Der "Wilde von Aveyron"

Der „Wilde von Aveyron“ wurde erstmals im Frühjahr 1797 in einem Wald bei Saint-Sernin-sur-Rance im Département Aveyron entdeckt und aufgegriffen. Zwei Mal floh er, bis er nach Rodez gebracht wurde, wo ihn der Naturforscher Abbé Pierre Joseph Bonnaterre (1752 – 1804) beobachtete. 1799 überführte man den „Wilden“, dessen Alter auf elf oder zwölf Jahre geschätzt wurde, nach Paris, ins Taubstummeninstitut. Dort hielten ihn die Ärzte mit Ausnahme Dr. Jean Itards für hoffnungslos schwachsinnig.

Jean Itard (1774 – 1838) war nach dem Medizinstudium 1800 ans Taubstummeninstitut in Paris gekommen. Gleich im ersten Jahr beschäftigte er sich dort mit dem „Wilden von Aveyron“. Um dem Jungen eine Einweisung in eine Irrenanstalt zu ersparen, nahm er ihn mit nach Hause. Dort wurde er vor allem von der Haushälterin Madame Guérin betreut, deren Ehemann anfangs noch lebte und mit im Haus des unverheirateten Arztes wohnte.

In einem Gutachten für die Académie de Médicine (1801) und einem Bericht ans französische Innenministerium (1806) rechtfertigte Dr. Itard seine Bemühungen, dem wilden Kind, das nicht sprechen konnte, wenigstens ein paar Fertigkeiten beizubringen.

Er gilt deshalb als Wegbereiter der Pädaogogik Gehörloser und geistig Behinderter. 1821, in dem Jahr, in dem er in die Académie de Médicine in Paris aufgenommen wurde, veröffentlichte Jean Itard eine Abhandlung über „maladies de l’oreille et de l’audition“. Sein Schüler Edouard Séguin (1812 – 1880) baute die Ansätze zu einer wissenschaftlich-systematischen Erziehungslehre aus, die dann auch von Maria Montessori (1870 – 1952) aufgegriffen wurde.

Der Junge aus Aveyron, dem Dr. Itard und Madame Guérin den Namen „Victor“ gaben, lebte etwa von seinem 18. Lebensjahr an in einem zum Taubstummeninstitut in Paris gehörenden Gebäude, ohne bis zu seinem Tod im Jahr 1828 noch irgendwelche Lernfortschritte zu machen.

 

Literatur über den „Wilden von Aveyron“:

  • Friedrich Koch: Das Wilde Kind. Die Geschichte einer gescheiterten Dressur (1997)
  • Harlan Lane: Das wilde Kind von Aveyron. Der Fall des Wolfsjungen (1976; Übersetzung: Bernd Samland)
  • Lucien Malson (Hg.): Die wilden Kinder (1964; Übersetzung: Eva Moldenhauer)
  • Birgitt Werner: Die Erziehung des Wilden von Aveyron. Ein Experiment auf der Schwelle zur Moderne (2004)

François Truffaut drehte über den „Wilden von Aveyron“ den Kinofilm „Der Wolfsjunge“ / „Das wilde Kind“. Und T. Coraghessan Boyle schrieb den Roman „Das wilde Kind“ (2010; Übersetzung: Dirk van Gunsteren).

© Dieter Wunderlich 2015

T. C. Boyle: Das wilde Kind
François Truffaut: Der Wolfsjunge / Das wilde Kind
Peter Sehr: Kaspar Hauser

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In ihrem Roman "Quasikristalle" beleuchtet Eva Menasse den Charakter und das Leben der Protagonistin in 13 Geschichten, in denen diese meistens nur als Nebenfigur vorkommt.
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