen solle. Aber niemand war dazu bereit, Herrndorfs Text durch Ergänzungen zu verwässern.

Die Reaktion aller Befragten war einhellig: Eine Rolle als Koautor konnte und wollte sich niemand vorstellen. Alle vermittelnden Vorschläge – das Vorwort eines zweiten Erzählers, eine den Zustand des Textes erklärende Herausgeberfiktion, ein Nachwort – lehnte Herrndorf aber ab.
(Marcus Gärtner und Kathrin Passig, a.a.O.)

Im Widerspruch zu seiner Anordnung vom 1. Juli strebte Wolfgang Herrndorf ausdrücklich eine Veröffentlichung des Romans „Bilder deiner großen Liebe“ an. Am 19. August sprach er noch einmal mit seiner Frau Carola Wimmer, Marcus Gärtner und Katrin Passig darüber. Eine Woche später, am 26. August 2013, erschoss sich der Todkranke am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin.

Marcus Gärtner und Katrin Passig übernahmen es, aus den von Wolfgang Herrndorf hinterlassenen Texten und unter Berücksichtigung seiner Anmerkungen ein Romanfragment zusammenzustellen. Ihre Arbeit bestand darin, unter verschiedenen Varianten von Szenen zu wählen, zwei nur dem Sinn nach notierte Passagen auszuführen, die Reihenfolge der Szenen festzulegen, Kapitel zusammenzuführen, zwei LKW-Fahrer-Figuren zu einer zu verschmelzen und einige wenige Überleitungen einzuschieben. Im September 2014 brachte der Rowohlt Berlin Verlag das Buch „Bilder deiner großen Liebe“ mit dem Untertitel „Ein unvollendeter Roman“ heraus.

Dass „Bilder deiner großen Liebe“ veröffentlicht werden konnte, ist ein Glücksfall für Leserinnen und Leser. Das Fragmentarische passt durchaus zu diesem aus kurzen Kapiteln und Binnengeschichten zusammengefügten Episodenroman mit märchenhaften Zügen. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonistin Isa in der Ich-Form, und weil es sich bei der 14-Jährigen Ausreißerin bzw. Außenseiterin ohnehin um eine unzuverlässige Erzählerin handelt, stören Ungereimtheiten ebenso wenig wie Sprünge, Lücken und lediglich punktuell erwähnte Figuren oder Gegenstände (Isas Halbschwester; ein Zettel in Isas rechter Hosentasche mit einer Prager Adresse). Wir erfahren auch nicht, warum Isa zu Beginn in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt ist. (Es ist nicht einmal sicher, dass es sich um eine Klinik handelt; es könnte auch ein Heim sein.) Die tragikomische Handlung spielt 2010, aber das Mädchen wirkt wie aus der Zeit gefallen und nennt Karl Philipp Moritz (1756 – 1793) als Lieblingsautor.

Übrigens spielt Wolfgang Herrndorf mit der Aufschrift einer von Isa auf einem Müllplatz gefundenen Schatulle („Leo & Leo. Feinste Schatullen. Import-Export“) vermutlich auf seinen sieben Jahre jüngeren Kollegen Per Leo an („Flut und Boden“, 2014).

Den Roman „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Natalia Belitski (Regie: Vera Teichmann, ISBN 978-3-8398-1355-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Rowohlt Berlin Verlag

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