Michael Gartenschläger


Michael Gartenschläger wurde am 13. Januar 1944 in Strausberg nordöstlich von Berlin geboren, wo seine Eltern eine Gastwirtschaft betrieben. Zur Familie gehörte auch noch Michaels sechs Jahre ältere Schwester Christa. Nach dem Abschluss der Schule im Juni 1959 arbeitete er drei Monate als Schlossergehilfe beim VEB Kraftverkehr Strausberg und fing dann bei der Firma Göricke eine Lehre als Autoschlosser an.

Zusammen mit anderen Jugendlichen gründete Michael Gartenschläger in Strausberg einen Ted-Herold-Fanclub. Aufgrund der verpönten Vorliebe für Rock’n’Roll und der Westkontakte des Ted-Herold-Fanclubs ermittelte die Polizei und verbot die Jugendgruppe Anfang 1961.

Am 19. August 1961 wurde er zusammen vier anderen jungen Männern festgenommen, mit denen er aus Protest gegen den am 13. August begonnenen Bau der Berliner Mauer politische Parolen an Wände geschrieben und eine frei stehende Scheune der LPG „Einheit“ angezündet hatte. Wegen staatsgefährdender Hetze und Propaganda wurde Michael Gartenschläger am 15. September vom Bezirksgericht Frankfurt an der Oder zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

In der Jugendstrafanstalt Torgau holte Michael Gartenschläger die Mittlere Reife nach und absolvierte eine Lehre als Dreher. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus der Jugendstrafanstalt Torgau im Sommer 1964 wurde er in die Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden verlegt, aus dem er gut fünf Jahre später ebenfalls auszubrechen versuchte – wieder vergeblich.

Im Frühjahr 1971 gehörte Michael Gartenschläger zu einer Gruppe politischer Häftlinge, die von der Bundesregierung freigekauft wurden. Nach einer Nacht im Notaufnahmelager Gießen kam er im „Haus Billetal“ in Reinbek bei Hamburg unter, das zum „Hilfswerk der Helfenden Hände e. V.“ gehörte. Er begann eine Ausbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt. Die brach er jedoch vorzeitig ab, wurde Tankwart und pachtete im März 1974 selbst eine Tankstelle in Hamburg-Bergedorf.

Michael Gartenschläger vergaß die Verhältnisse in der DDR nicht und half mit, einunddreißig Menschen durch den „Eisernen Vorhang“ in den Westen zu schleusen. Einmal wurde er mit einem Flüchtling an der Grenze von Rumänien nach Jugoslawien festgenommen. Als man den Fluchtversuch für Lehrzwecke nachstellen wollte, durchbrach er mit dem Auto den Schlagbaum, wurde aber in Jugoslawien erneut verhaftet und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Mit der Hilfe eines Gefängniswärters gelang ihm die Flucht. Vor der italienischen Grenze griff man ihn erneut auf und schob ihn nach zehn Tagen ab.

Um auf die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes aufmerksam zu machen und die Behauptung des Außenministers Oskar Fischer, es gebe an der innerdeutschen Grenze keine Selbstschussanlagen, zu widerlegen, montierte Michael Gartenschläger im März und im April 1976 je eine Selbstschussanlage vom Typ SM-70 ab und präsentierte eine davon dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

In der Nacht auf den 1. Mai 1976 wollte er zusammen mit zwei Helfern eine dritte Selbstschussanlage von der Grenzanlage zwischen Schleswig-Holstein und der DDR abbauen.

Michael Gartenschläger wusste zwar, dass man die Selbstschussanlagen nach seiner zweiten Aktion am 23. April modifiziert hatte und er deshalb beim unachtsamen Abbau einer SM-70 von einer anderen getroffen worden wäre, aber er ahnte nicht, dass seit dem 24. April ein Sonderkommando des Ministeriums für Staatssicherheit auf ihn wartete, denn das Vorhaben war von einem IM der Stasi verraten worden, der allerdings weder den genauen Ort noch den Tag hatte angeben können. Weil Michael Gartenschläger und seine zwei Helfer kurz vor Mitternacht an der Grenze bei Wendisch-Lieps im Kreis Hagenow Geräusche hörten, brachen sie das Vorhaben ab. Damit man später sehen konnte, dass wieder jemand an der Grenze war, wollte Michael Gartenschläger nur kurz eine der Selbstschussanlagen auslösen und sich dann ebenfalls zurückziehen. Dabei wurde er ohne Vorwarnung erschossen.

Seine beiden Helfer entkamen unverletzt und alarmierten den Bundesgrenzschutz in Schwarzenbek. Sofort zum Tatort geeilte Grenzschutzbeamte sahen zwar Michael Gartenschlägers Leiche nicht mehr, beobachteten aber, wie Decken oder Schlafsäcke weggeholt wurden und schlossen daraus, dass die Schützen auf der Lauer gelegen hatten.

Die „Schweriner Volkszeitung“ berichtete am 4. Mai über einen „bewaffneten Angriff gegen Grenzorgane der DDR“. Tatsächlich hatte Michael Gartenschläger wohl eine Pistole bei sich, aber seine Helfer sagten glaubwürdig aus, er habe niemals damit geschossen. Einer der beiden gab allerdings zu, das aus automatischen Waffen stammende Feuer in panischer Angst mit einer abgesägten Schrotflinte erwidert zu haben.

Nach der Wende wurde das Gerichtsurteil gegen Michael Gartenschläger aus dem Jahr 1961 auf Antrag seiner älteren Schwester vom Landgericht Frankfurt an der Oder weitgehend aufgehoben.

Die an seiner Erschießung Beteiligten mussten sich vor Gerichten in Berlin und Schwerin verantworten. Bis auf einen Oberstleutnant der Stasi wurden alle Angeklagten im März 2000 bzw. April 2003 freigesprochen, und der Einzige, dem die Schuld nachgewiesen werden konnte, ging wegen der Verjährung der Tat straffrei aus.

Informationsmaterial über Michael Gartenschläger
und die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze

  • Lothar Lienicke und Franz Bludau: Todesautomatik (überarbeitete Neuauflage: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2003)
  • Roman Grafe: Zur Vermeidung weiterer Provokationen. Die kurze Lebensgeschichte des Michael Gartenschläger (Hörfunk-Feature, SWR/SR 2003)
  • Alexander Dittner und Ben Kempas: Gegen die Grenze. Das Leben des Michael Gartenschläger (Fernseh-Dokumentation, RBB 2004)
Richard Kämmerlings - Das kurze Glück der Gegenwart
Der Stil des Buches "Das kurze Glück der Gegenwart" ist feuilletonistisch. Richard Kämmerlings leitet jedes Kapitel mit einer gesellschafts-politischen Bestandsaufnahme ein und beschäftigt sich dann mit entsprechenden Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur seit '89.
Das kurze Glück der Gegenwart

Richard Kämmerlings

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