Rudi Dutschke


Rudi Dutschke wurde am 7. März 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde (Brandenburg) als vierter Sohn eines Postbeamten und dessen Ehefrau geboren.

1956 ließ er sich in die „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) aufnehmen. Zwar engagierte Rudi Dutschke sich für den Sozialismus und verstand sich als Marxist, aber die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) kritisierte er, auch öffentlich. So prangerte er die Militarisierung in der DDR an und leistete keinen Wehrdienst. Wegen seiner politischen Einstellung verwehrte ihm das DDR-Regime nach dem Abitur (1958) die Genehmigung für ein Studium.

Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Luckenwalde (1958 – 1960) wiederholte Rudi Dutschke das Abitur an einem Westberliner Gymnasium und zog 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer dauerhaft nach Westberlin, wo er sich für das Wintersemester 1961/62 an der Freien Universität immatrikulierte und Soziologie studierte.

1962 gründete Rudi Dutschke mit dem zwei Jahre älteren Bernd Rabehl und anderen Kommilitonen die „Subversive Aktion“, die sich Anfang 1965 dem „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) anschloss. Bereits im Februar 1965 wurde Rudi Dutschke in den politischen Beirat des SDS gewählt.

Im Sommer 1964 hatte Rudi Dutschke seine spätere Ehefrau kennengelernt, die aus den USA stammende Theologiestudentin Gretchen Klotz (* 1942). Im Dezember 1965 zogen sie zusammen, und am 23. März 1966 heirateten sie.

Rudi Dutschke initiierte und organisierte mit dem SDS Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die Große Koalition (1966 – 1969), die Notstandsgesetze und für eine Hochschulreform. Dabei handelte er in der Überzeugung, dass die Studentenbewegung bzw. die „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) das Establishment provozieren musste, um wahrgenommen zu werden.

Die Möglichkeit, die sich durch größere Demonstrationen ergibt, ist unter allen Umständen auszunützen. Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich. (Rudi Dutschke, zit. nach http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressemitteilungen-2002/msg00004.html)

Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kapitalistischen Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als „Diktatur der Gewalt“, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen — so zum Beispiel das Abgeordnetenhaus, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder Sender Freies Berlin, Amerika-Haus, Botschaften der Marionettenregierungen, Armeezentren, Polizeistationen und so weiter! (Rudi Dutschke, zit. nach „Die Zeit“, 19. April 1968)

Der älteren Generation warf Rudi Dutschke vor, ihr Verhalten unter dem nationalsozialistischen Regime nicht hinterfragen zu wollen. Als während der Demonstrationen gegen den Besuch des persischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi (1919 – 1980) in Berlin am 2. Juni 1967 der Polizist Karl-Heinz Kurras (* 1927) den sechsundzwanzigjährigen Studenten Benno Ohnesorg erschoss, radikalisierte sich die APO. Rudi Dutschke und andere Mitglieder der APO warfen der „Bild“-Zeitung vor, die Atmosphäre herbeigeführt zu haben, in der es dazu kommen konnte, dass ein wehrloser Student aus nächster Nähe getötet wurde. Sie forderten deshalb die Enteignung von Axel Springer (1912 – 1985), des Verlegers der „Bild“-Zeitung. Rudi Dutschke, der terroristische Anschläge in der gegebenen Situation für den falschen Weg hielt, wurde durch ein am 3. Dezember 1967 von der ARD ausgestrahltes langes Fernseh-Interview mit Günter Gaus (1929 – 2004) und mehrere Podiumsdiskussionen zum Wortführer, zum Theoretiker und zur Symbolfigur der APO bzw. der Studentenbewegung. Er lehnte die repräsentative Demokratie ab, hielt sie für nicht reformierbar und strebte einen langen Marsch durch die Institutionen an.

[…] wir haben aber systematisch immer wieder Regierungen bekommen, die man gewissermaßen bezeichnen könnte als institutionalisierte Lügeninstrumente, Instrumente der Halbwahrheit, der Verzerrung, dem Volk wird nicht die Wahrheit gesagt. Es wird kein Dialog mit den Massen hergestellt, kein kritischer Dialog, der erklären könnte, was in dieser Gesellschaft los ist […]
Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung – die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung – ausdrücken […]
Grundsätzlicher Unterschied, dass wir begonnen haben, Organisationen aufzubauen, die sich von den Parteistrukturen unterscheiden dadurch, dass in unseren Organisationen keine Berufspolitiker tätig sind, dass bei uns kein Apparat entsteht, dass bei uns die Interessen und die Bedürfnisse der an der Institution Beteiligten repräsentiert sind, während in den Parteien ein Apparat vorhanden ist, der die Interessen der Bevölkerung manipuliert, aber nicht Ausdruck dieser Interessen ist […]
Wenn wir es schaffen, den Transformationsprozess – einen langwierigen Prozess – als Prozess der Bewusstwerdung der an der Bewegung Beteiligten zu strukturieren, werden die bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen geschaffen, die es verunmöglichen, dass die Eliten uns manipulieren […]
(Rudi Dutschke im Interview mit Günter Gaus, 3. Dezember 1967)

Am Heiligen Abend 1967 versuchten Rudi Dutschke und ein paar weitere Studenten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin eine Diskussion über den Frieden in der Welt zu erzwingen. Besucher der Mette hinderten sie daran und riefen: „Wascht euch erst mal!“, „Raus, ihr Schweine!“. Rudi Dutschke wurde von der Krücke eines Diplom-Ingenieurs aus Neukölln am Kopf getroffen und musste sich im Krankenhaus eine dreieinhalb Zentimeter lange Platzwunde nähen lassen („Der Spiegel“, 1/1968).

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Franz Xaver Unertl beschimpfte Rudi Dutschke als „ungewaschene, verlauste und verdreckte Kreatur“ („Berliner Morgenpost, 29. Februar 1968).

Am 11. April 1968, einem Gründonnerstag, fuhr Rudi Dutschke in Berlin mit dem Fahrrad zu einer Apotheke, um für seinen drei Monate alten Sohn Hosea-Che Nasentropfen zu kaufen. Weil die Apotheke nach der Mittagspause noch nicht geöffnet hatte, wartete er vor dem Eingang. Ein Mann kam auf ihn zu und fragte: „Sind Sie Rudi Dutschke?“ Kaum hatte er „ja“ gesagt, schoss der Unbekannte auf ihn, traf ihn in den Kopf und in die linke Schulter.

Zeitungen meldeten den Tod des Studentenführers, aber im Klinikum Westend der Freien Universität retteten die Ärzte Rudi Dutschke mit einer Notoperation das Leben.

Josef Erwin Bachmann, so hieß der dreiundzwanzig Jahre alte Attentäter, ein Arbeiter, der mit dem Nachtzug aus München gekommen war, floh zunächst in den Keller eines Rohbaus, wurde aber nach einem kurzen Feuergefecht von der Polizei verhaftet. In seinen Sachen fand man einen Artikel der „National-Zeitung“ mit der Schlagzeile „Stoppt den roten Rudi jetzt“.

Am Abend nach dem Anschlag versammelten sich zahlreiche Studenten im Auditorium Maximum der Technischen Universität. Dutschkes Mitstreiter Bernd Rabehl polemisierte:

„Ich darf daran erinnern, welche Pogromhetze von den Abgeordneten des Senats nach dem 2. Juni 1967 stattfand. Ich erinnere daran, dass ein [Kurt] Neubauer [Innensenator] und ein [Klaus] Schütz [Regierender Bürgermeister] diese außerparlamentarische Opposition zusammenschlagen wollten. Und ich spreche ganz deutlich aus: Die wirklichen Schuldigen heißen Springer, und die Mörder heißen Neubauer und Schütz.“ (zit. nach Daniel Cohn-Bendit und Reinhard Mohr: Neunzehnhundertachtundsechzig. Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wusste, Wagenbach, Berlin 1994).

Gegen 23 Uhr marschierten schätzungsweise fünftausend Menschen zum Hochhaus des Springer-Verlags. Dort trafen sie auf ein großes Polizeiaufgebot. Scheiben wurden eingeworfen, mehrere Auslieferungsfahrzeuge des Konzerns angezündet oder umgekippt. Das war das Fanal für Straßenschlachten auch in anderen deutschen Großstädten („Osterunruhen“).

Josef Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Am 24. Februar 1970 erstickte er sich mit einer Plastiktüte, die er sich in der Gefängniszelle über den Kopf gezogen hatte.

Es dauerte Monate, bis Rudi Dutschke durch intensive Therapie wieder sprechen konnte. Zur Erholung reiste er 1969 in die Schweiz und nach Italien. Aus England wurde er zunächst ausgewiesen, aber nach einem kurzen Aufenthalt in Irland durfte er in Cambridge studieren – bis ihm das nach dem Regierungsantritt des konservativen Premierministers Edward Heath (1916 – 2005) 1970 erneut verwehrt wurde. Die Universität Århus beschäftigte Rudi Dutschke daraufhin als Dozenten. 1973 promovierte er an der Freien Universität Berlin. Seine Dissertation veröffentlichte er im Jahr darauf unter dem Titel „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus“ (Wagenbach, Berlin 1974).

Seine erste öffentliche Rede nach dem Attentat hielt Rudi Dutschke am 14. Januar 1973 bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn. Er nahm sein politisches Engagement vor allem in der Anti-Atomkraft-Bewegung wieder auf, schrieb für linksgerichtete Zeitungen und wurde 1977 Gastdozent an der Universität Groningen.

Bevor er im Januar 1980 am Gründungskongress der Partei Die Grünen teilnehmen konnte, starb Rudi Dutschke am 24. Dezember 1979 in Århus unerwartet an einem epileptischen Anfall, einer Spätfolge der Schussverletzungen am Kopf.

Die Geburt seines Sohnes Rudi-Marek im April erlebte er nicht mehr. Es war das dritte Kind von Rudi Dutschke und seiner Ehefrau Gretchen.

Am 30. April 2008 wurde ein Stück der Kochstraße in Berlin-Kreuzberg (in unmittelbarer Nähe des Axel-Springer-Verlags und der Axel-Springer-Straße) in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Und seit 7. März 2008 heißt der Vorplatz des stillgelegten Bahnhofs in Rudi Dutschkes Geburtsort Schönefeld Rudi-Dutschke-Platz.

Literatur über Rudi Dutschke

  • Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Bernd Rabehl: Rebellion der Studenten oder die neue Opposition. Eine Analyse (Rowohlt, Reinbek 1968)
  • Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie (Pendo, Zürich 1999)
  • Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996)
  • Rudi Dutschke: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus (Wagenbach, Berlin 1974)
  • Rudi Dutschke und Manfred Wilke (Hg.): Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke (Rowohlt, Reinbek 1975)
  • Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren (Hg.: Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister, Rowohlt, Reinbek 1980)
  • Rudi Dutschke: Aufrecht gehen. Eine fragmentarische Autobiographie (Hg.: Ulf Wolter, Olle und Wolter, Berlin 1981)
  • Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens (Hg.: Jürgen Miermeister, Wagenbach, Berlin 1991)
  • Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963 – 1979 (Hg.: Gretchen Dutschke-Klotz, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003)
  • Tilman P. Fichter und Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke (Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2008)
  • Michaela Karl: Rudi Dutschke. Revolutionär ohne Revolution
    (Neue Kritik, Frankfurt/M 2003)
  • Gerd Langguth: Mythos ’68. Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke. Ursachen und Folgen der Studentenbewegung (Olzog, München 2001)
  • Jürgen Miermeister: Ernst Bloch. Rudi Dutschke (Europäische Verlagsanstalt,
    Hamburg 1998)
  • Jürgen Miermeister: Rudi Dutschke (Rowohlt, Reinbek 1986)
  • Bernd Rabehl: Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland (Edition Antaios, Dresden 2002)
  • Rainer Rappmann (Hg.): Denker, Künstler, Revolutionäre. Beuys, Dutschke, Schilinski, Schmundt. Vier Leben für Freiheit, Demokratie und Sozialismus (FIU, Wangen 1996)
  • Karin Wieland, Jan Philipp Reemtsma (Hg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF (Hamburger Edition, Hamburg 2005)

Nach Helga Reidemeister („Aufrecht gehen, Rudi Dutschke. Spuren“, 1988) und Jürgen Miermeister („Dutschke, Rudi, Rebell“, 1998) drehte auch Stefan Krohmer einen Film über Rudi Dutschke, der am 27. April 2010 erstmals im Fernsehen (ZDF) ausgestrahlt wurde: „Dutschke“.

© Dieter Wunderlich 2010

Stefan Krohmer: Dutschke

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