Gier

Gier

Gier

Originaltitel: Gier – Regie: Dieter Wedel – Drehbuch: Dieter Wedel – Kamera: Wedigo von Schultzendorff – Schnitt: Florian Drechsler – Musik: Harold Faltermeyer – Songs: Eberhard Schoener – Darsteller: Ulrich Tukur, Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Sibel Kekilli, Uwe Ochsenknecht, Harald Krassnitzer, Isa Haller, Jeanette Hain, Kai Wiesinger, Regina Fritsch, Sabine Orléans, Dieter Laser, Alexander Held u.a. – 2010; 180 Minuten

Inhaltsangabe

Dieter Glanz kommt aus einfachen Verhältnissen, aber durch Hochstapelei verschaffte er sich Ansehen. Um mit seiner Frau Gloria ein Luxusleben führen zu können, verspricht er Spekulanten fantastische Renditen. Sie fallen auf sein Schneeballsystem herein. Bald scheint er im Geld zu schwimmen. Mit immer neuen Ausreden hält er die Investoren hin, die auf die Auszahlung ihrer Gelder warten. Einige von ihnen werden dabei ruiniert ...
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Kritik

Die Figuren in der seichten Gesellschaftssatire "Gier" von Dieter Wedel sind eher Knallchargen als Charaktere, und die lang ausgewalzte Handlung ist ebenso abstrus wie einfallslos.
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Dieter Glanz (Ulrich Tukur) kommt aus einfachen Verhältnissen und wurde in der Schule gehänselt, weil seine Eltern sich keine Markenklamotten für ihn leisten konnten. Als er Gloria (Jeanette Hain) kennenlernte, gab er sich als Vermögensberater aus, obwohl er nur Gerichtsvollziehergehilfe war. Glorias Eltern vertrauten ihrem zukünftigen Schwiegersohn deshalb Geld an. Dieter Glanz genoss die auf dem falschen Schein basierende Anerkennung und wurde endgültig zum Hochstapler.

Um mit seiner Ehefrau Gloria ein Luxusleben führen zu können, verspricht Dieter Glanz Hamburger Millionären fantastische Renditen, und mit seinem Charisma gelingt es ihm, die Gier der reichen Leute auszunutzen. Bald scheint er im Geld zu schwimmen. Zu seinen Kunden gehören die lebenslustige Unternehmerin Eva Wendler (Sabine Orléans) mit ihrem sehr viel jüngeren Begleiter Tommy, der einfältige Juwelier Alfi Baumer (Kai Wiesinger) und dessen Ehefrau Uschi (Regina Fritsch), der alkoholkranke Millionenerbe Hajo Novak (Harald Krassnitzer) und seine Frau Isa (Isa Haller), der krebskranke General a. D. Klaus Habenicht (Dieter Laser), der Spekulant Heiner Kuntze (Gerd Wameling) und der prollig-kriminelle Firmenbesitzer Leon Grünlich (Uwe Ochsenknecht) mit seiner Frau Vera (Marion Mitterhammer). Sie alle investieren Millionensummen und erwarten innerhalb weniger Monate das Drei- oder gar Fünffache zurück. Wird einer der Anleger nervös, zahlt Glanz ihm seinen Einsatz zurück, ohne mit der Wimper zu zucken und untermauert damit seine Glaubwürdigkeit. Dass der angebliche Vermögensverwalter sich erst von anderen Spekulanten neues Geld beschaffen muss, bevor er etwas auszahlen kann, ahnt niemand. Alle fallen auf das Schneeballsystem herein.

Auch Andy Schroth (Devid Striesow), ein angestellter Immobilienmakler, wird auf das vermeintliche Finanzgenie aufmerksam. Mit kleinen Summen gebe er sich nicht ab, erklärt Dieter Glanz. Aber wenn Andy mit mindestens eineinhalb Millionen bei ihm einsteige, könne man darüber reden. Also beleiht Andy nicht nur sein eigenes Haus, sondern überredet auch Kollegen, seinen Zahnarzt, seinen Friseur und seinen Vater (Heinz Hoenig), einen kleinen Winzer, mit möglichst viel Geld mitzumachen. Dieter behandelt ihn wie einen Freund, und Andy gehört nun auch zum engsten Kreis der Spekulanten, mit denen der Hochstapler ein rauschendes Fest nach dem anderen feiert. Dabei kommt er Nadja Hartmann (Sibel Kekilli) näher, einer der von Dieter für seine Gäste engagierten Animierdamen.

Andys Ehefrau Sabine (Katharina Wackernagel) ist das alles nicht geheuer, aber in seiner Gier hört ihr Mann nicht auf sie.

Mit der Rückzahlung der investierten Beträge vertröstet Dieter seine „Freunde“ mit immer neuen Ausreden und Bluffs von einem Termin zum anderen. Andy muss seine Eltern aufnehmen, als ihr Haus zwangsversteigert wird. Sabine verlässt ihn und zieht mit der kleinen Tochter zu ihrem Chef, Dr. Reiner. Als schließlich auch Andys Haus unter den Hammer kommt, bringt Dr. Reiner die Schwiegereltern seiner neuen Lebensgefährtin behelfsmäßig in der Gartenlaube unter. Und weil Andy völlig überfordert ist und kaum noch Immobiliengeschäfte abschließt, kündigt ihm seine Chefin.

Um die in Panik geratenen Spekulanten zu beruhigen, gaukelt der Finanzjongleur ihnen ein riesiges Vermögen vor. Zu diesem Zweck zeigt er sich beim Finanzamt selbst an und sorgt dafür, dass es sich herumspricht. Von einer Steuernachforderung in Höhe von 290 Millionen Euro ist die Rede. Vor diesem Hintergrund zeigen die Investoren Verständnis dafür, dass er sich mit Gloria nach Südafrika absetzt.

In Kapstadt treffen sie sich alle wieder. Aber nun tun sich angeblich neue bürokratische Hürden für die Auszahlung der versprochenen Gelder auf. Trotzdem wird gefeiert. Nicht einmal die Reise des Oberstaatsanwalt Dr. Sasse (Gerald Alexander Held) nach Südafrika kann Dieter die Laune verderben, denn er hat sich inzwischen durch Schmiergelder die Protektion südafrikanischer Politiker verschafft.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Leon Grünlich versucht es schließlich mit Gewalt: Er heuert ein paar Kriminelle an, lockt Dieter in einen Hinterhalt und setzt ihn unter Druck, indem er ihm mehrmals ein Messer in den rechten Arm rammt.

Als Dieter daraufhin die vorhandenen Banknotenbündel aus dem Safe holt und im Garten vergräbt, um sie vor Leon in Sicherheit zu bringen, wird er von Nadja dabei beobachtet.

Andy bricht bei Dieter ein, um in den Unterlagen nach Hinweisen auf dessen finanzielle Lage zu suchen, wird dabei jedoch vom Hausherrn ertappt. Daraufhin bereitet Andy zusammen mit Alfi Baumer und Hajo Novak eine Entführung vor: In einen schalldichten Keller wollen sie Dieter sperren, bis er ihnen ihr Geld zurückgibt. Bevor Andy jedoch Dieter wie geplant im Auto von hinten einen Sack über den Kopf stülpen kann, verliert Alfi die Kontrolle über den Wagen, und sie schleudern in die Leitplanke.

Als Dieter seinen von Einbrechern erschossenen Schäferhund begräbt, versucht Andy mit vorgehaltener Pistole von ihm Zusicherungen zu bekommen. Mühelos beschwatzt Dieter ihn, doch da taucht unerwartet die von ihm ebenfalls betrogene Barsängerin Barbara Ewert (Anouschka Renzi) auf und schießt auf ihn. Ein Geschoss streift seinen Arm.

Nachdem Dieter medizinisch versorgt wurde, nimmt die südafrikanische Polizei ihn fest und liefert ihn nach Deutschland aus. In der Gerichtsverhandlung geriert Dieter sich so, als habe er keine kleinen Leute, sondern nur gierige Millionäre betrogen und stellt sich als Opfer ihres blinden Vertrauens dar.

Nach drei Jahren und zwei Monaten wird er vorzeitig aus der Haft entlassen.

Andy bekommt von Nadja das Geld, das Dieter im Garten vergraben hatte.

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Der Fernsehfilm „Gier“ von Dieter Wedel besteht aus zwei Teilen: „Gier. Mit Glanz und Gloria“ und „Gier. Das Duell“. Es handelt sich um eine Gesellschaftssatire ohne Tiefgang. Wie jemand zum Hochstapler wird, erklärt Dieter Wedel mit ein paar Klischees, und er versäumt es, der Frage nachzugehen, wie es dazu kommt, dass Geld in unserer Gesellschaft die Rolle einer Ersatzreligion spielt. Das Tiefschürfendste an dem Film ist die Erkenntnis, dass Gier die Menschen verrückt macht und (Börsen-)Spekulationen unabhängig von der Realwirtschaft stattfinden.

Zur Vorbereitung auf das Drehbuch ließ Dieter Wedel sich von Jürgen Harksen erzählen, wie dieser um 1990 herum dreihundert Anleger mit fantastischen Renditeversprechen (1300 Prozent) dazu brachte, ihm ca. 50 Millionen Euro anzuvertrauen, ohne zu durchschauen, dass es sich um ein Schneeballsystem handelte. Jürgen Harksen wurde 2003 zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Im Februar 2008 kam er wieder frei.

Trotz dieser Recherchen ist „Gier“ alles andere als realistisch. Die Figuren sind eher Knallchargen als Charaktere, und die Handlung ist ebenso abstrus wie einfallslos. Die Männer sind bis auf den Betrüger Dieter Glanz alles Trottel, und bei den Frauen handelt es sich fast ausnahmslos um luxussüchtige Schlampen. Nicht einmal hervorragende Schauspieler wie Ulrich Tukor finden in „Gier“ Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Im Grunde wiederholt sich nur das Spiel, dass die Spekulanten in Panik geraten und der Hochstapler durch sein psychologisches Gespür und seine Eloquenz neue Hoffnungen bei ihnen weckt, sodass sie den Tanz ums goldene Kalb bis zu den nächsten Zweifeln fortsetzen.

Der Humor kommt in dieser Satire auch zu kurz. Es gehört schon zu den Highlights, wenn Andy Schroth sich über die Breite eines Pferderückens wundert – „ich kriege meine Beine gar nicht so weit auseinander“ –, und Nadja Hartmann darauf meint: „Frauen sind da geübter.“

„Gier“ ist entschieden zu lang. Vor allem im zweiten Teil – „Gier. Das Duell“ – zieht sich der Film bloß noch hin.

Dieter Wedel ist in einem Cameo-Auftritt als betrogener Spekulant bei einer Investoren-Versammlung in Hamburg zu sehen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010

Jürgen Harksen (Kurzbiografie)

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In drei polyphonen "Real-Fiktionen" prangert Ben Roeg in­humane Auswirkungen von Ideo­lo­gien, Gesetzen und Institu­tio­nen an. Die Texte bewegen sich zwischen Sachbuch und Belle­tristik, denn fiktive Figuren konkretisieren historische Fakten.
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