Penelope Fitzgerald : Die blaue Blume

Die blaue Blume
Originalausgabe: The Blue Flower Flamingo/Harper Collins, London 1995 Die blaue Blume Übersetzung: Christa Krüger Insel Verlag, Frankfurt/M und Leipzig 1999 ISBN 3458169407, 238 Seiten Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 95, München 2008, 191 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1794 verliebt sich der 22-jährige Friedrich von Hardenberg in ein zehn Jahre jüngeres Mädchen namens Sophie von Kühn. Zur Verlobungsfeier zwei Jahre später erscheint Sophie mit einer weißen Haube, denn aufgrund eines Tumors ist sie kahl. Friedrichs Bruder Erasmus ist entsetzt, nicht nur über die Krankheit, sondern vor allem, weil Sophie dumm und ungebildet ist. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, sich ebenfalls in sie zu verlieben ...
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Kritik

Obwohl es sich bei "Die blaue Blume" nicht um eine Biografie, sondern um einen Roman handelt, bleibt Penelope Fitzgerald sachlich und distanziert.
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1790 schreibt sich Friedrich („Fritz“) von Hardenberg an der juristischen Fakultät der Universität Jena ein, studiert aber Geschichte und Philosophie, unter anderem bei Friedrich Schiller.

Während des Studiums in Jena wird Hardenberg einmal nach einem nächtlichen Gelage im Morgengrauen von einem Medizinstudenten namens Jakob Dietmahler aus dem Bett geholt: Er soll als Unparteiischer einem Duell beiwohnen. Als Dietmahler und Hardenberg hinkommen, duellieren sich die beiden Kontrahenten bereits. Nachdem einer der beiden jungen Männer dem anderen zwei Finger mit dem Säbel abgetrennt hat, rennt er davon.

Im Herbst 1794 wird Hardenberg von seinem Vater zu Coelestin Just nach Tennstedt geschickt, damit er bei dem Kreisamtsmann Erfahrungen sammelt. Hardenberg wohnt in dieser Zeit auch bei Coelestin Just, einem Witwer, der mit sechsundvierzig noch einmal heiratete, und zwar Rahel, die Witwe des verstorbenen Medizinprofessors Christian Nürnberger. Um den Haushalt kümmert sich auch Justs Cousine Karoline, die Hardenberg zu seiner Vertrauten macht und „Justen“ nennt.

Wirklich anstößig fand Just das Benehmen der Frauen in Jena. Friedrich Schlegel, einer der ersten Freunde Hardenbergs, war ein großer Bewunderer von Caroline, der Frau seines Bruders August. Von ebendieser Frau ging das Gerücht, sie sei die Geliebte des berühmten Bibliothekars Georg Forster gewesen. Forsters Frau Therese habe ihn wegen eines Journalisten verlassen und sich darüber beklagt, dass Forster, statt sie zu trösten, als ihr Baby an Pocken gestorben war, nur lästige Anstrengungen unternommen habe, schnell Ersatz zu schaffen. Und Friedrich Schlegel wiederum lebte mit einer Frau, die zehn Jahre älter war als er: Dorothea, eine Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn, offenbar eine gütige, mütterliche Frau, aber sie hatte schon einen Ehemann, einen Bankier, dessen Namen Just vergessen hatte. (Seite 54)

Eines Tages nimmt Just seinen Aktuarius (Schriftführer) mit auf das Schloss Grüningen zu dem vierzigjährigen früheren Hauptmann Johann Rudolf von Rockenthien. Dort begegnet Hardenberg der zwölfjährigen Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn – und verliebt sich auf den ersten Blick in sie. Deren Vater, Wilhelm von Kühn, hatte sich nach dem Tod von Sophies Mutter mit einer Frau namens Wilhelmine Schaller vermählt, die, nachdem sie Witwe geworden war, 1787 Johann Rudolf von Rockenthien geheiratet hatte. Hardenberg stellt fest, dass das Leben in Grüningen viel lockerer, lustiger und freudvoller ist als das der pietistischen Familie Hardenberg in Weißenfels an der Saale.

Zwei Tage vor Sophies 13. Geburtstag am 17. März 1795 verloben sie und Hardenberg sich. Seinen Ring kann sie allerdings nur an einem Band um den Hals statt am Finger tragen, weil es sich um eine inoffizielle Verlobung handelt, von der Hardenbergs Eltern nichts ahnen.

Der Kölner Künstler Joseph Hoffmann soll für Hardenberg ein Bildnis Sophies anfertigen, aber dem erfahrenen Maler gelingt es nicht, sie zu porträtieren, denn er findet nicht heraus, was das Besondere an ihr ist.

Erst im Juni 1796 unterrichtet Friedrich von Hardenberg seinen Vater in einem Brief von seiner Absicht, Sophie von Kühn zu heiraten. Nachdem sich Heinrich Ulrich Erasmus Freiherr von Hardenberg über die Familie der Braut und ihren Stiefvater Johann Rudolf von Rockenthien erkundigt hat, stimmt er der Verbindung zu, und am 13. Juli 1796 findet die offizielle Verlobung statt. Zu der Feier auf dem Anwesen der Hardenbergs in Weißenfels erscheint Sophie mit einer weißen Haube, denn aufgrund der Behandlungen einer Tumorerkrankung ist sie seit zwei Monaten kahl.

Friedrich von Hardenbergs jüngerer Bruder Erasmus ist entsetzt, als er Sophie von Kühn kennen lernt und nicht übersehen kann, dass sie dumm, ungebildet und nicht einmal besonders hübsch ist. Nachdem Johann Wolfgang von Goethe Sophie von Kühn und deren ältere Schwester Friederike, die Ehefrau des Leutnants Wilhelm Mandelsloh, besucht hat, passt ihn Erasmus von Hardenberg auf der Straße ab und begleitet ihn ein Stück. Goethe sagt:

„Ich glaube, ich weiß, was Sie mich fragen wollen. Sie wissen nicht, ob Fräulein von Kühn, wenn sie wieder genesen ist, Ihrem Bruder ein wirklicher Quell des Glücks sein wird. Wahrscheinlich haben sie das Gefühl, zwischen den beiden herrsche keine Gleichheit des Verstandes. Aber seien Sie ganz beruhigt, es ist nicht der Verstand, den wir an jungen Mädchen lieben. wir lieben ihre Schönheit, ihre Unschuld, ihr Vertrauen in uns, ihre Heiterkeit und Anmut, ihr Gott-weiß-was – aber wir lieben sie nicht ihres Verstandes wegen –, auch Hardenberg nicht, dessen bin ich mir sicher.“ (Seite 160)

Erasmus‘ Sorge gilt jedoch nicht seinem Bruder, sondern Sophie von Kühn, in die er sich verliebt hat.

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Die blaue Blume ist das von Novalis in dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ eingeführte Symbol der Romantik. In dem Roman „Die blaue Blume“ schildert Penelope Fitzgerald die Zeit, in der Novalis in Sophie von Kühn verliebt war, die am 19. März 1797, zwei Tage nach ihrem 15. Geburtstag, starb. Obwohl es sich bei „Die blaue Blume“ nicht um eine wissenschaftliche Biografie, sondern um einen Roman handelt, bleibt Penelope Fitzgerald sachlich und distanziert. Sie vermeidet jede sentimentale Verklärung der Romantik und beleuchtet stattdessen auch die damaligen Zustände in der Gesellschaft (Hierarchie in der Familie, Stellung der Frauen, Aristokratie und Wirtschaft), erwähnt die Französische Revolution, schildert ein Duell, erwähnt typische Krankheiten und kommt auf die Möglichkeiten der Medizin am Ende des 18. Jahrhunderts zu sprechen. Die Fakten scheinen gut recherchiert zu sein, aber Penelope Fitzgerald vertieft die Themen nicht.

Im März 1998 wurde die englische Schriftstellerin Penelope Fitzgerald für „Die blaue Blume“ in den USA mit dem „National Book Critics‘ Circle Fiction Prize“ ausgezeichnet.

Penelope Fitzgerald wurde am 17. Dezember 1916 in Lincoln als Tochter des späteren „Punch“-Herausgebers Edward Knox geboren. Nach dem Studium am Somerville College in Oxford arbeitete sie im Zweiten Weltkrieg für die BBC. 1941 heiratete sie den irischen Soldaten Desmond Fitzgerald. In den Sechzigerjahren unterrichtete Penelope Fitzgerald an der Schauspielschule Italia Conti Academy. Erst im Alter von 58 Jahren begann sie mit einer Karriere als Schriftstellerin. Penelope Fitzgerald starb am 3. Mai 2000 in London.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Insel Verlag

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