Barry Lyndon

Barry Lyndon

Barry Lyndon

Originaltitel: Barry Lyndon - Regie: Stanley Kubrick - Drehbuch: Stanley Kubrick, nach dem Roman "Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon" von William Makepeace Thackeray - Kamera: John Alcott - Schnitt: Tony Lawson - Musik: Leonard Rosenman - Darsteller: Ryan O'Neal, Marisa Berenson, Patrick Magee, Hardy Krüger, Steven Berkoff, Gay Hamilton, Marie Kean, Diana Koerner, Murray Melvin, Frank Middlemass, Andre Morell, Godfrey Quigley, Leonard Rossiter, Philip Stone, Leon Vitali u.a. - 1975; 180 Minuten

Inhaltsangabe

Nach einem Duell im Jahr 1740 glaubt der Ire Redmond Barry, seinen Nebenbuhler getötet zu haben. Er flieht vor der Polizei, wird ausgeraubt und lässt sich für die englische Armee anwerben. Als er nach einer Odyssee auf dem Kontinent 1773 die wohlhabende Witwe Lady Lyndon heiratet, scheint seinem Aufstieg in die englische Aristokratie nichts mehr im Weg zu stehen ...
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Kritik

Mit der aufwändigen Verfilmung eines Schelmenromans von William Makepeace Thackeray bringt Stanley Kubrick seine skeptische Haltung gegenüber dem Fortschrittsglauben zum Ausdruck. Die Szenen der ungewohnt langsam ablaufenden Handlung wirken wie Gemälde von Thomas Gainsborough.
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Irland 1740. Seit Redmond Barrys (Ryan O’Neal) Vater bei einem Duell ums Leben kam, schlagen er und seine Mutter (Marie Kean) sich mühsam durchs Leben, obwohl seine Vorfahren zur Aristokratie gehörten. Als er von seiner Cousine Nora (Gay Hamilton) verführt wird, die dem aus einer reichen Familie stammenden englischen Captain John Quin (Leonard Rossites) versprochen ist, kommt es zum Pistolenduell zwischen den beiden Männern. Weil Barry glaubt, seinen Gegner getötet zu haben, verlässt er seine Mutter, die ihm ihre Ersparnisse mitgibt, und flieht vor der Polizei.

Unterwegs wird er von Captain Finney und dessen Sohn ausgeraubt. Danach lässt er sich von der Armee des englischen Königs anwerben und verpflichtet sich für sechs Jahre. Nach einiger Zeit trifft er Captain Grogan (Godfrey Quigley), der bei dem Duell sekundierte. Von ihm erfährt Redmond Barry, dass Quin lebt und inzwischen mit Nora verheiratet ist. Deren Familienangehörige, die auf das Geld des Captains aus waren, hatten die Munition präpariert und Quins Tod vorgetäuscht, um Barry zu vertreiben. Sonst hätte der feige Kerl es nie gewagt, Nora zu heiraten.

Nach der ersten blutigen Schlacht beabsichtigt Redmond Barry, so schnell wie möglich zu desertieren. Als er zwei homosexuelle englische Offiziere belauscht, die in einem See baden, sieht er eine Gelegenheit: Er raubt das Pferd und die Uniform eines der beiden, der als Kurier nach Bremen reiten sollte. Barry, der sich nun als englischer Offizier ausgibt, will sich ins neutrale Holland absetzen.

In Deutschland begegnet er einer jungen Bäuerin (Diana Koerner), die mit ihrem einjährigen Sohn Peter seit dem Frühjahr allein ist, weil ihr Mann in den Krieg ziehen musste. Sie überredet Barry, einige Tage zu bleiben und teilt ihr Bett mit ihm.

Einige Zeit später wird Barry von einem preußischen Trupp angehalten. Er trägt die Uniform der mit den Preußen verbündeten Engländer und weist sich mit den Papieren des bestohlenen englischen Offiziers aus. Aber Hauptmann Potzhof (Hardy Krüger) durchschaut nach einigen Fangfragen die Lüge und zwingt den ertappten Iren, als Corporal in die preußische Armee einzutreten.

Während einer Schlacht rettet Barry dem Hauptmann das Leben und wird dafür von Oberst von Bülow ausgezeichnet.

Nach der Beendigung des Siebenjährigen Kriegs zieht das Regiment nach Berlin. Dort stellt Hauptmann Potzhof seinen Retter dem Polizeiminister vor. Barry erhält den Auftrag, sich als ungarischer Diener bei dem irischen Chevalier de Balibari (Patrick Magee) einzuschleichen, den die Preußen für einen Spion Maria Theresias halten. Durch den Klang der Muttersprache wird Barry jedoch von Rührung übermannt und offenbart sich dem Chevalier. Fortan berichtet er dem Polizeiminister, was er vorher mit de Balibari abgesprochen hat. Statt ihn zu bespitzeln, hilft er ihm, beim Kartenspiel zu gewinnen, indem er während der Partie die Gäste bedient, in ihre Karten schaut und dem Chevalier geheime Zeichen gibt.

Als ein preußischer Prinz, der sich beim Kartenspiel betrogen fühlt, Chevalier de Balibari zum Duell fordert, beschließt der Polizeiminister, den irischen Aristokraten auszuweisen. Der geht noch in der Nacht heimlich über die Grenze nach Sachsen. Am anderen Morgen holen zwei preußische Offiziere den als Chevalier verkleideten Diener mit einer Kutsche ab und bringen ihn ebenfalls zur Grenze.

Die beiden Falschspieler ziehen jahrelang durch Europa. Redmond Barry, der längst nicht mehr an die Liebe glaubt, sucht nach einer reichen Braut. Im belgischen Kurort Spa entdeckt er 1772 Lady Lyndon (Marisa Berenson). Da sie mit einem steinreichen Greis verheiratet ist, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, fällt es Barry nicht schwer, sie zu verführen. Sir Charles Lyndon (Frank Middlemass) lässt sich nicht lange täuschen. Eines Abends schreit er, er wolle lieber für einen Hahnrei als für einen Dummkopf gehalten werden. Doch aufgrund der Aufregung bricht er zusammen und stirbt.

Am 15. Juni 1773 heiratet Redmond Barry die reiche Witwe, zieht zu ihr ins englische Schloss und nimmt den Namen Redmond Barry Lyndon an. Es dauert nicht lang, bis Lady Lyndon merkt, dass er es nur auf ihr Vermögen abgesehen hat und sich ungeniert mit Zofen und anderen jungen Frauen amüsiert. Das ändert sich auch nicht, als sie nach einem Jahr einen Sohn zur Welt bringt: Brian Patrick Lyndon. Während Lady Lyndon sich in ihr Schicksal fügt, verhehlt ihr älterer Sohn Lord Bullingdon (Leon Vitali) nicht seinen Hass gegen den Stiefvater.

Auf Anraten seiner Mutter, die er inzwischen nachgeholt hat, versucht Barry Lyndon mit allen Mitteln, sich einen Adelstitel zu verschaffen. Er verschleudert große Teile des Vermögens seiner Frau für Empfänge, Bestechungsgelder und stellt sogar eine Kompanie zusammen, die in Nordamerika gegen die Feinde des englischen Königs kämpft. Doch der ruinöse Aufwand bleibt umsonst.

Seinem kleinen Sohn schlägt Barry Lyndon keine Bitte ab. Als Brian um ein Pferd bettelt, schenkt ihm Barry eines zum Geburtstag. Ungeachtet des ausdrücklichen Verbots steigt der kleine Junge heimlich auf das Pferd, wird abgeworfen und erliegt zwei Tage später seinen Verletzungen. In seiner Verzweiflung über den Tod seines geliebten Sohns beginnt Barry zu trinken. Seine Mutter lässt den besinnungslos Betrunkenen nachts von zwei Bediensteten ins Bett bringen. Lady Lyndon verliert durch den Schock ihren Verstand und versucht sich zu vergiften.

Barrys Mutter übernimmt im Schloss die Verwaltung. Aber der Bankrott ist nicht aufzuhalten.

Jahre später fordert Lord Bullingdon seinen Stiefvater zum Pistolenduell. Durch einen Münzwurf wird entschieden, dass er zuerst schießen darf, aber beim Spannen löst sich der Schuss vorzeitig. Ritterlich zielt Barry daraufhin nicht auf seinen Gegner, sondern schießt in den Boden. Aber Lord Bullingdon lässt sich nicht von seinem Hass abbringen und trifft beim nächsten Mal Barry ins linke Bein. Die Kugel zerschmettert Schienbein und Arterien. Um Barry Lyndon das Leben zu retten, amputiert der Arzt das Bein unterhalb des Kniens.

Lord Bullingdon stellt seinen Kontrahenten vor die Wahl, entweder eine lebenslange Rente von ihm anzunehmen und England für immer zu verlassen oder wegen seiner Schulden eingesperrt zu werden. Barry Lyndon kehrt mit seiner Mutter nach Irland zurück. Er versucht sich wieder als Falschspieler, bleibt jedoch glücklos. Lady Lyndon sieht er nie wieder.

Epilog: „It was in the reign of George III. that the aforesaid personages lived and quarreld, the good and the bad, the handsome and the ugly, the rich and the poor. They are all equal now.“

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In „Barry Lyndon“ geht es um einen Mann im 18. Jahrhundert, der sein Leben vernünftig zu planen versucht, damit jedoch an Gier, Hass und Liebe, Geld, Intrigen und Gewalt scheitert. Stanley Kubrick veranschaulicht damit seine skeptische Haltung gegenüber dem Fortschrittsglauben der Aufklärung. Für ihn ist das 18. Jahrhundert nicht die Epoche der Vernunft bzw. der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern eine Welt, die von Betrug und Krieg beherrscht wird.

Im ersten Teil zeigt Stanley Kubrick den Aufstieg des Helden. Nach einer Zäsur durch einen Zwischentitel beobachten wir im zweiten Teil den Fall dieses Mannes, der alles wieder verliert. Nachdem sein Stiefsohn ihn symbolisch entmannt hat (Verlust des linken Unterschenkels), bleibt er für den Rest seines Lebens auf dessen Rente angewiesen.

Bei der Verfilmung des Schelmenromans „Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon“ (1844; deutsch: 1953) von William Makepeace Thackeray (1811 – 1863) hielt Stanley Kubrick sich nicht streng an die Vorlage, sondern beschränkte sich auf einige Handlungsstränge. Während Thackeray den Roman in der Ich-Form aus der Perspektive des Protagonisten schrieb, ist im Film ein distanzierter Sprecher aus dem Off zu hören.

Die ungewohnt langsam ablaufende Handlung wird in „Barry Lyndon“ mehr erzählt als gezeigt. Möglicherweise wollte Stanley Kubrick damit die Langsamkeit des Lebens im 18. Jahrhunderts mit der heutigen Schnelllebigkeit kontrastieren. Viele Einstellungen beginnen mit einer Detailaufnahme. Dann zoomt die Kamera allmählich in die Totale und gibt den Blick auf die gesamte, kunstvoll aufgebaute Szenerie frei, die häufig wei ein Gemälde von Thomas Gainsborough (1727 – 1788) wirkt.

Stanley Kubrick drehte zwei Jahre lang an den Originalschauplätzen. Bei Innenaufnahmen beschränkte er sich auf Kerzenlicht. Schlachtfelder und Kostüme „stimmen“ bis in die Details. Nur bei der Musik erlaubte Kubrick sich eine Ausnahme: Neben Volks- und Militärmusik aus dem 18. Jahrhundert ist auch Franz Schuberts „Klaviertrio in e-Moll“ zu hören.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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