Die blaue Blume der Romantik


Ein Gemälde seines Freundes Friedrich Schwedenstein (1770 – 1799) inspirierte den Dichter Novalis (Friedrich von Hardenberg) zu einem Roman, der damit beginnt, dass der zwanzigjährige Heinrich von Ofterdingen, der gerade einen Reisenden über eine blaue Blume reden hörte, davon träumt, in der Johannisnacht die blaue Blume zu sehen, die sich in das Gesicht eines Mädchens verwandelt.

Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt […] Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes denken und dichten. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorher geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen gekümmert,

und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.

Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die […] ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.

Novalis‘ Roman blieb unvollendet und erschien erst nach seinem Tod unter dem Titel „Heinrich von Ofterdingen“ als Fragment (1802).
Die blaue Blume wurde jedoch zum zentralen Symbol der Romantik, der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.

Die blaue Blume ist […] das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe. (Ricarda Huch)

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857) dichtete über „Die blaue Blume“, und Heinrich Zschokke (1771 – 1848) verwendete sie in seiner Novelle „Der Freihof von Aarau“ als Symbol der Liebe und Sehnsucht. Auch später wurde das Bild immer wieder aufgegriffen, so zum Beispiel von Werner Helwig in „Die blaue Blume des Wandervogels“ (1960) und von den Achtundsechzigern in dem Slogan „Schlagt die Germanistik tot; färbt die blaue Blume rot!“

© Dieter Wunderlich 2008

Romantik
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Penelope Fitzgerald: Die blaue Blume

Bruno Ernst - Der Zauberspiegel des M. C. Escher
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Der Zauberspiegel des M. C. Escher

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