Novemberkind

Novemberkind

Novemberkind

Originaltitel: Novemberkind – Regie: Christian Schwochow – Drehbuch: Christian Schwochow, Heide Schwochow – Kamera: Frank Lamm – Schnitt: Christoph Wermke – Musik: Daniel Sus – Darsteller: Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Christine Schorn, Hermann Beyer, Yevgenij Sitochin, Ilja Pletner, Thorsten Merten, Adrian Topol, Christina Drechsler, Steffi Kühnert u.a. – 2008; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Inga wuchs bei ihren Großeltern in Malchow auf. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht, und an ihre Mutter Anne kann sie sich nicht erinnern. Sie sei in der Ostsee ertrunken, erklärte man ihr. 2007 lernt sie Robert kennen, einen Literaturprofessor aus Konstanz, der sie darüber aufklärt, dass ihre Mutter nicht ertrank, sondern 1980 mit einem russischen Deserteur in den Westen floh und sie als sechs Monate altes Baby zurückließ. Inga macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter ...
Weiterlesen

Kritik

Bei der Inszenierung des auf zwei Zeitebenen entwickelten Dramas "Novemberkind" bevorzugt Christian Schwochow leise Töne und eine ruhige Entwicklung. Pathos und Rührseligkeit vermeidet er.
Weiterlesen

Robert (Ulrich Matthes) ist Professor für kreatives Schreiben in Konstanz. Sein Vater war ein angesehener Pfarrer. Nach dem Tod des Vaters fand jedoch Roberts Bruder Marius heraus, dass er ein überzeugter Nationalsozialist gewesen war. Wegen dieser Enthüllungen hasste Robert seinen Bruder, der schließlich bei einem Autounfall ums Leben kam. Ob seine Ehe mit Claire (Juliane Köhler) noch eine Zukunft hat, bezweifelt Robert. Nachdem er sich 2007 von einem Herzinfarkt erholt hat, reist der Mittvierziger nach Malchow und macht sich gezielt an Inga (Anna Maria Mühe) heran, eine Bibliothekarin Mitte zwanzig.

Inga ist bei ihren Großeltern Christa und Heinrich Kaden (Christine Schorn, Hermann Beyer) aufgewachsen. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht, und an ihre Mutter Anneliese (Anna Maria Mühe) kann sie sich nicht erinnern. Sie sei in der Ostsee ertrunken, erklärten ihr die Großeltern.

Bei einer Bootstour auf dem Malchower See erzählt Robert ihr, dass 1980 ein russischer Soldat namens Jurij (Ilja Pletner) in Malchow desertierte. Er versteckte sich in einem Keller, wo ihn die unverheiratete Mutter eines sechs Monate alten Kindes entdeckte. Statt ihn zu verraten, verband Anne seine Kopfverletzungen und versteckte ihn in ihrer Wohnung. Fluchthelfer schleusten Anne und Jurij schließlich in den Westen. Sie gingen nach Konstanz. Das Baby blieb bei den Großeltern in Malchow zurück.

Verstört und aufgewühlt erkundigt Inga sich bei Kerstin (Steffi Kühnert), der Mutter ihrer kürzlich nach Nürnberg gezogenen Freundin Steffi (Christina Drechsler), wie Anne gestorben sei. Kerstin muss es wissen, denn sie war Annes beste Freundin. „Wir wollten dich nur schonen“, sagt sie. Danach stellt Inga ihre Großeltern zur Rede, und sie gestehen, dass Anne nicht ertrank. Sie brachte 1980 ihren fiebernden Säugling Inga vorbei und wollte nur schnell in die Apotheke, um ein Medikament zu holen, aber sie kam nicht wieder. Erst einige Tage später rief sie an und teilte mit, dass sie im Westen war. Danach hörten Christa und Heinrich Kaden nichts mehr von ihrer Tochter.

Wegen Annes „Republikflucht“ verlor ihr Vater seine Stelle als Schuldirektor.

Noch einmal wendet Inga sich an Kerstin und fragt, wer ihr Vater gewesen sei. Das verrät Kerstin ihr nicht, aber sie überlässt ihr einen Brief, den Anne 1980 aus Konstanz schrieb.

Inga beschließt, nach ihrer Mutter zu suchen und fragt Robert, ob er ihr dabei helfen wolle. Zusammen fahren sie auf Ingas Motorrad los.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Unterwegs erfährt Robert von einem inzwischen eingeschalteten Privatdetektiv, dass Jurij in Stuttgart lebt. Inga sucht Jurij (Jevgenij Sitochin) auf. Er erzählt ihr, Anne habe sich kurz nach der Ankunft in Konstanz von ihm getrennt und lebe vermutlich mit Alexander zusammen, einem Mann aus Malchow, mit dem Anne im Alter von siebzehn, achtzehn Jahren befreundet war. Seine Familie erhielt jedoch 1979 eine Ausreisegenehmigung und ging nach Konstanz, wo Alexander (Adrian Topol) dann Medizin studierte. Sein Vater half Anne und Jurij bei der Flucht in den Westen. Inga konnten sie nicht mitnehmen, weil sie an dem Tag Fieber hatte. Sie wollten das Kind nachholen, aber das erwies sich später wegen der Teilung Deutschlands als unmöglich. Zum Schluss klärt Jurij Inga darüber auf, dass Alexander ihr Vater sei.

Nach der Ankunft in Konstanz sucht Inga Alexanders Adresse im Telefonbuch heraus und geht in seine Arztpraxis. Obwohl sie sich nicht zu erkennen gibt und Rückenschmerzen als Grund für die Konsultation vortäuscht, ahnt Alexander (ab jetzt: Thorsten Merten) aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Anne und des Namens, wer sie ist, aber er sagt nichts.

Am nächsten Morgen wartet Inga vor seinem Haus, bis eine Frau mit einem Kind herauskommt. Sie ruft „Anne“. Alexanders Ehefrau (Nicole Ernst) dreht sich verwundert um, und Inga entschuldigt sich, es handele sich um eine Verwechslung.

Sie geht noch einmal zu Alexander, und diesmal reden sie offen miteinander. Anne sei nicht darüber hinweggekommen, dass sie ihr Kind in der DDR zurücklassen musste, erzählt er. Sie musste in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Dort nahm sie sich nach zehn Jahren das Leben [Suizid]. Das war 1992. Sie wurde nur zweiunddreißig Jahre alt.

Alexander geht mit Inga zum Grab ihrer Mutter. Sie wundert sich über ein Gedicht auf dem Grabstein. Das sei von einem Literaturprofessor, erklärt Alexander, bei dem Anne sich vor ihrer Einlieferung in die Psychiatrie über kreatives Schreiben unterrichten ließ.

Da ahnt Inga, warum Robert sie in Malchow aufsuchte und sie bei ihren Nachforschungen unterstützte: Er missbraucht ihre Geschichte und die ihrer Mutter für einen Roman.

Inga kehrt allein nach Malchow zurück, aber nur um ihre Sachen erneut zu packen und sich zu verabschieden. Sie will weg. Wohin weiß sie noch nicht.

nach oben

Heide und Christian Schwochow erzählen in dem Drama „Novemberkind“ von einer jungen Frau namens Inga, die nach ihrer Mutter Anne und damit auch nach ihrer eigenen Identität sucht. Dieser 2007 spielende Handlungsstrang ist mit einer deutsch-deutschen Geschichte aus dem Jahr 1980 verbunden: Annes „Republikflucht“. Schritt für Schritt erfährt Inga, was damals geschah, und wir sehen es in Rückblenden, die durch desaturierte, sepiafarbene Bilder gekennzeichnet sind.

Bei der Inszenierung bevorzugt Christian Schwochow leise Töne und eine ruhige Entwicklung. Pathos und Rührseligkeit vermeidet er. Getragen wird „Novemberkind“ nicht zuletzt von hervorragenden Schauspielern, allen voran Anna Maria Mühe und Ulrich Matthes.

Es handelt sich bei „Novemberkind“ um Christian Swchochows Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

Christian Schwochow: Die Unsichtbare

John le Carré - Die Libelle
In dem Agententhriller "Die Libelle" explodiert schon mal eine Bombe, aber das wird von John le Carré nicht inszeniert, denn es geht ihm nicht um Action. Statt­dessen veran­schau­licht er, wie eine junge Frau durch einen Einsatz für den Mossad in eine Identitätskrise gerät.
Die Libelle

John le Carré

Die Libelle

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.