Martin Luther: Reformation


Luthers Vorfahren waren erbzinspflichtige Bauern am Westrand des Thüringer Waldes. Sein Vater überließ den Hof einem Bruder und sparte als einfacher Bergmann so viel Geld zusammen, dass er sich schließlich an Genossenschaften beteiligen konnte, die Kupfererz abbauten.

Der Vater, Hans Luther, war ein strenger, rauher Mann und wütender Pfaffenhasser, die Mutter ängstlich, bescheiden und dem Gebet zugetan; beide waren schlicht und arbeitsam. […] Eine von Schreckbildern erfüllte Religion verbunden mit einer unnachsichtig strengen Erziehung haben Luthers Kindheit und Glaubenshaltung geformt. (Will und Ariel Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Band 9: Das Zeitalter der Reformation. Köln 1985. S. 353)

Martin Luther (eigentlich: Luder) wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren und wuchs in Mansfeld auf. 1501 begann er das Grundstudium an der Universität Erfurt. Jurist sollte er nach dem Willen seiner ehrgeizigen Eltern Hans (1459 – 1530) und Margarethe (1459 – 1531) werden. Doch der Sohn enttäuschte sie: Kurz nachdem er mit dem Magistergrad die Berechtigung erworben hatte, sich dem eigentlichen Fachstudium zuzuwenden, trat er am 17. Juli 1505 in das strenge Augustiner-Eremiten-Kloster in Erfurt ein – wie er es gut zwei Wochen zuvor gelobt hatte, als er auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt in ein furchtbares Gewitter geraten war und unmittelbar neben ihm der Blitz eingeschlagen hatte. Martin Luther reiste 1510 im Auftrag seines Ordens nach Rom, studierte Theologie und übernahm nach seiner Promotion im Jahr 1512 die Bibelprofessur von Johann von Staupitz an der Universität Wittenberg. Im Jahr darauf hielt er seine erste Vorlesung.

Der Dominikaner-Bettelmönch Johannes Tetzel begann 1517, im Auftrag Albrechts von Brandenburg Ablassbriefe zu verkaufen, deren Erlös für den Bau der Peterskirche in Rom bestimmt war. Tatsächlich aber sollte die Hälfte davon benutzt werden, um Albrechts Schulden bei den Fuggern zu tilgen. Der Hohenzollern-Fürst hatte sich mit dem geliehenen Geld eine nach kanonischem Recht verbotene Ämterhäufung von der Kurie erkauft: Er war Markgraf von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, Administrator des Bistums Halberstadt, Erzbischof und Kurfürst von Mainz; zum Kardinal ernannte ihn Papst Leo X. 1518 auch noch. In der Regel wurde Johannes Tetzel vom örtlichen Klerus unterstützt.

Über Tetzels marktschreierischen Ablasshandel empörte sich der Wittenberger Theologe Martin Luther. Am 31. Oktober 1517 soll er 95 Thesen in lateinischer Sprache an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen haben, um fachkundige Theologen aufzufordern, die Auswüchse des Ablassgeschäftes zu diskutieren. Luther lehnte den Ablass nicht prinzipiell ab, aber er wandte sich gegen jede Leichtfertigkeit in Bezug auf das Sakrament der Buße. These 32 lautete: „Die werden samt ihren Meistern zum Teufel fahren, die vermeinen, durch Ablassbriefe ihrer Seligkeit gewiss zu sein.“ (Zitiert nach: Heinrich Pleticha (Hg.): Deutsche Geschichte. Bd. 6: Reformation und Gegenreformation, 1517 – 1618. Gütersloh 1987, S. 28)

Die Thesen […] nahmen in wenigen Wochen ihren Weg durch ganz Deutschland, weil die Buchdrucker hier das Geschäft erkannten. (Walther Peter Fuchs: Das Zeitalter der Reformation. In: Bruno Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte. Hg.: Herbert Grundmann. Band 8. München 1980. S. 69)

Zu diesem Zeitpunkt war Martin Luther noch überzeugt, dass er seine Kirche gegen Missbräuche verteidigte; reinigen und reformieren wollte er sie. „Luther war über den Tumult eher erschrocken als erfreut.“ (Walther Peter Fuchs, a.a.O.) Doch die Universität Wittenberg vermochte die aufgrund von Luthers Ruf herbeiströmenden Studenten kaum noch aufzunehmen, und der Protest gegen die wohlhabende, verweltlichte, formalistische und ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdeten Kirche brach sich Bahn.

Man kann schwerlich bestreiten, dass besonders im 14. und 15. Jahrhundert die Religion in Europa eine immer geringere ethische Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte und in erster Linie zu einem großen Kultverwaltungssystem, zum Machtinstrument einer besonders straff organisierten menschlichen Gruppe geworden war. Ebenso schwer lässt sich leugnen, dass die Nachwirkungen dieser Entwicklung in der christlichen Praxis ihren unmittelbaren Niederschlag gefunden hatten; denn man räumte tatsächlich den Gelübden und Wallfahrten, mehr oder minder stereotypen Gebeten, volkstümlichen Andachtsformen und regelrechtem Aberglauben den ersten Platz in der Frömmigkeit ein. […] Es war natürlich, dass nach Jahrhunderten eines vom Dogma beherrschten Gemeinschaftslebens, in dem Diskussion und Ungewissheit keinen Platz hatten, die bis dahin gezügelte, eingeengte, aber auch darniederliegende und stagnierende menschliche Denk- und Kritikfähigkeit unaufhaltsam durch die in den Damm der überlieferten religiösen Anschauungen geschlagene Bresche hindurch ihre Freiheit suchte. (Ruggiero Romano und Alberto Tenenti: Die Grundlegung der modernen Welt. In: Fischer Weltgeschichte, Bd. 12. Frankfurt am Main 1979. S. 270 / 274)

Durch den Ablass-Streit wurde Martin Luther immer weiter getrieben in seiner Kritik, zunächst nur an Missständen in der Kirche, dann aber auch an der römisch-katholischen Lehre. Johannes Tetzel und der Ingolstädter Theologe Johannes Eck beschuldigten ihn schließlich der Ketzerei. Im Juli 1518 eröffnete die Kurie ein Verfahren gegen Luther und forderte ihn auf, nach Rom zu kommen. Wenn er der Vorladung gefolgt wäre, hätte ihn die Kirche möglicherweise auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen. Doch Luthers Landesherr, der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, setzte sich für den engagierten Kritiker kirchlicher Missstände ein und erreichte, dass dieser nicht nach Rom zu reisen brauchte, sondern vom 12. bis 14. Oktober 1518 auf dem Augsburger Reichstag von dem päpstlichen Legaten Kardinal Thomas Cajetan de Vio verhört wurde.

Für neuen Zündstoff sorgte Martin Luther ein dreiviertel Jahr später in Leipzig, als er sich von Johannes Eck zu der Behauptung provozieren ließ, auch Päpste und Konzilien seien nicht unfehlbar und könnten irren. Seine Kritik weitete sich schließlich auf die Sakramente und andere Bereiche der römisch-katholischen Lehre aus. 1520 veröffentlichte er drei programmatische Schriften: (1) An den christlichen Adel deutscher Nation, (2) Von der Freiheit eines Christenmenschen, (3) De captivitate Babylonica.

Luther lehnte den Papst und die kirchliche Hierarchie als letzte Instanz in Glaubensfragen ab. Allein der Heiligen Schrift komme die oberste Autorität zu. Die kirchlichen Sakramente wirken – so Luther – nicht aufgrund eines formalen Zeremoniells, einer Magie des Priesters, sondern unmittelbar durch den Glauben. Den Priester sah er nicht als entrückten, unverzichtbaren Mittler zwischen Gott und Mensch, sondern als Seelsorger ohne Privilegien.

Bei der römisch-katholischen Messe bildete das Volk bloß das Publikum. Luther hingegen bezog die Gemeinde ausdrücklich in den Gottesdienst mit ein. Konsequenterweise wollte er, dass in der Kirche deutsch gesprochen und gesungen wurde. Martin Luther förderte das volkstümliche Choralsingen in deutscher Sprache und belebte das bis dahin nur bei Wallfahrten gesungene Kirchenlied neu, denn er glaubte an die sittliche Kraft des Gesangs; der Instrumentalmusik unterstellte er wie der Papst eine unmoralische Wirkung.

Der Papst forderte ihn am 15. Juni 1520 auf, sich zu unterwerfen und drohte ihm mit dem Kirchenbann („Exsurge Domine“). Am 10. Dezember 1520 verbrannte Luther in Gegenwart von Kollegen und Studenten vor dem Elstertor in Wittenberg einen Abdruck der päpstlichen Bulle und einige Bände kanonischen Rechtes. Damit trennte er sich demonstrativ von der römisch-katholischen Kirche; am 3. Januar 1521 exkommunizierte ihn Papst Leo X.

Der Kirchenbann zog traditionsgemäss die Reichsacht nach sich. Aber die selbstbewussten Stände zwangen Karl V., die Wahlkapitulation von 1519 einzuhalten, derzufolge kein Reichsangehöriger ohne Anhörung geächtet werden durfte. Der König forderte den Reformator auf, sich auf dem Wormser Reichstag zu verantworten und sicherte ihm freies Geleit zu. Ein weltliches Gremium sollte über ein Urteil des Papstes befinden! In Worms wurde Luther am 17. April 1521 verhört und gefragt, ob er bereit sei, seine Thesen zu widerrufen. Er bat sich Bedenkzeit aus, setzte am Abend eine Rede auf und bekannte sich am folgenden Tag zu seinen Anschauungen. Im Mai 1521 verhängte Karl V. mit Billigung des Reichstages die Reichsacht über ihn und verbot sein Bekenntnis (Wormser Edikt).

Luther war am 26. April 1521 aus Worms abgereist und am 4. Mai im Thüringer Wald von Beauftragten Friedrichs des Weisen zum Schein überfallen worden. Er fügte sich und ließ sich auf der Wartburg oberhalb von Eisenach in Sicherheit bringen.

Dort übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche. Im Geist der Humanisten ging er dabei zurück zu den Quellen. Deshalb benutzte er als Vorlage statt der offiziellen Version, der Vulgata, den von Erasmus von Rotterdam 1516 herausgegebenen und mit einer lateinischen Übersetzung versehenen griechischen Urtext. Er scheute allerdings nicht davor zurück, frei zu übertragen, wenn es ihm darum ging, bildhaft und lebendig zu formulieren, denn er wollte allgemeinverständlich schreiben, damit sich das Evangelium auch weniger gebildeten Laien erschloss.

Man muss […] die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markte […] fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen, so verstehen sie es dann und merken, dass man Teutsch zu ihnen redet. (Martin Luther, zitiert nach: Johannes Janssen, Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters, Freiburg 1878 – 1894, Bd. 7, S. 548)

In Syntax und Wortwahl strebte Martin Luther einen Mittelweg zwischen den bestehenden Dialekten an; er deutschte Fremdwörter ein und kreierte anschauliche Idiome und Komposita. Das „Luther-Deutsch“ bildete eine wichtige Grundlage für die Entwicklung einer überregionalen deutschen Hochsprache. Nur elf Wochen benötigte Luther für sein „Newes Testament Deutzsch“, das im September 1522 bei dem Wittenberger Drucker Melchior Lotther in einer Auflage von 3000 Exemplaren erschien. Der Preis entsprach etwa dem Wochenlohn eines Handwerkers.

Während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg führte der Theologe Andreas Karlstadt in Wittenberg radikale Reformen durch. Es kam zu Tumulten und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Gegen den ausdrücklichen Rat seines Territorialherren riskierte Martin Luther es, im Frühjahr 1522 die Wartburg zu verlassen und zurück nach Wittenberg zu gehen, um dort die Wogen zu glätten.

Die Reichsritter, die verzweifelt gegen ihren sozialen Abstieg kämpften, erhofften sich von der Reformation auch eine Neuordnung des Reichs: Ulrich von Hutten trat von Anfang an für Luther ein und propagierte ein gegenüber den Fürsten starkes, auf die Reichsritterschaft gestütztes Kaisertum. Er gewann auch Franz von Sickingen für die „deutsche evangelische Freiheit“. Diesem Reichsritter war es gelungen, sich mit einer eigenen Söldnerbande eine starke Stellung am Mittelrhein zu erkämpfen. Im Sommer 1522 zog er in einem „Heerzug für Christi Ehre gegen die Feinde der evangelischen Wahrheit“ gegen Erzbischof Richard von Greiffenklau von Trier. Er wollte einen Umsturz erzwingen, aber das Unternehmen scheiterte, und am 7. Mai 1523 erlag Franz von Sickingen einer schweren Verwundung.

Auch die Bauern missverstanden Luther, wenn sie glaubten, sich in ihrer Auflehnung gegen die Unterdrückung durch die Fürsten und in ihrem Kampf gegen die Leibeigenschaft auf „das Evangelium der kleinen Leute“ berufen zu können. Angefangen hatte es bereits um die Jahrhundertwende mit vereinzelten örtlichen Aufständen im Alpenvorland und am Oberrhein. Der Bauernkrieg von 1524/25, der nicht einheitlich geplant und geführt wurde, sondern sich aus einer Vielzahl einzelner Aktionen zusammensetzte, schwoll zur größten sozialpolitischen Massenbewegung der deutschen Geschichte an. Führer waren nicht nur Bauern und Landsknechte, sondern auch Ritter wie Florian Geyer und Reformatoren wie Thomas Müntzer.

Der Theologe Thomas Müntzer war selbst hoch gebildet, verachtete dennoch die Wissenschaften, glaubte an die innere Erleuchtung als Quelle göttlicher Offenbarung und predigte, dass die Wahrheit nicht in Büchern, sondern im Herzen des einzelnen zu finden sei. Um das Reich Gottes auf Erden vorzubereiten, gründete er den „Bund getreul. und göttl. Willens“ und rief 1524 die Fürsten zum Beitritt auf. Als diese sich – von Luther vorgewarnt – gegen Thomas Müntzer wandten, schloss er sich aufständischen Bauern an.

Aufruhr hatte Luther nie gutgeheißen. Im Mai 1525 stellte er sich mit seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ vorbehaltlos auf die Seite der Obrigkeit. Die Fürsten, die eben die Reichsritter aus der Politik ausgeschaltet hatten, warfen nun auch die Bauern nieder. An der Spitze der letzten rebellierenden Bauern, die von Landgraf Philipp I. von Hessen zusammengeschlagen wurden, geriet Thomas Müntzer in Gefangenschaft, und am 27. Mai 1525 wurde er hingerichtet.

Die ursprüngliche reformatorische Volksbewegung war zu Ende – die Reformation wurde nun von Territorialherren getragen, die mit dem König bzw. Kaiser um ihre partikularistische Macht rangen.

Den Zölibat verwarf Martin Luther, denn er hielt die Enthaltsamkeit für unnatürlich („In der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr“). Am 13. Juni 1525 heiratete er die sechsundzwanzigjährige, 1523 aus dem Kloster Nimptschen bei Grimma geflohene ehemalige Zisterzienser-Nonne Katharina von Bora (1499 – 1552). Mit ihr zeugte er sechs Kinder. Darüber hinaus nahm er elf Kinder von verstorbenen Verwandten in seine Familie mit auf.

Auf dem am 15. März 1529 in Speyer eröffneten Reichstag ging es darum, ob die evangelischen Fürsten und Städte durch einen Mehrheitsbeschluss des Reichstages gezwungen werden konnten, den neu gewonnenen Einfluss auf die Konfession ihrer Untertanen preiszugeben.

Die evangelischen Fürsten und Städte beriefen sich in Glaubensfragen auf ihr Gewissen und protestierten (daher: „Protestanten“) am 19. April gegen den von katholischen Ständen getragenen Mehrheitsbeschluss, am Wormser Edikt festzuhalten. Angesichts der wachsenden Bedrohung hielten es die Reformierten allerdings für ratsam, zusammenzurücken. Der hessische Landgraf Philipp I., der 1526 die Reformation in seinem Territorium eingeführt und im Jahr darauf in Marburg die erste evangelische Universität gegründet hatte, regte deshalb eine Zusammenkunft Luthers und Zwinglis an. Der Schweizer Pfarrer Huldrych Zwingli hatte seit 1519 in der Schweiz kirchliche Missstände angeprangert und von Laien und Klerikern verlangt, sich auf die nüchternen Formen und Inhalte des frühen Christentums zurückzubesinnen. Anfang Oktober 1529 kam die Disputation in Marburg zustande. Obwohl die beiden Reformatoren in etlichen Punkten übereinstimmten und sich freundschaftlich verabschiedeten, blieb ihr Treffen wegen der divergierenden Auffassungen über das Wesen des Abendmahls ergebnislos.

Während sich einerseits die Reformatoren bemühten, sich zu einigen, musste auf der anderen Seite Kaiser Karl V. an der Wiederherstellung der abendländischen Glaubenseinheit oder wenigstens an einer Aussöhnung der Konfessionen gelegen sein, da er wegen wiederholter Kriege mit Frankreich und zur Abwehr der 1529 bis Wien vorgerückten Türken auch auf die Unterstützung der Protestanten angewiesen war.

Im Juni 1530 kam Karl V. nach neun Jahren Abwesenheit wieder nach Deutschland. Am 24. Februar hatte er in Bologna die Kaiserkrone aus der Hand des Kirchenoberhaupts empfangen; als letzter Römischer Kaiser war er vom Papst gekrönt worden. In Augsburg eröffnete er am 15. Juni 1530 einen Reichstag. Da Martin Luther als Gebannter und Geächteter nicht wagen konnte, nach Süddeutschland zu reisen, repräsentierte dessen Anhänger Philipp Melanchthon die Wittenberger Theologie in Augsburg. Für den Augsburger Reichstag hatte Melanchthon eine mit Luther abgesprochene Bekenntnisschrift verfasst, die Confessio Augustana. Straßburg, Konstanz, Lindau und Memmingen überreichten ihre eigene, von Martin Bucer und Wolfgang Capito verfasste Bekenntnisschrift, und Zwingli legte eine dritte vor. Johannes Eck und andere katholische Theologen versuchten die reformatorischen Bekenntnisse eine Woche später in der Confutatio zu widerlegen. Die als Antwort auf die Confutatio von Melanchthon verfasste Apologie anzunehmen, weigerte sich Karl V. Der vom Kaiser vorgeschlagene, nur noch von den katholischen Ständen beschlossene Reichsabschied vom 19. November 1530 beendete die Religionsverhandlungen und bestätigte das Wormser Edikt.

Weil sie damit rechneten, dass der Reichstagsbeschluss mit Waffengewalt durchgesetzt werden sollte, schlossen sich evangelische Reichsstände am 27. Februar 1531 in Schmalkalden am Südwestrand des Thüringer Waldes zusammen. Sie schworen, ihre Konfession auch mit Waffengewalt zu verteidigen, richteten eine gemeinsame Kriegskasse ein und stellten ein Bundesheer auf. Als jedoch die Osmanen 1532 erneut bis zur österreichischen Grenze vorstießen, erkauften sich die Habsburger die Unterstützung der Protestanten mit dem Nürnberger Religionsfrieden, einem am 23. Juli 1532 zwischen dem Kaiser und dem Schmalkaldischen Bund geschlossenen Abkommen, das den evangelischen Reichsständen die freie Religionsausübung zusicherte – bis zu einem ins Auge gefassten klärenden Konzil.

Auf dem von der Reformation vorbereiteten Boden sammelten leidenschaftliche Weltverbesserer Fanatiker um sich. Der schwäbische Kürschnergeselle Melchior Hoffman wollte bis zu dem – wie er glaubte – unmittelbar bevorstehenden Anbruch des „Tausendjährigen Reiches Christi“ ausharren. In Jan Mathys, einem Bäcker aus Haarlem, fanden seine Anhänger einen radikalen Führer, der sie anfeuerte, die Gottlosen gewaltsam auszurotten. Jan Bockelson, ein Schneider aus Leiden, trug diese chiliastischen Ideen nach Münster. Am 23. Februar 1534 wählte dort der Stadtrat den Wiedertäufer Bernt Knipperdolling zum Bürgermeister, worauf die Lutheraner die Stadt verließen und Bischof Franz von Waldeck begann, sie zu belagern. Jan Bockelson erklärte Münster zum Königreich Zion und ließ sich im August 1534 zum König proklamieren. In der Theokratie gehörte allen alles, die Männer hatten mehrere Frauen, und schließlich tobten sich die Wiedertäufer in sexuellen und fanatischen Orgien aus. Am 25. Juni 1535 war der Spuk vorbei: Der Bischof von Münster eroberte seine Stadt, und über die Wiedertäufer erging ein blutiges Strafgericht.

In Genf breitete sich eine andere Spielart der Reformation aus. 1535 schrieb der Franzose Johannes Calvin die erste Fassung seines Hauptwerks, einen systematischen Abriss seiner Dogmatik, den er später mehrmals überarbeitete. Nur wer ausschließlich seine Pflichten erfülle und auf jegliches Vergnügen verzichte, dürfe hoffen, erlöst zu werden. Der Rat der Stadt Genf erließ 1541 eine von Johannes Calvin verfasste Kirchenordnung. Streng überwachte das aus Gemeindeältesten und Pfarrern zusammengesetzte Presbyterium den Lebenswandel der Bürger und ließ Verstöße nicht selten mit der Todesstrafe ahnden.

Kaiser Karl V., der davon träumte, an der Spitze einer abendländischen Streitmacht gegen die Osmanen zu ziehen, versuchte immer wieder, den Religionsstreit im Reich durch einen Kompromiss friedlich beizulegen. Aber auch die 1540/41 in Worms und Regensburg durchgeführten Religionsgespräche blieben erfolglos. Jedoch gelang es dem Kaiser am 13. Juni 1541, in einem Geheimvertrag den durch Bigamie in Schwierigkeiten geratenen Landgrafen Philipp I. von Hessen auf seine Seite zu ziehen und damit den Schmalkaldischen Bund zu schwächen.

1542 eröffnete der französische König Franz I. den vierten Krieg gegen Karl V. Durch Versprechungen auf dem „trügerischen“ Reichstag 1544 in Speyer erreichte der Kaiser, dass ihn auch protestantische Territorialherren unterstützten, als er nach Paris vordrang. Doch er dankte es ihnen nicht: In einem geheimen Zusatzabkommen zu dem am 19. September 1544 unterzeichneten Friedensvertrag von Crépy versprach Franz I. dem Kaiser, ihm gegen die Protestanten beizustehen.

Am 18. Februar 1546 starb Martin Luther in Eisleben.

Im gleichen Jahr entschloss sich Karl V., die religiöse Frage militärisch zu lösen. Ein endloser Manöverkrieg an der Donau fraß auf beiden Seiten die Reserven auf. Obwohl der Schmalkaldische Krieg am 24. März 1547 mit einem Sieg des Kaisers in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe endete, war nichts entschieden. Auf dem „geharnischten“ Reichstag, der vom 1. September 1547 bis 30. Mai 1548 in Augsburg stattfand, versuchte Karl V., seinen militärischen Sieg in eine politische Machtsteigerung umzumünzen und die Protestanten zur Rückkehr in die römisch-katholische Kirche zu zwingen. Doch die katholischen Fürsten lehnten die vom Kaiser in Aussicht gestellten Reformen ab, und die Protestanten riefen in Magdeburg zum Widerstand auf.

Am 25. September 1555 verständigten sich Karls Bruder, König Ferdinand, und die Reichsstände auf den Augsburger Religionsfrieden. Nach mühsamen Verhandlungen wurde sanktioniert, was bereits galt: das Nebeneinander der römisch-katholischen und der lutherischen Konfession. Auf die Wiederherstellung eines einheitlichen Bekenntnisses im Reich wurde endgültig verzichtet. Die Abmachungen galten jedoch bloß für die Confessio Augustana und bezogen die anderen reformatorischen Lehren nicht mit ein. Das Reich verzichtete auf die Religionshoheit und übertrug diese den Reichsständen, die auf diese Weise ihre Positionen weiter ausbauen konnten. Konvertierte Kirchenfürsten mussten zwar ihre geistlichen Ämter niederlegen, aber den Reichsständen wurde zugestanden, ihre Konfession frei zu wählen. Untertanen mussten dem Bekenntnis ihres Landesherren folgen; nur in den Städten konnten Angehörige beider Konfessionen nebeneinander wohnen.

Die Reformation hatte das abendländische Christentum in unterschiedliche Bekenntnisse gespalten, und die Römische Universalkirche war in territoriale Konfessionskirchen zersplittert. Die sich etablierenden katholischen, lutherischen und reformierten Landeskirchen arbeiteten eng mit ihren Territorialherren zusammen; Staat und Kirche versuchten sich wechselseitig für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Die Lehre Martin Luthers hatte sich v. a. in Mittel- und Norddeutschland sowie in Skandinavien verbreitet. Nachdem der Reformator gestorben war, ging die Initiative in der internationalen Reformationsbewegung auf die Calvinisten über. Ihr Zentrum wurde die Genfer Akademie. Deutschland spielte innerhalb der reformierten Weltbewegung eine Nebenrolle. Als erster deutscher Landesherr bekannte sich Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz zum Calvinismus. Unter seiner Herrschaft (1559 – 1576) entwickelte sich die Universität Heidelberg zur Hochburg der Reformation.

Den Lutheranern fehlte nach Luthers Tod eine allgemein anerkannte Autorität, die aufkommende Zweifel ausräumen und Lehrstreitigkeiten beilegen hätte können. Die Auseinandersetzungen um die rechte Lehre polarisierten sich in dem Kampf zwischen der von Melanchthons Schwiegersohn Kaspar Peucer gelenkten einflussreichen Hofpartei in Kursachsen und den von Mathias Flacius Illyricus geführten Lutheranern. Die evangelischen Landesherren bemühten sich, mit Hilfe kompromissbereiter Theologen den Konflikt zwischen Philippisten und Flacianern zu beenden, und 1577 gelang es tatsächlich, eine Brücke zu schlagen: Die aus zwölf Artikeln bestehende Konkordienformel wurde von den meisten Lutheranern als verbindliche Lehrgrundlage akzeptiert. Sie wurde mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, Luthers Katechismen, der Confessio Augustana und ihrer Apologie sowie Melanchthons „Tractatus de potestate et primatu papae“ in dem am 25. Juni 1580 veröffentlichten Konkordienbuch zusammengefasst. Diese Sammlung von Lehrschriften sollte das lutherische Bekenntnis umreißen und es nicht nur von der katholischen und der reformatorischen Konfession, sondern auch von abweichlerischen Strömungen abgrenzen; das Konkordienbuch wurde zur Richtschnur der Lutheraner für Theologie, Predigt und Unterricht.

Literatur über Martin Luther und die Reformation

  • Diamaid Macculloch: Die Reformation 1490 – 1700 (Übersetzung: H. Voß-Becher, K. Binder, B. Leineweber, DVA 2008, 1022 Seiten)
  • Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs (C. H. Beck, München 2012, 714 Seiten)

© Dieter Wunderlich 2004 / 2012

Erich Till: Luther

Jens Christian Jensen - Paul Wunderlich. Das malerische, graphische und plastische Werk
Paul Wunderlich (* 1927) als erotischen Künstler einzuordnen, würde zu kurz greifen. Es geht ihm um die Beziehung von Mann und Frau, ja, aber auch um die Polarität Eros - Tod. Paul Wunderlich gilt als bedeutendster Vertreter des "Fantastischen Realismus". Unverwechselbar ist seine manieristische, mythologisch-surreale und zarte Ästhetik.
Paul Wunderlich. Das malerische, graphische und plastische Werk

Jens Christian Jensen

Paul Wunderlich. Das malerische, graphische und plastische Werk

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